
In Paris kaufte ich ein Buch, weil es regnete.
Das klingt nach Zufall. Doch ein Leben, das sich später als Erzählung ausgibt, besteht aus solchen falschen Zufällen. Man geht eine Straße entlang, hat nasse Schuhe, sucht ein Café, sieht im Schaufenster einen Namen und tritt ein. Roland Barthes lag dort wie ein Fundstück, das auf seine Entdeckung verzichtet hatte. „Fragmente“. „Mythen des Alltags“. „Die helle Kammer“. Titel, die mir vorkamen wie kleine Vorrichtungen zur Erzeugung von Unruhe.
Ich nahm das Buch aus dem Regal. Draußen spiegelte sich der Regen auf den Scheiben. Drinnen roch es nach Papier, Mantelstoff und jenem Staub, den Buchhandlungen nicht loswerden dürfen, weil er zu ihrer Würde gehört. Ich bezahlte, ging in ein Café und schlug Barthes auf. Am Nebentisch stritten zwei Studenten über Derrida. Eine Frau rauchte und las „Le Monde“. Der Kellner stellte den Kaffee ab, als habe er ihn schon vor meiner Geburt gebracht.
Barthes schrieb vom Fragment. Von einer Form, die sich dem falschen Ganzen entzieht. Ich verstand den Satz sofort. Später begriff ich, dass ich ihn noch gar nicht verstanden hatte.
Ein Leben zerfällt nicht. Es sammelt sich in Splittern.
Paris war damals eine Stadt aus Zeichen. Straßenschilder, Buchrücken, Metropläne, Plakate, Fassaden, Stimmen. Alles wollte gelesen werden, und alles entzog sich, sobald man glaubte, es entziffert zu haben. Ich ging durch die Quartiere wie durch Fußnoten zu Büchern, die ich noch nicht kannte. In Saint-Germain saßen die Gespenster nicht an Tischen. Sie hatten längst gelernt, in Sätzen zu wohnen.
Rom kam später. Oder früher. Die Erinnerung führt kein ordentliches Archiv. Rom war Licht auf Stein, Hitze in Mauern, ein Zimmer, das mehr von Schweigen wusste als seine Bewohner. In Rom begriff ich, dass manche Städte keinen Hintergrund abgeben. Sie prüfen, was einer mitbringt. Paris fragte nach Begriffen. Rom fragte nach Wunden. Oxford fragte nach Stimmen.
Oxford erreichte ich im Sommer 2022, drei Jahre nach Milianas Tod. Die Stadt lag vor mir wie eine Partitur, deren Noten zu alt waren, um sich noch vor der Zeit zu fürchten. Colleges, Höfe, Mauern, Türen, Bibliotheken. Alles trug die Gelassenheit von Dingen, die viele Sterbliche kommen und gehen sahen. Ich bewegte mich vorsichtig durch diese Ordnung, als könnte ein falscher Schritt ein Echo beschädigen.
Im Botanischen Garten blieb ich länger, als ich geplant hatte. Pflanzen trösten ohne Absicht. Sie erklären nichts. Sie wachsen, welken, treiben aus, nehmen Licht, geben Schatten. Ihre Gegenwart verletzt nicht durch Mitleid. Dort, zwischen Blättern, Wegen, Gewächshäusern, kam die Trauer nicht als Gedanke. Sie kam als Luftveränderung. Miliana war nicht dort. Gerade darum war sie dort.
Am Abend sang Tenebrae. Die Stimmen stiegen auf, trafen die Gewölbe, kehrten verwandelt zurück. Solche Musik zeigt, dass Abwesenheit eine Gestalt haben kann. Kein Körper, keine Antwort, kein Gespräch. Nur Klang, der hochgeht und anders wiederkommt. Ich hörte zu und dachte nicht an Trost. Trost wäre zu klein gewesen. Ich dachte an eine Verbindung, die der Tod nicht erklären kann.
Dann trat Boris Johnson zurück. Die Nachricht lief durch Oxford wie ein Windstoß durch alte Gassen. In einem Pub standen Männer vor Bildschirmen, mit Gläsern in der Hand, als sähen sie ein Spiel, dessen Regeln ihnen peinlich geworden waren. Einer sagte etwas über Eton. Einer lachte zu laut. Ich trank Ale und dachte an die Komik der Macht. Menschen tragen Titel, Posen, Frisuren, Mandate. Dann hebt sich der Vorhang, und plötzlich sieht man, wie provisorisch alles war.
Am nächsten Tag folgte ich den Spuren von Inspector Morse. Die Stadt wechselte die Haut. Aus Bildung wurde Kriminalfall, aus Höfen wurden Tatorte, aus Pubs Beichtstühle. Morse hatte immer etwas von einem Mann, der ahnt, dass Bildung gegen Einsamkeit wenig ausrichtet. Vielleicht mochte ich ihn deshalb. Er hörte Musik, trank zu viel, liebte die falschen Frauen, fragte weiter. Oxford wirkte durch ihn weniger erhaben. Menschlicher. Gefährdeter. Eine Stadt aus Latein, Bier, Schuld und Regen.
Bonn war anders.
Bonn war Arbeit, Rückkehr, Mikrofon, Redaktion, Rheinluft, kommunale Absurdität, politische Restwärme. Bonn hatte das GUM. Ein sowjetisches Lokal, in dem nach Kolloquien jene Gespräche begannen, die in keinem Protokoll stehen und deshalb bleiben. Harald Korten war dabei. Hans Michael Baumgartner. Philosophie nach Dienstschluss. Schelling, Russland, Weltgeist, Wodka, Rotwein, Nacht.
Mit Harald konnte ein Abend von der Systemphilosophie zur Kneipenrechnung treiben, von einer Anekdote zur Ontologie, von Bonn nach Moskau, von der Universität zu jenem Punkt, an dem Denken seine Jacke auszieht. Manche Menschen fehlen als Stimme. Andere fehlen als Art, einen Raum zu öffnen. Harald fehlt mir in beiden Formen.
Das GUM war dafür der richtige Ort. Kein deutscher Bildungsaltar. Keine sterile Fakultätsluft. Dort bekamen Begriffe Flecken. Dort verloren Sätze ihre Krawatte. Dort zeigte sich, dass Philosophie kein Gebäude braucht, falls ein Tisch, ein Glas und ein Gegenüber vorhanden sind.
Später wurden aus solchen Abenden Texte. Oder Splitter. Oder nur Töne im Gedächtnis. Der Blog nahm sie auf. Ichsagmal. Schon der Name weigert sich, ein Denkmal zu sein. Er beginnt mitten im Sprechen. Kein Tribunal. Kein Lehrstuhl. Ein Einsatz, ein Versuch, eine Bewegung. Ich sag mal: Das ist eine Formel gegen das Verstummen und gegen die Selbstversteinerung. Sie erlaubt Irrtum. Sie erlaubt Widerspruch. Sie erlaubt die Passage vom Fundstück zum Essay, vom Ärger zur Glosse, vom Interview zur Erinnerung.
Herbert W. Franke trat in diesen Vorrat aus Stimmen ein wie jemand, der die Zukunft nicht als Reklamefläche kannte. Physiker, Höhlenforscher, Science-Fiction-Autor, Computerkünstler, Sammler von Kaleidoskopen. Ein Mann, der die Zukunft ernst nahm, weil er ihr nicht traute. Bei Franke gab es keine billige Euphorie. Seine Zukunft hatte Systeme, Licht, Labore, Schatten, Rechenfehler, Apparate. Seine Science Fiction fragte, was aus Freiheit wird, sobald Ordnung zu gut funktioniert.
Ich mochte an ihm den Blick aus der Höhle in den Kosmos. Unten Stein, oben Stern, dazwischen der Mensch mit seinen Geräten. Franke schrieb aus künftigen Räumen zurück, ohne den Ton eines Propheten. Er wirkte eher wie ein Kundschafter. Einer, der meldet: Dort vorn wird es hell. Gerade deshalb müssen wir vorsichtig sein.
Umberto Eco kam durch Labyrinthe. Durch Bibliotheken, Zeichen, Fälschungen, Mönche, Feuer, Lachen. Eco zeigte, dass Bücherregale keine Ruhestätten des Wissens sind. Sie sind Apparate zur Erzeugung neuer Irrtümer. Jede Ordnung enthält Spiel. Jede Bibliothek einen Abgrund. Jeder gelehrte Satz ein heimliches Gelächter. Eco bewahrte mich vor jener deutschen Krankheit, bei der Ernst mit Schwere verwechselt wird.
Vielleicht habe ich immer solche Apparate gesucht. Paris, Rom, Oxford, Bonn. Barthes, Bachmann, Franke, Eco. Pubs, Kinos, Kirchen, Buchhandlungen, sowjetische Lokale, Universitätsgärten. Orte, an denen Erfahrung in Zeichen gerät und Zeichen wieder Erfahrung werden.
Ingeborg Bachmann gehört in diese innere Geografie. Nicht als Statue. Nicht als Pflichtlektüre. Eher als Stimme aus einem Zimmer, in dem die Wand einen Sprung hat. Sie kommt aus Klagenfurt, Wien, Rom, aus Briefen, Schmerzen, Liebesverheerungen, Ruhm, Männerurteilen, aus einer Sprache, die sich nicht zur Dekoration machen lässt. Im Dokumentarfilm über sie sieht man die alten Rituale des Literaturbetriebs. Männer sitzen, urteilen, erklären, prüfen. Eine Frau soll sprechen und zugleich beweisen, dass ihr Sprechen erlaubt ist.
Das kennt die Literaturgeschichte gut. Sie nennt es Kanon, Kritik, Verlag, Gruppe, Preis. Oft meint sie nur: Wer darf den Raum betreten, ohne verkleinert zu werden?
Bachmanns Satz, dass sie nur existiere, wenn sie schreibe, ist gefährlich. Er klingt wie Rettung und wie Urteil zugleich. Ich habe ihn nie als Pose gehört. Eher als Bericht aus einer Zone, in der Sprache kein Beruf mehr ist, sondern Atemersatz. Das macht ihn unerträglich schön. Und schön auf eine Weise, der man misstrauen muss.
In Oxford hörte ich „Make Believe You Love Me“. Seitdem hängt dieses Lied in mir fest. Ein Pub, Holz, Biergeruch, Stimmen, Regenjacken, Politik auf einem Bildschirm, Musik aus einer anderen Kammer des Lebens. Ich dachte an Miliana. An das, was der Tod mit der Zeit macht. An dieses harte Vorher und Nachher, das keine Grammatik heilt. Draußen liefen junge Menschen lachend vorbei. Drinnen wurde ein Premierminister kleiner. In mir wurde eine Abwesenheit größer.
Ich schrieb später darüber. Ich schreibe oft später. Die Gegenwart ist zu schnell. Sie entkommt, bevor man sie ansehen kann. Schreiben heißt hinterhergehen. Nicht, um den Augenblick einzufangen. Um zu prüfen, was er angerichtet hat.
Manchmal glaube ich, dass alle Städte zurücklesen. Paris liest die Bücher in meiner Tasche. Rom liest die Müdigkeit in meinem Gesicht. Oxford liest die Toten in meinem Schweigen. Bonn liest die Sätze, die ich jeden Tag losschicke, als könnten sie etwas festhalten, was längst unterwegs ist.
Eine kleine Szene reicht vielleicht.
Ein Mann sitzt in einem Zug zwischen Paris und Köln. Auf dem Tisch liegt Barthes. Im Rucksack steckt Eco. Auf dem Laptop wartet ein Interview mit Herbert W. Franke. Im Ohr singt Tenebrae. Im Herzen sitzt eine Frau, die nicht mehr antwortet. Durch das Fenster ziehen Landschaften, Gewerbegebiete, Bahnhöfe, Regenstreifen. Der Mann öffnet ein Dokument.
Er schreibt:
Die Zukunft beginnt in allem, was wir verloren haben und weitertragen.
Dann löscht er den Satz.
Er schreibt neu:
In Paris kaufte ich ein Buch, weil es regnete.
Das lässt er stehen.