Kein Bock auf Netzdialoge: Social Media-Kompetenzverlust der deutschen Elite


Heutzutage entscheiden die Medienkonsumenten, was eine Nachricht ist und was nicht, schreibt die Journalistin Ulrike Langer in einem Beitrag für das t3n-Magazin:

„Sender und Journalisten müssen ihre neue Rolle in der veränderten Medienwelt, in der jeder Laie ein Publizist sein kann, oft erst noch finden. Dabei bietet die Vernetzung ungeahnte Möglichkeiten, an Informationen zu kommen und Inhalte zu verbreiten.“ Jeder, ob großes Medienhaus oder kleiner Self Publisher, könne von der neuen Vernetzung profitieren. „Für letztere ist vor allem die Spezialisierung auf ein Themengebiet oder ein besonderes Talent und zudem die enge Verbindung zur Webszene oder der Fanbasis wichtig. Das bedeutet, Beiträge im Netz nicht nur ‚abzuwerfen‘, sondern sich intensiv um den Austausch mit der Zielgruppe zu bemühen“, so Langer.

(Siehe auch: Eigentlich gibt es sie schon, die Zukunft des Journalismus).

Sieben von zehn Führungskräften pfeifen auf soziale Netzwerke

Gleiches gilt auch für die Servicewelt. Und auch da sind die traditionellen Anbieter noch nicht auf Dialog oder Crowdsourcing gepolt – egal, ob eine Firma nun schon auf Facebook, Google Plus oder Twitter aktiv ist oder nicht. Nachzulesen in meiner Freitagskolumne für Service Insiders. Deutsche Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Verwaltung scheuen den offenen Austausch mit der Netzöffentlichkeit. Das belegt das Allensbacher Elite-Panel für die Zeitschrift Capital. „Rund 20 Millionen Deutsche sind Mitglied bei Facebook – die große Mehrheit der Topentscheider lässt lieber die Finger von sozialen Netzwerken im Internet. Rund 70 Prozent der im Elite-Panel Befragten nutzen weder Facebook noch andere Dienste wie Xing oder Linkedin“, führt Capital aus.

Wer gibt sich auch schon gerne mit dem niederen Fußvolk ab, um ungefilterte Meinungen über das eigene Schaffen zur Kenntnis zu nehmen und zu diskutieren – ohne die Weiße Riese-Funktion von Pressestellen, Assistenten oder Redenschreibern. In einer Welt der Sprachregelungen und Freigaben ist für einen offenen Schlagabtausch im Netz kein Platz. In einer Ökonomie des Teilens und der Aufmerksamkeit darf sich die so genannte Elite dann allerdings nicht beschweren, wenn sie von den Netzbewohnern mit Nichtbeachtung bestraft wird. Der Wunsch nach direkter Kommunikation via Maschine könnte aber für die Wirtschaft äußerst hilfreich sein. Schließlich sei das Internet kein passiver Raum mehr, der allein von irgendwelchen Nerds und Suchmaschinen bewohnt und regiert wird, sondern ein Ort, den jeder aktiv gestalten kann, so Helge David von der Kommunikationsagentur Text-Raum.

Deutschland verliert den Anschluss

Social Media sollte man allerdings nicht als reines Marketing-Instrument definieren, wie es die meisten Entscheider in Unternehmen tun. Hier kann man keine Vertriebsstrategien nach Plan realisieren. Kontrollfreaks passen nicht zum unberechenbaren Chaos des Netzes. Da hilft es auch nicht weiter, wenn Marketingmanager die ach so beliebten Gewinnspiele auf Facebook übertragen.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass ein so generierter Fan auch wirklich zu einem Kunden wird, ist in etwa genauso groß, wie die Wahrscheinlichkeit, dass dieser bei dem Gewinnspiel ein iPad gewinnt. Das eigentliche Ziel der Marken, nämlich beispielsweise mit den Fans zu interagieren, sie an die Marke zu binden und sie langfristig zu einem Stammkunden werden zu lassen, der auch noch ein Markenbotschafter ist, wird so sicher nicht erreicht“, kritisiert Falk Hedemann vom t3n-Magazin.

Wer mit Ignoranz oder Indifferenz auf die digitale Kommunikation reagiert, manövriert seine Organisation nicht nur in das seichte Wasser von Gewinnspielen und Einweg-Propaganda, sondern riskiert den Kompetenzverlust für die vernetzte Serviceökonomie. Wie gut Deutschland im Social Commerce wirklich ist, untersucht eine Anbieterbefragung des Beratungshauses Mind Business Consultants gemeinsam mit der absatzwirtschaft. Die Studie wird im Februar erscheinen und steht dann kostenfrei unter www.absatzwirtschaft.de/social-media gegen Bezugsnachweis zum Download zur Verfügung. Interessierte können sich direkt an tanya.dimitrova@mind-consult.net wenden.

Ich bin gespannt, ob der Servicekanal der Deutschen Bahn, der im Dezember startet, dialogorientierter ausfallen wird.

Hatte gestern der Rat der Stadt Bonn die Hosen voll?

Oder warum waren zum Rheinkultur-Flashmob am Stadthaus mehr Polizisten und Zivis im Einsatz als Flashmob-Teilnehmer? Vielleicht leiden die Stadtoberen auch am Facebook-Party-Syndrom und befürchteten Schlimmes für einen geordneten Ablauf der Ratssitzung. Die Ordnungshüter verbrachten jedenfalls einen gemütlichen Abend und die Ratsmitglieder konnten ihre Beratungen ungestört durchführen. So beschlossen sie den Neubau eines Beethoven-Festspielhauses mit höchst ungesicherter Finanzierung. Das Ganze soll angeblich privatwirtschaftlich finanziert werden: die Betriebskosten dürfen den Stadtetat nicht zusätzlich belasten. Sobald die Post als einziger übrig gebliebener Großsponsor (Spendenzusage bislang ohne Vorstandsbeschluss!) ihr Einverständnis mit dem neuen Standort an der Charles-de-Gaulle-Straße erklärt hat, soll die Stadtverwaltung mit ihrer Planungsarbeit beginnen. Es fehlen wohl noch 45 Millionen Euro – meines Erachtens ist das eine sehr konservative Schätzung. Die IHK will 25 Millionen einsammeln über eine Spendenkampagne (werden für diese Kampagne eigentlich Gelder der IHK-Mitglieder verwendet?). Bis zum Beethoven-Jubiläum 2020 will man fertig sein.

Mal schauen, ob das so prächtig funktioniert wie beim Bau des World Conference Center. Das sollte ja auch nicht mehr als 85 Millionen Euro kosten. Einer der Investoren sagte vor Gericht, dass die Stadt 2003 und 2004 keine genauen Vorstellungen über das Projekt hatte – „außer Kongresszentrum, Hotel, Tiefgarage“, berichtet der GA. Es soll nicht gegeben haben, keine konkreten Vorgaben und keine Projektbeschreibung. Man wollte einfach nur ein Kongresszentrum bauen. Bin gespannt, welche Schlagzeilen wir beim Bau des Festspielhauses in den nächsten Jahren lesen werden…..