
Ein Autor mit botanischer Vorgeschichte
Ulrich Holbein hat Axel Matthes zum neunzigsten Geburtstag gratuliert, wie nur Ulrich Holbein gratulieren kann: mit einem Text, der schon im Titel aussieht, als habe ein Brockhaus-Band nach Mitternacht beschlossen, Trampolin zu springen. „Universeller Verknirpsung entragend“ heißt das Stück, und wer bis dahin noch glaubte, Geburtstagsprosa müsse Kerzen auspusten, ahnt sofort: Hier wird eher mit Silben gezündelt.
In den Pfahl-Zeiten hieß Holbein noch Holbaum. Das ist keine Nebensache, das ist literarische Dendrologie. Der spätere Holbein stand damals unter seinem alten Namen im „Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft“, jenem Periodikum, das Axel Matthes wie eine Mischung aus Hochamt, literarischem Straflager und Ideensauna betrieb. Holbaum: Schon der Name klang, als sei ein Autor halb Mensch, halb Gewächs, bereit, in der Erde des Zeitgeists zu wurzeln und oben sehr eigentümliche Blätter auszutreiben.
Der Verleger wirft den Text zu Boden
Die erste Begegnung zwischen Matthes und Holbein gehört in ein Museum für Verlegerpädagogik. Matthes hält Holbeins Zeitgeistessay in der Hand, rollt ihn in Zellophan, wirft ihn auf den Boden und lässt ihn dort liegen. Zwanzig Minuten später darf der Autor ihn aufheben. Das ist kein Lektorat, das ist eine Initiation. Andere Verleger schreiben Randbemerkungen. Matthes prüfte offenbar die Fallhöhe.
Holbein, der damals noch am Anfang seiner Autorenlaufbahn stand, musste vor dem Verleger also kurz auf Fußhöhe geraten. Eine sehr Matthes’sche Szene: asketischer Ernst, dramatische Geste, Papier als Prüfungsmaterial. Der Text lag unten, der Autor beugte sich, der Verleger blickte. Man kann sich denken, dass daraus keine einfache Geschäftsbeziehung wurde. Zum Glück.
Frozzelton gegen Metaphysik
Matthes fand Holbein früh „flapsig“. Holbein wiederum hielt manche Matthes-Autoren für gestelzt, pathetisch, professoral und mitunter arg schwerblütig. Schon war die schönste literarische Versuchsanordnung der achtziger Jahre aufgebaut: hier der Verleger als Hüter von Bataille, Artaud, Klossowski, Wense und Cioran; dort der Autor als gelehrter Schelm, der jede metaphysische Kerze sofort auf Brandgefahr untersuchte.
Als Holbein einen Gesualdo-Essay lieferte, schrieb Matthes: „Lieber Herr Holbaum, Ihr Gesualdo-Essay ist sehr packend, einzig mit Ihrem Frozzelton habe ich ein bisschen Schwierigkeiten.“ Als Gegengift legte er Jürgen von der Wense bei. Das ist herrlich. Gegen Frozzeln hilft bei Matthes kein Lavendeltee, kein freundlicher Zuspruch, kein Kürzungsvorschlag. Gegen Frozzeln hilft Wense. Also ein Autor, der schon beim Aufschlagen riecht, als habe ein Einsiedler im Gebirge den Kosmos alphabetisch sortiert.
Die Ideensauna öffnet
Matthes plante damals „Der Pfahl“, sein Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft. In der Vorschau war von einer „Ideensauna“ die Rede. Dieses Wort verdient ein eigenes Denkmal aus Fichtenholz und Fußnoten. Ideensauna: Man weiß sofort, dass hier geschwitzt wird, aber unklar bleibt, ob vor Erkenntnis, Überhitzung oder Furcht vor Gerd Bergfleth.
Holbein trat ein. Sein Text über den Zeitgeist erschien im Pfahl, der dann keineswegs als zierliches Blättchen herauskam, eher als broschiertes Brikett. 519 Seiten, 58 Mark. Darin standen Wolfgang Rihm, Grillparzer, Flaubert, Theodor Lessing, Friedrich Georg Jünger und eben Ulrich Holbaum. Hinten wurde über ihn mitgeteilt, er male und schreibe. Holbein erschrak später über das „malt“. Ein Autor, der schreibt, kann viel ertragen. Ein Autor, der plötzlich malt, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, auch noch eine zweite Begabung verwalten zu müssen.
Der Pfahl und sein botanischer Einschlag
Dass ausgerechnet ein Holbaum im Pfahl stand, ist fast zu schön, um es unkommentiert zu lassen. Pfahl, Baum, Wurzel, Stamm, Jahresringe: Die Namensbotanik arbeitet hier von selbst. Matthes dürfte an solchen Verzweigungen Gefallen finden, Holbein ohnehin, der aus jeder Nebenbedeutung sofort einen kleinen Seitenweg ins Dickicht schlägt. Der eine liebt die großen Verweisungsräume, der andere die anarchische Mehrdeutigkeit. Zusammen ergeben sie eine Art literarisches Forstamt der Gegenmoderne: vorn wird gepfählt, hinten treibt es aus.
Holbeins Zeitgeist-Text selbst ist ein großartiges Monstrum. Schon der Titel „Die Zigarette des Nichtrauchers“ zeigt die Methode: Die Welt wird bei ihm nie geradeaus betreten, immer durch eine Seitentür, auf der ein falsches Schild hängt. Der Zeitgeist erscheint als Geruch, Reflex, Mode, Lärm, Kostüm, Bartform, Autoverkehr, Musikgeschmack, Fernsehschatten. Holbein schreibt, als wolle er die Gegenwart mit einer übervollen Schublade erschlagen.
Sankt Matthesis erhält Gegenfeuer
Jahre später drehte Holbein den Spieß um. Matthes hatte ihn lange wegen Flapsigkeit gerügt; nun nahm Holbein einen Text des Verlegers auseinander und begann mit der Anrede „Lieber, hochverehrlicher Sankt Matthesis“. Schon diese Anrede ist ein kleines Feuerwerk aus Verehrung und Unbotmäßigkeit. Danach folgte ein Beschuss aus Adorno, Jörg Drews, Theologen-Jargon, Botho-Strauß-Verdacht, Agrarkitsch und Formulierungsschelte.
Matthes antwortete lapidar und ziemlich schön. Ein so begabter, sensibler Mensch fabriziere virtuos Wörterbarrikaden; er wolle seit langem herausbekommen, wer dahinter stecke. Das ist vielleicht der zärtlichste Satz, den ein strenger Verleger über einen schwierigen Autor schreiben kann. Holbein baute Wörterbarrikaden, ja. Aber Matthes stand davor und klopfte an.
Die erste Frage nach dreiundzwanzig Jahren
Die schönste Szene kommt am Ende. 2010 trafen sich beide bei einem Wense-Kongress in Kassel. Holbein notiert, Matthes habe ihm nach dreiundzwanzig Jahren erstmals eine Frage gestellt. Sie lautete: „Wo gehts denn hier zur Toilette?“ Man möchte sofort den gesamten deutschen Literaturbetrieb in diese Szene hineinfalten. Zwei Männer, verbunden durch Pfahl, Wense, Zeitgeist, Flapsigkeit, Hochton, Briefe, Bücher, Kränkungen und Zuneigung, erreichen nach Jahrzehnten den interrogativen Durchbruch. Und er führt zur Toilette.
Später sitzen beide im selben Zug. Matthes in der ersten Klasse, Holbein mit Fahrkarte zweiter Klasse. Sie reden weiter, Holbein stehend, Matthes sitzend. Der Zugbegleiter interveniert. Holbein schlägt vor, der Verleger möge in die leere zweite Klasse kommen. Matthes lehnt ab. Auch das ist eine Szene, die niemand erfinden müsste. Die deutsche Geistesgeschichte fährt Intercity, und der Klassenunterschied bleibt im Gang stehen.
Holbein gratuliert, wie Holbein eben gratuliert
Zum neunzigsten Geburtstag von Axel Matthes hat Holbein also keinen Kranz niedergelegt. Er hat ein Sprachfeuer entzündet, in dem der alte Verleger noch einmal als asketischer Denker, schwieriger Förderer, Wense-Apostel, Flapsigkeitsgegner und Liebhaber der großen Abwege erscheint. Der Text ist Erinnerung, Abrechnung, Kabinettstück, Selbstporträt und Dankesrede in einem.
Matthes hat Autoren verlegt, die aus der Reihe fielen. Holbein fiel selbst aus der Reihe derer, die aus der Reihe fallen. Vielleicht passte er gerade deshalb so gut in den Pfahl. Als Holbaum kam er hinein, als Holbein schrieb er zurück. Dazwischen liegt eine jener literarischen Beziehungen, die aus Missverständnissen, Respekt, Eitelkeit, Witz und einer beträchtlichen Menge Papier bestehen.
Am Ende sieht man beide: Matthes, der wissen wollte, wer hinter den Wörterbarrikaden stecke; Holbein, der sofort noch drei Barrikaden errichtete, damit die Suche lohnte. Das ist keine Freundschaft im üblichen Sinn. Es ist ein deutsches Verleger-Autor-Verhältnis in seiner komischsten, gelehrtesten und schönsten Form: einer hält den Pfahl, der andere wächst daran hoch.