
Es sind nicht die Nachrichten, die drängen, sondern wir, die sie zulassen. Nicht Ereignisse durchbrechen den Strom der Zeit, sondern unsere Bereitschaft, ihnen Gehör zu schenken. Aufmerksamkeit ist kein Automatismus, sie ist ein Akt – und in diesem Akt liegt der Ursprung dessen, was wir Gegenwart nennen.
Dirk von Gehlens Vortrag auf der re:publica 2025 war kein Appell im schrillen Ton, sondern eine still insistierende Rekonstruktion eines Begriffs, den wir allzu oft moralisch aufladen, psychologisch verengen oder ökonomisch missverstehen: Aufmerksamkeit. Nicht als Rohstoff, nicht als Währung, sondern als Praxis. Als frei wählbare Zuwendung – mit Folgen für Politik, Öffentlichkeit und Erkenntnis.
Der Verzicht auf Alarmismus macht seinen Vortrag so wirksam. Von Gehlen erinnert an jenen 18. April 1930, als die BBC erklärte: Heute gibt es keine Nachrichten. Stattdessen: Musik. Ein symbolischer Moment, der anzeigt, was journalistisches Urteilen bedeutet – die Macht, Bedeutung zu verleihen oder zu entziehen. Was damals als kuriose Randnotiz erschien, wird heute zur Leerstelle im digitalen Überfluss: die bewusste Entscheidung für Stille. Für Relevanz. Für das Weglassen.
Und genau hier liegt der Schlüssel: Der digitale Raum, so von Gehlens These, ist kein Ort der Fülle, sondern der Diffusion. Was fehlt, ist nicht mehr Information, sondern gerichtete Aufmerksamkeit. Der Satz des Nobelpreisträgers Herbert Simon – „Ein Reichtum an Informationen erzeugt eine Armut an Aufmerksamkeit“ – wird bei von Gehlen zur ersten Diagnose. Die zweite folgt unmittelbar: Verknappung schafft Wert. Live-Momente, Stories, begrenzte Sichtbarkeit – nicht weil sie technisch notwendig wären, sondern weil sie Aufmerksamkeit kondensieren. Der Rahmen erzeugt Bedeutung.
Die dritte, wohl radikalste These betrifft das Verhältnis von Mensch und Maschine: Künstliche Intelligenz kann simulieren, imitieren, vorhersagen – aber nicht zuhören. Denn Zuhören ist kein Informationsaustausch. Es ist Beziehung, Bereitschaft, Präsenz. Maschinen verarbeiten Eingaben, aber sie kennen keine Intentionalität. Keine Sorge. Kein Interesse. Kein Schweigen.
Darin liegt der ethische Kern der Argumentation: Aufmerksamkeit ist nicht neutral. Sie stiftet Bedeutung – und damit Macht. Was wir sehen, schreiben, teilen, erzeugt Wirkung. Wer das nicht versteht, wird zum Werkzeug fremder Systeme. Oder wie Franziska Bluhm es kommentierte: „Aufmerksamkeit schlägt Inhalt.“
Von Gehlen macht daraus eine Politik der Aufmerksamkeit. Was wir wahrnehmen, prägt unsere Identität. Unsere Medienmenüs sind die neuen Stammtische. Die Glut-Theorie, die er im dritten Teil entfaltet, beschreibt die gegenwärtige Umcodierung von Meinung in Meme: Zustimmung wird zum Ingroup-Signal, Widerspruch zum Treibstoff der Polarisierung. Meinung wird zur Pose, zum Screenshot, zum Reiz. Die Öffentlichkeit zersplittert – und wer widerspricht, spielt bereits mit.
Hier schlägt der Essay in die politische Philosophie um. In einer freiheitlichen Ordnung, so der zentrale Satz, ist nicht die Äußerung von Meinung definitorisch – sondern die Möglichkeit, sie zu ändern. Wandel beginnt nicht mit Gewissheiten, sondern mit Zweifeln.
An dieser Stelle lohnt ein Rückgriff auf Hans Albert, den systematischen Zweifler unter den Wissenschaftstheoretikern. In der Festschrift zu seinem 100. Geburtstag heißt es: „Nichts ist unbezweifelbar. Nichts gilt als sakrosankt. Alles ist prinzipiell kritisierbar.“ Diese Haltung, nicht als Skepsis im Zynismus, sondern als Grundlage für Lernprozesse verstanden, verbindet sich unmittelbar mit dem von Gehlens Plädoyer: Aufmerksamkeit als Mittel der Selbstvergewisserung. Kritik nicht als Geste, sondern als Form. Bloggen – als öffentliches Denken – wird so zur Schulung dieser Haltung: Versuch, Irrtum, Revision.
Von Gehlen spricht diese Begriffe nicht aus. Und doch sind sie in seinem Vortrag präsent. In der insistierenden Ruhe, mit der er seine Gedanken entfaltet. In der Entscheidung, keine Dramaturgie der Empörung zu bedienen. Und im Glauben daran, dass Aufmerksamkeit kein passives Geraffel ist, sondern eine Form von Handeln – und, wenn man es richtig versteht, von Hoffnung.