
Im Brecht-Haus rückte Berlin-Mitte für einen Abend nach Norden. Christian Nipp eröffnete die Veranstaltung mit dem Hinweis, Arno Schmidt und Bertolt Brecht hätten wenigstens eines gemeinsam: die lange Übung des Notierens, die Hefte für Alltag, Arbeit und Werkgenese. Gleich darauf fiel jener Satz, der den Ton des Abends traf wie ein Nagel den Kopf: Die Chausseestraße entwickle sich allmählich zu einer „Bargfelder Chaussee“. Auf dem Podium saßen Susanne Fischer und Jan Philipp Reemtsma; vorgestellt wurde die Edition „Tagebücher 1957–62“, also jenes einzige erhaltene Tagesnotizbuch Arno Schmidts, das den Weg von Darmstadt nach Bargfeld, die Entstehung von „Die Gelehrtenrepublik“ und „Kaff auch Mare Crisium“, die Übersetzungen, die Rundfunkarbeiten, die Geldsorgen, die Wetterlagen und den Ehealltag in einem erstaunlich schmalen Format festhält.
Der editorische Bau dieser Ausgabe verdient Beachtung. Fischer erläuterte, der Tagebuchtext stehe auf der rechten Seite, die Erschließung gegenüber links; dazu komme auf jeder Doppelseite ein Schwarzweißbild aus dem Archiv von Arno und Alice Schmidt. Auf diese Weise wächst aus mehr als zweitausend verzeichneten Tagen ein Mosaik, das Arbeit, Lektüre, Korrespondenz, Reisen und Krisen zugleich lesbar macht. Man blickt also auf keinen fromm verglasten Nachlaßgegenstand. Man hat ein Arbeitsbuch vor sich, in dem die Literatur noch in der Schwebe hängt.
Der Mann, der seinem Tagebuch mißtraut
Von besonderem Reiz war der Auftakt der Lesung. Gelesen wurde zuerst aus Schmidts Rundfunkessay von 1964 über Autoren, die Tagebuch schreiben. Das klang wie eine kleine Strafpredigt gegen das Genre. Tagebücher erscheinen dort als Lieblingsform des Dilettanten; Historiker und Biographen, von Schmidt boshaft „Vergangenheitslüsterne“ genannt, verfolgen sie mit dem Eifer von Schatzgräbern; Ehrlichkeit wird ihnen ausdrücklich abgesprochen. „Die große Literatur ist weit weit ehrlicher denn jegliches Tagebuch“, heißt es in diesem Text. Kaum hat Schmidt die Gattung zerlegt, folgt der Haken: Er selbst führt selbstverständlich eines. Nur nach einer eigenen, fast asketischen Regel.
Diese Regel hat Witz, Strenge und einen Stich ins Groteske. Schmidt kauft, wie er sagt, alle vier bis fünf Jahre ein fertiges „Tagesnotizbuch“, Format 11 mal 30, jedem Tag seine Seite, 34 Zeilen von zehn Zentimetern Länge. Daraus folgt das Gesetz, das in Berlin mit hörbarer Freude aufgenommen wurde: „Je länger die Eintragung, desto wertloser der Tag.“ Die Formel ist Komik und Selbstdisziplin zugleich. Hinter ihr steht das Arbeitsethos eines Autors, der den Tag nicht ausgießt, sondern zusammenzieht; der ausläßt, rafft, verknappt; der im Kalender schon jene Energie des Weglassens übt, aus der seine Prosa ihre Spannung gewinnt.
Wetteramt des Geistes
Sobald Susanne Fischer aus den ersten Januarseiten von 1957 las, war der ganze Schmidt im Raum. „Erde weiß; Himmel grau. Später Aufklärung: fatales Hoch!“ Dann vier Seiten „Goethe“ geschrieben, Alice Schmidt liest „Tina“, das Feuer geht aus, Joyce wird verglichen, Kohlen werden bestellt, mit Rowohlt und der „FAZ“ wird abgerechnet, die Katze provoziert Debatten, Ullstein kündigt Geld an. Wenige Tage später folgt die Zeile „Luft wie graue Seide“; vier Wörter, und der Darmstädter Winterabend liegt da mit Kälte, Nässe und einem leisen Glanz auf dem Asphalt. Genau in solchen Formulierungen springt das spätere Werk bereits an.
Schmidt erklärt selbst, weshalb zwei volle Zeilen stets dem Wetter gehören. Er wolle Landschafter sein, sammele Beleuchtungen, beobachte Luftdruck und Temperatur; hinzu komme die Rücksicht auf die eigene Gesundheit, denn Hochdrucklagen machten ihm schwer zu schaffen. Aus dieser Verbindung von Körperkunde und Sprachlust gewinnt das Tagebuch seine eigentümliche Farbe. Das Wetter ist bei Schmidt keine Staffage. Es ist Arbeitsbedingung, Seismograph des Befindens, Vorratskammer für spätere Sätze. Daher rührt wohl die Genauigkeit, mit der sich in den Notizbüchern Regen, Tauwetter, Halbmond, Kälteeinbruch und „wundervolles Tief“ aneinanderreihen.
Kasse, Katze, Kränkung
Die Berliner Lesung zeigte zugleich, wie eng Werk und Tageslauf verzahnt sind. Fischer machte darauf aufmerksam, daß in den Notizbüchern fast alles in Abbreviaturen, Zeichen und kurzen Reizwörtern erscheint: Posteingang, Nachmittagsruhe, Liebe, Alkohol, Schlaftablette. Dazu kommt das berühmte „Gewäsch“, das in den Tagebüchern mehr als fünfzig Mal auftaucht und Besuch, Gespräch, Gesellschaftspflicht, kurz alles bezeichnet, was Schmidt Zeit kostet. Die Katze Purzel, die wiederkehrenden „Katzendebatten“, das Warten vorm Kaufhaus, die Vorleserituale von Alice Schmidt, das Ringen um Geld, Wettbewerbe, Honorar und Ruhe: all das tritt in diesen Heften mit einer Gereiztheit hervor, die komisch wirken kann, gelegentlich auch hart. Gerade darin liegt ihr Wert. Hier sitzt ein Autor, der jeden Verlust an Arbeitszeit wie einen körperlichen Angriff registriert.
Der Kommentar der Edition macht diese Kürzelwelt auf exemplarische Weise begehbar. Er erläutert, wofür Ullstein die tausend Mark zahlte, welche Texte im „Darmstädter Echo“ oder in der „FAZ“ erschienen, was die Remissen bedeuteten, welche Bücher bei Bläschke gekauft wurden, weshalb das „fatale Hoch“ medizinisch ernst zu nehmen war.
Wie „Die Gelehrtenrepublik“ anläuft
Für das Verständnis von Schmidts Werk sind die Passagen über „Die Gelehrtenrepublik“ besonders aufschlußreich. Im Januar 1957 taucht beim Rasieren die Überlegung auf, das Nachtprogramm über Klopstock so anzulegen, daß ein Beschauer in eine Gelehrtenrepublik reist. Zunächst bleibt das ein Gedanke mit Warnschild: „Gefahr des Grotesken.“ Ende März kehrt die Sache zurück, nun im Umfeld von „Texte und Zeichen“, dem „Spiegel“, von Reporterbesuchen und Revolutionslektüren. Im Juni häufen sich „Fantasien Gelehrtenrepublik“, „Gedanken zur gelehrten Republik“, „Einfälle“. Mitte Juli ist die Kartei angelegt, der französische Revolutionskalender wird abgeschrieben, und plötzlich läuft die Sache in tägliche Seitenzahlen um. Am 1. August heißt es schließlich, hundert Seiten seien um 12.53 Uhr beendet. Der Roman von 160 Druckseiten ist in elf Tagen niedergeschrieben. Der Kalender zeigt hier das Anlaufen eines Werks mit einer Präzision, wie man sie sonst nur aus Werkstattberichten der Malerei kennt.
Von besonderem Interesse war dabei ein Hinweis, der im Brecht-Haus fast nebenbei fiel und doch viel erklärt. Kurz bevor „Die Gelehrtenrepublik“ im Tagebuch wieder auftritt, erscheint der Journalist Richard Weber vom „Darmstädter Tagblatt“, schreibt ein Porträt über Schmidt, berichtet über Neuerscheinungen und Rundfunksendungen. Fischer ließ offen, wie weit sich daraus schon eine direkte Linie zur Gestalt des Berichterstatters in „Die Gelehrtenrepublik“ ziehen lasse. Ganz abwegig wirkt die Vermutung nicht. Der Journalist, der in ein künstliches Reservat reist, befragt, umworben und manipuliert wird, hat in diesem Darmstädter Alltag durchaus einen Vorboten.
Thomas Franke und die eiserne Insel
Im literarischen Gespräch in Bonn hat Thomas Franke diesen Roman aus einer ganz anderen Richtung aufgeschlossen. Für ihn ist „Die Gelehrtenrepublik“ jenes Arno-Schmidt-Buch, das den Leser rasch in seinen Bann zieht und mit verblüffender Gegenwart anspricht. Franke sprachvon seinem Projekt „Bücher aus den Städten die es nicht gibt“, einer Reihe, in der das einzelne Buch schon durch Material, Haptik und Bildsprache als Inkarnation seines Inhalts erscheinen soll. „Die Gelehrtenrepublik“ stand in seinem Plan am Anfang. Die eiserne Insel, draußen in den windarmen subtropischen Meerzonen, ist für Thomas Franke einer jener erfundenen Schauplätze, an denen Literatur Wirklichkeit dichter speichert als ganze Straßenzüge der Geschichte.

Seine Ausgabe von „Die Gelehrtenrepublik“ ist als kleine, kostbare Auflage konzipiert worden, mit eigens gewähltem Einbandmaterial, Holzstich-Collagen, Grafikdruck und jener Aufmerksamkeit für die Haptik des Buches, die Franke aus seiner ostdeutschen Buchsozialisation mitgebracht hat. In Bonn sprach er über den Hominidenstreifen, die mobile Insel, die Ost-West-Spaltung, die Wissenschaftler als Dienstleister des Militärs und über eine Expertokratie, die sich auch im einundzwanzigsten Jahrhundert wieder ziemlich leicht dingfest machen läßt. Das fügt sich erstaunlich gut in den Berliner Befund. Während Fischer im Tagebuch zeigt, wie der Roman entsteht, führt Franke vor, wie weit sein politischer und ästhetischer Schatten heute noch reicht.
Der Zettel denkt weiter
Hektor Haarkötter stellt diesen Kalenderraum in einen noch größeren Zusammenhang. In „Notizzettel“ beschreibt er Arno Schmidts Arbeitsweise als Zettelwirtschaft im eigentlichen Sinn. Für „Seelandschaft mit Pocahontas“ sind 620 kleine Zettel und 18 Fotografien der Dümmer-Reise erhalten. Schmidt klebte die Notate direkt in Typoskriptseiten, sparte sich Abschrift und Reinschrift, montierte aus Karte, Bild, Stichwort und Satzfragment seine Prosa. Später wächst dieses Verfahren ins Gewaltige: „Abend mit Goldrand“ verlangt 25.000 Zettel, „Julia“ 30.000, „Zettel’s Traum“ dehnt sich auf 1334 Typoskriptseiten in mehreren Spalten aus. Haarkötters Satz, der Zettelkasten verknüpfe die Welt der Literatur mit der Welt des Büros, gehört zu den Formulierungen, die Arno Schmidt mit einem Griff in die Tradition stellen. Plötzlich steht er in einer Reihe mit Conrad Gesner, Vincent Placcius, Johann Jacob Moser und Jean Paul, also mit jener langen europäischen Kunst des Exzerpierens, Umordnens, Wiedervorlegens, Wiederbeschreibens.
Von hier aus erscheinen die Tagesnotizbücher in neuem Licht. Sie sind die Taschenfassung dieses großen Zettelreichs. Im Kalender liegt der Rohstoff noch unter freiem Himmel: Wetter, Geld, Post, Traum, Ehekrieg, Spaziergang, Herz, Katze, Lektüre, Manuskript. Im Kasten beginnt die zweite Karriere des Materials. Dort wird geordnet, versetzt, geklebt, verdichtet, umadressiert. Wer im Brecht-Haus zuhörte und Haarkötters Seiten danebenlegt, sieht Arno Schmidt bei einer uralten europäischen Tätigkeit: beim Bau von Literatur aus Resten, Vermerken, Einfällen und winzigen Papierstücken, die sich irgendwann zu einer eigenen Welt zusammenschieben.
Der Schriftsteller am Barometer
Das eigentliche Bild dieses Berliner Abends bleibt darum klein und groß zugleich. Arno Schmidt sitzt morgens an seinem Tagesnotizbuch, sieht aufs Barometer, prüft den Himmel, registriert Luftdruck, Herzlage, Arbeitsziel, Remisse, Katzenärger und Schachpartie. Aus diesen wenigen Zeilen wächst später eine Prosa, deren Raumweite man mit bloßem Biographismus nie erklären könnte. Gerade im kleinen Format wird sie verständlich. Bargfeld paßt auf eine Seite. Die Heide schrumpft auf 34 Zeilen. Und plötzlich sieht man sehr genau, wie der Satz entsteht, der später das Blatt beherrscht.