
In seinem Mitgliederbrief an die deutsche Marcel-Proust-Gesellschaft bezieht sich Professor Reiner Speck auf ein Zitat von Marcel Proust, das treffend die Verzögerung seiner eigenen Antwort an die Mitglieder erklärt: „Je suis extrêmement malade, j’ai 80 lettres en retard. Si ej fais exception pour vous et vous réponds tout de suite, vous tirerez de ce fait ej pense la conclusion qu’il comporte. C’est celle-ci: votre lettre m’a enchanté.“ Auf Deutsch übersetzt bedeutet dies: „Ich bin äußerst krank, ich habe 80 Briefe im Rückstand. Wenn ich eine Ausnahme für Sie mache und Ihnen sofort antworte, werden Sie aus diesem Umstand, denke ich, die Schlussfolgerung ziehen, die er beinhaltet. Diese ist: Ihr Brief hat mich entzückt.“
Dieses Zitat dient als Epigraph, das die Entschuldigung für die Verzögerung und die besondere Wertschätzung ausdrückt, die Speck für die Mitglieder der Gesellschaft empfindet. Marcel Prousts Worte spiegeln eine tiefere Wahrheit wider, die in diesem Kontext von Professor Speck hervorgehoben wird: die Anerkennung und Wertschätzung der Gemeinschaft, die sich um das Werk Prousts versammelt hat.
Die Bedeutung des Zitats im Kontext der Marcel-Proust-Gesellschaft
Professor Speck nutzt das Zitat, um auf die Herausforderungen hinzuweisen, denen er und die Gesellschaft aufgrund der pandemischen Erkrankung gegenüberstanden. Diese Pandemie, die zahlreiche Aktivitäten verzögert hat und tragischerweise einige Mitglieder das Leben gekostet hat, wird durch Prousts ständige Krankheit und seine umfangreiche, oft unerfüllte Korrespondenz symbolisch dargestellt. Es unterstreicht die Schwierigkeiten, aber auch die Hingabe und das Engagement der Gesellschaft, ihre Aktivitäten fortzuführen und die Werke Prousts zu ehren.
Aktivitäten der Marcel-Proust-Gesellschaft im zweiten Halbjahr 2024
Trotz der Verzögerungen und Herausforderungen hat die Marcel-Proust-Gesellschaft ein umfangreiches Programm für das zweite Halbjahr 2024 entwickelt, das sowohl die kulturellen als auch die literarischen Interessen ihrer Mitglieder berücksichtigt.
Sommermatinee am 7. Juli 2024

Den Auftakt bildet die traditionelle Sommermatinee am 7. Juli 2024. Aufgrund der Fußball-Europameisterschaft in Köln musste der Termin in den Juli verschoben werden, um den logistischen Herausforderungen und überhöhten Hotelpreisen zu entgehen.
Feierlichkeiten zu Reynaldo Hahns 150. Geburtstag
Ein Höhepunkt des Programms ist die Feier zu Reynaldo Hahns 150. Geburtstag. Hierzu wird Professor Albert Gier einen musikwissenschaftlichen Vortrag halten, ergänzt durch literarische Lesungen und Klavierstücke, die von der Pianistin Margita Linde interpretiert werden. Diese Veranstaltung hebt die enge Verbindung zwischen Musik und Literatur hervor, die auch Prousts Werk durchzieht.
Exkursion im Spätherbst
Für den Spätherbst ist eine mehrtägige Exkursion geplant, die die Mitglieder zu wichtigen Proust-Stätten in Frankreich führt. Die Reise umfasst Besuche im neuen „Musée Marcel Proust – Maison de Tante Léonie“ in Illiers-Combray und im Museum „La Villa du Temps Retrouvé“ in Cabourg-Balbec, mit umfassenden Ausstellungen zu Marcel Proust und Jules Verne. Diese Exkursion bietet den Teilnehmern nicht nur tiefe Einblicke in das Leben und Werk von Proust, sondern auch die Gelegenheit, sich durch kurze Vorträge aktiv in die Gemeinschaft einzubringen.
Weitere Veranstaltungen und Publikationen
Zusätzlich zur Exkursion und den Sommerveranstaltungen plant die Gesellschaft eine Mitgliederversammlung, die mit der Eröffnung der „Reynaldo Hahn“-Ausstellung in der Bibliotheca Proustiana in Köln zusammengelegt wird. Begleitet wird dies von öffentlichen Musikabenden und Führungen.
Im Herbst 2024 erscheinen zudem zwei bedeutende Publikationen: Der Band zum Kölner Symposium „Proust und der Tod“ sowie die Doppelnummer XXXII/XXXIII der „PROUSTIANA“. Diese Publikationen sind ein wichtiger Beitrag zur Proust-Forschung und bieten den Mitgliedern wertvolle neue Einblicke in sein Werk.
Anregungen für Kurzvorträge zur spätherbstlichen Exkursion:
Marcel Prousts Kindheit in Illiers-Combray“. Dieser Vortrag könnte die Bedeutung von Illiers-Combray in Prousts Werk hervorheben, insbesondere wie die Stadt als Inspiration für den fiktiven Ort Combray in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ diente. Es könnte auch auf Prousts Kindheitserinnerungen und ihre literarische Transformation eingegangen werden.
Das Haus von Tante Léonie: Ein Ort der Erinnerung.
Die Rolle der Kathedralen in Prousts Werk“. Angesichts der Besuche von Kathedralen wie Chartres, Laon, Amiens und Rouen könnte dieser Vortrag die symbolische und ästhetische Bedeutung von Kathedralen in Prousts Werk thematisieren. Ein besonderer Fokus könnte auf der berühmten Passage über die Kathedrale von Chartres liegen.
Jules Verne und Marcel Proust: Zwei Visionäre der Literatur:
Da die Exkursion auch eine Ausstellung zu Jules Verne umfasst, könnte dieser Vortrag die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen beiden Autoren untersuchen. Themen könnten ihre jeweiligen Visionen der Zukunft und ihre literarischen Stile sein.
Das Grand Hotel in Cabourg: Ein literarischer und historischer Ort“: Da die Teilnehmer im Grand Hotel übernachten, könnte dieser Vortrag die historische Bedeutung des Hotels und seine Rolle in Prousts Leben und Werk thematisieren.
Vorher noch Mitglied der Marcel-Proust-Gesellschaft werden.
Cher Proustien,
Dans l’espoir que nos chemins littéraires continuent de se croiser dans le jardin enchanté de la mémoire et de l’émotion, je vous adresse mes plus sincères salutations.
Siehe auch:
Zwischen Bordell-Hotel und platonischer Liebe: Proust-Matinée
Exkursion in die Bibliotheca Proustiana Reiner Speck. Matinée und Mitglieder-Versammlung der Marcel Proust Gesellschaft in Köln.
Nachtrag zur Veranstaltung im Winter 2023:
Ein Hauch von Prousts Routine
Mit einem Augenzwinkern eröffnete der Vorsitzende Professor Reiner Speck die Matinée, indem er auf die späte Beginnzeit der Veranstaltung einging. „Matinée“, so erklärte er, könne laut Larousse auch am Mittag beginnen und bis in den späten Nachmittag andauern. Diese flexible Auslegung ehre nicht zuletzt Marcel Proust selbst, der oft erst gegen 16 Uhr erwachte.
Literarische und musikalische Intermezzi
Die Matinée war reich an literarischen und musikalischen Höhepunkten. Ein besonderes Augenmerk lag auf dem Vortrag über „Petrarcas Amor als Inbegriff der Lyrik“, gehalten von Professor Karl Philipp Erbrock von der Universität Konstanz. Er vertiefte sich in die poetische Darstellung von Liebe und Sehnsucht, die sowohl Petrarca als auch Proust in ihren Werken meisterhaft einfingen.
Eine Exkursion in Prousts Welt
Jacques Letertre, Pariser Literaturwissenschaftler und Inhaber mehrerer literarischer Hotels in Frankreich, brachte die Zuhörer in die Welt Prousts und seines Umfelds. Er berichtete von seiner Sammlung seltener Autografen und Devotionalien, die er in den Hotels ausstellt. Besonders eindrucksvoll war seine Erzählung über ein Bordell-Hotel, das Proust frequentierte und das er als Schauplatz für seine literarischen Recherchen nutzte. Die Verbindung von Erotik und Literatur, so Letertre, fand in diesen Begegnungen eine faszinierende Synthese.
Preisverleihung und Anerkennung
Ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltung war die Verleihung des Marcel-Proust-Preises an Jürgen Fischer, dessen umfassende Übersetzung der „Recherche“ als ein Meilenstein der deutschen Proust-Rezeption gilt. Fischer, der seine Arbeit zunächst als persönliche Herausforderung begann, erzählte von den zehn Jahren intensiver Übersetzungsarbeit, die er ohne verlagstechnische Unterstützung meisterte. Sein Engagement und seine Liebe zur Literatur wurden mit dem Preis und den herzlichen Glückwünschen der Gesellschaft gewürdigt.
Kultureller Dialog und wissenschaftliche Tiefe
Die Veranstaltung bot nicht nur Einblicke in das literarische Werk Prousts, sondern auch in die damit verbundene wissenschaftliche Arbeit. Fischer berichtete von den Herausforderungen und Freuden der Übersetzung, während Le Terre die historische und kulturelle Bedeutung seiner Funde hervorhob. Beide trugen dazu bei, das Verständnis und die Wertschätzung für Prousts Werk zu vertiefen.
Musikalische Untermalung
Musikalisch begleitet wurde die Matinée von Stücken Mozarts, die in ihrer Klarheit und Schönheit die literarischen Darbietungen wunderbar ergänzten. Die Auswahl der Musik und die virtuose Darbietung unterstrichen die Harmonie zwischen Wort und Klang, die den Geist Prousts und seiner Zeit lebendig werden ließ.
Abschluss und Ausblick
Die Matinée endete mit einer Vorschau auf kommende Veranstaltungen der Marcel-Proust-Gesellschaft, darunter eine mehrtägige Exkursion zu bedeutenden Proust-Stätten in Frankreich. Die Anwesenden waren sich einig: Diese Matinée war nicht nur eine würdige Hommage an Marcel Proust, sondern auch ein Beweis für die lebendige und engagierte Gemeinschaft, die sein Werk weiterhin inspiriert.
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