
Michael Seemann beschreibt die digitale Öffentlichkeit als zunehmend von „For you“-Algorithmen der kommerziellen Plattformen bestimmt. Er sieht darin einen Verlust menschlicher Vernetzung und Vertrauen, zugunsten der Kontrolle durch wenige Konzerne. Ich möchte hier eine andere Perspektive aufzeigen, indem ich die Rolle des Parasiten im Sinne von Michel Serres weiter ausformuliere.
Die Digitale Öffentlichkeit: Ein Kaufhaus der Meinungen
Die digitalen Plattformen, die Seemann kritisiert – TwitterX, Facebook, LinkedIn, YouTube und auch neuere wie Mastodon – sind letztlich privatisierte Öffentlichkeiten. Diese Plattformen bieten ihre Dienste größtenteils kostenlos an, finanziert durch Werbung, Abos, Spenden, Sponsoring und dergleichen mehr. Die Regeln, die dort gelten, ähneln denen eines Kaufhauses: Wer gegen die AGBs verstößt, riskiert Sanktionen bis hin zur Verbannung – das gilt auch für Mastodon mit vielen kleinen Fürstentümern. Diese Maßnahmen mögen oft willkürlich und ohne ausreichende Widerspruchsmöglichkeiten erscheinen, doch sind sie schon immer integraler Bestandteil des Systems, das uns Zugang zu diesen Plattformen gewährt. Hier wäre in der Tat die Politik gefragt, um eine Art von Internet-Governance zu etablieren, ähnlich der ICANN. Fordern wir ja schon seit Ewigkeiten:
Internet Governance-Experte Professor Wolfgang Kleinwächter fordert im ichsagmal.com-Interview ieine Abkehr von Prangermethoden, die im 15. oder 16. Jahrhundert üblich waren. So etwas gehört nicht in unsere Zeit. Auch Internet-Plattformen benötigen transparente Verfahren zur Streitschlichtung. Kleinwächter verweist auf die Uniform Domain-Name Dispute-Resolution Policy von Icann. Leider zählt das nicht zum Standard im Netz. „Hier sehe ich eine große Lücke für Internet Governance“, beklagt Kleinwächter.
Das Parasitentum im Digitalen Zeitalter
Als Vademekum gegen den Silicon-Valley-Scheiß operiere ich auf den Spuren des Parasitentums von Michel Serres – und das schon weit vor der Musk-Machtübernahme von Twitter. Serres beschreibt den Parasiten als eine Figur, die das Zentrum der Macht stört, das darauf abzielt, einen homogenen und störungsfreien Raum zu schaffen. Die Mächtigen, so Serres, wollen Gehorsam und Kontrolle – Bedingungen, die durch Stille und das Fehlen von Parasiten erreicht werden sollen.
In der heutigen digitalen Landschaft versuchen die großen Tech-Monopolisten, eine solche Stille zu schaffen. Sie wollen möglichst ungestört ihre Rendite maximieren und Störfaktoren eliminieren. Doch der Parasit unterläuft diese Logiken und Launen. Das technische Potenzial der Plattformen provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch parasitäre Piraterie. Der Parasit als Störfaktor kann den Wirt sowohl veredeln als auch schwächen. Wenn er nutzlos wird, sucht er sich einen neuen Wirt.
Die Zukunft der Tech-Monopolisten und der Parasiten
Die aktuell vorherrschenden Tech-Giganten wie Musk, Zuckerberg und Co. mögen heute die digitale Öffentlichkeit dominieren, doch in 15 Jahren könnten sie Geschichte sein. Die Dynamik der Technologie und des Marktes wird unweigerlich zu neuen Machtverschiebungen führen. Der Parasit, der sich stets an die neuen Gegebenheiten anpasst, wird weiter bestehen und gedeihen.

Seemanns Sorge über den Niedergang von Twitter und die Zersplitterung der Social-Web-Öffentlichkeit ist verständlich, doch sie ignoriert die resiliente Natur des parasitären Elements im digitalen Ökosystem. Die Plattformen mögen sich ändern, die Kontrolle durch wenige Konzerne mag wachsen oder schwinden, aber die Rolle des Parasiten als Störfaktor und als Katalysator für Veränderung bleibt bestehen. Dies zeigt uns, dass die digitale Öffentlichkeit trotz aller Versuche der Kontrolle und Homogenisierung immer auch Raum für Vielfalt, Widerstand und Innovation bietet.
Anmerkung: Serres verwendet den Begriff des Parasiten nicht nur im biologischen Sinne, sondern auch metaphorisch, um soziale, kulturelle und kommunikative Phänomene zu beschreiben. In diesem Exkurs möchte ich das Konzept des Parasiten bei Serres detaillierter erläutern und seine Relevanz für die moderne digitale Öffentlichkeit aufzeigen.
Der Parasit als Störfaktor und Katalysator
In der Biologie ist ein Parasit ein Organismus, der von einem Wirt lebt und diesem dabei schadet. Serres überträgt dieses Konzept auf die menschliche Gesellschaft und Kommunikation. Für ihn ist der Parasit ein Störfaktor, der in ein bestehendes System eindringt und es verändert. Diese Störung ist jedoch nicht nur destruktiv; sie kann auch produktiv sein und als Katalysator für Veränderung und Innovation wirken.
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