Wenn Eltern ihre Kinder stigmatisieren: Bonn macht gegen Sprayer mobil

Sprayer-Tatort Jugendzimmer

So ganz falsch lag ich ja mit meinen Profiler-Hinweisen nicht, wenn es darum geht, die eigenen Kinder als „kriminelle“ Sprayer zu outen. Etwa leere Farbdosen unter dem Bett, großformatige Farbstifte für die schnelle Schmiererei zwischendurch, Schablonen, Einweghandschuhe, Sturmhauben, farbverschmierte Kleidungsstücke und Schuhe, großformatiges Zigarettenpapier für eine „dicke Tüte“ und sonstiges Handwerkszeug zum Kiffen.

Fahndungsliste

Fahndungsliste 2

In den Mittagsstunden habe ich mir das Vergnügen bereitet, das Anti-Sprayer-Tatort-Jugendzimmer im Bonner Stadthaus aufzusuchen.

Das Ganze ist noch bis Mittwoch vor dem Ratssaal zu bewundern. Bis auf ein paar Mitarbeiter der Verwaltung, die auf dem Weg zur Kantine sich über die Exponate der Polizei lustig machten, war in der Ausstellung tote Hose.

Das fachkundige Personal machte es sich in einer Ledersessel-Sitzgruppe oberhalb der Infotafeln gemütlich und glänzte nicht gerade mit Dialogbereitschaft. Erst auf meine Nachfrage, wer denn mal als Ansprechpartner zur Verfügung stehen könnte, bequemte sich ein Vertreter der Polizei aus seinem Sessel und fragte, was ich denn genau wissen wolle. Natürlich wollte ich erfahren, auf welchen Erkenntnissen die Zusammenstellung der Exponate für den Tatort Jugendzimmer beruhen.

Sprayer-Tatort Kategorie Kiffen

Es seien Ergebnisse der polizeilichen Ermittlungsarbeit in Bonn und NRW, die zur Zusammenstellung der verdächtigen Indizien für eine kriminelle Sprayer-Karriere führten.

Ob die Polizei denn auch Hausbesuche bei den besorgten Eltern machen würde, um das Jugendzimmer in Augenschein zu nehmen? Das könne die Polizei natürlich nicht als Beratungsgespräch machen, antwortete der Mitarbeiter. Schließlich sei man Strafverfolgungsbehörde. Ob denn Eltern sich nach der Kontrolle des Jugendzimmers ihres Kindes direkt bei der Polizei melden würden, wollte ich noch wissen. Ja, es gebe verzweifelte Eltern, die keinen anderen Ausweg sehen und die Polizei kontaktieren.

Verdächtige Schuhe
Verdächtige Schuhe

Ob das Ganze nicht Anstiftung zum Denunziantentum sei, fragte ich den Jugendzimmer-Tatort-Experten am Ende des nicht sehr informativen Gesprächs. Jedenfalls komme das bei mir so an. Könne er sich nicht vorstellen, dass man diese Aktion falsch versteht?

Naschzeug im Schreibtisch

Missverständnisse könne man nicht ausschließen. So sei aber die Ausstellung nicht ausgerichtet. Nun ja. Eine peinliche Aktion des Oberbürgermeisters und des Polizeipräsidenten.

Achtung, liebe Eltern! Ihr Kind ist vielleicht ein Hacker, Nerd oder noch schlimmer: ein Sprayer

sprayer

Die Empörungsrepräsentanten der Stadt Bonn, die selbsternannten Moralwächter der Ordnungspartnerschaft „Gemeinsam gegen Graffiti“ und alle erregten Hausmeister der Beethoven-Metropole legen sich derzeitig in einer Aktionswoche ins Zeug, um gegen Graffiti und Farbschmierereien zu agitieren vorzugehen.

Eine „Besonderheit“ erwartet die Bürgerinnen und Bürger in einem „Jugendzimmer“, das im Stadthaus besichtigt werden kann – mit kompetenter Fachberatung der Polizei und der Stadtverwaltung. Dort lernen Eltern und andere Erziehungsberechtigte, wie sie die Gemächer ihrer Zöglinge ausspionieren observieren filzen liebevoll begutachten sollten, um frühzeitig „schädigendes Verhalten“ zu entlarven. Dabei sollte man auch auf Anzeichen achten, ob die lieben Kleinen dem Konsum von Cannabis frönen oder regen Handel mit Rauschmitteln betreiben. Eine aufgeschnittene Getränkeflasche zum Beispiel sei ein sehr einfaches Rauchgerät.

„Jugendliche aus der Sprayerszene konsumieren häufig auch Cannabisprodukte, zeigt die polizeiliche Erfahrung“, so Mario Becker vom Kommissariat Kriminalitätsprävention der Bonner Polizei.

Den Vorwurf der Spionage weist dieser Mann natürlich weit von sich. Es gehe ja nur um Prävention.

Da diese Geisteshaltung nur von Montag bis Mittwoch von 12 bis 14 Uhr zu bewundern ist, konnte ich gestern nicht recherchieren, welche Profiler-Befunde im Jugendzimmer auf eine kriminelle Sprayer-Karriere hinweisen.

Aber vielleicht könntet Ihr mir helfen und eigene Indizienketten entwerfen.

Etwa exzessive Tapetenschmierereien mit Fingerfarbe, Anhäufungen von leeren Spraydosen im Gelben Sack des Nachbarn, Einsatz der Sprayer-App ArtStudio auf dem Tablet-PC des Kindes (siehe Foto oben), verdächtige Leerstellen im Kellerregal mit den Utensilien zur Renovierung der Wohnung, ständige Müdigkeit des Kindes am Frühstückstisch (verweist auf nächtliche Exkursionen auf den Bahngleisen zwischen Bonn und Köln), farbverschmierte Seife im Badezimmer, How to-Youtube-Videos aus der Reihe „Wie Sprayer den Hausmeister-Brigaden entkommen“, Sprayer Hoodies auf dem Weihnachtswunschzettel und, und, und.

Und wenn die Eltern schon in Habachtstellung sind, sollten sie die eigenen Sprösslinge direkt nach weiteren Auffälligkeiten inspizieren. Als Standardwerk für die familiäre Fahndung empfehle ich „Grundlagen der Polizeipsychologie“ (Hogrefe Verlag). Im Kapitel „Jugendliche Hacker“ können Mama und Papa wichtige Erkenntnisse für Fahndungserfolge im Jugendzimmer sammeln. So gelingt der erzieherische Rundumschlag für die Aufzucht eines wohlgeformten Nachwuchses. Einen Hacker, Cracker oder Crasher in den eigenen vier Wänden erkennt man an der spielerischen, kreativen und findigen Art des Umgangs mit anderen Menschen.

„Sie besitzen Witz, sind belastbar, provozieren gerne und zeigen meist eine ausgeprägte Schadenfreude. Gleichzeitig neigen sie kaum zu Aggressivität.“

Bei den gefährlichen Nerds handelt es sich um „introvertierte Datenmenschen, die außer der Informatik keine Interessen haben. Sie sind oft sozial isoliert und zeigen beinahe autistische Züge. Daneben sind Idealismus und Narzissmus typisch für sie.“

Die Ausstellung im Bonner Stadthaus sollte also für die nächste Aktionswoche thematisch erweitert werden, um die Präventionsfahndung ganzheitlich betreiben zu können.