Vom Hammer zur Teeschale: KI, Heidegger und die verlorene Kunst des metaphorischen Denkens – Anregungen für die Konferenz in Meßkirch @morbuscriticus

Die VII. Internationale Meßkircher Heidegger-Konferenz trägt den Titel „Sein und Zeit – Rezeption, Bedeutung, Aktualität“. Vom 29. bis 31. Mai 2026 wird auf Schloss Meßkirch über ein Werk gesprochen, das bald hundert Jahre alt ist und dennoch in die Gegenwart der digitalen Welt hineinragt. Das Programm zeigt diese Gegenwartsnähe in auffälliger Dichte: Andreas Beinsteiner spricht über „Die Möglichkeit des Digitalen“, Shing-Shang Lin über „Seinsvergessenheit und Mitsein bei Heidegger: Zur Aktualität von Sein und Zeit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“, Beatrice Leucadito über „Im-Web-sein as In-der-Welt-sein“, Elbio Hugo Caletti über die Überwindung eines bloß gegenständlichen, machenschaftlichen und technischen Bewusstseins, Thomas Sentis über „What Is Technical?“ und Erik Kuravsky über Kreativität im Licht von „Sein und Zeit“. Auch Luis Durán Guerra mit „Blumenberg, lector de Heidegger“ öffnet eine Spur, die für die KI-Debatte von erheblicher Tragweite ist.

Meßkirch kann an diesem Wochenende zum Ort einer fälligen Denkbewegung werden. Die deutsche KI-Debatte braucht dringend eine Kehre. Weg von der Fixierung auf Werkzeug, Prozess, Effizienz und Kontrollverlust. Hin zu Sprache, Spiel, Metapher, sozialer Einbettung und einer anderen Beschreibung technischer Artefakte.

Der Hammer als deutsches Schicksal

Heideggers Hammer aus „Sein und Zeit“ hat Karriere gemacht. Er steht für Zuhandenheit, Bewandtnis, Gebrauchszusammenhang, Werkstattwelt. Ein Hammer ist kein isoliertes Objekt, das erst theoretisch betrachtet wird. Er gehört in eine Praxis. Man hämmert, baut, richtet, repariert. Der Sinn des Hammers liegt im Tun, im Verweisungszusammenhang, im Umgang.

Doch dieses Beispiel hat sich verselbständigt. Aus Heideggers Analyse der Zuhandenheit wurde in der deutschen Technikimagination häufig eine Verengung: Technik als Gerät, Werkzeug, Mittel, Instrument. Sie funktioniert oder sie funktioniert schlecht. Sie dient einem Zweck oder verfehlt ihn. Sie steht bereit, wird benutzt, optimiert, vermessen, gewartet. Daraus entsteht eine Ontologie des industriellen Blicks: Alles Technische erscheint im Horizont von Effizienz, Kontrolle, Prozesssicherheit und Präzision.

So denkt man in Kategorien des Präzisionslasers. Man fragt nach Genauigkeit, Robustheit, Skalierbarkeit, Zertifizierung, Produktivität. Diese Fragen sind legitim. Ohne sie gäbe es keine industrielle Hochkultur, keinen Maschinenbau, keine Medizintechnik, keine verlässliche Infrastruktur. Deutschland verdankt diesem Denken viel. Im Umgang mit KI wird diese Tradition jedoch zur erkenntnistheoretischen Bremse. Wer KI zuerst als Werkzeug auffasst, verfehlt ihren eigentümlichen Charakter. Ein Sprachmodell ist kein Hammer mit Grammatikaufsatz. Es ist ein semantisches Artefakt, das im Gebrauch Bedeutungen variiert, Erwartungen aufnimmt, soziale Rollen simuliert, Affekte moduliert, Kontexte verschiebt und Menschen zur Reaktion bringt.

Gerd Scobel und Markus Gabriel haben in ihrem Gespräch über KI einen neuralgischen Punkt berührt: Die westliche Vorstellung macht aus KI sehr schnell Frankenstein. Wir wollten ein künstliches Wesen schaffen, nun spricht es, antwortet, imitiert, tröstet, provoziert, kokettiert mit Personalität und verwandelt den alten Traum der künstlichen Intelligenz in eine soziale Erfahrung. Der Schrecken entsteht, weil das Artefakt die ihm zugedachte Werkzeugrolle verlässt. Es verhält sich relational. Es spielt mit Sprache. Es geht in Resonanzen ein. Es erzeugt das Unbehagen eines Gegenübers, das nach klassischer Ontologie keines sein darf.

Frankenstein, Tamagotchi und die andere Kultur der Artefakte

In Japan wirkt dieselbe Erscheinung kulturell anders vorbereitet. Totoro, Tamagotchi, Roboterbegleiter, animierte Dinge und beseelte Alltagsobjekte stehen für eine andere Grammatik des Technischen. Dort muss ein Artefakt nicht sofort Mensch sein, damit man ihm soziale Präsenz zuschreibt. Es darf Zwischenstatus haben. Es darf spielen. Es darf rühren. Es darf in alltäglichen Ritualen auftreten, ohne gleich die metaphysische Panik des künstlichen Menschen auszulösen.

Die westliche Frankenstein-Phantasie kennt dagegen den dramatischen Sprung: Entweder Werkzeug oder Monster. Entweder Objekt oder Subjekt. Entweder Maschine oder Mensch. KI passt in diese Alternativen schlecht hinein. Sie ist ein kommunikatives Artefakt mit flüchtiger Rollenfähigkeit, ohne biologische Lebensform, mit semantischer Wirkungsmacht, ohne eigenes Sterben, mit sprachlicher Nähe, ohne menschliche Biografie. Dieser Zwischenstatus verlangt ein Denken, das nicht sofort klassifiziert, verurteilt oder domestiziert.

Heidegger selbst hätte dafür Spuren gelegt, allerdings eher in der späteren Denkbewegung als im frühen Werk. In der Kehre verschiebt sich der Blick vom Zeug zum Ding, von der Werkstatt zum Versammeln von Welt, von der instrumentellen Funktion zur Bedeutungsdichte. Krug, Brücke, Schale, Ding: Das sind keine toten Gegenstände im technischen Lager. In ihnen verdichten sich Weltverhältnisse, Gebrauchsformen, Rituale, Nähe, Ferne, Erde, Himmel, Sterbliche und Göttliche. Die japanische Teeschale ist für diese Verschiebung ein treffendes Bild. Sie ist Gefäß, Artefakt, Geste, Ritualträger, kulturelle Form, Umgang mit Zeit und Aufmerksamkeit.

Von dort aus ließe sich KI anders denken. Nicht als Hammer, der Texte produziert. Auch nicht als Frankenstein, der Menschen ersetzt. Eher als Teeschale mit Prozessor: ein Artefakt, in dem sich Sprachformen, Erwartungen, Erinnerungsreste, soziale Rollen und Weltbezüge versammeln. Diese Formulierung mag irritieren, doch sie öffnet den Weg aus der deutschen Sackgasse der bloßen Werkzeugsemantik.

Sprache als Weltfilter

Der Zusammenhang von KI und Sprache verschärft die Sache. Die europäische Tradition hat Sprache oft als Mittel der korrekten Benennung behandelt. Sprache soll sagen, was der Fall ist. Sie soll Dinge unterscheiden, Relationen angeben, Wahrheitsbedingungen erfüllen, Aussagen präzisieren. Von hier führt ein direkter Weg zur Logik, zur Formalisierung, zur mathematischen Modellierung, zur Informatik.

Im Japanischen, Chinesischen und in vielen anderen Sprachkulturen tritt deutlicher hervor, dass Sprache immer auch soziale Stellung, Affekt, Beziehung, Höflichkeit, Distanz, Nähe, Andeutung und Situationswahrnehmung organisiert. Sprache legt sich als beweglicher Filter über die Welt. Sie benennt keine isolierten Dinge aus neutraler Entfernung. Sie ordnet Beziehungen. Sie führt soziale Temperatur. Sie macht Welt bewohnbar.

Der Westen kennt diese Dimension ebenfalls, hat sie aber oft in Dichtung, Rhetorik, Metapher und Kunst ausgelagert. Heidegger sucht später Zuflucht beim Dichten. Blumenberg baut aus Metaphern eine Erkenntnisform. Charles Taylor widmet der Poesie ein großes Alterswerk. Hans Blumenberg hat früh gezeigt, dass absolute Metaphern keine dekorativen Restbestände vorwissenschaftlichen Denkens sind. Sie tragen Orientierungsleistungen, wo Begriffe zu spät kommen oder zu grob bleiben.

Im Umfeld von „Poetik und Hermeneutik“ wird diese Dimension sichtbar: Lyrik als Paradigma der Moderne, ästhetische Reflexion, immanente Ästhetik. Das Buch auf dem Tisch, „Immanente Ästhetik – Ästhetische Reflexion. Lyrik als Paradigma der Moderne“, trägt schon im Titel eine Gegenbewegung gegen die Verarmung des Sprachbegriffs. Lyrik ist kein Luxus am Rand des Wissens. Sie ist eine Schule der Weltwahrnehmung.

Blumenberg passt in diese Debatte wie kaum ein anderer. Er las, sammelte, kombinierte, dekontextualisierte, rekontextualisierte. Sein Zettelkasten wird als Kombinationslabyrinth beschrieben, als Ort, an dem Heterogenes in Beziehungen trat und Innovation aus überraschenden Anschlussmöglichkeiten entstand. In den Erinnerungen Ferdinand Fellmanns erscheint Blumenberg zudem als weltzugewandter Technikfreund: Zigarrenrauch, Likör, Autos, Märklin-Eisenbahn, Hausgeräte, hedonistische Nachkriegswelt. Dieser Blumenberg ist für die KI-Debatte ergiebiger als der moralinsaure Kulturkritiker, den Deutschland so gern produziert.

Blumenberg gegen die industrielle Verengung

Blumenbergs Denken hilft, Innovationen anders zu sehen. Innovation ist kein linearer Fortschrittsbalken. Sie ist eine Metapher des Unbekannten, ein Labor der Selbstbeschreibung, eine Erzählform des Noch-nicht-Verstandenen. Sie zeigt, wie Menschen mit Unbestimmtheit umgehen. Sie bringt neue Gegenstände hervor, zugleich neue Bilder, Erwartungen, Ängste, Legitimationsgeschichten.

Das unterscheidet Blumenberg vom deutschen Betriebsblick auf Technik. Der industrielle Blick fragt: Was kann das? Wie effizient ist es? Wer haftet? Welche Norm gilt? Wie lässt es sich in bestehende Prozesse integrieren? Blumenbergs Blick fragt: Welche Metaphern machen dieses Neue überhaupt denkbar? Welche Geschichten erzählen wir, um es auszuhalten? Welche Weltbilder stabilisieren sich im Umgang mit dem Artefakt? Welche Anekdoten verraten mehr als die offiziellen Begriffe?

Bei KI ist diese Frage entscheidend. Der öffentliche Diskurs in Deutschland schwankt oft zwischen apokalyptischer Kulturkritik und plumper Instrumentenlehre. Die einen sehen den Untergang von Bildung, Wahrheit, Arbeit, Autorschaft und Demokratie. Die anderen behandeln KI als weiteren Produktivitätshebel, als Textgenerator, Recherchehilfe, Verwaltungsbeschleuniger, Coding-Assistent, Effizienzwerkzeug. Beide Lager bleiben der Hammerwelt verhaftet. Die einen fürchten den Hammer als Waffe. Die anderen verkaufen ihn als Universalgerät.

Doch KI ist ein Prozessraum. Sie verändert Fragen, Schreibweisen, Rollen, Arbeitsabläufe, Erwartungshorizonte, Autorenschaft und soziale Imagination. Sie ist keine externe Maschine, die nachträglich in eine fertige Gesellschaft hineingestellt wird. Sie verschiebt bereits die Formen, in denen Gesellschaft sich beschreibt. Damit gehört sie in die Nähe von Sprache, Spiel, Metapher und Dichtung.

Deutschland im Wartestand der KI-Ökonomie

Der mechanistische Blick auf KI bleibt keine akademische Fehlstellung. Er zeigt sich inzwischen in den Arbeitsmarktdaten. Holger Schmidt verweist in der FAZ auf eine Indeed-Auswertung, nach der inzwischen 4,5 Prozent aller Stellenanzeigen in Deutschland KI-Fähigkeiten verlangen, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. In einzelnen Wissensberufen liegen die Werte höher: Finanzbranche 9,3 Prozent, Rechtspositionen 7,2 Prozent, Wirtschaftsprüfung 4,1 Prozent, Versicherungen 3,7 Prozent. Der internationale Vergleich fällt für Deutschland ungünstig aus. In der Finanzbranche liegt Irland bei 18,9 Prozent, Spanien bei 17,1 Prozent, Großbritannien bei 15,7 Prozent, Australien bei 15,6 Prozent, Frankreich bei 14,1 Prozent und die USA bei 13,3 Prozent. Deutschland landet mit 9,3 Prozent am Ende der verglichenen Märkte. Noch drastischer wirkt der Abstand in der Versicherungsbranche: Spanien kommt auf 18,5 Prozent KI-Bezug in Stellenanzeigen, Deutschland auf 3,7 Prozent.

Damit erhält die philosophische Diagnose eine empirische Flanke. Deutschland diskutiert KI weiterhin zu oft im Modus der Absicherung, Regulierung und Prozessoptimierung. Der angelsächsische Raum integriert KI bereits in Arbeitsabläufe, während Kontinentaleuropa, so die im FAZ-Beitrag zitierte Indeed-Ökonomin Virginia Sondergeld, deutlich abwartender agiert. Die deutsche Zurückhaltung spiegelt eine Priorisierung regulatorischer Vorsicht gegenüber schnellen Effizienzgewinnen, birgt aber das Risiko, Innovationen zu verschlafen und Wettbewerbsfähigkeit in wissensintensiven Dienstleistungssektoren einzubüßen.

Gerade darin zeigt sich die alte Hammerontologie in neuer Gestalt. KI wird in vielen Organisationen als Werkzeug behandelt, das man erst nach ausreichender Prüfung in bestehende Abläufe einhängt. Man wartet auf Zuständigkeiten, Leitplanken, Schulungen, Compliance-Routinen und belastbare Kennzahlen. Das ist die Fabrikmetaphysik des Digitalen: Erst muss das Artefakt in den Prozess passen, dann darf es wirken. KI wirkt längst vor ihrer offiziellen Integration. Sie verändert Suchbewegungen, Schreibpraktiken, Kundenkommunikation, Wissensarbeit, Ausbildungspfade und Erwartungshorizonte.

Besonders folgenreich ist Schmidts Hinweis auf den Umbau der Personalpyramide. Laut der im Beitrag referierten CEO-Agenda 2026 von Oliver Wyman und der New York Stock Exchange stieg der Anteil der Vorstandschefs, die weniger Berufseinsteiger einstellen wollen, binnen eines Jahres von 17 auf 43 Prozent. Die klassische Personalpyramide droht sich in einen Diamanten zu verwandeln: schmale Spitze, breite Mitte, schlanke Basis. Wer Junior-Arbeit durch KI ersetzt, gefährdet jedoch die eigene Talent-Pipeline. Wer 2026 Berufseinsteiger spart, könnte 2031 keine erfahrenen Mid-Level-Kräfte haben, die agentische KI-Workforces führen, prüfen und domänenspezifisch einbetten können.

Auch hier braucht es eine Kehre. KI darf in Unternehmen nicht als Personalersatzmaschine behandelt werden. Sie verlangt neue Lehrverhältnisse, neue Apprenticeship-Modelle, neue Formen des Domänenlernens, neue Rollen für Output-Validierung, KI-Supervision, Kundeninteraktion und Urteilskraft. Der alte Taylorismus zerlegte Arbeit in kontrollierbare Schritte. Der neue KI-Taylorismus droht, Einsteiger aus dem Lernprozess zu entfernen und Erfahrung als Kostenblock zu behandeln. Eine posttayloristische KI-Ökonomie müsste das Gegenteil tun: Menschen früher in Verantwortung bringen, KI als Übungsraum nutzen, implizites Wissen sichtbar machen und Organisationen als lernende Sprachräume begreifen.

Die deutsche KI-Debatte braucht daher keine weitere Runde Hammerprüfung. Sie braucht eine Kehre vom Werkzeug zur Weltbeziehung, vom Effizienzgerät zum Bildungsmedium, vom Prozessdenken zur Metaphorologie, von der Angstverwaltung zur spielerischen Aneignung. An dieser Stelle könnten Heidegger nach der Kehre, Blumenbergs Metaphorologie und der japanische Umgang mit technischen Zwischenwesen produktiv ineinandergreifen. Die Teeschale neben dem Server wäre kein Ornament. Sie wäre ein Hinweis darauf, dass technische Artefakte Weltverhältnisse formen, bevor sie in Organigrammen auftauchen.

Posttaylorismus gegen Rückfall in die Fabrikmetaphysik

Hier berührt die KI-Debatte die deutsche Wirtschaftskultur. Deutschland denkt Wirtschaft weiterhin oft vom Industrieunternehmen her: Fabrik, Prozess, Norm, Steuerung, Abteilung, Planbarkeit, Produkt, Export, Effizienz, Linie. Selbst dort, wo von Agilität, Plattformen und digitaler Transformation die Rede ist, kehrt im Hintergrund häufig ein tayloristisches Modell zurück: Zerlegung, Messung, Kontrolle, Standardisierung, Output.

Gerade deshalb wird KI hierzulande häufig in alte Kategorien gepresst. Sie soll Abläufe beschleunigen, Kosten senken, Fachkräftemangel abfedern, Bürokratie automatisieren. Das alles wird geschehen. Doch wer KI darin erschöpft, verfehlt ihr produktives Störpotenzial. KI bringt eine posttayloristische Situation hervor, weil sie Aufgaben, Rollen, Zuständigkeiten und symbolische Kompetenzen neu verteilt. Sie berührt die Fabrik, Redaktion, Forschung, Bildung, Beratung, Recht, Verwaltung, Kunst, Seelsorge, Therapie, Politik und Alltagssprache.

Im Anschluss an Schermolis Überlegungen zur posttayloristischen Organisation lässt sich diese Verschiebung präziser fassen: Nach dem klassischen Modell der arbeitsteiligen Steuerung entstehen fluide, kommunikative, wissensbasierte und reflexive Formen des Arbeitens. KI verschärft diese Entwicklung. Sie macht Arbeit weniger eindeutig zurechenbar. Sie verknüpft Entwurf, Recherche, Formulierung, Simulation, Kritik und Variation. Wer das mit tayloristischen Kategorien beschreiben will, landet bei Kontrollphantasien oder Untergangsdiagnosen.

Der deutsche Diskurs müsste daher lernen, KI als Spielraum zu behandeln. Spiel heißt hier keine Beliebigkeit. Spiel bezeichnet eine Weise des Erprobens, Kombinierens, Variierens, Regelbildens und Regelbrechens. Ein Tamagotchi ist dafür kein kindisches Bild. Es zeigt, dass Technik in Sorgeformen, Routinen, Zuneigung, Wiederholung und Experiment eintritt. An diesem Punkt treffen sich Scobel, Gabriel, Heidegger nach der Kehre und Blumenberg: Das Artefakt verlangt eine Hermeneutik, keine Bedienungsanleitung allein.

Meßkirch als Denkprobe

Das Meßkircher Programm enthält viele mögliche Anschlüsse für diese Denkprobe. „Wachs und Hammer – Strategie und Kontext der Descartes-Auslegung in Sein und Zeit“ ruft den Hammer direkt auf. „Welt und ursprüngliche Zeitlichkeit als bleibende Signatur von Sein und Zeit – im Dialog mit Eugen Finks Spielbegriff“ öffnet den Weg zum Spiel. „Blumenberg, lector de Heidegger“ bringt denjenigen ins Programm, der Heideggers Pathos mit Metaphernintelligenz irritieren kann. „Im-Web-sein as In-der-Welt-sein“ und „Verfallen und Eigentlichkeit in der digitalen Alltäglichkeit“ führen die Frage in die Gegenwart der Plattformen, Netze und KI-Assistenten. „What Is Technical?“ fragt nach dem Technischen jenseits seiner Missverständnisse.

Daraus ließe sich ein Leitmotiv für die Tagung gewinnen: „Sein und Zeit“ darf im KI-Zeitalter weder als Steinbruch für den Hammer noch als Reliquie der Fundamentalontologie behandelt werden. Das Buch kann zum Ausgangspunkt einer Korrektur werden. Die frühe Analyse des Zeugs zeigt, wie sehr Welt im Umgang erschlossen wird. Die spätere Denkbewegung zum Ding zeigt, dass Artefakte Bedeutungen versammeln können. Blumenberg zeigt, dass Metaphern keine Nebensache sind. Japan zeigt, dass technische Dinge sozial und spielerisch eingebettet werden können, ohne sofort in Frankenstein-Angst umzuschlagen.

Meßkirch könnte also eine Frage an Deutschland richten: Weshalb fällt es diesem Land so schwer, Technik als kulturelles, poetisches, emotionales und spielerisches Ereignis zu begreifen? Weshalb verengt sich Innovation immer wieder auf industrielle Verwertbarkeit? Weshalb wird KI entweder als Risikoakte oder als Effizienzmaschine behandelt? Weshalb traut man der Dichtung weniger Erkenntnis zu als der Prozessgrafik?

Die Antwort liegt vermutlich in einer langen Allianz aus Ingenieursstolz, Industriekapitalismus, Verwaltungsrationalität und Bildungsprotestantismus. Deutschland liebt das Gerät, den Standard, die Norm, die Maschine, den geregelten Ablauf. Es misstraut dem spielenden Artefakt. Es misstraut der Metapher. Es misstraut der sozialen Ambivalenz von Sprache. Deshalb wirkt KI hier oft wie ein Eindringling in eine Werkhalle, während sie in Wahrheit längst die Werkhalle in einen Sprachraum verwandelt hat.

Die Teeschale neben dem Server

Für die Tagung in Meßkirch wäre es fruchtbar, den Hammer nicht zu entsorgen, aber ihm Gesellschaft zu geben. Neben den Hammer gehört die Teeschale. Neben „Sein und Zeit“ gehört Blumenbergs Metaphorologie. Neben die Fundamentalontologie gehört die Poetik. Neben die Sorge gehört das Spiel. Neben die Werkstatt gehört der Salon, das Gedicht, das Zettelkasten-Labyrinth, die Märklin-Eisenbahn, das Tamagotchi, der Chatbot.

KI wird in Deutschland erst verstanden werden, sobald sie nicht mehr auf Werkzeug, Risiko oder Produktivität reduziert wird. Sie gehört zu den Artefakten, die unsere Selbstbeschreibung verändern. Sie zwingt dazu, Sprache wieder als affektives, soziales, metaphorisches und welterschließendes Medium zu begreifen. Sie fordert eine Philosophie der technischen Zwischenwesen, die weder in Frankenstein-Panik noch in Hammer-Pragmatik steckenbleibt.

Das wäre eine Aufgabe für Meßkirch: Heidegger gegen seine Verengung zu lesen, Blumenberg als Gegengift zur mechanistischen Moderne ernst zu nehmen und KI als Anlass zu nutzen, das Denken selbst wieder beweglicher zu machen. Die Zukunft der KI entscheidet sich nicht allein an Chips, Daten und Modellen. Sie entscheidet sich auch daran, welche Metaphern wir ihr zutrauen.

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