Shitstorms zwischen Streisand-Effekt und virtuellem Mediator

In Vorbereitung meiner angekündigten Shitstorm-Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ führte ich ein interessantes Interview mit dem Internetberater Christoph Kappes. Das Gespräch habe ich noch nicht ganz ausgewertet.

Und zum Audiovergleich auch die WordPress-Variante:

Hier schon mal einige diskussionswürdige Punkte aus dem Kappes-Gespräch:

Unbestritten ist wohl die Tatsache, dass die Mechanismen des Netzes die Massen-Empörungswellen beschleunigen und sichtbar machen. Meinungsäußerungen sind spontaner und schneller möglich als in Offline-Zeiten. Der Aufwand schwindet.

„Früher musste man auf die Straße gehen, heute reicht ein Klick, um sich zu empören“, so Kappes.

Das Ganze sei auch nicht mehr so flüchtig, wie bei Kneipengesprächen.

„Fast alles im Internet wird verschriftet und ist dauerhaft sichtbar und hallt entsprechend nach“, erklärt Kappes.

Im Prinzip sei der Begriff „Shitstorm“ allerdings arm und polarisierend. Und natürlich werde er auch als Kampfbegriff missbraucht und instrumentalisiert. Das passiere auf beiden Seiten – bei den Kritikern und bei jenen, die Shitstorms auslösen. So werde mit Shitstorms gedroht: Wir können, wenn wir wollen. Auf der Gegenseite wiederum werde die Debattenqualität in Frage gestellt.

Und ob Gegenstrategien helfen, ist mehr als fraglich. Da komme von Social Media-Beratern widersprüchliches. Sie erzählten allen Beteiligten vom Streisand-Effekt und kassieren dafür teures Honorar. Und die Kommunikationsverantwortlichen auf Seiten der betroffenen Organisationen reagieren fast immer mit einer Entschuldigung und geben klein bei – was wiederum zur Verstärkung der Shitstorm-Effekte führe.

Da gebe es Shitstorms auf Basis von gerade einmal 73 Tweets, die dann schnell auch noch das Etikett „Shitstorm“ als Hashtag bekommen, um die Wirkung zu erhöhen. Was passiere aber in Zukunft, wenn wirklich breite Bevölkerungskreise sich über soziale Netzwerke empören und eine andere Dimension erschließen?

Kritikwürdig an den Shitstorms sei oftmals die ungeklärte Sachlage und der Verdacht der Instrumentalisierung für ganz andere Zweck. Als Gegenmittel sollte man nach Ansicht von Kappes über schlanke Werkzeuge nachdenken, um die Faktenlage für die Netzöffentlichkeit besser überprüfen zu können. So könnte man Pro- und Contra-Argumente sammeln und Diskussionsstände zusammenfassen. So eine Art Shitstorm-Watch, virtueller Mediator oder Rivva für Shitstorm-Diskurse. So ein Autorenteam könnte man pluralistisch besetzen und über eine Crowdfunding-Aktion finanzieren.

Guter Vorschlag. Besser jedenfalls als die Weisheiten von so genannten Experten für Krisenkommunikation. Eure Meinung? Kolumne muss ich morgen bis 18 Uhr abgeben. Morgen früh habe ich noch ein Interview mit der Business Intelligence Group in Berlin, die Shitstorms statistisch in ihrer Wirkung analysiert haben.