
Eine Öffentlichkeit ist keine Fantasie, die man sich einfach „erschafft“, sondern ein Produkt von Macht, Infrastruktur und Aufmerksamkeit. Das Fediverse ist nicht der Anfang einer neuen, freien Öffentlichkeit – es ist ein weiterer privatisierter Raum mit seinen eigenen Regeln, seinen eigenen Gatekeepern, seinen eigenen Blasen. Wer glaubt, dass dort eine alternative digitale Öffentlichkeit entsteht, die sich den Mechanismen der großen Plattformen entzieht, täuscht sich über die Bedingungen von Öffentlichkeit selbst.
Die großen Plattformen haben nicht einfach „gewonnen“, weil man sich ihnen unterwirft, sondern weil sie die zentralen Orte des gesellschaftlichen Diskurses sind. Dort entstehen politische Narrative, dort wird definiert, was sichtbar bleibt und was nicht. Wer sich aus diesem Raum zurückzieht, überlässt ihn nicht der Stille, sondern denen, die ihn strategisch nutzen.
Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich eine breite Öffentlichkeit durch eine „eigene Diskussion“ auf einer Randplattform etablieren lässt. Öffentlichkeitsmacht entsteht nicht, indem man sich in eine neue Umgebung flüchtet, sondern indem man sich den realen Bedingungen stellt.
Ich habe früh auf die Schieflagen im Social Web hingewiesen, habe in Blogs wie ichsagmal.com gezeigt, was es bedeutet, in einer fragmentierten und privatisierten Öffentlichkeit zu agieren. Wer jetzt das Fediverse als Lösung verkauft, ignoriert, dass auch dort Interessen, Moderationsregeln und Dynamiken existieren, die sich nicht fundamental von denen der großen Plattformen unterscheiden. Auch dort gibt es Machtstrukturen, auch dort gibt es Kontrolle.
Der Wunsch, dass sich alle wieder „ohne Social-Media-Aufheizung“ begegnen, ist eine nostalgische Projektion. Öffentlichkeit entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern dort, wo sie Relevanz erzeugt. Wer die großen Plattformen meidet, ist nicht unabhängig – er ist unsichtbar.
Spannende Sichtweise. Ich halte es ja so, dass ich meinen Blog als meine Homebase ansehe und Fediverse und Bluesky (Was anderes beliefere ich derzeit nicht) sind die „angeschlossenen Funkhäuser“. Damit habe ich genug Öffentlichkeit.
Mir ist natürlich klar, dass ich damit nicht mal einen Sturm im Wasserglas verursachen kann. Aber wenigstens muss ich mir nicht vorwerfen, dem Doomscrolling erlegen zu sein.