
„Die Argumentation von Carr und anderen Cloud Computing-Gurus unterscheidet sich in vielen Details nicht von den Argumenten, die viele Jahre für Großrechner angeführt wurden, nun verbunden mit einer Netzversorgungsphilosophie, die neben unbegrenzten Übertragungskapazitäten auch unbegrenzte Rechenkapazitäten verheißt. Nach dem Ende der Großrechnerära wurde in den 90er Jahren von einigen IT-Herstellern das Network-Computing propagiert, wo die einfachen Terminals zwar durch Lite-PCs ersetzt wurden, aber die Applikationen aus dem Netz kommen. Carr modifiziert diesen erfolglosen Ansatz nur insofern, als dass er den bloßen Applikationsbezug durch den Bezug einer Serviceleistung ersetzt“, erläutert Andreas Latzel, Deutschlandchef des ITK-Anbieters Aastra.
Seine Vergleiche mit der Stromversorgung aus Mega-Kraftwerken seien auf das Internet nicht anwendbar. „Im Web gibt es eine gegenläufige Tendenz. Wir erleben eine Dezentralisierung auf professioneller und organisatorischer Ebene“, so Latzel. So könne es nicht verwundern, dass in der Unternehmenswelt weniger Aufgeregtheit herrsche als in den Reden von Carr. Nach einer IDC-Studie hat erst ein Viertel der rund 800 befragten Unternehmen in Deutschland über die Nutzung der Datenwolke nachgedacht.
Ein Grund für die geringe Auseinandersetzung mit dem Thema ist die unklare Definition. „Viele Anwender können sich unter dem Begriff überhaupt nichts vorstellen“, sagt Matthias Kraus, IDC-Analyst und Verfasser der Studie. Eine allgemein gültige Definition von Cloud Computing gibt es nicht, verschiedene Anbieter legen den Begriff unterschiedlich aus.
Zudem müsse für viele Unternehmen noch die Frage beantwortet werden, für welche Funktionen oder Aufgaben Cloud Computing tatsächlich eine interessante Alternative zu lokal installierten Systemen sein kann. „Nur für Speicherplatz oder Rechenleistung ist Cloud Computing sicherlich kein interessantes Angebot, zumindest nicht für die Versorgung von Unternehmensstandorten“, meint Aastra-Deutschlandchef Latzel. Bei Funktionen für mobile Benutzer sehe das anders aus: „Wer vom PDA, Smartphone oder Sub-Notebook an wechselnden Orten arbeitet, für den machen Hosting-Dienste unter Umständen Sinn“, sagt Latzel. Das würde die Speicherung und Verarbeitung von Daten betreffen, aber noch mehr Kommunikationsdienste und Kollaborationstools: Unified Communiciations, Video Conferencing, Präsenzverwaltung und standortübergreifendes Arbeiten an einer Datei oder an einem Projekt – hier bieten sich nach Ansicht von Latzel gehostete Lösungen als mögliche Alternative an. „Es fehlen bislang Angebote und standardisierte Angebote für die Betriebssysteme der Unternehmen. Und die Anbieter müssen bekannt und vertrauenswürdig sein, sonst werden Firmen sich kaum darauf einlassen, vitale ITK-Aufgaben als virtuelle Dienste von externen Anbietern zu beziehen, zumal auch beim Nutzer installierte moderne Kommunikationssysteme heute den Leistungsumfang bieten, der ohne Komfortverlust mobiles Arbeiten ermöglicht.“, resümiert Latzel.
