
Das klare Messer im Nebel – Ann Cleeves und der Glasdolch von Rheinbach
Der Täter war diesmal das Licht.
Es glitt über die Bühne der Glasfachschule Rheinbach, flackerte in den Köpfen, spiegelte sich auf einer Klinge aus Glas – dem berühmten Rheinbacher Glasdolch.
Kein Blut, kein Opfer, nur Beifall.
Und doch lag Mord in der Luft.
Man konnte ihn hören in den Sätzen der Frau, die an diesem Abend ausgezeichnet wurde: Ann Cleeves, britische Meisterin des leisen Todes, Schöpferin von Vera Stanhope und Jimmy Perez.
Der Dolch, eine 29 Zentimeter lange Waffe aus transparentem Material, gefertigt von zwei Glasmeistern der Schule, funkelte wie ein Beweisstück.
„Nachhaltig töten“, witzelte Laudator Winrich C.-W. Clasen, „geht nur mit Glas.“
Er hat recht: Das Ding sieht so aus, als könnte man jemanden damit umbringen – aber nur in Gedanken.
Tatort: Glasfachschule
Schulleiter Jochen Röbers eröffnete den Abend mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon alles gesehen hat – außer einer Bestsellerautorin im Physiksaal.
Er sprach über Handwerk, Schüler, Ausstellungen, Waffeln und das Risiko, im Video des Abends versehentlich als Statist zu enden.

Dann übergab er an David Eisermann, Journalist, Kulturmoderator, ein Mann, der sich durch kokette Fragen ebenso auszeichnet wie durch trockenen Humor.
„Glass Dagger – that sounds a bit like Game of Thrones, doesn’t it?“ sagte er.
Das Publikum lachte, und das war klug, denn danach sprach eine Frau, die sonst Tote sprechen lässt.
Die Frau, die das Schweigen hörte
Ann Cleeves hat nichts von der auftrumpfenden Grande Dame, die man bei 35 Romanen erwarten könnte.

Sie spricht leise, mit jenem Understatement, das in England als Charakterstärke gilt.
Ihre Morde, sagt sie, entstehen aus Landschaften.
Aus Wind, Nebel, Einsamkeit.
„Ich wollte Jimmy Perez ein bisschen glücklicher machen“, erklärt sie.
„Vielleicht sogar witziger. Nach acht Büchern darf ein Mann ja auch mal lachen.“
Dann schlägt sie das Buch auf.
Keine Einleitung, kein Vorwort.
Nur Sturm.
Sie liest den Prolog von „The Killing Stones“: Archie Stout schreit in die Dunkelheit, der Wind verschluckt die Worte, ein Licht verschwindet.
„Ah,“ sagt er noch, „so it’s you.“
Danach ist er tot – selbstverständlich.

Cleeves liest das mit der Ruhe einer Gerichtsmedizinerin.
Ihre Stimme hat nichts Bedrohliches, sie ist zu freundlich für Drama, zu klar für Pathos.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Spannung: dass der Tod so höflich daherkommt.
Die Rückkehr des Jimmy Perez
Nach dem Prolog liest sie den Beginn von Kapitel 1.
Willow Reeves, Polizistin und Lebensgefährtin von Jimmy Perez, kehrt mit ihrem Kind von einer Reise heim.
Die See ist rau, das Haus leer, und auf dem Tisch liegt eine Notiz:
Archie Stout is missing and Veyra is frantic. I managed to get a boat to Westray.
Ein Satz, und man weiß: Das Leben wird nicht besser.
„Ich wollte, dass er weiterlebt“, sagt Cleeves nach der Lesung.
„Aber man kann ja nicht ewig trauern – nicht mal über eine Figur.“
Es klingt wie eine Entschuldigung, ist aber eine poetische Notwehr.
Von Vögeln, Männern und Inseln
Eisermann fragt nach.
Wie kam sie zu diesen Schauplätzen am Ende der Welt?
„Ich bin dort gelandet“, sagt sie, „vor fünfzig Jahren, als ich die Universität abbrach.
Ich arbeitete als Köchin in einer Vogelwarte auf Fair Isle.
Nicht besonders gut, aber ich lernte zuzuhören.“
Später heiratete sie einen Birdwatcher.
„Wenn man stundenlang im Sturm steht, um einen seltenen Vogel zu sehen, hat man die Geduld, ein Buch zu schreiben.“
Es ist der trockenste Satz des Abends und gleichzeitig sein schönster.
Eisermann nickt, als hätte er soeben den Schlüssel zu ihrem Werk gefunden:
Geduld und Sturm.
Warten, bis etwas erscheint – oder verschwindet.
Das Gewicht der Steine
Dann erzählt sie von Orkney, von neolithischen Grabkammern und den Runen, die sie zu ihrer Geschichte inspirierten.
Sie war dort, sagt sie, stand zwischen Steinen, auf denen die Zeit selbst eingeschrieben ist.
„Die Wikinger hatten ihre Spuren hinterlassen.
Graffiti – very smutty graffiti.“
Das Publikum lacht, sie nicht.
Cleeves erfand für ihren Roman zwei fiktive Runensteine.
Auf dem einen steht: I am Olaf, teller of tales.
Auf dem anderen: Hear my stories and know death.
„Ich fand das sehr mythisch“, sagt sie, „and I will tell you – and you will learn to know death.“
Kein makabrer Scherz, kein Zynismus.
Eher eine Zusammenfassung ihres literarischen Weltbilds:
Erzählen heißt, den Tod zu zähmen.
Man lernt ihn kennen, indem man ihm zuhört.
Schreiben als Alibi
Eisermann will wissen, wie sie arbeitet.
Neun bis fünf? Oder nur in kreativen Phasen?
„Oh no“, sagt sie, „if you only wrote on creative days, you’d never write.“
Sie plane nie im Voraus, sagt sie.
„Ich beginne mit einem Bild, einem Satz.
Ich schreibe wie ein Leser.
Ich will selbst wissen, was passiert.“
Das Publikum nickt – als verstünde es plötzlich, warum ihre Romane so atmen.
Weil sie sich selbst überraschen.
Weil sie nie die Allwissende spielt, sondern die Suchende.
Vera, Jimmy und die Macht des Ortes
Später spricht sie über die Fernsehserien, die ihr Werk berühmt machten.
Vera, gespielt von Brenda Blethyn – „she read all the books, not just the scripts“ – sei ihre treueste Komplizin.
Wenn ein Drehbuchautor etwas Falsches schreibe, bekomme sie eine Nachricht:
Our Vera would never do that.
Das ist britische Qualitätskontrolle auf kriminalistischem Niveau.
Shetland wiederum habe den Tourismus auf den Inseln um fast fünfzig Prozent gesteigert.
„Not sure if that’s a good thing,“ sagt sie.
„Now it’s harder to find a quiet place to kill someone.“
Das Publikum johlt.
Der Dolch
Winrich C.-W. Clasen betritt das Podium.
Er spricht über Inseln, Schriftsteller und über Frauen, die lieber schreiben als schweigen.
Dann geht er auf den Preis ein: den Glasdolch, geschliffen, glänzend, unbegreiflich sinnlos.
„Ein Beweisstück ohne Tat“, sagt er, „aber mit Absicht.“

Cleeves nimmt ihn entgegen, betrachtet ihn im Scheinwerferlicht.
„I think you could actually kill someone with that,“ sagt sie.
„I just don’t know what customs will think when I fly home.“
Das ist schwarzer Humor in Reinform – präziser als jeder Kriminalfall.

Nachspiel
Später, beim Signieren am Stehtisch, fast unauffällig.
Kein Glamour, keine Pose.
Nur die Gelassenheit einer Frau, die das Chaos der Welt jeden Morgen in Sätze verwandelt.
„Wir brauchen Geschichten“, sagt sie.
„Die Welt ist unordentlich, aber im Buch gibt es am Ende Gerechtigkeit.“
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ein Dolch aus Glas der perfekte Preis für sie ist.
Er spiegelt den Mord, ohne ihn zu vollziehen.
Er tötet das Chaos, nicht den Menschen.

In Rheinbach leuchtet er noch, während draußen der Herbst seine Farben zeigt.
Ein letztes Licht auf einer Bühne, die aussieht wie der Tatort eines sehr kultivierten Verbrechens.
Die englische Version:

















