Energie ohne Wahrheit – Die Monopolkommission und das Märchen von der grünen Wärme

Es sind die trockenen Dokumente, die manchmal die größten Wahrheiten enthalten. Das neue Gutachten der Monopolkommission zur Energiepolitik liest sich wie ein sezierender Kommentar zur Selbsttäuschung eines ganzen Landes. Hinter der Sprache ökonomischer Modelle – Nodal Pricing, Netzentgelte, Redispatch – verbirgt sich eine fundamentale Diagnose: Die deutsche Energiewende ist weniger ein technologisches als ein semantisches Projekt. Sie lebt davon, Begriffe umzudeuten, bis aus Ineffizienz Innovation wird, aus Bürokratie Steuerung und aus Abwärme plötzlich „grüne Wärme“.

Das System der Fehlanreize

Im Zentrum des Gutachtens steht die nüchterne Erkenntnis, dass Deutschland an seiner eigenen Strompreis-Architektur scheitert. Die Kommission schreibt von „Netzdienlichkeit“, einem jener Fachwörter, die man überliest, bis man begreift, was sie bedeuten: Ein System, das nicht weiß, wann und wo Energie gebraucht wird, verteuert sich selbst. Die Strompreise sind hoch, weil das Netz überlastet ist – und das Netz ist überlastet, weil die Preise gleichförmig sind.

Die Politik reagiert darauf mit einer Mischung aus Almosen und Aktionismus: Stromsteuer runter, Subventionen rauf, Sondervermögen hier, Klima- und Transformationsfonds da. Doch die Monopolkommission entlarvt diese Maßnahmen als kosmetisch. Sie lindern Symptome, nicht Ursachen. Der Markt bleibt blind für Knappheit, weil er sie nicht sehen darf.

Der Preis als moralisches Tabu

Die radikalste Empfehlung der Kommission – die Einführung einer nodalen Strombepreisung – wäre ökonomisch zwingend und politisch revolutionär. Strompreise sollen dort steigen, wo das Netz überfordert ist, und sinken, wo Kapazitäten frei sind. Ein System, das endlich die physikalische Wahrheit abbildet. Doch diese Idee kollidiert mit dem deutschen Gleichheitsdogma: Ein Strompreis darf nicht regional unterschiedlich sein, weil Ungleichheit hier nicht als ökonomisches Faktum, sondern als moralische Zumutung gilt.

So bleibt alles beim Alten. Die Politik subventioniert die Folgen ihrer eigenen Verzerrungen. Und während Milliarden in den Netzausbau fließen, wächst der Strompreis weiter – ein Lehrbuchfall für das, was die Kommission „ineffiziente Systemkosten“ nennt.

Der blinde Fleck der Energiewende: Fernwärme

Besonders scharf fällt die Analyse im Kapitel über Fernwärme aus: Hier verdichten sich alle Widersprüche der Energiepolitik: Monopolstrukturen, Intransparenz, und eine erstaunliche rhetorische Geschmeidigkeit im Umgang mit physikalischen Realitäten.

Fernwärme gilt offiziell als „klimaneutral“, sobald sie aus „Abwärme“ gespeist wird. Doch was in der politischen Kommunikation als grün erscheint, ist oft graue Energie in neuem Sprachgewand. Müllheizkraftwerke, die ineffizient Reststoffe verbrennen, werden zu „Klimarettern“ erklärt, während hocheffiziente Gaskraftwerke – die Strom und Wärme zugleich erzeugen und dabei Wirkungsgrade von bis zu 90 Prozent erreichen – als fossile Altlasten gelten.

Die Monopolkommission benennt die Schieflage unverblümt: Fernwärmeversorger seien meist lokale Monopolisten, die Erzeugung, Vertrieb und Verteilung in einer Hand halten – mit entsprechendem Preissetzungsspielraum. Kunden können kaum wechseln, Kommunen vergeben Wegerechte oft ohne Ausschreibung, und die Transparenz über tatsächliche Wärmekosten bleibt dürftig.

Wettbewerb als vergessene Kategorie

Die Monopolkommission empfiehlt, die Wärmemärkte für echten Wettbewerb zu öffnen: durch Ausschreibungen, Benchmark-Vergleiche und Preistransparenz. Eine „Preistransparenzplattform“ soll Licht in das Dickicht aus Tarifen, Zuschlägen und Betriebskosten bringen. Mehr noch: Kommunen sollen ihre Konzessionen nicht mehr automatisch an lokale Versorger vergeben dürfen, sondern in offenen Verfahren, die den Markteintritt alternativer Anbieter ermöglichen.

Es sind Vorschläge, die in anderen Branchen selbstverständlich wären, in der Fernwärme aber als Provokation gelten. Denn dort, wo sich Politik und Energieversorger seit Jahrzehnten gegenseitig bestätigen, gilt Wettbewerb als störend.

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