„Riesenwette“ auf KI droht zu platzen – Yogeshwar und Schätzing fordern Europas Denkoffensive #RhAInlandDay

In einem von Julian Yogeshwar moderierten Bühnengespräch beim RhAInland-Day in Siegburg diskutierten der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und Bestsellerautor Frank Schätzing über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz (KI) – und über Europas Rolle darin. Yogeshwar skizzierte dabei ein kühnes Zukunftsszenario: „Ich könnte mir vorstellen, dass irgendwann richtig schlaue Leute in Europa kommen und sagen: Wir haben ein Modell, das viel cleverer ist – es braucht nur einen Bruchteil der Computerpower. Und dann kollabieren die großen Datencenter in den USA“. Mit diesem Kerngedanken – weniger Rechenpower, mehr geistige Effizienz – lieferte Yogeshwar den Aufhänger für eine Debatte, die weit über technische Details hinausgeht. Es geht um nicht weniger als einen möglichen Paradigmenwechsel in der KI-Entwicklung: Setzt Europa auf besseres Denken statt auf brachiale Rechenleistung?

Die Riesenwette auf Hardware

Derzeit dominieren die USA (und in ähnlicher Weise China) das KI-Wettrennen mit einem nahezu unbegrenzten Einsatz von Ressourcen. Tech-Giganten wie OpenAI, Google oder Meta investieren Milliardensummen in immer größere Rechenzentren, spezialisierte KI-Hardware und gigantische Modelle, die nur mit massiver Rechenleistung funktionieren. Yogeshwar spricht von einer „Riesenwette“ auf Hardware-seitige KI-Entwicklung: Immer größere Server-Farmen, befeuert durch leistungsstarke Grafikprozessoren, sollen den Fortschritt erzwingen – sehr zur Freude von Chip-Herstellern wie Nvidia, die als Profiteure dieses Booms gelten. Diese Entwicklung schaukelt sich wechselseitig hoch: Jeder Erfolg eines riesigen KI-Modells animiert die Konkurrenz, mit noch mehr Computerkapazität nachzulegen.

Doch dieses Wettrüsten in den Rechenzentren könnte riskanter sein, als es den Anschein hat. Yogeshwar erinnert daran, dass viele in der Branche bereits vor einer möglichen Blase warnen. Die Logik dahinter: Wenn der Fortschritt ausschließlich von immer mehr Hardwareeinsatz abhängt, könnte ein Punkt kommen, an dem der Ertrag in keinem Verhältnis mehr zu den Kosten steht – oder an dem eine völlig neue Methode das gesamte Modell infrage stellt. Genau hier setzt Europas potentieller Gegenentwurf an.

Europas Gegenentwurf: kognitive Effizienz

Europa verfügt zwar nicht über Tech-Giganten von der Größe eines Google oder Tencent, doch es könnte mit kreativerer KI-Forschung punkten. Yogeshwars Vision zielt auf eine Stärke, die Europa traditionell auszeichnet: Ingenieurskunst und geistige Wendigkeit. Irgendwann, so seine Hoffnung, könnten europäische Forscher ein KI-Modell entwickeln, das mit klügeren Algorithmen denselben Output mit einem Bruchteil der Rechenpower erreicht. Ein solches Durchbruch-Modell würde das bisherige Paradigma auf den Kopf stellen – die gigantischen Server-Farmen der Gegenwart wären plötzlich überdimensioniert und ökonomisch obsolet. Die großen Datencenter würden kollabieren, weil man merkt, dass es auch mit wesentlich weniger geht.

Dieses Konzept einer kognitiven Effizienz – mehr Intelligenz im System statt bloßer Rohleistung – hat geopolitische Sprengkraft. Es spielt auf Europas Trumpfkarte an: statt im Hardware-Wettrennen hinterherzulaufen, einen anderen Weg zu gehen. Während Silicon Valley und chinesische Tech-Metropolen auf das Prinzip „viel hilft viel“ setzen, könnte Europa mit „clever statt massiv“ kontern. Das bedeutet Investition in Systemintelligenz: besser auf den Kontext zugeschnittene KI-Modelle, effizientere Algorithmen, eine symbiotische Verzahnung von Mensch und Maschine. Die Grundfrage dahinter lautet: Lässt sich künstliche Intelligenz auch mit weniger Daten und weniger Rechenaufwand auf ein hohes Niveau bringen – durch elegantere mathematische Ansätze oder smartere Nutzung von Vorwissen? Sollte dies gelingen, würde es den aktuellen KI-Markt fundamental verändern und Europa eine verspätete Chance zur Technologieführerschaft bieten.

Noch ist dieses Szenario hypothetisch. Doch in der Diskussion wurde deutlich, dass Europas Aufholjagd in der KI nicht zwingend über das Nachbauen amerikanischer oder chinesischer Rechenzentren führen muss. Stattdessen könnte ein europäischer Weg darin bestehen, Innovationsgeist über Investitionsvolumen zu stellen. Dafür allerdings – so der Tenor des Dialogs – braucht es mehr als technische Finesse: Es braucht vor allem Mut zum Umdenken. Hier kommt Frank Schätzing ins Spiel.

Lähmende Angst und verpasste Chancen

Schätzing, bekannt durch techniknahe Thriller und als engagierter Kommentator, richtete den Fokus auf eine mentale Blockade in Deutschland und Europa: Angst und Visionslosigkeit. Er diagnostiziert eine gefährliche Zögerlichkeit in Politik und Wirtschaft. „Wir waren ein Land, das das Meiste richtig machen wollte – und sind zu einem geworden, das das Wenigste falsch machen will“, hielt Schätzing kritisch fest. Diese Entwicklung über die letzten zwei Jahrzehnte – vom Gestaltungswillen hin zur Vermeidungsstrategie – habe zu einer Kultur der Vorsicht geführt, die Innovation lähmt. Man fahre „auf Sicht, aber ohne Vision“: Politik und Unternehmen agieren nur noch kurzfristig und risikoscheu, statt mutig langfristige Ziele zu formulieren.

Die Konsequenzen dieser Haltung sind laut Schätzing fatal, denn die Chancen liegen auf dem Tisch. Gerade der Mittelstand könnte von KI enorm profitieren – wenn er sich denn traut. Zahlen untermauern diese These eindrucksvoll: Eine aktuelle Studie von PwC beziffert das zusätzliche Wertschöpfungspotenzial durch KI-Anwendungen allein für Deutschlands Mittelstand bis 2030 auf 10–12 % des Bruttoinlandsprodukts, was 400 bis 450 Milliarden Euro entspricht. Es geht also um Hunderte Milliarden Euro, die buchstäblich auf der Straße liegen. Doch vielerorts dominieren Bedenken: Kostet KI Arbeitsplätze? Können wir uns das leisten? Fehlen die Fachkräfte? Schätzings Appell: Diese lähmende Angst müsse dringend abgelegt werden. Weder dürfe die Politik weiter durch zögerliche Regulierung und fehlende Strategie bremsen, noch sollten Unternehmen in der Schockstarre verharren. KI ist eine Anfangsinvestition, so Schätzing sinngemäß – der Nutzen komme oft erst mittelfristig. Aber wer den Schritt nicht wage, riskiere den Anschluss endgültig zu verlieren.

Am Ende wurde klar: Nicht die Maschinen selbst sind Europas Problem, sondern die menschliche Haltung. Weder Yogeshwar noch Schätzing malen dystopische Bilder allmächtiger KIs, die den Kontinent unterjochen. Die eigentliche Gefahr für Europa besteht in Denkfaulheit und politischer Mutlosigkeit. Wenn Europa im KI-Zeitalter ins Hintertreffen gerät, dann weil es an Visionen fehlt – nicht an Rechenzentren. Die Botschaft des Abends lässt sich daher auf einen Nenner bringen: Die Wende gelingt nur mit Köpfchen. Europe’s Schicksal im KI-Wettrennen entscheidet sich weniger an der Zahl der Computer, sondern an der Bereitschaft, groß zu denken und mutig zu handeln. Wie Schätzing eindringlich formulierte: „Wir fahren auf Sicht, aber ohne Vision.“ – höchste Zeit also, den Nebel aus Angst zu lichten und den Kurs auf die Zukunft zu setzen.

Zukunftsmacher-Studie 2025: Der innovative Mittelstand in Deutschland trotzt der Permakrise mit KI, Daten und digitaler Resilienz

Geopolitische Spannungen, schwacher Konsum und globale Unsicherheiten prägen die Wirtschaft – doch der Mittelstand in Deutschland zeigt sich bemerkenswert robust: Laut der neuen Zukunftsmacher-Studie 2025 bewerten 59 Prozent der befragten Unternehmen ihre wirtschaftliche Lage als stabil („grün“), weitere 30 Prozent als moderat („gelb“). Nur eine Minderheit von unter zehn Prozent sieht sich im roten Bereich.

„Das Geschäft steckt nicht in der Krise – es ist von Krisen geprägt“, sagt Studienleiter Bernhard Steimel vom Smarter-Service-Institut. „Genau darin liegt die eigentliche Stärke der Zukunftsmacher: Sie organisieren sich nicht gegen Krisen, sondern durch sie.“

Wachstum trotz Gegenwind

Während allgemein die Wirtschaft stagniert – das preis-, saison- und kalenderbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag laut Statistischem Bundesamt im dritten Quartal 2025 bei 0,0 Prozent Wachstum, wachsen 87 Prozent der befragten Unternehmen.

31 Prozent verzeichnen moderate Steigerungen bis zu zehn Prozent, weitere 56 Prozent zweistellige Zuwächse. „Digitale Vorreiter kennen keine Rezession“, so Steimel. Wachstum entsteht, wo Daten, Prozesse und Menschen intelligent vernetzt werden.

Hemmnisse bleiben dennoch: 46 Prozent nennen Konsum- und Investitionszurückhaltung als Hauptbremsklotz, gefolgt von Regulierung (22 Prozent) und Fachkräftemangel (15 Prozent). Die Unternehmen reagieren mit Rückverlagerung von Produktion oder Dienstleistungen aus dem Ausland zurück ins eigene Land (Reshoring), flexiblen Lieferketten und neuen Geschäftsmodellen.

Resilienz wird Systemfähigkeit

Die Studie identifiziert fünf Quellen der Widerstandskraft:

  1. Smartness – vernetzte Produkte und Services
  2. Resonanzfähigkeit – schnelle Reaktion auf Marktimpulse
  3. Entschlossenheit – Investitionen trotz Unsicherheit
  4. Handlungsschnelligkeit – rasche Umsetzung digitaler Projekte
  5. Anpassungsfähigkeit – Stabilität in volatilen Märkten

Steimel fasst zusammen: „Resilienz ist keine reine Haltung, sondern eine Systemfähigkeit – sie entscheidet darüber, ob Unternehmen Krisen meistern oder scheitern.“

KI als Wachstumstreiber

Künstliche Intelligenz ist zum Produktivitätsmotor geworden:
Laut Studie berichten Unternehmen von Effizienzgewinnen bis zu 80 Prozent in einzelnen Prozessen. Besonders im Vertrieb und Service beschleunigen KI-Agenten und automatisierte Entscheidungsunterstützung die Arbeit.

„Der Mittelstand hat die Lektion gelernt: Ein Mitarbeiter mit KI ist ein besserer Mitarbeiter als ohne“, erläutert Steimel. Er prägt dafür den Begriff der AI-infused Company – eine Organisation, in der KI den Menschen stärkt, nicht ersetzt.

Erfolgsfaktoren: Digitalisierung nach innen und außen

39 Prozent der Unternehmen nennen digitale Produkte und Services als Haupttreiber ihres Erfolgs, 26 Prozent interne Prozessautomation, 20 Prozent digitalen Vertrieb.
Ein Maschinenbauer brachte es laut Studie auf den Punkt: „Premiumkunden erwarten heute digitale Zusatzservices – sonst sind wir austauschbar.“

Damit wird Digitalisierung doppelt wirksam: als Effizienzmaschine im Inneren und als Werttreiber am Markt.

Über die Studie

Die Zukunftsmacher-Studie 2025 ist Teil einer seit 2017 laufenden Forschungsreihe zur digitalen Transformation im deutschsprachigen Mittelstand. Für die aktuelle Erhebung wurden 55 Interviews mit Führungskräften aus Industrie, Handel, Dienstleistung und Technologie ausgewertet.
Themenschwerpunkte: Krisenfestigkeit, Wachstum, KI-Reifegrad und digitale Wertschöpfung.
Herausgegeben wird die Studie von Bernhard Steimel (Mind Digital, Smarter-Service-Institut) in Kooperation mit der Convidera Group in Köln.

Die Kurzfassung kann man kostenlos über das Smarter-Service-Magazin herunterladen.

Die Langfassung gibt es über die KI-Compass-Website von Convidera.

Wie das Handwerk mit Künstlicher Intelligenz seine Zukunft baut

Manchmal beginnt der Fortschritt im Morgengrauen – in der Backstube, nicht im Forschungszentrum. Zwischen Mehlstaub und Messdaten, dort, wo Routine auf Präzision trifft, entsteht gerade eine stille Revolution: Künstliche Intelligenz im Handwerk. Was vor wenigen Jahren noch nach Silicon-Valley-Vokabular klang, wird heute in Bäckereien, Tischlereien und Bauhöfen praktisch umgesetzt. Und ausgerechnet diese kleinen Betriebe zeigen, was vielen Konzernen noch schwerfällt – wie man KI in echte Wertschöpfung übersetzt.

Vom Rezept zur Roadmap

Andreas Fickenscher, Bäcker in der dritten Generation, hat nicht gewartet, bis die KI ihm die Arbeit abnimmt. Er hat zuerst Ordnung geschaffen. Prozesse kartieren, Daten strukturieren, Routinen digitalisieren – fünf Jahre Vorbereitung, bevor der erste Algorithmus lief. Heute entscheidet in seiner Bäckerei eine lernende Software, wann Croissants nachgebacken werden. Kameras zählen Produkte in der Theke, Vorhersagemodelle kalkulieren den Absatz. Was früher Instinkt war, ist nun datenbasierte Feinabstimmung – und doch bleibt der Mensch das Maß: der Blick, der Duft, die Hand am Teig.

„Der prüfende Blick auf das Zahnrad bleibt unersetzlich“, schreibt Johannes Winkelhage in der FAZ. Das gilt auch für den Brotteig. KI ersetzt nicht das Handwerk, sie verlängert es.

Entwürfe auf Zuruf

Anke Freund, Tischlerin aus Niedersachsen, geht den umgekehrten Weg: Sie lässt die Kundschaft selbst mit der Maschine sprechen. Ihr Chatbot entwirft Möbel auf Zuruf – „skandinavisch, Eiche, schwebend“ –, generiert binnen Minuten Visualisierungen und spart Tage in der Beratung. Die KI wird zum kreativen Assistenten, nicht zum Ersatz. Für Freund ist das keine technische, sondern eine kulturelle Innovation: Zeitgewinn durch Beteiligung.

Die Tischlerei gehört zu den „digitalen Orten Niedersachsens“, ausgezeichnet für ihre Prozessgestaltung. Doch entscheidend ist nicht die Software, sondern der Mut, sie in die Werkstatt zu holen. KI, sagt sie, beginne nicht mit Code, sondern mit Neugier.

Ordnung im Werkzeugraum

Bastian Strauß schließlich hat ein Problem gelöst, das jedes Handwerksunternehmen kennt: das Chaos der Betriebsmittel. 9 000 Leitern, 36 Bohrmaschinen, 300 Feuerlöscher – wer weiß, wo sie stehen? Seine Plattform „Lizard“ digitalisiert das Inventar, lässt Prüfprotokolle per KI auslesen, ordnet Daten automatisch zu. Der Handwerker muss nichts mehr eintippen, die Maschine lernt aus jeder Korrektur. Die Zukunft des Handwerks, so zeigt sich hier, ist nicht Automatisierung, sondern Augmentation – die Erhöhung menschlicher Reichweite durch kluge Werkzeuge.

Die großen Linien

Die drei Beispiele fügen sich in ein größeres Bild. Laut der neuen Studie „Die Zukunftsmacher 2025“ investieren Mittelständler inzwischen 30 Prozent ihres Digitalbudgets in Künstliche Intelligenz – ein Viertel ihres gesamten Technologie-Aufwands. Die Effekte sind messbar: 22 Prozent höhere Produktivität, 20 Prozent Leistungssteigerung, zehn Prozent Ergebnisbeitrag.

Besonders aktiv sind jene Branchen, in denen Prozesse standardisiert und datenreich sind – also auch das Handwerk. Dort entsteht die neue Maturity: datengetriebene Planung, Predictive Quality, smarte Kundenkommunikation. 91 Prozent der Unternehmen setzen bereits auf eigene Company-GPTs als Wissensagenten.

Das Handwerk ist damit kein Nachzügler, sondern Labor für Skalierbarkeit. Was im Kleinen funktioniert, kann im Großen multipliziert werden.

Die Lehre der Praktiker

Aus den Fallbeispielen lassen sich drei Prinzipien ableiten – die gleichen, die auch die Zukunftsmacher-Studie benennt:

  1. Quick Wins schaffen Akzeptanz. Digitale Checklisten oder einfache Assistenten liefern sofort Nutzen und räumen politische Hürden aus dem Weg.
  2. Spezialisierte Agenten statt generischer Tools. Ein Bäcker braucht andere Algorithmen als ein Installateur. Wirkung entsteht, wenn KI die Fachlogik versteht.
  3. Datenhygiene vor Automatisierung. Ohne saubere Prozesse wird nur Chaos beschleunigt.

Zukunft aus Tradition

Was die drei Handwerker eint, ist die Fähigkeit, aus Druck Innovation zu machen. Energiepreise, Fachkräftemangel, Bürokratie – wer im Handwerk bestehen will, muss effizienter werden. Doch Effizienz heißt hier nicht Entfremdung, sondern Wiederaneignung der eigenen Arbeit.

Die KI hilft, Wissen sichtbar zu machen, das bislang in Köpfen verborgen war. Sie übersetzt Erfahrung in Daten und gibt sie an die nächste Generation weiter. So entsteht eine neue Form von Handwerk – digital, aber nicht entseelt.

Und vielleicht beginnt genau hier, zwischen Ofenhitze und Holzduft, das industrielle Comeback, von dem die Zukunftsmacher sprechen.

Siehe auch den Google-Blog:

Fickenschers Rezept für eine erfolgreiche Zukunft mit KI

Zukunftsmacher-Studie ist heute erschienen und kann heruntergeladen werden.

Big Country in der Harmonie Bonn – Die Rückkehr eines blauen Kadetts

Die Nacht begann mit einem Flirren. Kein Licht, kein Effekt, einfach ein Ton – dieser Ton, den man sofort erkennt, wenn man einmal in den Achtzigern gelebt hat. Gitarre wie Wind. Schlagzeug wie Asphalt. Big Country.

Ich stand da, irgendwo zwischen Gegenwart und Erinnerung, und dachte plötzlich an Berlin, an Neukölln, an die FU-Berlin. An die Buckower Clique, an den blauen Opel Kadett, Baujahr 1970. Das erste eigene Auto. Der Lack stumpf, das Radio laut. Ein Sony-Kassettenrekorder, der jede Fahrt zu einem Konzert machte.

„In a big country, dreams stay with you…“

Das Band lief, und wir liefen mit. Nachtfahrten an den Wannsee, Zonenfahrten nach Westdeutschland, Feten in Kellern, die nach Rauch und Hoffnung rochen. Manchmal schaffte ich es, pünktlich zum Samstagsseminar bei VWL-Professor Schmähl an der FU-Berlin in Dahlem: Zukunft der Rente, 8:30 Uhr. Ich saß hinten, Kopf auf dem Tisch, Big Country im Ohr. Der Professor redete von Generationen und Umlageverfahren, ich dachte an Melodien und Mädchen.

Und dann, Jahrzehnte später, stehe ich in der Bonner Harmonie. Bruce Watson greift in die Saiten, als wäre keine Zeit vergangen. Neben ihm sein Sohn Jamie, jung, konzentriert, stolz. Der Sound bricht aus den Boxen, kompakt, ehrlich, unverkennbar. „Fields of Fire“, „Chance“, „Look Away“. Hymnen einer Generation, die nicht laut sein musste, um stark zu wirken.

Ich spüre, wie sich der Raum verändert. Menschen nicken, lächeln, summen. Kein Nostalgieabend – eher ein kollektives Wiederfinden. Wir, die wir damals alles wollten, stehen wieder zusammen. Nicht als Sieger, nicht als Verlierer. Nur als Zeugen eines Gefühls.

Big Country klang nie wie Flucht. Immer wie Ankunft. Diese Gitarren, die klingen, als kämen sie aus den Highlands, wo der Nebel den Felsen küsst. Musik, die aus der Landschaft kommt, nicht aus der Mode.

Als „Wonderland“ einsetzt, sehe ich kurz den Kadett wieder vor mir. Das Licht der Tankstelle, die Dosen im Kofferraum, ein Mädchen mit Dauerwelle, das „Mach lauter“ sagt. Und dann dreht jemand am Knopf, und der Song füllt die Nacht.

So klingt Erinnerung, wenn sie kein Schmerz mehr ist, sondern Musik.

Bruce Watson hebt die Gitarre, lächelt, schwitzt. Die Band spielt, als müsste sie nichts beweisen. Vielleicht ist das das Geheimnis: Wer einmal Teil des eigenen Soundtracks war, bleibt es.

Als die letzten Akkorde verklingen, denke ich, dass wir alle ein bisschen wie dieser alte Kadett sind: verbeult, aber fahrtüchtig. Und dass es Bands wie Big Country braucht, damit man nicht vergisst, wie sich Aufbruch anfühlt.

Der Abend endet ohne große Worte. Kein Feuerwerk, kein Posing. Nur dieser Nachhall – wie Wind über altem Asphalt.

Und irgendwo da draußen, im Kopf, schaltet jemand das alte Kassettenradio wieder ein.
Klick.
Play.

Der Geschmack des Schweigens – Jacques Rivière hundert Jahre nach seinem Tod: Matinée der Marcel Proust Gesellschaft in Köln

Man könnte sagen: Jacques Rivière war der erste, der an der Sprache erkrankte. Nicht, weil er sie verlor, sondern weil er zu genau wusste, was sie anrichtet. In einem Jahrhundert, das den Schmerz katalogisierte und den Krieg ästhetisierte, war er der Mann, der sich weigerte, noch einmal zu schießen – selbst mit Worten.

Am 23. November 2025 erinnert die Marcel Proust Gesellschaft in Köln-Müngersdorf mit einer Matinée an seinen hundertsten Todestag. Doch man wird dort nicht bloß einem Autor begegnen, sondern einem Gewissenszustand, der aus der Zeit gefallen scheint: der Scham des Intellekts.

Rivières Schrift L’Allemand ist kein nationalistisches Pamphlet, sondern ein seelisches Labor. Ein französischer Kriegsgefangener versucht, den Feind zu verstehen – und erkennt, dass das eigentliche Schlachtfeld in ihm selbst liegt. Schon das Avant-propos ist ein Dokument moralischer Selbstprüfung: Darf ein Mensch über andere urteilen, wenn er selbst dem Leiden entkommen ist? Hat er das Recht, Sätze zu veröffentlichen, deren jedes Wort in der Welt ein neues Maß an Schmerz erzeugen könnte?

Rivière war der Denker der Hemmung. Er wog die Sprache, wie andere den Stahl. Für ihn war Schreiben kein Ausdruck, sondern eine Askese. Worte, so wusste er, sind Splitterkörper – sie treffen nicht nur die Gegner, sondern auch jene, die sie aussprechen.

Während Proust die Zeit in Duft und Erinnerung auflöste, versuchte Rivière, sie zu desinfizieren. Proust komponierte Sätze, in denen das Bewusstsein seine eigene Musik hörte; Rivière sezierte das Denken, um es moralisch zu reinigen. Er schrieb, um sich selbst zu entgiften. „Je me débarrasse“, notiert er – ich befreie mich. Nicht vom Feind, sondern von der Versuchung des Hasses.

Diese Nüchternheit, die sich anfühlt wie Fieber, verleiht L’Allemand eine fast körperliche Intensität. Der Text ist ein Akt geistiger Hygiene – eine Reinigung vom Ressentiment. Rivière nennt es „vomir les Allemands“ – er will sie aus sich herausschreiben, nicht um sie zu vernichten, sondern um sie nicht länger in sich zu tragen. Schreiben als Exorzismus, Denken als physische Therapie.

Doch was aus diesem Selbstversuch hervorgeht, ist keine Läuterung, sondern eine Erkenntnis: Der Hass hat kein Gegenteil. Das Gegenteil des Hasses ist nicht die Liebe, sondern das Leere. „Das ist mir egal“ – für Rivière der Urlaut des deutschen Charakters, aber in Wahrheit das erste moderne Bekenntnis Europas. Gleichgültigkeit als Metaphysik: Das war sein Befund, und er bleibt beunruhigend aktuell.

Hundert Jahre später ist diese Diagnose fast prophetisch. Europa, erschöpft von Empörung und Pose, schwankt zwischen moralischem Überschwang und saturierter Müdigkeit. Die Leidenschaft ist zur Rhetorik geworden, die Empfindung zur Funktion. Rivières Blick – scharf, melancholisch, unbestechlich – könnte geradewegs in unsere Gegenwart zielen: ein Zeitalter, das seine Überzeugungen wie modische Accessoires wechselt und im Restzweifel seine einzige Tugend sieht.

Darum ist diese Kölner Matinée mehr als eine Gedenkfeier. Sie ist ein Experiment über die Empfindlichkeit. Reiner Speck, der Proust-Sammler, öffnet seine Bibliotheca Proustiana; Jürgen Ritte spricht über den geistigen Ort Rivières, Robert Kopp über die Spannung zwischen Klassik und Moderne, Bernt Hahn leiht dem Toten seine Stimme. Zwischen Manuskripten, Glasvitrinen und Wein wird man die alte Frage hören: Kann Denken Anstand haben?

Rivières letzter Satz im Avant-propos lautet: Il ne se passera rien du tout. – Es wird nichts geschehen.
Er meinte es als Kapitulation, und doch war es eine Verheißung. Vielleicht ist es genau diese Unwahrscheinlichkeit des Geschehens, die ihn unvergänglich macht.

Am Ende bleibt von Rivière nicht die Lehre, sondern die Geste: das Zögern, bevor man spricht. Die Weigerung, sich selbst für unfehlbar zu halten. Eine Form von moralischer Eleganz, die wir verlernt haben.

Vielleicht wird man, wenn die Stimmen der Matinée verklungen sind und der Nachmittag sich senkt über Köln-Müngersdorf, einen Augenblick lang spüren, was Rivière meinte:
dass jedes Wort, das man nicht sagt, ein gerettetes Leben ist. Sieht man sich am 23. November in Köln-Müngersdorf?

Energie ohne Wahrheit – Die Monopolkommission und das Märchen von der grünen Wärme

Es sind die trockenen Dokumente, die manchmal die größten Wahrheiten enthalten. Das neue Gutachten der Monopolkommission zur Energiepolitik liest sich wie ein sezierender Kommentar zur Selbsttäuschung eines ganzen Landes. Hinter der Sprache ökonomischer Modelle – Nodal Pricing, Netzentgelte, Redispatch – verbirgt sich eine fundamentale Diagnose: Die deutsche Energiewende ist weniger ein technologisches als ein semantisches Projekt. Sie lebt davon, Begriffe umzudeuten, bis aus Ineffizienz Innovation wird, aus Bürokratie Steuerung und aus Abwärme plötzlich „grüne Wärme“.

Das System der Fehlanreize

Im Zentrum des Gutachtens steht die nüchterne Erkenntnis, dass Deutschland an seiner eigenen Strompreis-Architektur scheitert. Die Kommission schreibt von „Netzdienlichkeit“, einem jener Fachwörter, die man überliest, bis man begreift, was sie bedeuten: Ein System, das nicht weiß, wann und wo Energie gebraucht wird, verteuert sich selbst. Die Strompreise sind hoch, weil das Netz überlastet ist – und das Netz ist überlastet, weil die Preise gleichförmig sind.

Die Politik reagiert darauf mit einer Mischung aus Almosen und Aktionismus: Stromsteuer runter, Subventionen rauf, Sondervermögen hier, Klima- und Transformationsfonds da. Doch die Monopolkommission entlarvt diese Maßnahmen als kosmetisch. Sie lindern Symptome, nicht Ursachen. Der Markt bleibt blind für Knappheit, weil er sie nicht sehen darf.

Der Preis als moralisches Tabu

Die radikalste Empfehlung der Kommission – die Einführung einer nodalen Strombepreisung – wäre ökonomisch zwingend und politisch revolutionär. Strompreise sollen dort steigen, wo das Netz überfordert ist, und sinken, wo Kapazitäten frei sind. Ein System, das endlich die physikalische Wahrheit abbildet. Doch diese Idee kollidiert mit dem deutschen Gleichheitsdogma: Ein Strompreis darf nicht regional unterschiedlich sein, weil Ungleichheit hier nicht als ökonomisches Faktum, sondern als moralische Zumutung gilt.

So bleibt alles beim Alten. Die Politik subventioniert die Folgen ihrer eigenen Verzerrungen. Und während Milliarden in den Netzausbau fließen, wächst der Strompreis weiter – ein Lehrbuchfall für das, was die Kommission „ineffiziente Systemkosten“ nennt.

Der blinde Fleck der Energiewende: Fernwärme

Besonders scharf fällt die Analyse im Kapitel über Fernwärme aus: Hier verdichten sich alle Widersprüche der Energiepolitik: Monopolstrukturen, Intransparenz, und eine erstaunliche rhetorische Geschmeidigkeit im Umgang mit physikalischen Realitäten.

Fernwärme gilt offiziell als „klimaneutral“, sobald sie aus „Abwärme“ gespeist wird. Doch was in der politischen Kommunikation als grün erscheint, ist oft graue Energie in neuem Sprachgewand. Müllheizkraftwerke, die ineffizient Reststoffe verbrennen, werden zu „Klimarettern“ erklärt, während hocheffiziente Gaskraftwerke – die Strom und Wärme zugleich erzeugen und dabei Wirkungsgrade von bis zu 90 Prozent erreichen – als fossile Altlasten gelten.

Die Monopolkommission benennt die Schieflage unverblümt: Fernwärmeversorger seien meist lokale Monopolisten, die Erzeugung, Vertrieb und Verteilung in einer Hand halten – mit entsprechendem Preissetzungsspielraum. Kunden können kaum wechseln, Kommunen vergeben Wegerechte oft ohne Ausschreibung, und die Transparenz über tatsächliche Wärmekosten bleibt dürftig.

Wettbewerb als vergessene Kategorie

Die Monopolkommission empfiehlt, die Wärmemärkte für echten Wettbewerb zu öffnen: durch Ausschreibungen, Benchmark-Vergleiche und Preistransparenz. Eine „Preistransparenzplattform“ soll Licht in das Dickicht aus Tarifen, Zuschlägen und Betriebskosten bringen. Mehr noch: Kommunen sollen ihre Konzessionen nicht mehr automatisch an lokale Versorger vergeben dürfen, sondern in offenen Verfahren, die den Markteintritt alternativer Anbieter ermöglichen.

Es sind Vorschläge, die in anderen Branchen selbstverständlich wären, in der Fernwärme aber als Provokation gelten. Denn dort, wo sich Politik und Energieversorger seit Jahrzehnten gegenseitig bestätigen, gilt Wettbewerb als störend.

Zwischen Generationenwechsel und Investitionsflaute #KfW #Mittelstandspanel @Bundeskanzler @KfW_Research

Das neue KfW-Mittelstandspanel zeigt ein Deutschland, das trotz Rezession noch atmet – aber leise. Der Mittelstand hält Kurs, doch der Wind frischt auf. Hinter stabilen Zahlen verbirgt sich eine ökonomische Ermüdung, die weniger mit Konjunkturzyklen als mit Demografie, Bürokratie und einer strukturellen Verzagtheit zu tun hat.

Die Bilanz für 2024 liest sich zunächst solide: Die Umsätze der kleinen und mittleren Unternehmen stiegen nominal um zwei Prozent auf 5,2 Billionen Euro, preisbereinigt ergibt sich ein Minus von einem Prozent. Die Zahl der Beschäftigten kletterte auf ein Rekordniveau von über 33 Millionen Menschen – das sind sieben Millionen mehr als vor zwanzig JahrenKfW-Mittelstandspanel 2025. Ein beeindruckender Befund in einem Land, das sich seit Jahren in der Wachstumsstagnation eingerichtet hat.

Doch in dieser Stabilität liegt ein Paradox. Denn der Mittelstand investiert kaum noch. Nur 39 Prozent der Unternehmen haben im vergangenen Jahr Investitionsprojekte umgesetzt – ein Wert nahe dem AllzeittiefKfW-Mittelstandspanel 2025. Das Investitionsvolumen stagniert, die Modernisierung stockt, und die Produktivität wächst nur noch im Schneckentempo. Was wie eine vorsichtige Anpassung an unsichere Zeiten aussieht, ist in Wahrheit ein Symptom tiefer liegender Strukturen.

Demografie als Wachstumsbremse

Mit zunehmendem Alter der Unternehmer sinkt die Bereitschaft zu investieren – ein wiederkehrendes Muster, das die KfW-Analysen seit Jahren dokumentieren. Das Durchschnittsalter der Inhaberinnen und Inhaber liegt heute bei über 54 Jahren, in vielen Branchen deutlich höher. Wer über Jahrzehnte aufgebaut hat, riskiert am Ende selten noch große Sprünge. Investitionen rechnen sich nur, wenn man sie noch selbst ernten will.

Auf meine Frage, ob diese Altersstruktur nicht die eigentliche Wachstumsbremse sei, antwortete KfW-Chefvolkswirt Dr. Dirk Schumacher mit einem Satz, der zum Kern der Sache führt:
„Immer dann, wenn die Nachfolge gelingt, steigt auch die Investitionsbereitschaft sofort wieder.“

Das ist der entscheidende Punkt: Nachfolge ist kein administrativer Vorgang, sondern ein psychologischer Kippschalter. Wo ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin das Ruder übernimmt – sei es aus der Familie, durch ein Management-Buy-out oder einen externen Erwerb –, beginnt fast reflexartig ein neuer Investitionszyklus.

Die Nachfolge als Konjunkturprogramm

Die KfW betreibt dafür seit einiger Zeit ein spezielles Nachfolgeportal, das Unternehmerinnen und Unternehmer auf der Suche nach geeigneten Nachfolgern unterstützt. Es ist mehr als eine digitale Plattform – es ist ein wirtschaftspolitisches Instrument. Denn die Dimension des Problems ist immens: Schätzungen zufolge stehen in den nächsten fünf Jahren über 500.000 Unternehmen vor der Übergabe. Jeder zweite Inhaber über 60 hat noch keinen Nachfolger gefunden.

Bleibt diese Lücke bestehen, droht der Mittelstand in eine demografische Schere zu geraten: oben das Kapital, das mangels Perspektive brachliegt; unten die Talente, die keine Unternehmen finden, die sie übernehmen können. Wer die Nachfolge nicht organisiert, verliert nicht nur Firmen, sondern ganze Wertschöpfungsketten – vom Zulieferer bis zum Ausbildungsbetrieb.

Hier liegt ein klarer Auftrag an die Wirtschaftspolitik der neuen Merz-Regierung: Deutschland braucht nicht nur mehr Gründer, sondern auch Protagonisten der Nachfolge. Die klassische Gründungsförderung greift zu kurz, wenn sie nicht zugleich die Unternehmensübergabe als Form des Neuanfangs begreift.

Von der Stabilität zur Erneuerung

Die Zahlen des KfW-Mittelstandspanels belegen: Die Eigenkapitalquote bleibt mit 30,7 Prozent stabil, die Rentabilität liegt bei soliden sieben Prozent, die „Zombiequote“ – Unternehmen mit kritischer Schuldentragfähigkeit – beträgt nur 3,6 ProzentKfW-Mittelstandspanel 2025. All das zeigt die finanzielle Robustheit der deutschen KMU. Doch finanzielle Stabilität ist nicht dasselbe wie Zukunftsfähigkeit.

Investitionen sind die Sprache des Vertrauens in die Zukunft. Wenn sie ausbleiben, spricht das Bände über die Unsicherheit im System. Die Demografie ist dabei kein Schicksal, sondern ein Gestaltungsfeld: Jede gelungene Nachfolge verwandelt Stillstand in Bewegung, Kapital in Kreativität.

Die Aufgabe der kommenden Jahre

Das KfW-Mittelstandspanel 2025 ist nicht nur ein Konjunkturbericht, sondern ein Spiegel der Generationenökonomie. Es zeigt, dass Wachstum in Deutschland nicht an fehlenden Ideen, sondern an fehlender Übergabe scheitert. Die Investitionsquote wird erst dann wieder steigen, wenn die Nachfolgefrage als nationale Zukunftsaufgabe begriffen wird.

In den Händen der Merz-Bundesregierung liegt es, die Weichen zu stellen: weniger Regulierung, mehr Vertrauen, steuerliche Anreize für Übergaben – und eine Kultur, die Nachfolge nicht als Abschied, sondern als Anfang versteht. Nur dann wird aus der stabilen Gegenwart wieder eine investive Zukunft.

Vom kleinen Amt zum lebendigen Hardtberg – Eine Duisdorfer Zeitreise

Ein Amt mit sieben Beamten und großer Verantwortung

Als das Amt Duisdorf noch existierte, wirkte es wie ein Verwaltungsmikrokosmos am Rande Bonns – klein, aber bedeutend. In dem 1905 errichteten Backsteingebäude an der Villemombler Straße (im Volksmund liebevoll „Kreml“ genannt wegen seines Türmchens und der Zwiebeldach-Giebel) erledigte eine Handvoll Beamter – der Legende nach waren es sieben – sämtliche Amtsgeschäfte. Von 1927 bis zur Auflösung am 31. Juli 1969 war das Amt Duisdorf ein eigenständiger Verwaltungsbezirk im Landkreis Bonn und umfasste elf ländlich geprägte Gemeinden. Hier wurden Geburtsurkunden geschrieben, Baugenehmigungen gestempelt und die Feuerwehr koordiniert – man verwaltete eben „das ganze kleine Universum Duisdorf“ mit all seinen Dörfern. Nach der Machtübernahme 1933 setzten die Nationalsozialisten den gewählten Gemeinderat ab, und 1934 wurde das Amt Duisdorf mit dem benachbarten Amt Oedekoven fusioniert. Fortan betreute man von Duisdorf aus elf Ortschaften – eine Aufgabe, die das Mini-Rathaus und seine wenigen Bediensteten erstaunlich effizient stemmten.

Doch im Zuge der kommunalen Neuordnung 1969 endete diese Epoche abrupt: Das Amt Duisdorf wurde aufgelöst, mehrere seiner Dörfer wurden zur neuen Gemeinde Alfter zusammengeschlossen, und Duisdorf selbst in die Stadt Bonn eingemeindet. Mit einem Federstrich verwandelte sich die beschauliche Amtsverwaltung in eine Bonner Verwaltungsstelle – und das einst eigenständige „Dörfchen“ wurde zum Stadtteil. In den Jahren zuvor hatte sich Duisdorf bereits vom Provinznest zur „Beamtenstadt“ gemausert: Wo früher Bauernhöfe standen, zogen Beamte und Ministerialbedienstete ein. Die Einwohnerzahl schoss von rund 4.000 Anfang der 1950er auf über 20.000 hoch. Man könnte sagen, das kleine Amt mit seinen sieben Beamten hatte den Weg für einen großen Aufschwung geebnet – und verschwand dann in der Großstadt Bonn. Zurück blieb das denkmalgeschützte Rathausgebäude als stummer Zeuge, in dem heute die Bezirksverwaltung Hardtberg residiert. Und man fragt sich unwillkürlich, ob die sieben Beamten von einst wohl ahnten, dass ihr Reich eines Tages in der Anonymität der Großstadt aufgehen würde.

Das Wunderwasser des Kurfürsten – und was daraus entsprang

Es plätschert heute noch idyllisch im Duisdorfer Oberdorf: das Quellwasser, dem man einst wundersame Kräfte zuschrieb. Über der sprudelnden Kurfürstenquelle steht ein unscheinbares Backstein-Häuschen mit dem Wappen des Kölner Kurfürsten – 1777 ließ Kurfürst Maximilian Friedrich diesen Brunnenbau errichten, um das begehrte Wasser sauber und sicher zu fassen Schon Kurfürst Joseph Clemens hatte 1715 eine Wasserleitung von hier bis in seine Residenz installieren lassen. Und tatsächlich: Dieses Duisdorfer Wasser galt als so rein und bekömmlich, dass es in der Barockzeit kostbarer war als mancher Wein. Der Kurfürst ließ es in hölzernen Rohren über mehrere Kilometer bis nach Poppelsdorf und Bonn leiten – direkt zum Schloss und sogar bis zur Marktbrunnen-Fontäne, damit auch die Bonner Bürger vom „guten Wasser“ profitieren konnten. Die Hofküche, die Schlossgartengärtner und selbst die kurfürstliche Brauerei in Bonn bekamen ihr Nass aus Duisdorf.

Der Reporter stellt sich vor, wie der Kurfürst persönlich an heißen Sommertagen einen Becher dieses Quellwassers genoss – ob es wirklich „Wunderwasser“ war? Für die Duisdorfer Bauern war es auf jeden Fall ein Segen: Weil sie den Brunnen jahrhundertelang pflegten, erhielten sie vom Landesherrn besondere Privilegien. Schon 1550 bestätigte ein Stadtratsprotokoll, dass Duisdorfer Bauern in Bonn keine Marktgebühr zahlen und an den Stadttoren von der Akzise (Steuer) befreit seien – als Dank dafür, dass sie brav die Wasserleitung instand hielten. Diese kleinen historischen Anekdoten würzen die Geschichte der Quelle: So floss beispielsweise überschüssiges Quellwasser früher einfach über die Straße bergab und speiste einen Teich hinter der Brauerei Sticker, die praktischerweise neben der Gastwirtschaft „Zum Wilden Schwein“ lag. Man kann sich lebhaft ausmalen, wie die Duisdorfer dort ihr Quellwasser lieber in vergorener Form genossen. Bis heute ist die Kurfürstenquelle ein Stück lebendige Geschichte – vor einigen Jahren legte die Stadt den Überlauf wieder offen, jetzt plätschert das Wasser sichtbar in ein kleines Becken gegenüber dem Brunnenhaus. Wer dort auf der Bank sitzt und dem klaren Wasser lauscht, kann mit etwas Fantasie die Kutschen der Kurfürsten nach Bonn rollen hören und spürt einen Hauch jener Zeit, als Duisdorfs Wasser weltlichen und geistlichen Herren Macht verlieh.

Wirtschaftswunder in der Kaserne – Ludwig Erhards Duisdorfer Jahre

In den 1950er-Jahren hielt das junge Bonner Republikgefühl Einzug in Duisdorf – mit nichts Geringerem als dem Bundeswirtschaftsministerium. Man stelle sich den Kontrast vor: Zwischen dörflichen Fachwerkhäusern und Feldern quartierte sich Ludwig Erhard, der Vater des „Wirtschaftswunders“, in einer ehemaligen preußischen Kaserne ein. Genauer gesagt in der von-Gallwitz-Kaserne, die 1936 für 564 Soldaten und 400 Pferde erbaut worden war. Nach Gründung der Bundesrepublik 1949 suchte man händeringend nach Büros für die Ministerien – in Duisdorf wurde man fündig. Seit 1950 ist die Gallwitz-Kaserne Sitz des Bundeswirtschaftsministeriums. Anfangs rumpelten noch britische Militärjeeps durchs Dorf, während drinnen schon deutsche Beamte Tabellen für die soziale Marktwirtschaft wälzten. Ludwig Erhard selbst bezog hier sein Dienstzimmer, eine Mischung aus Kasernennüchternheit und provisorischem Ministerglanz. Ein Pressefoto von 1957 zeigt ihn zufrieden in Duisdorf in Papieren blättern – der Zigarrenrauch soll damals durch die Flure der ehemaligen Kaserne gezogen sein, als Erhard sein Buch „Wohlstand für Alle“ schrieb.

Tatsächlich war die Ansiedlung des BMWi in Duisdorf kein Kuriosum, sondern pragmatisch: Die großzügigen Kasernenbauten boten Platz für Hunderte Mitarbeiter, die aus der Frankfurter Bizonen-Verwaltung nach Bonn geholt wurden. Allerdings verzögerte sich der Umzug, weil Wohnraum für die vielen neuen „Ministerialen“ fehlte – Bonn platzte aus allen Nähten, und so zogen die ersten Schreibtisch-Virtuosen in Duisdorf nur langsam ein. Erst 1951 war der gesamte Tross vollständig vor Ort. Bald brummte der Betrieb: Im Hof der ehemaligen Reiter-Kaserne parkten nun schwarze Dienstlimousinen, und in den ehemaligen Pferdeställen klapperten Schreibmaschinen. 1962 erhielt das Ministerium sogar einen modernen Erweiterungsbau für den Minister und sein Direktorat. Duisdorf erlebte damit inmitten seiner beschaulichen Umgebung ein kleines Wirtschaftswunder: Hier wurden die Weichen für die Republik gestellt – Konjunkturprogramme, Antikartellgesetze und nicht zuletzt die berühmte Preisbindung für Brötchen (man witzelte: „in Duisdorf wird bestimmt, was das Brot kostet“). Noch heute ist das Gelände an der Villemombler Straße ein Dienstsitz des BMWE, mit einem markanten weißen Bürohochhaus aus den 1970ern. Ludwig Erhard zog zwar 1963 ins Kanzleramt um, doch sein Geist wehte noch lange durch die Gänge der Gallwitz-Kaserne – wo einst Offiziersstiefel hallten, definierte man die Regeln der sozialen Marktwirtschaft.

Geheime Wühlarbeiten auf der Hardthöhe – die Anfänge des Verteidigungsministeriums

Frühjahr 1956: Auf der Hardthöhe bei Duisdorf tuckern plötzlich Raupenfahrzeuge über Ackerland, Vermessungstechniker schlagen Pfähle in die Erde. Die Einheimischen reiben sich verwundert die Augen. Was geht da vor sich, oben am Hardtberg? Die Zeitung liefert die Antwort in ihrer unnachahmlich nüchternen Art: „Erste Wühlarbeit für das Verteidigungsministerium“ titelte der General-Anzeiger im März 1956. In gerade mal 75 Tagen, so hieß es, solle der Rohbau stehen – doch offiziell sei das „Projekt Hardthöhe“ streng geheim. Tatsächlich war es der Beginn einer neuen Ära: Das Bundesverteidigungsministerium suchte ein eigenes Quartier und fand es auf der freien Höhe westlich von Duisdorf. Zunächst residierte Verteidigungsminister Theodor Blank mit seinem Amt provisorisch in der Bonner Ermekeil-Kaserne, aber auf der Hardthöhe plante man die Endunterbringung für das wachsende Wehrressort Mit anderen Worten: Ein ganzer Regierungsdistrikt sollte aus dem Boden gestampft werden – sehr zum Erstaunen der Kühe und Bauern, die bis dato das Plateau bevölkert hatten.

Bald bestätigten es offizielle Verlautbarungen: 1960 begann der Umzug des Verteidigungsministeriums auf die Hardthöhe, mitten auf ein 80 Hektar großes Areal. Die ersten Bürogebäude entstanden ab 1964 und wuchsen in mehreren Bauabschnitten empor. Wo einst Wald und Wiesen waren, spross eine eigene „Ministerialstadt“ mit Kantinen, Wachen und langen Funktionärsfluren. Zeitzeugen erinnern sich an die riesigen Erdmassen, die bewegt wurden – tatsächlich vermeldete die Presse den Aushub von 160.000 Kubikmetern Erde und tausende Kubikmeter Beton, als würde ein eigenes Fort entstehen. In Duisdorf sprach man scherzhaft von den „Wühlarbeiten“, weil die Bagger sich wie Maulwürfe durch den Hardtberg wühlten. Gleichzeitig war vieles geheimnisumwittert: Die Bundesbaudirektion schwieg zu Details, Pläne kursierten nur hinter vorgehaltener Hand. Doch man konnte sehen, wie binnen weniger Jahre ein imposanter Gebäudekomplex entstand, der fortan als Synonym für das Ministerium selbst stand – man sagte bald nur noch „die Hardthöhe entscheidet“, wenn die Verteidigungsspitze Beschlüsse fasste.

Spätestens als 1979–87 ein gewaltiger Neubau mit 50.000 m² Fläche hinzu kam, war klar: Die Hardthöhe ist eine eigene Stadt in der Stadt. In den Neubausiedlungen ringsum – Medinghoven, Brüser Berg – zogen Bundeswehrfamilien ein, die nach Bonn versetzt worden waren. Heute arbeiten immer noch über 2.000 Beschäftigte auf der Hardthöhe, dem ersten Dienstsitz des Verteidigungsministeriums, während in Berlin der zweite Sitz hinzugekommen ist. Aus der Vogelperspektive erkennt man die strenge Geometrie der Büroblocks, durchzogen von Sicherheitszäunen – ein Kontrast zur sanften Hügellandschaft. Doch wer am Fuß der Hardthöhe steht, mag sich an jenen Zeitungsartikel von 1956 erinnern, in dem staubige Raupenfahrzeuge den Anfang machten. Aus den „Wühlarbeiten“ von einst ist ein befestigter Regierungshügel geworden. Und vielleicht schmunzeln die alten Duisdorfer noch heute darüber, wie ihr beschauliches Dorf einen Panzerübungsplatz und ein Ministerium bekam – und damit Schlagzeilen weit über den Rhein hinaus.

Starke Männer und eiserne Willenskraft – Duisdorfs Ringerlegenden

Nicht nur Ministerialbeamte, auch Muskelmänner haben Duisdorf berühmt gemacht. In den Nachkriegsjahren und bis heute sorgt die Ringkampfabteilung des TKSV Duisdorf für sportliche Glanzlichter. Ihre Wurzeln reichen jedoch viel weiter zurück – tatsächlich ins Kaiserreich: Am 15. Juni 1906 versammelten sich 16 junge Männer in der Gastwirtschaft Faßbender in Duisdorf, um einen Sportverein zu gründen. Und weil man in jenen Tagen pragmatisch dachte, schlug man zwei Fliegen mit einer Klappe: Man turnte nicht nur gemeinsam, sondern stellte auch gleich eine Feuerwehrtruppe. Der Klub nannte sich stolz „Turn- und Feuerverein Germania“. Bald gab es sogar ein eigenes Tambourkorps für den Marschklang zum Löscheinsatz – ein herrlicher Beleg für den rheinischen Eifer. In den 1920ern kam eine Fußballabteilung hinzu, doch die wahre Liebe vieler Duisdorfer galt dem Kraftsport. 1937 vereinigte sich der Verein mit dem Kraftsportclub Duisdorf – seitdem heißt er Turn- und Kraftsportverein (TKSV). Man kann sich vorstellen, wie in den Wirtschaftswunderjahren abends im Vereinslokal die starken Männer im Rampenlicht standen, während die Dorfjugend bewundernd zusah.

Ein Schlüsselmoment war 1959: In diesem Jahr erhielt Duisdorf endlich eine eigene Sporthalle (an der Schmittstraße), woraufhin der TKSV einen enormen Aufschwung erlebte. Vor allem die Ringerabteilung wuchs und reifte zu einer Macht im Land. 1976 gelang den Duisdorfer Ringern erstmals der Aufstieg in die 1. Bundesliga – man stelle sich das Staunen vor: Ein Stadtteilclub aus Bonn mischt plötzlich in der höchsten deutschen Liga mit! In den 1980er Jahren krönten die „Athleten von der Rochusstraße“ ihre Erfolgsgeschichte: 1986/87 zog der TKSV Duisdorf in die Endrunde um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft ein. In der proppenvollen Hardtberghalle (wo einst bei Kleefisch im Saal schon gerungen wurde) feuerten die Fans ihre Ringer an, es roch nach Franzbranntwein und Spannung lag in der Luft. Zwar reichte es knapp nicht zum Meistertitel, aber Duisdorf war endgültig eine Hochburg des Ringkampfsports. Die Erfolgsserie hatte auch Rückschläge – 1990 musste man zwischenzeitlich absteigen, schaffte 1993/94 den Wiederaufstieg und zog sich später aus finanziellen Gründen aus der Bundesliga zurück. Doch der Traditionsverein von 1906 blieb aktiv: 2009 nochmal der Sprung ins Oberhaus, und bis 2014 kämpfte man in der höchsten Klasse, bevor man sich neu ordnete. Heute noch trainieren in Duisdorf Dutzende Nachwuchsringer. Ihre Vereinschronik liest sich wie ein Heldenepos – von den „Germania“-Pionieren 1906 bis zu den Bundesliga-Assen der Gegenwart. Und wenn bei den lokalen Sportfesten ein TKSV-Ringer auf die Matte tritt, spürt man den Stolz des ganzen Stadtteils. Duisdorfs starke Männer haben Geschichte geschrieben, mit Schweiß und Muskeln – eine sporthistorische Erfolgsgeschichte, die man hier mit verschmitztem Lächeln und berechtigtem Stolz erzählt.

Leben und Handel auf der Rochusstraße – die gute Stube Duisdorfs

Wer einen Spaziergang entlang der Rochusstraße unternimmt, wandelt auf den Spuren generationsalter Dorfgeschichte. Diese lange Straße, heute Fußgängerzone und geschäftige Flaniermeile, war schon früher das pulsierende Herz Duisdorfs. Man stelle sich ein Dorf vor, in dem entlang der Rochusstraße Bäcker, Metzger, Kolonialwarenläden und Wirtshäuser Tür an Tür lagen – eine Szenerie wie aus einem Heimatfilm. Tatsächlich reihen sich noch immer viele Geschäfte aneinander, aber die Vergangenheit schimmert durch die modernen Schaufenster. Hier stand einst die Engel-Apotheke, gegründet 1896 gegen den Widerstand Bonner Apotheker. Ihr Name rührt von der Lage am Engelsgässchen her, doch ihr Ruf gründete auf echter Notwendigkeit: Endlich gab es in Duisdorf eine eigene Apotheke für die Menschen der umliegenden Dörfer Alfter, Oedekoven, Witterschlick und so weiter. Der erste Apotheker Karl Michel wagte das „Abenteuer Provinz“ – samt schlammiger Straßen und Kuhställen im Ort – und bediente rund 1800 Seelen sowie den einzigen Arzt weit und breit. Später, in den 1950ern, übernahm Heinrich Bungart die Engel-Apotheke und verlegte sie an die Rochusstraße 192, direkt ins Zentrum des Geschehens. Mit Dr. Josef Wilkes als damals einzigem Arzt am Ort pflegte Bungart gute Kontakte; fast 35 Jahre führte er das Geschäft, modernisierte die Einrichtung und trotzte dem Konkurrenzdruck – 1982 gab es bereits acht Apotheken in Duisdorf. Bis heute wird die Engel-Apotheke in dritter Generation betrieben, und Apothekerin Uta Freieck kennt jeden Stammkunden mit Namen. Solche Familiengeschichten sind es, die der Rochusstraße ihre Seele geben.

Auch gastronomisch war die Rochusstraße immer ein Mittelpunkt. Gleich beim Kirchplatz befand sich das Gasthaus „Zum Kurfürstlichen Brunnen“, benannt nach der berühmten Quelle im Ort. Dort kehrten früher Pilger und Händler ein – und vermutlich auch der eine oder andere durstige Beamte nach Dienstschluss. Weiter oben, am oberen Ende der Fußgängerzone, ragt noch heute das alte Kulturzentrum mit seinem Jugendstilsaal von 1906 auf. Dieser Saal, einst von der Wirtsfamilie Kleefisch erbaut, diente über Jahrzehnte als Veranstaltungsort für Tanz, Theater und Sport. Hier feierte die Feuerwehr ihre Bälle, hier traten Karnevalsgesellschaften auf, hier wurden Ringerturniere und Kirmestänze ausgerichtet. Man kann förmlich das Quietschen der Geigen beim Fassbieranstich hören und das Poltern der Kegler im Hinterzimmer (denn manche Gaststätte hatte auch eine Kegelbahn im Keller).

Im Laufe der Jahrzehnte wechselten viele Geschäfte ihre Besitzer und ihr Gesicht. Wo einst Tante-Emma-Läden waren, findet man heute vielleicht ein Café oder einen Feinkostladen – doch einige Traditionsbetriebe bestehen erstaunlich lange. So etwa die Bäckerei und Konditorei Schell, die als „Café Schells Eck“ noch immer an der Rochusstraße süße Düfte verströmt. Früher holten die Schulkinder dort für ein paar Pfennige Streuselschnecken, heute genießen Kunden ihren Cappuccino dazu. Oder nehmen wir das „Alt Duisdorf“, eine urige Kneipe, die über Jahrzehnte Stammtischbrüder beherbergte – zuletzt wurde sie von einem malerisch begabten Wirt namens Ralf Schütte geführt, bevor sie sich in ein fernöstliches Restaurant verwandelte (die Zeichen der Zeit machen auch vor Kneipen nicht Halt). Die Metzgerei Möller, einst für ihre Blutwurst berühmt, zog in den 1970ern in ein moderneres Ladenlokal gegenüber und besteht noch immer unter anderem Namen. Und selbstverständlich thront an der Ecke zum Kirchplatz die Rochus-Kirche selbst, um die sich das soziale Leben oft rankte: Nach der Sonntagsmesse flanierten die Leute über die Rochusstraße, man traf sich „bei Schmitz“ auf ein Frühschoppen oder stöberte im Haushaltswarengeschäft Zappe nach neuen Töpfen (das traditionsreiche Geschäft residiert seit den 1930ern hier und versorgt Generationen von Hardtbergern mit Tassen, Töpfen und inzwischen auch trendigen Brillen).

Am Ende unserer Reise durch die Geschichte Duisdorfs steht ein Bild: Die Rochusstraße im milden Licht eines Sommerabends. Kinder schlecken Eis, Senioren sitzen auf der Bank an der Kurfürstenquelle, aus einer offenen Kneipentür klingt Lachen. Man spürt, dass dieser Stadtteil trotz aller Veränderungen seine Identität bewahrt hat – mit einem Augenzwinkern und viel Herz. Duisdorf mag heute Teil der Großstadt Bonn sein, doch in seinen Geschichten – vom kleinen Amt über das Wunderwasser, die Ministerien, die starken Männer bis hin zur guten alten Rochusstraße – lebt das Dorf von einst humorvoll und lebendig weiter. Und während wir unsere Notizen schließen, rauscht es leise aus dem Kurfürstenbrunnen: als würde die Quelle selbst uns zustimmen, dass Geschichte am besten schmeckt, wenn man sie mit einem Schuss Humor und viel Menschlichkeit erzählt.

Der Chamäleon-Manager

Früher nannte man es Anpassung, heute heißt es agiles Mindset. In den Konzernzentralen zwischen Wolfsburg und München kursieren wieder jene Stellenanzeigen, in denen man den „rebellischen Teamplayer“ sucht – also den Menschen, der „unkonventionell denkt“, solange er dabei nicht auf die Idee kommt, die Hierarchie infrage zu stellen. Das Idealbild des modernen Angestellten liest sich wie eine Horoskopbeilage der „Manager-Woche“: sportlich, kreativ, selbstbewusst, aber bitte kompatibel. Möglichst Schütze oder Löwe, keinesfalls Jungfrau – zu kritisch.

Man soll Nonkonformist sein, aber pünktlich im Jour Fixe erscheinen. Man darf „aus dem Bauch heraus entscheiden“, solange der Bauch mit dem Unternehmenszweck harmoniert. Und selbstverständlich „bringt man sich mit eigenen Ideen ein“ – aber bitte erst nach Abstimmung mit der Kommunikationsabteilung.

Der systemische Manager unserer Tage gilt als Förderer der Emanzipation: Er „befähigt“ seine Mitarbeitenden, eigenständig zu denken, und freut sich dann, wenn sie alle dasselbe denken. Woody Allens Filmfigur Zelig war dieser Manager avant la lettre: ein Chamäleon, das ganz individuell die Meinung der Mehrheit vertritt. Heute nennt man das „Cultural Fit“.

Schon der Ökonom Wilhelm Röpke warnte vor diesem Gleichklang, lange bevor es Corporate Influencer gab. Die wachsende Zahl der Abhängigen, so schrieb er, führe zwangsläufig zu „Intrigen, Mißgunst und Kontaktgiften“. Man möchte hinzufügen: plus Slack-Emoji-Kriege und LinkedIn-Selbstvermarktung.

Und während die einen an ihrer „Purpose-Story“ feilen, rotiert der Rest der Belegschaft im Takt des nächsten „Transformation Sprint“. Jeder Change produziert den nächsten Change. Jede Reorganisation verspricht Heilung und endet mit neuem Berater-PowerPoint-Fieber. Die Wirtschaft treibt, wie Röpke prophezeite, in einen sinnentleerten Geschwindigkeitsrausch – und niemand weiß mehr, wohin.

Vielleicht wäre es tatsächlich an der Zeit, den Schwerpunkt der Verantwortung wieder zu verlegen: weg vom Organigramm, hin zum Menschen, der noch ohne Workshop weiß, was er denkt. Doch das wäre natürlich unprofessionell. In der Welt der systemischen Manager ist nur eines schlimmer als ein Mitläufer: jemand, der wirklich anders ist.

Flaschenpost im Netzwerk – Warum Blogs die letzte Öffentlichkeit sind

Wenn in Bonn ein Lokalmedium eine Besprechung über ein Ereignis bringt, geraten viele Beteiligte sofort in Euphorie. Verständlich, (oder auch nicht) – bei einer Entwicklung, die fast schon tragikomisch anmutet. Die verkaufte Auflage ist seit Jahren im freien Fall: von 89.222 Exemplaren vor zwanzig Jahren auf heute 46.568.
Ein Rückgang von fast der Hälfte. Im vergangenen Jahr allein noch einmal minus fünf Prozent. 87,9 Prozent davon sind Abonnements – das entspricht rund 41.000 regelmäßigen Leserinnen und Lesern.

Mein Blog ichsagmal.com liegt inzwischen bei 28.000 – mit stabiler Tendenz nach oben.
Rechnet man die Kurven weiter, treffen sich die Linien wohl um 2030. Das ist keine Zahlenspielerei, sondern eine tektonische Verschiebung:
Die publizistische Schwerkraft hat sich verlagert – vom Hausblatt zur Einzelfigur, vom Verlagsapparat zum unternehmerischen Autor oder Autorin.

Das Prinzip der Reichweitenillusion

Wer heute auf LinkedIn, Facebook oder Instagram unterwegs ist, kennt das Schauspiel:
Zehn Likes, hundert Reaktionen, dreihundert Kommentare – von Köln bis Kalkutta ;-).
„Weltweite“ (gekaufte) Sichtbarkeit auf dem Papier, globale Irrelevanz in der Realität.
Denn egal, wie viele Booster, Werbekampagnen oder Hashtags die Maschinen ausspucken –
an der Nachrichtenwert-Theorie hat sich nichts geändert.

Relevanz entsteht nicht durch Marketing, sondern durch Bedeutung.
Und Bedeutung folgt, seit es Öffentlichkeit gibt, einem schlichten Dreiklang:
Neu – Wichtig – Interessant.

Das gilt für alles – ob Zeitungsartikel, Unternehmensmeldung oder Blogtext.
Man kann die Sache mit Tools, Strategien und Storytelling aufladen,
aber was im Kopf bleibt, ist immer das, was wirklich neu ist,
was wichtig ist,
und – im besten Fall – interessant.

Das Gesetz der Erinnerung

Ich habe es getestet.
Jede Person in einer Gesprächsrunde sollte die letzte Schlagzeile aufschreiben, die ihr aus einer Nachrichtensendung im Gedächtnis geblieben war.
Das Ergebnis war eindeutig:
Epidemie. Tote. Naturkatastrophe.

Keine Brand Story, keine Corporate Message, keine Erfolgsparabel aus der Business Class.
Das menschliche Gedächtnis folgt anderen Gesetzen als der Algorithmus.
Es interessiert sich nicht für optimierte Inhalte, sondern für Ereignisse.
Für das, was wirklich passiert.

Heiner Müller, Althusser und das Ereignis

Heiner Müller, befragt zum Philosophen Louis Althusser, sagte einmal:

„Als Theoretiker war er für mich uninteressant. Mich interessierte der Fall Althusser.

Das war keine Bosheit, sondern Einsicht.
Müller wusste, dass Theorien selten etwas verändern.
Nur das Ereignis, das Unvorhersehbare, das Unkalkulierbare – das bleibt.
Deshalb nannte er seine Texte Flaschenpost:

„Ich kann nur Texte herstellen für Flaschenpost, die ich ins Wasser werfe – mit der Hoffnung, dass sie irgendwann aufgefischt wird.“

In dieser Haltung – nein, in diesem Trotz – steckt die ganze Wahrheit des unabhängigen Publizierens.
Ein Blog ist genau das: eine Flaschenpost.
Man wirft sie hinaus, ohne Gewissheit, ob sie ankommt.
Aber man schreibt sie trotzdem.

Die Laber-Republik

Die Gegenwart ist anders verdrahtet.
Man hört zu, um zu antworten – nicht, um zu verstehen.
Man redet, um zu senden – nicht, um zu sagen.
Podcasts, in denen zwei Stimmen endlos reden, ohne dass etwas passiert.
Feeds voller Selbstversicherungen und Meinungen, die ich schon elend oft in jeder Nachrichtensendung ins Ohr gespült bekommen habe. LinkedIn ist die perfekte Metapher dieser Erschöpfung:
Zwei Prozent tägliche Nutzung, und doch Millionen Posts.
Man boostet, was keiner liest,
und misst, was nichts bedeutet.
Eine Plattform, die sich selbst marginalisiert, weil sie sich zu ernst nimmt.
Darunter – noch schlechter: Bluesky, Mastodon – kaum messbar, reine Signale der Hoffnung.
Aber Hoffnung auf was?
Dass irgendwer noch zuhört?

Die Restöffentlichkeit der Einzelnen

In dieser Kommunikationswüste entstehen wieder Oasen –
nicht als Start-ups, sondern als Blogs, als kleine Redaktionen, als Einzelstimmen.
Hier braucht man keine Wundertools, keine KPIs oder sonstige Maschinen, die Dich in den Olymp der Wahrnehmung verfrachten.
Es zählt Neugier, Recherche und Leidenschaft.

Die Zukunft der Öffentlichkeit

Vielleicht ist das der stille Medienwandel, den niemand wahrhaben will.
Die großen Systeme zerfallen –
und das, was übrig bleibt, sind die kleinen Stimmen mit Substanz.
Nicht optimiert, sondern lebendig.
Nicht laut, sondern deutlich.

Blogs füllen die Lücke, die Plattformen hinterlassen.
Sie sind die letzte Form der adressierten Sprache –
ein Gespräch zwischen Menschen, nicht zwischen Accounts.

Siehe auch: