
Am 13. Juni 2026 wurde in der Kölner Comedia bei der phil.COLOGNE über China gesprochen, genauer: über Xi Jinpings Weltpolitik, über den Aufstieg einer Macht, die sich selbst als geschichtliche Unausweichlichkeit erzählt, und über Europa, das in diesem Kräftespiel zu oft klingt wie ein Kontinent auf der Suche nach seinem eigenen Satz. Auf der Bühne saßen Daniel Leese, Professor für Sinologie an der Universität Freiburg, der Übersetzer Shi Ming und Wu Guoguang, Politikwissenschaftler an der Stanford University. Wu ist kein außenstehender Kommentator, der sich China aus der Ferne zusammenliest. Er kennt den Apparat von innen. In den achtziger Jahren schrieb er für die „Volkszeitung“, wurde Redenschreiber des damaligen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Chinas, Zhao Ziyang, und arbeitete am Bericht für den 13. Parteitag mit. Er gehörte zu jener Generation, die nach Maos Tod, nach Kulturrevolution und ideologischer Verwüstung, für kurze Zeit glaubte, der chinesische Staat könne sich aus seiner eigenen Starrheit herausarbeiten.
Wu erzählte davon ohne Pathos. 1976, beim Tod Maos, habe er noch auf dem Land gearbeitet. Zehn Jahre später sei er bereits in ein Beratungsgremium für den Generalsekretär der Kommunistischen Partei eingebunden gewesen. Daran lasse sich ermessen, wie tief der Wandel damals gereicht habe. In den achtziger Jahren, ergänzte Leese, sei Meritokratie innerhalb der Partei keine bloße Rhetorik gewesen. Heute zähle Loyalität. Darin liegt eine der Achsen des Abends: China hat sich modernisiert, aber der politische Bewegungsraum, der diese Modernisierung möglich machte, wurde später systematisch geschlossen.

Der Westen sinkt, der Osten steigt
Xi Jinping deutet die Welt mit einer Formel, die inzwischen zum Inventar der chinesischen Machtrede gehört: Der Osten steigt, der Westen sinkt. In offiziellen Texten wird derselbe Gedanke in der Sprache weltgeschichtlicher Verschiebung gefasst. Die Welt erlebe Veränderungen, wie es sie seit hundert Jahren nicht gegeben habe; für China ergäben sich daraus Risiken und Möglichkeiten. Die Formel ist geschmeidig genug, um überall eingesetzt zu werden: bei Gesprächen mit Russland, bei Reden in Afrika, bei Gipfeln, bei der Begründung chinesischer Modernisierung.
Wu Guoguang erklärte in Köln, worauf Xi diese Gewissheit stützt. Zuerst auf die materielle Macht Chinas, vor allem auf die verarbeitende Industrie. Dann auf das „chinesische Modell“, verstanden als Verbindung aus Parteikontrolle, Staatsmacht und Marktmechanismen. Hinzu tritt eine kulturpolitische Behauptung: Die westliche Zivilisation sei im Niedergang, die chinesische Tradition, besonders der Konfuzianismus, biete ein Gegenmittel. Mao hatte diese Tradition bekämpft, Xi greift sie auf. Auch das ist kein Bruch mit chinesischer Machtpolitik, eher ein Umbau des ideologischen Vorratsraums.
Der Vorgang verdient Aufmerksamkeit, weil er zweierlei zeigt. Xi Jinping regiert mit geschichtlichen Kulissen. Er spricht von Jahrhundertwenden, von nationaler Wiedergeburt, von chinesischer Modernisierung, von Zivilisation. Zugleich bleibt seine Politik sehr praktisch. Sie nimmt, was brauchbar erscheint: Marx, Mao, Deng Xiaoping, Konfuzius, digitale Kontrolle, industrielle Überkapazität, Außenhandel, Afrikapolitik, Lateinamerika, Russland. Der rote Faden ist keine Lehre, es ist der Machterhalt.
Die alte Öffnung und die neue Enge
Wu erinnerte an die große Paradoxie der Reformzeit. China habe die Marktwirtschaft umarmt. China habe die Globalisierung umarmt. Gleichzeitig sei die Kontrolle der Partei über Wirtschaft und Gesellschaft enger, dichter und effektiver geworden. Diese beiden Sätze gehören zusammen. Der Aufstieg der Volksrepublik entstand aus der Öffnung, aus der Aufnahme westlicher Technologie, aus globalen Lieferketten, aus ausländischen Investitionen, aus einer privaten Unternehmenskraft, die in den achtziger und neunziger Jahren mehr Spielraum hatte, als die heutige Parteisprache gern zugibt.
Daniel Leese hat diesen Punkt bereits bei einer Tagung der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung klar gefasst: „Die Innovationskraft der Unternehmerinnen und Unternehmer entfaltete sich in einem eher schwachen regulatorischen Umfeld, die die Politik der 1980er und 1990er Jahre maßgeblich geprägt hat.“ Das ist der verletzliche Kern des chinesischen Erfolgs. Die Partei lebt von Kräften, denen sie misstraut. Sie braucht Unternehmer, Ingenieure, Kapital, weltweite Märkte und offene Datenströme. Zugleich fürchtet sie jede Autonomie, die daraus entsteht.
Jack Ma war dafür die sichtbare Figur, auch abseits der Kölner Bühne. Der Gründer von Alibaba wurde in Davos als Gesicht eines neuen China gefeiert, als Beweis, dass die Volksrepublik Innovation und Unternehmertum in globalem Maßstab hervorbringen könne. Später wurde er zurückgeholt in die politische Wirklichkeit der Partei. Das Signal lautete: Wirtschaftliche Größe bleibt geduldet, politische Eigenmacht endet an der Wand des Parteistaates.
Wu beschrieb diesen Widerspruch bei Xi Jinping als Doppelstrategie. Xi wolle die materielle Macht nutzen, die aus Marktwirtschaft und Globalisierung erwachsen sei. Gleichzeitig wolle er jede abweichende Macht im politischen Raum niederdrücken. Genau dort beginnt die Sprengkraft. Wer private Unternehmen als Gefährdung behandelt, beschädigt die Produktivkräfte, von denen er lebt.
Wang Huning und die fremde Kunst des Denkens
Leese erwähnte in Köln Wang Huning, heute eine der wichtigsten Figuren im innersten Machtzirkel der Kommunistischen Partei. Wang hatte in den Vereinigten Staaten studiert, beobachtet, notiert. In seinen amerikanischen Studien befasste er sich mit Think Tanks, mit Ideenproduktion, mit der Rolle von Institutionen, die politische Probleme erkennen, Begriffe prägen und langfristig Regierungshandeln beeinflussen. Der Ausdruck „Thought Factory“ – Denkfabrik – beschreibt in diesem Zusammenhang sehr genau, worum es geht: Ideen werden produziert, verbreitet, geprüft, in Strategien verwandelt.
Darin steckt eine bittere Asymmetrie. Der Chefdenker der chinesischen Macht hat den Westen sehr genau gelesen. In Deutschland dagegen reist politische Rede nach Peking oft mit schmalem kulturellem Gepäck. Harro von Senger hat dies am Beispiel Friedrich Merz seziert. Ein Kanzler spricht vom „Jahr des Pferdes“, wünscht Energie und Kraft, merkt aber nicht, welches symbolische Kapital Deutschland in China besitzt. Das chinesische Wort für Pferd lautet „ma“. Mit „ma“ beginnt auch der chinesische Name von Karl Marx: Makesi. Xi Jinping nannte Marx 2018 den größten Denker der Menschheitsgeschichte. Von Sengers Spott trifft deshalb eine größere Schwäche: Deutschland kennt seine eigene Resonanz im chinesischen Symbolhaushalt kaum noch.
Das bedeutet keineswegs, sich in chinesische Ideologie einzuschmeicheln. Es bedeutet, die Bühne zu kennen, auf der man spricht. China denkt in Zeichen, geschichtlichen Analogien, Rangordnungen, Listen, Strategemen. Wer dort nur mit Handelszahlen und Floskeln antritt, verschenkt Macht.
Der amerikanische Schirm verliert seine alte Form
Wu Guoguang führte Europa an einen unbequemen Punkt. Die Wahl zwischen den USA und China sei schwierig. Amerika befinde sich in einer isolationistischen Falle. Es sei immer weniger bereit, für Bündnispartner tragbare Verantwortung zu übernehmen. Unter Trump schwinde die wertbezogene Verbindung mit Europa. Zugleich bleibe die chinesische Industrie für europäische Märkte wichtig, und kurzfristig locke die Entscheidung für China mit ökonomischen Vorteilen.
Dann kam der entscheidende Satz: „Sich für Amerika zu entscheiden, ist schwierig, ist gefährlich. Sich für China zu entscheiden, ist noch viel gefährlicher.“ Europa müsse eine dritte Option entwickeln. Dieser Gedanke war das Zentrum des Abends. Er war keine Äquidistanz, kein Neutralismus, kein wohltemperiertes Lavieren. Wu warnte ausdrücklich vor der Illusion, China könne gegenüber Russland eine vermittelnde Rolle übernehmen. Die Nähe zwischen Peking und Moskau sei so eng geworden, dass China bei einem Konflikt Europas mit Russland immer Russlands Seite wählen werde.
Dazu kommt das politische System. Wu sagte, es sei ein großer Trugschluss zu glauben, Chinas System habe mit europäischem Leben nichts zu tun. Wer sich in das chinesische Lager begebe, riskiere die Aushöhlung eigener Rechte, eigener Verfahren, eigener Institutionen. In Kanada und den USA lasse sich beobachten, wie chinesischer Einfluss gesellschaftliche Räume verändert. Die Wahl für China wäre deshalb kein pragmatischer Handelszug. Sie wäre ein Eingriff in die Verfassung Europas.
Hermann Simons Realismus
Hermann Simon hat in einem Gespräch über den Wirtschaftskrieg gegen China eine andere Seite dieser Frage herausgearbeitet. Russland und China dürfe man in ihrer Bedeutung für Deutschland nicht vergleichen. China sei wirtschaftlich von ganz anderer Größenordnung. Seit 2010 wachse der Welthandel langsamer als zuvor; Exporte würden zunehmend durch Direktinvestitionen ersetzt. Deutsche Unternehmen betreiben in China mehr als 2000 Fabriken. In Deutschland gibt es dagegen nur wenige chinesische Greenfield-Fabriken. Die Asymmetrie ist offensichtlich.
Simon warnt vor der Versuchung, jeden Vorgang sicherheitspolitisch aufzublasen. Der Elmos-Fall, der Hamburger Hafen, Huawei, 5G, Direktinvestitionen: Man müsse unterscheiden. Strategische Abhängigkeiten seien gefährlich, etwa bei Seltenen Erden, pharmazeutischen Vorprodukten, Hochtechnologie, kritischer Infrastruktur. Aber eine Politik, die jeden Kontakt unter Generalverdacht stellt, beschädigt eigene Interessen. Zugleich nennt Simon das zentrale Risiko: Deutschland dürfe nicht zwischen die Mühlsteine des amerikanisch-chinesischen Konflikts geraten.
Hier berühren sich Simon und Wu. Beide argumentieren gegen Reflexe. Beide verlangen Unterscheidungskraft. Beide sehen, dass Europa in einer Welt zwischen amerikanischem Protektionismus und chinesischer Autokratie nur bestehen kann, indem es eigene Maßstäbe, eigene Interessen und eigene Verfahren präzise benennt.
Die dritte Option Europas
Wu gab dieser dritten Option eine geschichtliche Begründung. Europa sei eine tief verwurzelte Zivilisation, verfüge über eine gewichtige Wirtschaft und über gefestigte Gesellschaften. In früheren Jahrhunderten sei Europa der Leuchtturm moderner Zivilisation gewesen. Später habe Amerika diese Rolle übernommen. Nun höre Amerika auf, von seiner eigenen Demokratie zu sprechen. Daher müssten die Europäer lauter werden.
Dieser Satz verlangt Mut zur Selbstbeschreibung. China spricht von einer „Global Civilization Initiative“, meint im Kern jedoch die chinesische Zivilisation. Europa sollte sich davon nicht einschüchtern lassen. Wu formulierte es als einfache Gegenfrage: Die Chinesen sagen, sie hätten eine eigene Zivilisation. Weshalb sollte Europa verwirrt reagieren, statt die eigene zu benennen?
Das europäische Modell hat keine Armee von Parteisekretären nötig, um attraktiv zu sein. Es lebt aus Recht, öffentlicher Kritik, Wettbewerb, Wissenschaftsfreiheit, sozialem Ausgleich, kommunaler Selbstverwaltung, offenen Universitäten, einer pluralen Presse und einer Wirtschaft, die trotz Überregulierung noch immer Unternehmen von weltweitem Rang hervorbringt. Freiheit ist kein Ornament. Sie ist eine Produktionsbedingung von Innovation.
Die List als europäische Disziplin
Am Ende empfahl Wu Guoguang die Lektüre von Sunzi. Das Buch handle nicht davon, wie man Krieg führt, sagte er. Es sei auch kein persönlicher Ratgeber des alten Autors. Es eröffne einen Zugang zu einer Denkweise, in der viele chinesische Politiker die Welt als Kampffeld betrachten: als Raum, in dem andere Kräfte besiegt, ausmanövriert oder gebunden werden. Diese Bemerkung führt direkt zu Harro von Senger und den 36 Strategemen.
Europa sollte diese Strategeme nicht als exotische Weisheit missverstehen. Sie sind ein Alphabet politischer Klugheit. „Wei belagern, um Zhao zu retten“ heißt für Europa: Druck auf China muss nicht immer dort ansetzen, wo Peking die Konfrontation erwartet. Wer Indien, Japan, Südkorea, Australien, Kanada, Brasilien, Mexiko, Südafrika und die Mercosur-Staaten enger an Europa bindet, verändert Chinas Handlungsspielraum ohne großes Getöse.
„Unter dem Kessel das Brennholz wegziehen“ heißt: Abhängigkeiten abbauen, die Erpressung möglich machen. Seltene Erden, Batteriezellen, Wirkstoffe, Cloud-Infrastruktur, Chip-Verpackung, industrielle Robotik und maritime Logistik sind keine Randthemen. Sie entscheiden, ob Europa in einer Krise handeln kann.
„Auf das Gras schlagen, um die Schlange aufzuscheuchen“ heißt: Chinesische Investitionen, Plattformen, Hochschulkooperationen und Lobbystrukturen müssen geprüft werden, ohne hysterische Pauschalurteile. Die Untersuchung selbst verändert das Verhalten der Gegenseite. Transparenz ist eine Machttechnik.
„Im Osten lärmen, im Westen angreifen“ ist eine Warnung an Europa. Peking redet von Zivilisation, Harmonie, gemeinsamer Zukunft und friedlicher Entwicklung, während es Lieferketten, Rohstoffmärkte, Hafenlogistik, digitale Standards und internationale Organisationen bearbeitet. Europa darf sich nicht am Klang der großen Worte festbeißen. Es muss prüfen, wo Macht tatsächlich verschoben wird.
„Die Flucht ist die beste List“ klingt feige, ist aber in vielen Lagen die höchste Form politischer Vernunft. Europa muss nicht jede Konfrontation suchen. Es muss aus Geschäften aussteigen können, die seine Rechtsordnung unterspülen. Exitfähigkeit ist eine Voraussetzung souveräner Kooperation.
Die langen Ziele der KP und die Wirklichkeit
Xi Jinping liebt Langfristziele. 2035, 2049, nationale Wiedergeburt, Modernisierung, technologische Weltspitze, militärische Macht, kultureller Aufstieg. Solche Ziele sind ernst zu nehmen, weil sie Ressourcen lenken, Apparate mobilisieren, Unternehmen binden und Erwartungen erzeugen. Aber sie sind keine Prophezeiungen. Wu machte deutlich, dass viele dieser Ziele mit der Realität kollidieren.
China ringt mit dem eigenen Umland. Taiwan ist kein gelöstes Problem, Japan kein leicht einzuschüchternder Nachbar, Indien kein natürlicher Partner, Südostasien kein bloßer Vorhof Pekings. Russland ist gefährlicher Verbündeter und Last zugleich. Die Immobilienkrise, Jugendarbeitslosigkeit, schwacher Binnenkonsum, Kapitalflucht, lokale Verschuldung, demographischer Druck und die Misstrauenspolitik gegenüber privaten Unternehmen begrenzen den chinesischen Aufstieg.
Auch technologisch ist das Bild weniger eindeutig, als die Propaganda suggeriert. Wu sagte, Xi sehe sehr wohl, dass der Osten auf diesem Feld noch nicht vollständig aufgestiegen sei. Deshalb investiere China mit enormem Aufwand in Hightech. Diese Anstrengung ist real. Aber Forschung verlangt Irrtum, Streit, Abweichung, institutionelle Offenheit. Ein System, das Loyalität über Wahrheit stellt, kann industrielle Skalierung erzwingen. Es tut sich schwer mit jener offenen schöpferischen Unruhe, aus der Sprunginnovationen entstehen.
Europa als Gegenentwurf
Die europäische Antwort beginnt nicht mit einer China-Strategie. Sie beginnt mit einer Europa-Strategie. Der Unterschied ist erheblich. Eine China-Strategie reagiert auf Peking. Eine Europa-Strategie klärt, was dieser Kontinent in zwanzig Jahren sein will: industriell, technologisch, militärisch, politisch, kulturell.
Das EU-Mercosur-Abkommen, das seit dem 1. Mai 2026 vorläufig angewandt wird, weist in die richtige Richtung. Es schafft einen Wirtschaftsraum von rund 700 Millionen Menschen und verbindet Europa mit Südamerika auf eine Weise, die über den alten Reflex bloßer Absatzmärkte hinausgehen kann. Solche Abkommen sind geostrategische Instrumente. Sie zeigen Indien, Afrika und Lateinamerika, dass Europa eine Alternative zu amerikanischer Unberechenbarkeit und chinesischer Kreditmacht bieten kann.
Europa sollte seine Industrie schützen, ohne in die Planwirtschaft abzugleiten. Es sollte offene Märkte verteidigen, ohne sich wehrlos zu machen. Es sollte China nicht dämonisieren, aber auch nicht romantisieren. Es sollte amerikanische Sicherheitsgarantien nutzen, aber eigene Fähigkeiten aufbauen. Es sollte bei KI nicht davon träumen, den nächsten Hyperscaler nachzubauen, wenn industrielle Anwendungen, Maschinenbau, Automatisierung, Medizintechnik, Energieeffizienz, Mobilität und Deep-Tech-Nischen das geeignetere Feld sind. Der europäische Weg liegt in der Verbindung von Recht, Industrie, Forschung und Vertrauen.
Die europäische Umkehrung
Xi Jinpings Satz vom steigenden Osten und sinkenden Westen ist kein Befund, es ist eine politische Waffe. Er soll Selbstvertrauen in China erzeugen und Zweifel in Europa säen. Europa sollte diese Waffe aus der Hand schlagen, indem es die Frage umkehrt. Nicht der Westen ist am Ende. Am Ende sind Systeme, die Wahrheit fürchten, Unternehmer disziplinieren, Wissenschaft lenken, Nachbarn bedrohen und Kreativität unter Loyalitätszwang stellen.
Die phil.COLOGNE-Veranstaltung mit Wu Guoguang war deshalb keine gewöhnliche China-Debatte. Sie war eine europäische Selbstbefragung. Der frühere Redenschreiber der Kommunistischen Partei erklärte in Köln, weshalb China ernster genommen werden muss, als es seine Verächter tun, und weniger gefürchtet werden sollte, als es seine Bewunderer glauben. Er zeigte, dass der Apparat lernfähig ist, machtbewusst und strategisch geschult. Er zeigte ebenso, wie groß seine inneren Spannungen sind.
Europa muss China lesen lernen, ohne sich von ihm hypnotisieren zu lassen. Es muss Amerika neu bewerten, ohne in antiamerikanische Pose zu fallen. Es muss seine Partner im Süden, im Indo-Pazifik und in Afrika ernster nehmen. Es muss Interessen formulieren, die länger halten als eine Legislaturperiode. Und es muss wieder in einer Sprache sprechen, die erkennen lässt, dass dieser Kontinent mehr ist als Binnenmarkt, Regulierungsraum und Krisenverwaltung.
Die dritte Karte Europas liegt auf dem Tisch. Sie verlangt Wirtschaftskraft, militärische Handlungsfähigkeit, kulturelles Gedächtnis, strategische List und Vertrauen in die eigene freie Ordnung. Wer sie spielt, folgt weder Washingtons Launen noch Pekings Geschichtsmythologie. Er nimmt die Welt, wie sie ist, und wirkt an ihr mit.
2026年6月13日,在科隆喜剧剧场举行的 phil.COLOGNE 活动上,人们谈论中国,更准确地说,是谈论习近平的世界政治,谈论一个把自身崛起叙述为历史必然的权力体,也谈论欧洲——这个大陆在新的力量格局中太常显得还没有找到属于自己的句子。
舞台上坐着弗莱堡大学汉学教授丹尼尔·李泽、译者史明,以及斯坦福大学政治学者吴国光。吴国光并不是那种从远处研究中国的旁观者。他了解这个体制的内部运作。20世纪80年代,他曾在《人民日报》工作,后来成为中国共产党前总书记赵紫阳的撰稿人,并参与了中共十三大报告的起草。他属于这样一代人:在毛泽东去世之后,在文化大革命和意识形态废墟之后,他们曾短暂相信,中国国家能够从自身的僵硬结构中走出来。
吴国光讲述这些经历时并无悲情。1976年毛泽东去世时,他还在农村劳动。十年后,他已进入中共中央总书记的咨询团队。仅此一点,便足以看出当时中国变革的深度。李泽补充说,20世纪80年代,党内的任用还存在真实的贤能标准,而不只是口号。今天,忠诚成了更重要的尺度。这正是那晚讨论的一条主线:中国实现了现代化,但曾经使这种现代化成为可能的政治空间,后来又被系统性地关闭了。
“西方下降,东方上升”
习近平用一个如今已成为中国权力话语核心组成部分的公式来解释世界:西方下降,东方上升。在官方文本中,同一思想被置于世界历史转折的语言中:世界正在经历百年未有之大变局,中国由此面临风险,也获得机遇。这个公式足够灵活,可以在任何场合使用:同俄罗斯会谈时,在非洲讲话时,在峰会上,在解释中国式现代化时。
吴国光在科隆解释了习近平这种自信的来源。首先是中国的物质力量,尤其是制造业力量。其次是所谓“中国模式”,也就是党的控制、国家权力和市场机制的结合。再加上一种文化政治主张:西方文明正在衰落,而中国传统,尤其是儒家思想,能够提供替代方案。毛泽东曾反对这种传统,习近平则重新调用它。这并不是中国权力政治的断裂,更像是对意识形态储藏室的一次重新整理。
这个过程值得注意,因为它显示出两层含义。习近平用历史布景来执政。他谈百年变局,谈民族复兴,谈中国式现代化,谈文明。与此同时,他的政治又极其实用。他拿来一切可用之物:马克思、毛泽东、邓小平、孔子、数字控制、产业过剩、对外贸易、非洲政策、拉丁美洲、俄罗斯。贯穿其中的并不是一套完整学说,而是保住权力。
旧开放与新收紧
吴国光提醒人们注意改革时代的巨大悖论。中国拥抱了市场经济。中国拥抱了全球化。与此同时,党对经济和社会的控制变得更紧、更密、更有效。这两个句子必须放在一起理解。中华人民共和国的崛起来自开放,来自西方技术的吸收,来自全球供应链,来自外国投资,来自一种私人企业家的活力;在20世纪80年代和90年代,这种活力拥有比今天党内语言愿意承认的更多空间。
丹尼尔·李泽此前在卡尔·弗里德里希·冯·西门子基金会的一场会议上已经清楚说明了这一点:“企业家们的创新能力是在一种相对薄弱的监管环境中展开的,这种环境深刻影响了20世纪80年代和90年代的政策。”这正是中国成功中最脆弱的核心。党依赖那些它并不信任的力量。它需要企业家、工程师、资本、世界市场和开放的数据流。与此同时,它害怕由此产生的一切自主性。
即使不看科隆舞台上的讨论,马云也是这一矛盾最醒目的象征。阿里巴巴创始人曾在达沃斯被视为新中国的面孔,被看作中华人民共和国能够在全球尺度上孕育创新和企业精神的证据。后来,他被带回到党的政治现实之中。信号很清楚:经济规模可以被容忍,政治上的自我授权必须止步于党国之墙。
吴国光把习近平的这一矛盾描述为双重战略。习近平希望利用市场经济和全球化所积累起来的物质力量。与此同时,他又试图压制政治空间中的一切异己权力。真正的爆裂点就在这里。一个把私营企业视为危险来源的政权,会伤害自己赖以生存的生产力。
王沪宁与思想的异国技艺
李泽在科隆提到了王沪宁,如今他是中共最高权力圈中最重要的人物之一。王沪宁曾在美国考察、观察并记录。他在美国研究中关注智库、思想生产,以及那些能够发现政治问题、塑造概念并长期影响政府行动的机构。“思想工厂”这个说法,在这里非常准确:思想被生产出来,被传播,被检验,并被转化为战略。
这里有一种苦涩的不对称。中国权力的首席思想家曾非常仔细地阅读西方。相比之下,德国政治语言前往北京时,文化行李常常过于轻薄。哈罗·冯·森格尔以弗里德里希·默茨为例剖析了这一点。一位总理谈到“马年”,祝愿对方拥有力量和能量,却没有注意到德国在中国象征秩序中拥有怎样的资本。中文里“马”的发音是“ma”。卡尔·马克思的中文名字“马克思”也以“马”开头。习近平2018年称马克思是人类历史上最伟大的思想家。冯·森格尔的讽刺刺中了更大的弱点:德国几乎已经不懂自己在中国象征世界中的回响。
这并不意味着要向中国意识形态献媚。它意味着必须了解自己发言的舞台。中国在符号、历史类比、等级秩序、清单和计谋中思考。谁只带着贸易数字和外交套话出场,谁就在浪费权力。
美国保护伞正在变形
吴国光把欧洲引向一个不舒适的问题。在美国和中国之间作出选择非常困难。美国陷入了孤立主义陷阱。它越来越不愿意为盟友承担可持续的责任。在特朗普影响下,美国与欧洲之间以价值为基础的纽带正在减弱。与此同时,中国工业对欧洲市场仍然重要,短期内选择中国似乎会带来经济利益。
随后出现了关键一句:“选择美国是困难的,是危险的。选择中国更加危险。”欧洲必须发展第三种选择。这个思想是那晚的中心。它不是等距离外交,不是中立主义,也不是温和的摇摆。吴国光明确警告说,不要幻想中国能够在欧洲与俄罗斯的冲突中扮演调停者。北京与莫斯科的关系已经如此紧密,一旦欧洲同俄罗斯发生冲突,中国一定会站在俄罗斯一边。
此外还有政治制度的问题。吴国光说,认为中国制度与欧洲生活无关,是一个巨大的误判。谁进入中国阵营,谁就可能面临自身权利、程序和制度被掏空的风险。在加拿大和美国,人们已经能够观察到中国影响如何改变社会空间。因此,选择中国并不是一种务实的贸易动作。它会触及欧洲的宪制基础。
赫尔曼·西蒙的现实主义
赫尔曼·西蒙在一次关于对华经济战的谈话中,从另一个角度展开了这一问题。他认为,不能把俄罗斯和中国在德国经济中的意义相提并论。中国对德国的经济重要性完全不同。自2010年以来,世界贸易增长放缓;出口越来越多地被直接投资取代。德国企业在中国经营着超过2000家工厂。相反,中国在德国的新建工厂数量很少。这种不对称非常明显。
西蒙警告,不要把每一件事都夸大为安全问题。埃尔莫斯案、汉堡港、华为、5G、直接投资:必须作出区分。战略性依赖确实危险,例如稀土、药品前体、高技术、关键基础设施。但一种把所有接触都置于总体怀疑之下的政策,会损害欧洲自身利益。与此同时,西蒙指出了核心风险:德国不能落入美中冲突的磨盘之间。
在这里,西蒙与吴国光相互呼应。两人都反对条件反射。两人都要求具备区分能力。两人都看到,在美国保护主义和中国专制政治之间,欧洲只有清楚说明自己的标准、利益和程序,才能站得住。
欧洲的第三种选择
吴国光为这种第三种选择给出了历史理由。欧洲是一种根基深厚的文明,拥有重要经济力量和成熟社会。在过去几个世纪里,欧洲曾是现代文明的灯塔。后来美国接过了这一角色。如今美国不再愿意谈自己的民主。因此,欧洲人必须说得更响亮。
这句话要求欧洲具备自我描述的勇气。中国谈“全球文明倡议”,其核心仍是中国文明。欧洲不该因此陷入困惑。吴国光提出了一个简单的反问:中国人说他们有自己的文明,欧洲为什么不能说自己也有?
欧洲模式并不需要一支党委书记大军来证明自己的吸引力。它来自法律、公共批评、竞争、学术自由、社会平衡、地方自治、开放大学、多元媒体,以及一种尽管深受过度监管之累却仍能孕育世界级企业的经济。自由不是装饰。自由是创新的生产条件。
计谋作为欧洲纪律
最后,吴国光建议阅读《孙子兵法》。他说,这本书并不是一本简单的战争手册,也不是古代作者留下的个人成功学读本。它打开了一种思维方式:许多中国政治人物把世界看作战场,看作一个需要击败、绕开或牵制其他力量的空间。这一提醒直接通向哈罗·冯·森格尔和“三十六计”。
欧洲不应把这些计谋误解为东方神秘智慧。它们是一套政治精明的字母表。“围魏救赵”对欧洲意味着:对中国施压并不总要在北京预期的地点展开。谁把印度、日本、韩国、澳大利亚、加拿大、巴西、墨西哥、南非和南方共同市场国家更紧密地同欧洲联系起来,谁就改变了中国的行动空间,而无需大张旗鼓。
“釜底抽薪”意味着:削减那些使勒索成为可能的依赖。稀土、电池、药物原料、云基础设施、芯片封装、工业机器人和海上物流并不是边缘问题。它们决定欧洲在危机中是否仍能行动。
“打草惊蛇”意味着:中国投资、平台、大学合作和游说结构都必须接受审查,同时避免歇斯底里的笼统判断。调查本身就会改变对方行为。透明度是一种权力技术。
“声东击西”是给欧洲的警告。北京谈文明、和谐、人类命运共同体、和平发展,同时运作供应链、原材料市场、港口物流、数字标准和国际组织。欧洲不能被宏大词语的音响所缠住。它必须检查权力究竟在哪里发生转移。
“走为上计”听上去像怯懦,但在许多情境下,它是最高形式的政治理性。欧洲不必寻找每一次对抗。它必须能够退出那些侵蚀自身法律秩序的交易。退出能力是主权合作的前提。
中共的长期目标与现实
习近平喜欢长期目标。2035年、2049年、民族复兴、现代化、技术世界领先、军事强国、文化崛起。这些目标必须认真对待,因为它们会引导资源、动员机构、约束企业并制造期待。但它们不是预言。吴国光清楚指出,许多目标会同现实发生冲突。
中国正在同自己的周边环境较量。台湾不是一个已经解决的问题,日本不是一个容易被吓倒的邻国,印度不是天然伙伴,东南亚也不是北京的前院。俄罗斯既是危险的盟友,也是负担。房地产危机、青年失业、内需疲弱、资本外流、地方债务、人口压力,以及对私营企业的不信任政治,都限制了中国的上升。
技术领域的图像也不像宣传所暗示的那样简单。吴国光说,习近平非常清楚,在这个领域,“东方”还没有完全上升。因此,中国用巨大投入推动高科技。这种努力是真实的。但研究需要错误、争论、偏离和制度开放。一个把忠诚置于真理之上的体制,可以强行推动工业规模化,却很难孕育那种开放的创造性不安,而真正的突破性创新往往来自那里。
欧洲作为另一种方案
欧洲的回答并不始于一套对华战略。它始于一套欧洲战略。两者差别重大。对华战略是在回应北京。欧洲战略则要回答:二十年后,这个大陆想成为什么样的存在——在工业上、技术上、军事上、政治上、文化上。
自2026年5月1日起临时适用的欧盟—南方共同市场协定指向正确方向。它创造了一个大约7亿人的经济空间,并以一种可能超越旧式销售市场逻辑的方式把欧洲与南美联系起来。这类协定是地缘战略工具。它们向印度、非洲和拉丁美洲表明,欧洲可以提供一种替代选择,既不同于美国的不可预测性,也不同于中国的信贷权力。
欧洲应该保护自己的工业,同时避免滑向计划经济。它应该捍卫开放市场,同时避免毫无防备。它应该既不妖魔化中国,也不浪漫化中国。它应该利用美国安全保障,同时发展自身能力。在人工智能领域,欧洲不必梦想复制下一个超大规模云平台;工业应用、机械制造、自动化、医疗技术、能源效率、交通和深科技细分领域,也许才是更合适的场域。欧洲道路在于法律、工业、研究和信任的结合。
欧洲的反转
习近平关于东方上升、西方下降的句子,不是观察结论,而是一件政治武器。它要在中国制造自信,在欧洲播撒怀疑。欧洲应当把这件武器从对方手中夺下,方法就是反转这个问题。走到尽头的并不是西方。走到尽头的是那些害怕真理、管束企业家、指挥科学、威胁邻国并把创造力置于忠诚压力之下的体制。
phil.COLOGNE 与吴国光的这场活动,因此并不是一场普通的中国讨论。它是一场欧洲自我追问。前中共撰稿人在科隆说明了,为什么必须比中国的轻蔑者更认真地对待中国,也为什么不应像中国的仰慕者那样害怕中国。他显示出,这个体制学习能力很强,权力意识很强,也受过战略训练。他同样显示出,它的内部张力有多大。
欧洲必须学会阅读中国,同时避免被中国催眠。它必须重新评估美国,同时避免落入反美姿态。它必须更认真地对待全球南方、印度—太平洋地区和非洲的伙伴。它必须提出能够超越一届议会任期的利益。它也必须重新使用一种语言,让人看出这个大陆并非只是内部市场、监管空间和危机管理机构。
欧洲的第三张牌已经摆在桌上。它需要经济力量、军事行动能力、文化记忆、战略机智,以及对自身自由秩序的信心。打出这张牌的人,既不追随华盛顿的情绪,也不屈从北京的历史神话。他把世界看作它真实存在的样子,并参与塑造它。