
Ingeborg Gleichauf verfolgt die Widerspenstigkeit durch Kindheit, Literatur, Kunst und Politik. Ihr Essay schärft den Blick für eine Fähigkeit, die jede Gemeinschaft benötigt und doch nur ungern erträgt.
Der Konformismus trägt selten Uniform. Meist sitzt er an einem langen Tisch, kennt die Vornamen, die alten Geschichten und die Sitzordnung. Er braucht keine Satzung, kein Verbot und keinen Vorsitzenden, der zur Geschlossenheit aufruft. Ein paar Blicke, Pausen und ausbleibende Antworten reichen. Ich kenne diese kleine Mechanik aus einem Karnevalsverein. Als Neumitglied erscheint man mit der Vorstellung, ein Verein freue sich über neue Leute. Die Kerntruppe verfügt über ein anderes Wissen. Sie erzählt von gemeinsamen Erlebnissen, lacht an den gewohnten Stellen und führt Gespräche, deren Vorgeschichte jeder kennt. Der Neue steht dabei, hört zu und merkt bald, dass Vertrautheit auch eine Grenzanlage sein kann.
Offen abgewiesen wird man kaum. Das wäre zu grob und würde die Selbstdarstellung der Gemeinschaft beschädigen. Ignorieren wirkt freundlicher und erreicht fast das Gleiche. Wer neu ist, soll zunächst die Rituale entziffern, die Rangordnung begreifen, an den passenden Stellen zustimmen und keine eigene Tonlage beanspruchen. Der Kreis erklärt sich für offen und bleibt fest geschlossen.
Der Mensch besitzt eine soziale Haut. Sie registriert die winzigen Veränderungen der Temperatur im Raum. Man spürt, wann ein Gespräch abbricht, weil man hinzutritt. Man erkennt, wem Fragen gestellt werden und wem nicht. Man bemerkt, dass Zugehörigkeit weniger durch eine Aufnahmebestätigung entsteht als durch eine Vielzahl kleiner Zeichen. Diese soziale Haut ist empfindlich. Der Konformitätsdruck muss deshalb gar nicht ausgesprochen werden.
Ingeborg Gleichaufs Essay „Widerspenstigkeit“, erschienen im wunderbaren Bernstein-Verlag, liefert für solche Erfahrungen keine soziologische Theorie. Er tut etwas Interessanteres: Er verfolgt das Abweichende in Wörtern, Gesten, literarischen Figuren, Alltagsbeobachtungen und politischen Konflikten. Der Begriff soll dabei beweglich bleiben. Gleichauf will ihn nicht in eine Definition sperren. Sie betrachtet, wo Widerspenstigkeit auftaucht, wem sie zugeschrieben wird und welche Ordnung sich durch sie verrät.
Die Reihe kennt ihre Plätze
Gleichauf beginnt bei einem neunjährigen Jungen. Auf die Frage, was „widerspenstig“ bedeute, antwortet er, dies sei wohl der Fall, „wenn man viele Widerworte macht“. Das Kind denkt zuerst an Sprache. Widerspenstig ist für ihn nicht derjenige, der eine Anweisung missachtet. Widerspenstig sind Worte, die sich dem vorher Gesagten entziehen.
In dieser Antwort steckt bereits ein beträchtliches Wissen. Widerworte unterbrechen einen Ablauf. Sie stören eine Ordnung, deren Vertreter sich gerade noch sicher waren, die Angelegenheit sei erledigt. Ein Satz war gefallen, die Rollen schienen verteilt, die Antwort wurde erwartet. Dann kommt ein anderes Wort.
Gleichauf erinnert daran, dass „spenstig“ im Althochdeutschen „lockend“ oder „verführerisch“ bedeutete. Das Widerspenstige weist demnach über die bloße Verweigerung hinaus. Es lockt aus einer bekannten Ordnung, öffnet eine fremde Wirklichkeit und führt vor, dass die Dinge auch anders sein könnten.
Kinder beherrschen diese Kunst. Sie nehmen Wörter wörtlich, verdrehen Redensarten, erfinden Bedeutungen und unterbrechen die Vernunft der Erwachsenen mit einer Logik, die dem geregelten Alltag fremd geworden ist. Erwachsene nennen das gern frech, ungezogen oder anstrengend. Der Vorwurf schützt sie vor der Einsicht, dass das Kind womöglich eine Lücke in ihrer Ordnung entdeckt hat.
Auch die Aufforderung, nicht „aus der Reihe zu tanzen“, gehört zu Gleichaufs Leitmotiven. In Jehona Kicajs Roman ë soll ein Schulkind eine Sache für ein Hilfspaket mitbringen. Die Mutter möchte mehr geben. Das Mädchen hält sich streng an die Anweisung der Lehrerin. Eine Sache, nicht zwei. Ganz fügt es sich dennoch nicht ein: Seine Spende wird als einzige gesondert verpackt.
Die Reihe ist bei Gleichauf kein harmloses Bild. Sie bezeichnet ein Ordnungsprinzip. Menschen stehen hintereinander, nebeneinander, werden gezählt und zugeordnet. Man kann aus der Reihe treten und sich dabei weiterhin an die Regeln halten. Erst das Tanzen stört die Formation. Wer tanzt, beansprucht einen eigenen Rhythmus. Die Reihe bekommt eine Lücke und muss sich neu schließen.
Gruppen entwickeln dafür ihre eigenen Sprachregelungen. Eine Familie, ein Lesekreis, ein Chor, eine Betriebssportgruppe oder ein Karnevalsverein erzeugen einen Wir-Ton, der das einzelne Ich überdecken kann. Bestimmte Geschichten werden immer wieder erzählt. Bestimmte Urteile gelten als selbstverständlich. Manche Themen erscheinen unpassend. Manche Sätze lösen Schweigen aus.
Der Ausschluss braucht keine Abstimmung. Ein paar spitze Bemerkungen genügen. Danach spricht die Gruppe wieder über sich selbst und erklärt den Abwesenden zum schwierigen Menschen. Er habe die gemeinsame Ebene verlassen, sei nicht integrierbar, wolle immer etwas Besonderes sein. Die Gemeinschaft behandelt ihre Regeln wie Naturgesetze. Wer sie in Frage stellt, gilt als Ursache des Konflikts.
In dieser Umkehrung liegt eine der wichtigsten Erfahrungen des Widersprechenden. Die Ordnung muss sich niemals rechtfertigen. Rechtfertigen soll sich derjenige, der ihr nicht mehr folgt.
Eine Hand voll Schnee
Gleichaufs Widerspenstigkeit zeigt sich oft in sehr kleinen Bewegungen. Eine ihrer schönsten Beobachtungen gilt einem Mädchen, das Geige spielt. Die Eltern haben das Leben der Tochter auf eine Musikerinnenkarriere ausgerichtet. Nach der Schule wird geübt, an den Wochenenden bis zu acht Stunden. Wettbewerbe bestimmen den Rhythmus. Tempo, Intonation und Bühnenwirkung werden geplant. Selbst die Schönheit des Kindes erscheint als Teil der späteren Karriere.
An einem Wintermorgen verlässt das Mädchen mit seiner Schultasche das Haus. Neben einem parkenden Auto bleibt es stehen und wischt mit einer fast zärtlichen Bewegung Schnee vom Dach. Diese Hand kann noch etwas anderes, als einen Geigenbogen zu führen. Das Mädchen schaut dem Schnee nach.
Ein flüchtiger Augenblick. Kein Aufstand, keine große Erklärung, kein dramatischer Bruch. Die Hand verweigert für einige Sekunden ihre Funktion. Die vollständig verplante Zeit öffnet sich. Der Schnee fällt ohne Zweck.
Widerspenstigkeit erscheint in dieser Szene als Unterbrechung einer zugeschriebenen Identität. Das Kind soll Geigerin sein. Es soll sich bereits in der Gegenwart als die Person verhalten, die andere für seine Zukunft entworfen haben. Die Berührung des Schnees erinnert daran, dass ein Mensch nie ganz in seiner Funktion aufgeht.
Ein ähnlicher Gedanke steckt in Yoko Onos Anweisung: „Light a match and wait till it gets out.“ Ein Streichholz wird üblicherweise angezündet, um eine Kerze, eine Zigarette, einen Ofen oder ein Feuer in Gang zu bringen. Ono zieht den Zweck ab. Übrig bleiben Flamme, Dauer, Erlöschen und Aufmerksamkeit.
Wer das Streichholz nur betrachtet, nimmt es aus dem festen Zusammenhang seines Gebrauchs. Zugleich verlässt der Betrachter für einen Augenblick den eigenen Stammplatz. Er weiß nicht, welcher Gedanke auftauchen wird, während die Flamme kleiner wird. Das Ergebnis steht nicht fest.
Auch ein Straßenbauarbeiter, den Gleichauf während seiner Mittagspause beobachtet, entzieht sich kurz dem Takt seiner Arbeit. Zwischen schwerem Gerät sitzt er auf einer niedrigen Mauer, kocht auf einem Campingkocher eine Suppe und beginnt mit großer Sorgfalt einen Apfel zu schälen. Um ihn herum fahren Autos, Passanten gehen vorbei. Der Mann lässt sich nicht antreiben. Für einige Minuten setzt er der Beschleunigung seine eigene Zeit entgegen.
Solche Szenen begründen den eigentümlichen Reiz des Buches. Gleichauf sucht das Widerspenstige weder im heroischen Auftritt noch ausschließlich im politischen Protest. Sie findet es an Oberflächen, in Blicken, Bewegungen und Unterbrechungen. Eine Hand wischt Schnee von einem Autodach. Ein Arbeiter schält einen Apfel. Eine Frau verlässt am letzten Abend des Jahres die Familienfeier und geht hinaus in den Schnee. Das Widerspenstige kündigt sich kaum an. Oft bemerkt es nur, wer lange genug hinschaut.
Das Ich verlässt seinen Stammplatz
Gleichauf bringt auch sich selbst ins Spiel. Sie fragt, ob sie sich in ihre Figuren hineinerfindet, ob sie in deren Leben Spuren der eigenen Biographie sucht und ob das Schreiben über Widerspenstigkeit bereits eine widerspenstige Tätigkeit sein könne.
Der Essay wird dadurch zu einer Erkundung der eigenen Wahrnehmung. Gleichauf schreibt keinen Sachtext, der seinen Gegenstand von außen ordnet. Sie bewegt sich im Material, tritt wieder heraus, wechselt die Richtung und prüft, was die Beispiele mit ihr machen. Ihr Verfahren ähnelt dem Flanieren, dem sie später einen eigenen Abschnitt widmet.
Beim Flanieren steht das Ziel nicht fest. Man schaut nach rechts und links, nach oben und unten, verweilt, geht weiter und kann sich kaum verlaufen, weil kein vorgegebener Weg verfehlt werden muss. Der Essay folgt dieser Gangart. Er führt von einem Kind zu Hans Erich Nossack, von einer Bäckerei zu Jean-Paul Sartre, von Yoko Ono zu Ingeborg Bachmann, von Antigone zu Georges Simenon, von der RAF zu einem Schrebergarten, von alten Menschen auf E-Bikes zu den Åland-Inseln.
Die Fülle besitzt ihren Preis. Der Begriff droht bisweilen so weit zu werden, dass fast jede Abweichung, jedes langsame Tun, jede überraschende Beobachtung als Widerspenstigkeit erscheint. Gleichauf kennt diese Gefahr. Gegen Ende fragt sie selbst, ob sie sich verrannt habe und endgültig von jedem Weg abgekommen sei.
Diese Selbstprüfung gehört zur Komposition. Der Text will keinen Definitionssieg erringen. Er protokolliert eine Suchbewegung. Eine abschließende Begriffsbestimmung würde seinem Gegenstand widersprechen. Widerspenstigkeit erscheint, verschwindet, wechselt die Seite und kann in ihr Gegenteil umschlagen. Gerade deshalb muss die Sprache beweglich bleiben.
Die Weihnachtsfeier und der Preis der Widerrede
Wie erheblich der Konformitätsdruck auch in einer kleinen Gemeinschaft werden kann, habe ich bei der Weihnachtsfeier einer Betriebssportgruppe Volleyball erlebt. Ein Mann begann, das bekannte rechtspopulistische Arsenal abzurufen. Der menschengemachte Klimawandel sei erfunden oder maßlos übertrieben. Wissenschaftler und Medien würden die Bevölkerung täuschen. Möglicherweise stehe sogar eine neue Eiszeit bevor. Der übliche Scheißdreck, den AfD-Ideologen verbreiten, sobald sie eine gesellige Runde für politisch unbewachtes Gelände halten.
Ich widersprach. Mut trifft es nicht. Für mich war die Erwiderung selbstverständlich. Wer Verschwörungserzählungen und offenkundig falsche Behauptungen in den Raum stellt, muss mit einer Antwort rechnen. Der menschengemachte Klimawandel wird nicht dadurch zur offenen Geschmacksfrage, dass Glühwein auf dem Tisch steht und eine Weihnachtsfeier möglichst harmonisch verlaufen soll.
Merkwürdig wurde die Szene durch das Verhalten der anderen. Der AfD-Ideologe hatte seine Thesen in die Runde getragen. Als Störenfried erschien am Ende derjenige, der sie nicht unwidersprochen hinnahm. Die Blicke wanderten zur Seite. Das Gespräch sollte möglichst rasch wieder auf ein unverfängliches Thema kommen. Die soziale Temperatur sank.
Niemand musste mich offen angreifen. Das Schweigen und der Wunsch, die Auseinandersetzung abzubrechen, genügten. Der Ideologe hatte die gemeinsame Wirklichkeit beschädigt. Meine Widerrede störte dagegen den Ablauf der Feier. Für die Gruppe wog der zweite Vorgang schwerer. Der Konformismus beruht in solchen Situationen keineswegs auf einer gemeinsamen Überzeugung. Viele der Anwesenden werden dem Mann innerlich nicht zugestimmt haben. Vielleicht hielten sie seine Ausführungen selbst für Unsinn. Doch sie wollten den Konflikt vermeiden, den Abend retten und die vertraute Geselligkeit nicht gefährden.
Aus lauter privaten Vorbehalten entsteht so eine öffentliche Zustimmung, die niemand ausdrücklich erklärt hat. Jeder Einzelne schweigt aus Bequemlichkeit, Unsicherheit oder sozialer Vorsicht. Zusammengenommen bildet dieses Schweigen eine Mauer. Der Redner kann die Passivität der anderen als Bestätigung verbuchen. Der Widersprechende steht allein. Die Gruppe stellt ihre vermeintliche Harmonie über die Wahrheitsfrage. Wer die Harmonie unterbricht, trägt die sozialen Kosten. Das erklärt, weshalb Widerspenstigkeit im persönlichen Umfeld oft schwieriger ist als in einer anonymen Öffentlichkeit. Vor Fremden lässt sich leicht eine abweichende Meinung vertreten. In einer Gemeinschaft stehen Zugehörigkeit, Sympathie und künftige Begegnungen auf dem Spiel. Die soziale Haut meldet sofort, wann ein Kreis sich schließt. Widerspenstigkeit kann deshalb einsam machen, selbst in einer Runde, in der mehrere Menschen insgeheim ähnlich denken.
Die falschen Rebellen
Rechtspopulisten stellen sich gern als widerborstige Rebellen gegen einen angeblichen Mainstream dar. Sie rühmen sich, Tabus zu brechen, auszusprechen, was vermeintlich niemand mehr sagen dürfe, und sich einer allmächtigen politischen Korrektheit zu widersetzen. Mit Gleichaufs Begriff lässt sich erkennen, weshalb diese Selbstbeschreibung in die Irre führt. Die rechtspopulistische Provokation kommt fertig geliefert. Ihre Schlagwörter, Feindbilder und Verschwörungserzählungen bilden ein festes Repertoire. Wer sie verwendet, verlässt vielleicht die Sprachordnung einer Weihnachtsfeier, um sich umgehend in eine andere Reihe einzugliedern.
Der AfD-Ideologe am Tisch spricht nicht als einsamer Denker. Hinter ihm stehen populistische Medien, Netzwerke, Parteien und digitale Milieus, die ihm jedes Argument, jeden Verdacht und jede Ausrede bereitstellen. Seine vermeintliche Abweichung ist innerhalb dieses Milieus hochgradig konform. Widerspenstigkeit verlangt mehr als Provokation. Sie hält einen Raum offen, in dem die eigene Gewissheit angegriffen werden kann. Sie setzt sich der Antwort des anderen aus. Sie erträgt, dass eine Begegnung einen unvorhergesehenen Ausgang nimmt.
Die Verschwörungserzählung versiegelt diesen Raum. Jeder Gegenbeleg bestätigt den Verdacht, Teil der Verschwörung zu sein. Wissenschaftler lügen, klassische Medien manipulieren, Behörden vertuschen, Kritiker seien gekauft oder verblendet. Das geschlossene System kann durch kein Argument mehr erschüttert werden.
Gleichauf unterscheidet die Widerspenstigkeit deshalb von Eigensinn und Widerstand. Eigensinn beharrt auf sich. Widerstand richtet sich gegen einen Gegner. Beide können notwendig sein. Die Widerspenstigkeit bewegt sich in einem Zwischenraum. Sie unterbricht einen Ablauf und eröffnet eine Möglichkeit, deren Ergebnis noch unbekannt ist. Meine Widerrede bei der Weihnachtsfeier wollte kein Gegensystem errichten. Sie bestand auf einer elementaren Voraussetzung des Gesprächs: Gemeinsame Wirklichkeit braucht überprüfbare Tatsachen. Wer diese Grundlage aufgibt, zerstört das Gespräch bereits, bevor der erste Widerspruch fällt.
Literatur verrückt die Rollen
Gleichaufs überzeugendste Gewährsleute stammen aus der Literatur. In Ingeborg Bachmanns „Malina“ antwortet das weibliche Ich während eines Interviews: „Ich habe auch gar keine Meinung.“ Der Satz verweigert die erwartete Ware. Ein Interview verlangt klare Positionen, verwertbare Antworten und eine Person, die für ihre Aussagen einsteht. Bachmanns Ich entzieht sich dieser Ordnung.
Die Fragen des Interviewers bleiben logisch und genau. Die Antworten wirken irritierend, komisch und verstörend. Keine Frage wird auf die erwartete Weise beantwortet. Dennoch werden die Fragen durch diese Verweigerung größer. Das Gespräch scheitert nach den Regeln des journalistischen Genres und gewinnt gerade dadurch eine andere Erkenntnisform.
Max Frischs Gantenbein verlässt ebenfalls die Welt festgeschriebener Identitäten. Er setzt eine dunkle Brille auf, gibt sich als blind aus und bringt damit die Menschen seiner Umgebung dazu, sich anders zu zeigen. Um die Welt ein wenig besser zu verstehen, wird einer für sich selbst ein anderer.
Feste Identitäten sind das bevorzugte Mobiliar des Konformismus. Literatur verrückt die Möbel. Figuren lösen sich aus den Zuschreibungen ihrer Umgebung. Manchmal laufen sie sogar dem Erzähler davon. Gleichauf wendet sich deshalb gegen die Vorstellung, eine Biographie oder Autobiographie könne einen Menschen abschließend erfassen.
Der ältere Mensch, der seine Lebensgeschichte aufschreibt und sie gern „Roman“ nennen möchte, hofft häufig auf eine sinnvolle Kontinuität. Die Ereignisse sollen aufeinander zulaufen, Entscheidungen verständlich werden, Brüche ihren Platz erhalten. Doch jede Erzählung erzeugt eine Form, die dem gelebten Leben nie völlig entspricht. Der Schreibende entwischt sich selbst. Seine Figuren besitzen im besten Fall genügend Widerspenstigkeit, um aus dem vorgesehenen Lebenssinn auszubrechen.
Auch Franz Kafka richtet den Blick von der Seite auf die Ordnung. Tagsüber arbeitet er im Büro. Nachts schreibt er Texte, die den Alltag fremd werden lassen. Die Leser erkennen die Welt wieder und erkennen sie zugleich nicht. Das Büro, das Gericht, das Schloss oder die Familie behalten ihre vertrauten Umrisse und werden unheimlich.
Thomas Bernhard steigert die Übertreibung bis zu einem Punkt, an dem gesellschaftliche Redeweisen ihre Gewalt offenbaren. Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand entzieht sich den Zuschreibungen der DDR-Kulturpolitik. Wilhelm Genazinos Flaneure verweigern den zielgerichteten Gang durch das Leben. Adelheid Duvanels Kurzprosa irritiert, bevor sich eine Erkenntnis einstellt: So können Menschen miteinander umgehen, so fremd können sie einander sein.
Elfriede Jelinek eignet sich die Sprache gesellschaftlicher Macht an und legt sie ihren Figuren in den Mund. Die vermeintlichen Herren über die Sprache hören plötzlich ihre eigenen Sätze aus fremden Mündern. Jelineks Kälte wurde häufig als Mangel an weiblicher Empfindung ausgelegt. Gerade diese Zuschreibung bestätigt, wie genau ihre Texte gesellschaftliche Erwartungen treffen. Literatur ist für Gleichauf widerspenstig, weil sie den Leser nicht dort belässt, wo er sich eingerichtet hat. Sie muss keine tiefe Innerlichkeit ausstellen. Eine Geste, ein Satz, eine scheinbare Nebensache können genügen. Der Blick kommt von der Seite und zwingt die vertraute Ordnung, sich selbst zu zeigen.
Das Fragment verweigert die Beruhigung
Zur Widerspenstigkeit der Literatur gehört auch das Unabgeschlossene. Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand blieb unvollendet. Bachmanns Malina endet mit dem Satz: „Es war Mord.“ Christa Wolfs Stadt der Engel verabschiedet sich mit der Frage, wohin wir unterwegs seien, und der Antwort: „Das weiß ich nicht.“
Solche Enden schließen die Lektüre nicht ab. Sie verweigern dem Leser das Gefühl, nun sei alles erklärt und an seinen Platz gerückt. Das Unterwegssein der Literatur kommt mit dem letzten Satz nicht ans Ziel. Gleichaufs eigener Essay übernimmt dieses Verfahren. Er legt Spuren, verfolgt sie eine Weile und wechselt die Richtung. Sein Gegenstand bleibt fragmentarisch. Die Autorin strebt keinen systematischen Katalog der Widerspenstigkeit an. Sie zeigt Formen, Übergänge und Gefahren.
Das kann die Geduld des Lesers beanspruchen. Manche Verbindung wird nur angedeutet, manche Beobachtung endet, bevor sie ihre volle Tragweite entfalten konnte. Der Text fordert die Bereitschaft, ihm auf Nebenwegen zu folgen. Seine Offenheit wirkt dabei weniger wie ein Mangel als wie eine Konsequenz. Ein völlig geordneter Essay über Widerspenstigkeit würde seinen Gegenstand domestizieren.
Katharina spricht die Sprache ihrer Zähmung
Besonders ergiebig wird Gleichaufs Suche, sobald sie nach dem Verhältnis von Widerspenstigkeit und Weiblichkeit fragt. Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ führt eine Gesellschaft vor, die weibliche Abweichung als Defekt behandelt. Katharina gilt als zänkisch, wild und grausam. Eine eigenständige Sprache besitzt sie kaum. Sie reagiert auf die Männer, die über sie verhandeln, verfügt jedoch nur begrenzt über eine eigene Handlungsmacht. Petruchio interessiert sich für ihre Mitgift und beginnt ein Programm der Unterwerfung. Er entzieht ihr Schlaf und Nahrung und erklärt diese Gewalt zur Fürsorge.
Am Ende hält Katharina ihre Gehorsamsrede. Sie spricht den Männern aus dem Herzen und übertrifft deren Erwartungen. Ihre Zähmung gilt als vollendet, weil sie die Sprache ihrer Unterwerfung selbst übernimmt. Sie wird zur Vorführfigur für andere Frauen, die noch als widerspenstig gelten. Der Begriff trägt hier eine eindeutig negative Bedeutung. Der widerspenstigen Frau fehle etwas. Sie könne sich nicht anpassen, habe das Gehorchen verlernt und müsse in die gesellschaftlich vorgesehene Form zurückgeführt werden. Was als legitim gilt, bestimmen die Männer.
Die Widerspenstigkeit bleibt im privaten Raum gefangen. Katharina und die anderen Frauen verbinden sich nicht. Keine gemeinsame Gegenmacht entsteht. Jede Abweichlerin wird einzeln behandelt, bis sie aufgibt oder sich fügt. Die gesellschaftliche Ordnung kann sich anschließend als natürliche Ordnung ausgeben.
Antigone betritt den öffentlichen Raum
Antigone bildet für Gleichauf die Gegenfigur. Das Wort Widerspenstigkeit fällt bei Sophokles nicht, doch Antigones Handeln verwirklicht eine positiv besetzte Form davon. Sie setzt sich Kreons Verbot entgegen und versucht, ihren getöteten Bruder zu bestatten. Die Märtyrerin handelt im öffentlichen Raum. Ihr Gegner ist König, Staatsmacht und zugleich ihr Onkel. Sie folgt einer religiösen Pflicht, die sie über das staatliche Gebot stellt. Ihr Tun zeigt, dass Regeln, die lange galten, umgeworfen werden können.
Dabei verkörpert Antigone keine bequeme Identifikationsfigur. Ihre Entschiedenheit führt in den Tod. Sie wird nicht durch eine glückliche neue Ordnung bestätigt. Dennoch öffnet ihre Tat einen Raum des Möglichen. Kreons Gesetz verliert seine Selbstverständlichkeit. Gleichauf fragt im Anschluss nach dem Verhältnis von Widerspenstigkeit und Feminismus. Ist jede widerspenstige Künstlerin eine Feministin? Muss eine Feministin bestimmte Sprachregeln einhalten? Kann ein emanzipatorischer Begriff selbst einengende Züge annehmen?
Diese Fragen richten sich nicht gegen den Feminismus. Sie verteidigen innerhalb jeder politischen Bewegung die Möglichkeit der Abweichung. Auch eine emanzipatorische Gruppe kann eine Reihe bilden, eine eigene Sprache entwickeln und festlegen, wer dazugehört. Gleichauf möchte ihre Spielart des Feminismus selbst wählen und notfalls neben den „Ismus“ treten. Das ist keine Flucht aus der Politik. Es ist der Versuch, politische Begriffe vor ihrer eigenen Verhärtung zu bewahren.
Bettina Eichin verweigert das nette Denkmal
Die Schweizer Bildhauerin Bettina Eichin verkörpert diese Unabhängigkeit. Gleichauf erinnert an einen Auftrag zum hundertjährigen Jubiläum des Chemiekonzerns Sandoz. Eichin sollte einen Marktplatzbrunnen gestalten.
Während der Arbeit ereignete sich die Brandkatastrophe von Schweizerhalle. Löschwasser mit großen Mengen an Chemikalien gelangte in den Rhein und verursachte schwere Umweltschäden. Für Eichin war klar, dass ihr Werk diese Katastrophe aufnehmen musste.
Der Auftraggeber willigte zunächst ein. Nachdem die öffentliche Aufmerksamkeit nachgelassen hatte, zog sich das Unternehmen zurück. Eichin hatte sich geweigert, ein freundliches, repräsentatives Kunstwerk zu liefern. Man erwartete etwas Nettes, vielleicht eine gefällige Helvetia. Die Künstlerin wollte eine Figur zeigen, die unterwegs ist, sich der Festlegung durch das Münzbild entzieht und über die Grenzen blickt. Der Auftrag wurde entzogen. Eichin vollendete die beiden Brunnentische auf eigene Kosten.
Die Geschichte zeigt, wie politische Kunst entsteht. Nicht durch die nachträgliche Ausstattung eines gefälligen Werks mit einer Botschaft. Eichin nahm den historischen Vorgang ernst, der während ihrer Arbeit geschah. Das Unternehmen wollte Jubiläum, Repräsentation und kontrollierte Erinnerung. Die Künstlerin bestand auf der Wirklichkeit.
Schon während ihrer Lehrzeit in der Berner Münsterbauhütte hatte sie erfahren, wie Institutionen auf eine Frau reagieren, die den zugedachten Platz verlässt. Wegen ihrer Mitgliedschaft in der Gewerkschaft wurde sie gerügt. Der Mindestlohn wurde ihr verweigert. Sie verließ die Bauhütte. Widerspenstigkeit bedeutet in solchen Fällen, die eigene Arbeit nicht von den Erwartungen des Auftraggebers verschlucken zu lassen. Der Preis kann hoch sein: Aufträge gehen verloren, Karrieren werden erschwert, Zugehörigkeiten zerbrechen.
Kunst im Krieg hält Lebensraum offen
Gleichauf führt die Überlegung bis in den Krieg. Der ukrainische Schriftsteller, Musiker und Soldat Serhij Zhadan liest in Charkiw aus seinen Texten und tritt als Musiker auf. Die Stadt wird angegriffen, das Publikum sitzt still und hört zu. Kunst beendet den Krieg nicht. Sie schützt auch nicht vor Raketen. Für eine begrenzte Zeit entsteht jedoch ein Raum, in dem Menschen nicht vollständig auf Bedrohung, Flucht und Kampf reduziert werden. Künstler und Publikum halten gemeinsam eine andere Wirklichkeit offen.
Gleichauf erkennt darin Widerspenstigkeit auf beiden Seiten. Unter den gegebenen Umständen wäre Rückzug verständlich. Zhadan und seine Zuhörer treten in die Öffentlichkeit. Sie verhalten sich für eine Weile so, als könnten Frieden, Verständigung und gemeinsames Hören weiterhin bestehen. Die Widerspenstigkeit nähert sich damit dem Widerstand, bleibt jedoch von ihm unterscheidbar. Sie organisiert keine Gegenmacht und folgt keinem strategischen Plan. Sie bewahrt eine menschliche Möglichkeit, die der Krieg auslöschen will.
Der Augenblick vor der Verhärtung
Die Grenze zwischen Widerspenstigkeit und Widerstand beschäftigt Gleichauf auch in ihrem Blick auf die RAF. Sie fragt, ob in den frühen Aktionen von Gudrun Ensslin und Andreas Baader zunächst ein spielerischer, noch offener Ausbruch aus dem bürgerlichen Leben steckte: Verkleidung, Inszenierung, ein Gangsterstück nach Art des Kinos.
Mit der Brandstiftung endet diese Offenheit. Gewalt setzt ein. Die weitere Entwicklung folgt einer immer rigideren Logik. Aus dem Versuch, die gesellschaftliche Ordnung zu verlassen, entsteht ein geschlossenes System mit eigenen Regeln, Feindbildern und Rechtfertigungen. Widerspenstigkeit lebt vom unentschiedenen Augenblick. Noch könnte die Geschichte eine andere Richtung nehmen. Gewalt beendet diesen Zwischenraum. Sie zwingt die Welt in Freund und Feind, Schuld und Unschuld, Sieg und Niederlage.
Diese Überlegung führt zurück zur rechtspopulistischen Rede. Auch sie kennt keine Offenheit. Ihre Anhänger erklären sich selbst zu den einzigen Erwachten, während alle anderen als manipuliert gelten. Die Welt wird hermetisch. Die angebliche Rebellion erstarrt zur Ideologie. Widerspenstigkeit schützt vor einer solchen Erstarrung nur, solange sie die eigene Beweglichkeit behält. Wer sich dauerhaft als widerspenstiger Mensch inszeniert, baut bereits die nächste Identität. Aus dem freien Schritt zur Seite wird eine Rolle, die ebenso eng werden kann wie jene, der man entkommen wollte.
Das Alter entdeckt die Nebenwege
Gleichaufs Essay wendet sich ausführlich dem Alter zu. Neben der Kindheit könnte es jene Lebensphase sein, in der Widerspenstigkeit leichter wird. Gerlind Reinshagen schreibt, der alternde Mensch sei erstaunlich flexibel. Das Beiseitetreten werde ihm zur zweiten Natur. Überall fänden sich Nebenwege, darunter wunderbar abgelegene.
Mit dem Alter können Verpflichtungen und berufliche Rollen an Macht verlieren. Der Mensch muss nicht mehr jede Erwartung erfüllen. Er kann verschwinden, sich aus Debatten zurückziehen, eine andere Geschwindigkeit wählen und aufhören, die eigene Biographie als zielgerichteten Aufstieg zu erzählen. Ilse Aichinger übte dieses Verschwinden. Sie verbrachte tagsüber Stunden im Kino und meinte, man solle kichernd altern, wie man kichernd groß geworden sei. Sarah Kirsch erklärte, das Alter sei ihr „schietegal“.
Solche Sätze widersetzen sich den herkömmlichen Altersbildern. Doch Gleichauf erkennt auch, dass die Gesellschaft längst neue Normen geschaffen hat. Alte Menschen sollen heute aktiv, mobil, sichtbar und körperlich leistungsfähig bleiben. Sie sollen reisen, Sport treiben, E-Bike fahren und ihre Jugendlichkeit demonstrieren.
Aus dem früheren Zwang zum Lehnstuhl ist ein Aktivitätszwang geworden. Wer jenseits der fünfundsechzig kein E-Bike fährt, kann unter begeisterten Elektroradlern bereits als Abweichler gelten. Jede Befreiung erzeugt neue Erwartungen. Der Nebenweg besteht daher nicht automatisch in größerer Aktivität. Er kann auch im Rückzug, in der Langsamkeit oder im Verschwinden liegen. Ilse Aichinger arbeitete im Alter nicht an ihrer Sichtbarkeit. Sie entzog sich ihr.
Gesichter ohne festes Alter
Auch in der Kunst sucht Gleichauf nach Bildern, die das Alter aus seinen üblichen Zuschreibungen lösen. Darius Ramazani fotografierte 1969 Menschen in einem Altenheim in Kapstadt. Sie halten Zahlen in die Kamera. Die Zahlen können für ihr tatsächliches Alter stehen oder für jenes Alter, das sie selbst empfinden. Die Zuordnung bleibt offen.
Annegret Soltau fotografierte ihre nackte Tochter und deren Großmutter, zerriss die Bilder und nähte sie neu zusammen. Die Körper und Gesichter gehen ineinander über. Die Tochter wird eines Tages alt sein, die Großmutter war einmal jung. Jugend und Alter erscheinen nicht mehr als sauber getrennte Zustände. Sie sind gleichzeitig im Bild anwesend.
Ein Gemälde Anton Joseph von Prenners aus dem Jahr 1728 zeigt eine alte Frau, die einen jungen Mann für seine Dienste bezahlt. Die vertraute Ordnung wird umgekehrt. Üblicherweise erscheinen alte Männer mit jungen Frauen. Das Bild führt vor, wie tief solche Erwartungen in die Wahrnehmung eingegangen sind. Schon die Umkehrung wirkt wie ein Tabubruch. Die Widerspenstigkeit dieser Werke besteht darin, dass sie den Körper nicht auf eine eindeutige Zeit festlegen. Alter ist vorhanden, doch es erklärt die Person nicht vollständig.
Das Zeitunglesen widersetzt sich der Beschleunigung
Gleichauf nennt auch das Lesen einer gedruckten Zeitung eine inzwischen widerspenstige Tätigkeit. Viel zu aufwendig sei das, höre man. Die wichtigsten Nachrichten ließen sich schneller im Netz überfliegen. Als Journalist kann ich diesem Gedanken einiges abgewinnen. Die gedruckte Zeitung verlangt Zeit, Raum und eine Reihenfolge, die nicht durch den nächsten Alarm auf dem Bildschirm zerhackt wird. Ein Artikel liegt neben einem anderen, ohne dass ein Algorithmus das persönliche Interesse bereits vorausberechnet hat. Der Leser kann auf etwas stoßen, das er nicht gesucht hat.
Die Zeitung zwingt zur Langsamkeit. Sie lässt sich falten, beiseitelegen, wieder aufnehmen. Ein längerer Text bleibt sichtbar und verschwindet nicht im endlosen Strom. Wer liest, entscheidet selbst, wo er verweilt. Widerspenstig ist daran weder das Papier noch die Nostalgie. Widerspenstig ist eine Aufmerksamkeit, die sich der vollständigen Beschleunigung entzieht. Der Leser verweigert die Erwartung, jede Information sofort zu konsumieren, zu bewerten und weiterzugeben.
Auch das Denken folgt bei Gleichauf eher dem Flanieren als dem zielgerichteten Marsch. Es hält sich an Regeln, um sie wieder umzustoßen. Gefühle, Körperreaktionen und Assoziationen gehören dazu. Wer Hegel liest und dabei einen beschleunigten Puls bekommt, erlebt Philosophie nicht als rein abstrakte Operation. Bei Simone Weil schwankt Gleichauf zwischen Faszination und Abwehr. Manche ihrer ernst gemeinten Gedanken nimmt sie humorvoll auf. Darf man über Simone Weil lachen? Man darf, gerade weil Werk und Person sich einer einzigen ehrfürchtigen Lesart entziehen.
Der Schrebergarten verliert seine Ordnung
Selbst der Schrebergarten wird bei Gleichauf zum Modell einer geordneten Welt. Nützlichkeit und Schönheit sollen den Raum untereinander aufteilen. Obst und Gemüse dürfen nicht zu kurz kommen. Wildes Wuchern ist unerwünscht. Die Parzelle verkörpert eine Familie, in der jede Pflanze ihren Platz kennt.
Dann lässt eine Pfingstrose bereits vor Ostern ein Blütenblatt fallen. Gleichauf kommentiert diese zeitliche Unbotmäßigkeit ironisch als ungeheure Frechheit. Der Klimawandel bringt die als fest gedachte Ordnung der Natur durcheinander. An diesem Bild zeigt sich zugleich die Grenze jeder romantischen Rede vom Abweichenden. Der Klimawandel ist keine Befreiung der Pflanzen vom Kalender. Er zerstört ökologische Zusammenhänge. Nicht jede Störung einer Ordnung besitzt emanzipatorischen Wert.
Das gilt auch für Menschen. Widerspenstigkeit ist kein Gütesiegel für jede Grenzüberschreitung. Der Rechtspopulist, der wissenschaftliche Erkenntnisse leugnet, wird durch seinen Tabubruch nicht zum freien Geist. Abweichung muss danach beurteilt werden, welchen Raum sie öffnet und welchen sie schließt. Die früh blühende Pfingstrose verweist auf eine beschädigte Welt. Der Klimawandelleugner versucht, diese Beschädigung durch eine geschlossene Erzählung verschwinden zu lassen. Die Widerrede holt die Wirklichkeit an den Tisch zurück, auch wenn dadurch die Weihnachtsstimmung leidet.
Das Recht, anders zu sein
Gegen Ende führt Gleichaufs Weg auf die Åland-Inseln zwischen Stockholm und Helsinki. Die Inselgruppe gehört zu Finnland, ihre Sprache ist Schwedisch, sie besitzt ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung. Åland ist demilitarisiert und liegt zugleich mitten in einer geopolitisch angespannten Region.
Der Abgeordnete Mats Löfström beschreibt den Kern der aländischen Autonomie als „das Recht, anders zu sein“. Der Satz könnte über Gleichaufs ganzem Essay stehen. Dieses Recht meint keine schrankenlose Beliebigkeit. Anderssein braucht eine Ordnung, die Abweichung erträgt. Zugleich darf die Ordnung ihre Regeln nicht für unantastbar erklären. Widerspenstigkeit entsteht im Verhältnis zwischen dem Einzelnen und den anderen, zwischen Zugehörigkeit und Entfernung, zwischen Sprache und Widerwort.
Eine demokratische Gemeinschaft beweist ihre Qualität daher nicht durch dauernde Einigkeit. Entscheidend ist, wie sie mit der abweichenden Stimme verfährt. Darf der Neue im Karnevalsverein eine eigene Tonlage finden? Darf jemand bei einer Weihnachtsfeier der Betriebssportgruppe die gesellige Übereinkunft unterbrechen, weil ein AfD-Ideologe Verschwörungserzählungen verbreitet? Hält die Gruppe den Widerspruch aus, ohne den Widersprechenden sozial zu erledigen?
Diese Fragen führen vom Kleinen ins Politische. Die Mechanismen bleiben verwandt. Jede Gruppe möchte sich als offen verstehen. Jede Gruppe entwickelt zugleich eine Sprache, Rituale und Grenzen. Der Ausschluss beginnt oft lange vor dem formellen Ausschluss. Er beginnt mit dem überhörten Satz.
Die offene Lücke
Gleichaufs Essay endet ohne endgültige Begriffsbestimmung. Die Autorin fragt, ob sie sich verrannt habe, ob der Text zerfasert sei und ob nun ein Rettungsversuch durch Klarheit und philosophische Eindeutigkeit folgen müsse. Sie lehnt diese Rettung ab. Die Welt erscheint ihr selbst unrettbar ungeordnet und zugleich auf schwer durchschaubare Weise verbunden.
Darin besteht die intellektuelle Redlichkeit des Buches. Gleichauf schreibt der Widerspenstigkeit kein Wesen zu, das sich überall zweifelsfrei erkennen ließe. Sie zeigt Übergänge und Verwechslungen. Widerspenstigkeit kann zur Pose werden. Sie kann in Eigensinn erstarren, in Gewalt umschlagen oder vom Markt als Originalität verkauft werden. Sie kann ebenso in einer kaum sichtbaren Geste aufscheinen und sofort wieder verschwinden.
Das Buch verlangt deshalb keinen Kult des Störenfrieds. Auch der Störenfried kann ein Konformist seiner eigenen Gruppe sein. Entscheidend ist die Frage, ob eine Handlung den Raum des Denkens erweitert oder verengt. Die Widerspenstigkeit des Geigenmädchens öffnet für einen Augenblick eine andere Zukunft. Antigones Tat entlarvt Kreons Gesetz als Entscheidung eines Herrschers. Bettina Eichins Brunnen widersetzt sich der gereinigten Unternehmenserinnerung. Serhij Zhadans Lesung bewahrt mitten im Krieg einen Raum menschlicher Anwesenheit. Die Widerrede gegen den AfD-Ideologen besteht auf einer gemeinsamen Wirklichkeit.
Der Konformismus verspricht Wärme. Wer sich einfügt, muss seine Zugehörigkeit nicht ständig prüfen. Er kennt die Witze, die Sprachregeln und die erlaubten Themen. Widerspenstigkeit setzt diese Wärme aufs Spiel. Deshalb wird es um den Widersprechenden schnell einsam. Doch Denken ohne Widerspenstigkeit verwaltet nur noch das bereits Gedachte. Eine Gemeinschaft ohne Widerworte hört am Ende nur noch sich selbst. Sie hält ihre Gewohnheiten für Wahrheiten und ihr Schweigen für Frieden.
Man muss kein Held sein, um das zu unterbrechen. Manchmal reicht eine Hand, die Schnee von einem Autodach wischt. Manchmal ein Satz, der nicht in das Interview passt. Manchmal muss jemand am Weihnachtstisch aussprechen, dass der verbreitete Scheißdreck auch dann Scheißdreck bleibt, wenn alle anderen lieber weiteressen würden.