Wie viele Milliarden Euro versemmelte der Staat in digitalen Projekten durch externe Berater seit dem Jahr 2000? @LilithWittmann @Digitalnaiv @fragdenstaat

Lilith Wittmann deckte die Mängel der staatlichen Ausweis-App ID Wallet auf. Im c’t-Interview fordert sie die Bundesregierung auf, aus dem Debakel zu lernen: „Mein wichtigster Appell an die neue Bundesregierung ist deshalb: Baut endlich intern Kompetenz auf! Das Externalisieren von Digitalprojekten muss aufhören. Eine digitale ID ist kein Projekt, das man zu einer Agentur schmeißt, und dann ist das fertig. Das ist Basisinfrastruktur, um die sich der Staat kümmern muss.“

Stefan Pfeiffer fragt, ob sich die Verwaltung das wirklich leisten will?

Schaut man ein wenig auf die Ursprünge der Auslagerung von staatlichen Projekten zurück, so spielen die Berater dabei eine unrühmliche Rolle: Nach dem Niedergang der New Economy im Jahr 2000 ist der Staat als neues Feld für Beratungsmandate entdeckt worden. Sie proklamierten Consultants in einem Fachbuch nichts geringeres als die „dritte Revolution der Wertschöpfung“. Und zwar durch eine neue, radikale Form des Outsourcings. Spürbare Effizienzsteigerungen könnten nur erreicht werden, wenn die Erfahrungen aus der Fertigung auf firmeninterne Dienstleistungsprozesse erweitert würden. Business Process Outsourcing (BPO) heißt das im Fachjargon. Großkonzerne nutzen so genannte Innovationspartnerschaften, indem sie Co-Kompetenzen mit spezialisierten Unternehmensberatungen aufbauen, die dann gesamte Kerngeschäftsfunktionen übernehmen. Das könnten, so die Analyse der Buchautoren, natürlich nur die ganz großen Beratungsunternehmen bieten: Zu besichtigen bei einem früheren „Vorzeigeprojekt“, dem virtuellen Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit (BA), das von dem ehemaligen BA-Vizechef Heinrich Alt als das „größte informationstechnologische Projekt“ der Republik gepriesen wurde. Warum für die Technikrevolution Mehrkosten in Höhe von 100 Millionen Euro entstehen, zählt wahrscheinlich für den BA-Cybermanager Alt zu den ungelösten Welträtseln seiner Beamtenkarriere. Denn die ausgerufene Wertschöpfungsrevolution kostet eigentlich nichts.

„Unsere Berechnungen zeigen: Von jedem Euro, den die deutsche Wirtschaft, Bund und Länder für Dienstleistungs- und Verwaltungsfunktionen ausgeben, könnten rein rechnerisch 11,6 Cent eingespart werden. Insgesamt entspricht dies rund 40 Milliarden Euro, ein Potenzial, das wir als ‚Bruttowertschöpfungsreserve’ bezeichnen“. So steht es in dem Revolutionsbuch. Das Ganze ging sogar noch einen Schritt weiter und werde die angespannte Stimmung auf den Fluren der BA-Vorstandsetage sichtlich entspannen. Der Innovationspartner finanziert die BPO-Projekte vorab mit eigenen Mitteln, die er dann im Laufe des Projekts durch Einsparungen und Effizienzsteigerung wieder hereinholen müsse. So lautete die Theorie. Die Praxis bescherte den virtuellen Arbeitsmarktarchitekten leider einen handfesten Skandal. Das Outsourcing-Mantra der großen Beratungshäuser erwies sich als teure Luftnummer. 

Dass die großen Beratungsunternehmen sich nunmehr seit zwei Jahrzehnten auf Behörden und Verbände konzentrieren, ist nach Auffassung des Publizisten Rainer Steppan kein Zufall. Viele Konzerne hätten sich in den vergangenen Jahren sämtliche Consulting-Moden gefallen lassen und Strategien gewechselt wie Unterwäsche. Um das Jahr 2000 herum sei in der Privatwirtschaft eine regelrechte Beraterallergie entstanden und Budgets für die klassische Beratung wurden radikal gekürzt. „Also weichen die Berater auf die öffentliche Hand aus“, so Steppan.

Der öffentliche Sektor habe sich zu einem attraktiven Markt für die Branche entwickelt, den die Großen des Geschäfts unter sich aufteilen. Steppan warnte die Verantwortlichen des Öffentlichen Dienstes schon im Jahr 2003, in eine ähnliche Consulting-Hörigkeit zu fallen, wie die Top-Manager der freien Wirtschaft. „Der Bevölkerung ist nicht klar, dass jedes der anstehenden politischen Vorhaben ebenso scheitern kann wie die Transformationsprozesse der Privatwirtschaft.“ An den tiefgreifenden Reformen, die auf den Staat und seine Verwaltungen zukommen, wollten und wollen die Berater genauso kräftig verdienen wie an der Neuausrichtung fast aller größeren Konzerne in den 1990er Jahren.

„Es darf nicht sein, dass die Beamten hilflos mit den Achseln zucken und die Berater mit geldschweren Taschen von dannen ziehen, wenn ein öffentliches Projekt im Chaos endet“, moniert Steppan. Er ermahnt die Behörden, bei Ausschreibungen sorgfältiger vorzugehen. Es gäbe eine Vielzahl von kleineren und spezialisierten Consultingfirmen, die weitaus bessere Leistungen als die Marktführer erbringen. .

Fragwürdig sei dabei die Rolle eines sehr großen Beratungshauses im Bundesinnenministerium, berichten Insider. Legitime Frage: was machen die denn da, dass es eine zweite Studie braucht, um vorzuschlagen, einen Bundes-CIO zu installieren? Attestieren die sich nicht ihr eigenes Versagen? So lief das mit dem Bund Online-Projekten. Wie viele Milliarden Euro – inklusive Verteidigungsministerium Stichwort „Herkules“ – gingen in die Taschen der Consulting-Firmen in den vergangenen 22 Jahren? Wäre doch mal eine Anfrage im Bundestag wert. Oder via fragdenstaat.de.

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gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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