
Bernhard Robben hat Gatsby nicht gesucht – Gatsby hat ihn gefunden. So könnte man das Verhältnis jenes Übersetzers beschreiben, der sich mit größtem Respekt und analytischer Präzision an eine der Ikonen der amerikanischen Literatur herangewagt hat. Am 22. März, knapp hundert Jahre nach Erscheinen von F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby, präsentierte Robben in Köln seine neue, zehnte deutschsprachige Übertragung des Romans. An seiner Seite: Claudia Michelsen und Axel Milberg, die dem illusionslosen Sog des Textes ihre Stimmen liehen.
Was als literarisches Jubiläum begann, wurde schnell zu einer hellsichtigen Betrachtung der Verlogenheiten einer Gesellschaft, deren Glanz sich nur aus der Ferne hält. Gatsby – der Mann, der alles inszeniert und dabei nichts besitzt – erschien nicht als tragischer Held, sondern als Projektionsfläche einer Kultur, die sich selbst längst aus den Augen verloren hat. Die Schauspieler lasen klug dosiert, ohne Pathos, dafür mit einem feinen Gespür für soziale Maskenspiele. Michelsen ließ Daisy kalt schillern, Milberg führte Nick Carraway als Chronist vor, der sich selbst nie sicher ist, was er eigentlich bezeugt.
Doch das Zentrum des Nachmittags bildete Robbens eigene Geschichte mit dem Text. Er las Gatsby zum ersten Mal Mitte der 1970er – zurück blieb ein Bild: „Ein strahlend hell erleuchtetes Haus am Wasser, ein Fest im Garten, und eine trotz allem Trubel einsame Gestalt am Rand.“ Erst durch die Einladung, eine neue Übersetzung anzufertigen, erkannte er das eigentliche Thema: das Rätsel Gatsby, das keine psychologische Tiefenbohrung je ganz freilegen kann.
„Meine Übersetzung war die zehnte“, erklärte Robben nüchtern. „Und allein zwei der vorliegenden Versionen stammen von guten Freunden und herausragenden Kollegen.“ Ihm war bewusst, dass er sich einem Chor an Stimmen anschloss – aber auch: dass er darin seinen eigenen Ton finden musste. „Natürlich war mir das wichtig. Noch wichtiger fand ich, dass die Übersetzung wirklich gut wurde. Also besorgte ich mir neun andere Fassungen, legte sechs davon aufgeschlagen auf den Schreibtisch – und maß jeden Satz an dem meiner Vorgänger.“
Dabei ging Robben systematisch vor: Seite für Seite, Satz für Satz. Und mit entwaffnender Offenheit sagte er: „Ich gestehe, hin und wieder gab es eine bessere Lösung als meine.“ Es sei erstaunlich, wie jede Version von Anfang an einen ganz eigenen Ton setze – und wie viel man von den anderen lernen könne, gerade wenn man sich bewusst von ihnen absetzt.
Robbens Gatsby ist kein sprachliches Reenactment der Zwanziger. Seine Sprache sucht nicht nach Jazzrhythmen oder Art-déco-Gestus, sondern nach jenem subkutanen Zittern, das dem Original eingeschrieben ist. Was dabei entsteht, ist ein Text, der kühler, entschiedener, vielleicht auch ein wenig deutscher wirkt – aber dabei den Kern des Romans bewahrt: die große, elegante Leere.
Der Nachmittag in Köln wurde damit zu keiner nostalgischen Reminiszenz, sondern zu einer literarischen Offenlegung. Der amerikanische Traum, so zeigte Robben, ist keine Vision, sondern eine Kulisse. Gatsby hat nichts aufgebaut – nicht mal seine Villa. Sie ist ein Abklatsch französischer Schlösser, genauso hohl wie der Reichtum, der sie finanziert hat. „Gatsby hat nur sich selbst erschaffen“, sagte Robben. „Aber auch das ist eine Illusion.“
Dass Fitzgerald damit schon 1925 einen modernen Mythos schuf, wurde in Robbens Erläuterungen mehr als deutlich. Der Roman sei, wie sein Lektor Maxwell Perkins schrieb, eine „wunderbare Verschmelzung der außergewöhnlichen Widersprüche des modernen Lebens“. Fitzgerald selbst glaubte an die Größe seines Romans – „der beste amerikanische Roman, der je geschrieben wurde“, schrieb er hoffnungsfroh. Doch der Ruhm blieb aus. Bis zu seinem Tod 1940 verkaufte sich Gatsby schlecht. Erst mit dem Zweiten Weltkrieg, als amerikanische Soldaten massenhaft Bücher mit auf ihre Feldzüge nahmen, wurde das Buch neu entdeckt.
Die lit.COLOGNE erwies dem Werk keine pathetische Ehre. Stattdessen wurde die Veranstaltung zur klarsichtigen Feier eines Romans, der weniger von Aufstieg als von Inszenierung erzählt. Vom Bedürfnis, zu gefallen. Vom Willen, zu verschwinden. Und von der unaufhörlichen Bewegung gegen die Strömung.
„So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.“
Fitzgeralds letzter Satz, in Robbens klarer, unpathetischer Übersetzung, blieb nach dem Abend in der Luft hängen – wie eine Wahrheit, die jeder kennt und keiner aussprechen will: „So mühen wir uns weiter wie Boote gegen die Strömung, unaufhörlich zurückgetrieben, der Vergangenheit zu.“