
Friedrich Merz hat ein Talent für Sätze, die Ordnung versprechen und Unordnung erzeugen. Deutschland arbeite zu wenig. Die Kosten seien zu hoch. Die Sozialabgaben müssten sinken. Die Arbeitsleistung der Volkswirtschaft reiche nicht. Der Krankenstand sei verdächtig. Die Teilzeitquote werde zum Standortproblem. Markus Söder fügt die griffige Rechenübung hinzu: Eine Stunde mehr Arbeit pro Woche könne doch wirklich niemanden überfordern. Carsten Linnemann spricht von Teilzeit-Falle, andere in der Union von Lifestyle-Teilzeit. So entsteht der Sound einer neuen Arbeitsmoralpolitik: Die Menschen müssten wieder ran.
Das klingt entschlossen. Es klingt nach Führung. Es klingt nach jener Härte gegen die Wirklichkeit, die in Parteitagsreden Applaus bringt. Arbeitsmarktpolitik ist aber kein Fitnessprogramm für Sonntagsreden. Sie ist Statistik, Betriebswirtschaft, Tarifgeschichte, Familienökonomie, Produktivitätsanalyse und Sozialpsychologie in einem. Wer sie auf Appelle reduziert, verwechselt Volkswirtschaft mit Wandzeitung.
Die Rhetorik des Kanzlers hat eine politische Funktion. Sie verschiebt den Blick von den konkreten Ursachen der deutschen Wachstumsschwäche auf die vermeintliche mangelnde Einsatzbereitschaft der Beschäftigten. Energiepreise, Investitionsstau, Bürokratie, schwache Digitalisierung, falsche Anreizsysteme, unproduktive Leerzeiten, Fachkräftemangel, Mismatch, fehlende Kinderbetreuung, schlechte Personalprozesse, verschleppte Weiterbildung, fragile Tarifbindung: All das ist kompliziert. Die Erzählung vom zu wenig arbeitenden Land ist einfacher. Sie ist auch gefährlicher.
Der Kanzler spricht von Kosten, doch die Lohnordnung ist das eigentliche Thema
Merz hat seine Formulierung inzwischen mehrfach eingehegt. Es gehe ihm nicht um die Nettolöhne der Beschäftigten, heißt es dann, gemeint seien Steuern, Abgaben, Bürokratie und Energie. Das ist eine wichtige Klarstellung. Sie rettet die Aussage aber nur teilweise. Denn sobald von Arbeitskosten die Rede ist, steht ein ganzer Deutungsraum offen: Löhne erscheinen als Last, Beschäftigte als Kostentreiber, Sozialstaat als Standorthemmnis. In dieser Grammatik wird Arbeit nicht als Quelle von Nachfrage, Qualifikation, Innovation und Stabilität verstanden, sie erscheint als Block auf der Ausgabenseite.
Heiner Flassbeck hat diese Denkfigur mit der ihm eigenen Schärfe angegriffen. Seine Zuspitzung mag nicht jedermanns Ton treffen, der sachliche Kern ist schwer zu übergehen. Deutschland hat seit den frühen 2000er Jahren keine Geschichte überbordender Lohnsteigerungen erlebt. Die Reallöhne wurden über lange Strecken gedrückt, der Abstand zwischen Produktivität, Exporterfolg und Einkommen der Beschäftigten hat eine volkswirtschaftliche Schieflage erzeugt. In den Jahren nach der Finanzkrise kamen Verbesserungen, dann rissen Pandemie, Energiepreisschock und Inflation neue Löcher in die Kaufkraft.
Die Destatis-Reihe zu Reallöhnen und Nominallöhnen macht die Bruchlinie sichtbar. 2022 fielen die Reallöhne um vier Prozent. 2023 gab es praktisch Stillstand. Erst 2024 folgte eine Erholung. Wer daraus den Befund ableitet, die Beschäftigten seien zu teuer geworden, liest die jüngste Lohnentwicklung ohne Vorgeschichte. Wer die Lohnstückkosten betrachtet, sieht zwar eine aktuelle Spannung, weil die Produktivität schwach blieb und die Arbeitsentgelte zuletzt anzogen. Doch daraus folgt keine einfache Lohnsenkungsagenda. Daraus folgt eine Produktivitätsagenda.
Das ist der entscheidende Unterschied. Die Frage lautet nicht, wie man Menschen billiger macht. Die Frage lautet, wie man Arbeit produktiver organisiert, wie man Qualifikation schneller erneuert, wie man Arbeitszeit genauer an Bedarf koppelt, wie man Erwerbspotenziale hebt, ohne Familienleben und Gesundheit zu beschädigen. Genau an dieser Stelle wird die politische Debatte oft grob.
Die eine Stunde mehr ist keine Strategie
Söders Forderung nach einer zusätzlichen Wochenarbeitsstunde wirkt auf den ersten Blick harmlos. Eine Stunde klingt klein. Auf die Woche verteilt wird daraus eine Viertelstunde am Tag. Ein solches Bild funktioniert rhetorisch, weil es den Einzelnen moralisch adressiert: Wer sich dagegen wehrt, wirkt kleinlich.
Betriebswirtschaftlich ist die Rechnung weit weniger überzeugend. Guido Zander hat in der ZP-Nachgefragt-Week gezeigt, weshalb lineares Denken bei Arbeitszeit fast immer in die Irre führt. Eine Stunde mehr bezahlte Arbeitszeit erzeugt keine Stunde mehr Wertschöpfung, sobald Nachfrage, Materialfluss, Schichtbedarf oder Kundenfrequenz schwanken. In volatilen Betrieben entstehen Leerzeiten. Im Handel, in der Produktion, in Logistik, Pflege, Gastronomie oder Servicebereichen ist die zentrale Frage nicht die maximale Anwesenheit, die zentrale Frage ist die passende Besetzung zum passenden Zeitpunkt.
Zanders Modell ist einfach und lehrreich. Ein Betrieb mit starrem Schichtplan bezahlt heute schon Stunden, die in schwachen Bedarfsphasen nicht produktiv genutzt werden. In Spitzenzeiten entstehen Überstunden. Wird nun pauschal eine Stunde pro Woche addiert, steigen die bezahlten Stunden, während die genutzten Stunden gleich bleiben können. Flexibilisiert man dagegen Schichtmodelle, Zeitkonten und Einsatzplanung, kann die gleiche Jahresarbeitszeit passgenauer eingesetzt werden. Das Ergebnis: weniger Leerzeit, weniger Mehrarbeit, bessere Planbarkeit.
Das klingt weniger kernig als Söders Formel. Es ist dafür näher an der Wirklichkeit der Betriebe. Wer wirklich wirtschaftsfreundlich argumentieren will, sollte also nicht zuerst nach längeren Wochen rufen. Er sollte fragen, wo Arbeitszeit in Leerlauf verbrennt. Er sollte fragen, weshalb Führungskräfte schlechte Personaleinsatzplanung als Naturereignis behandeln. Er sollte fragen, weshalb der Staat Kinderbetreuung, Ganztag, Pflegeinfrastruktur und steuerliche Erwerbsanreize noch immer so organisiert, dass Menschen weniger arbeiten, als sie eigentlich könnten oder wollten.
Teilzeit ist kein moralischer Defekt
Die Teilzeitdebatte ist das vielleicht beste Beispiel für den Rückfall in alte Bilder. In der Statistik sinkt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit, weil mehr Menschen in Teilzeit arbeiten. Daraus wird schnell die These einer freizeitorientierten Gesellschaft. Doch der Durchschnitt verschleiert, was wirklich geschehen ist.
Vollzeitbeschäftigte arbeiten weiterhin um die 40 Stunden. Die große Veränderung liegt in der gestiegenen Erwerbstätigkeit von Frauen und in der Ausweitung von Teilzeit. Das kann man als Problem erzählen. Man kann es auch als zivilisatorischen Fortschritt verstehen. Früher tauchte die Hausfrau in der Erwerbsstatistik gar nicht auf. Heute arbeitet sie häufig zusätzlich bezahlt, oft bei weiter hoher Care-Last. Was in der Statistik als geringere durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit erscheint, kann im Leben der Betroffenen eine Arbeitsverdichtung sein.
Zander hat diese Verzerrung mit dem Rollenbild von Heinz, Gudrun, Simon und Emma anschaulich gemacht. Heinz arbeitet Vollzeit, Gudrun erledigt Haus- und Care-Arbeit ohne Erwerbsarbeitszeit. Statistisch wirkt Heinz vorbildlich, Gudrun stört die Erwerbsarbeitszeitrechnung nicht. Simon und Emma teilen sich Erwerbsarbeit und Care-Arbeit, jeweils mit 25 Stunden. Gemeinsam stellen sie dem Arbeitsmarkt mehr bezahlte Stunden zur Verfügung als das klassische Modell. Trotzdem gerät einer von beiden rasch unter Lifestyle-Verdacht.
Das ist keine moderne Arbeitsmarktanalyse. Es ist alte Familienpolitik im Gewand der Standortdebatte. Teilzeit kann Ausdruck von Care-Arbeit sein, von Studium, Alter, Krankheit, Ehrenamt, Erschöpfung in belastenden Berufen oder einer bewussten Lebensplanung. In vielen Branchen ist Teilzeit zudem kein Störfall, sie ist betriebliche Notwendigkeit. Der Einzelhandel kennt Kundenfrequenzen, die sich im Tagesverlauf massiv verschieben. Pflege und Service kennen Belastungsspitzen. Wer dort nur Vollzeitblöcke denkt, produziert Fehlbesetzung. Teilzeit kann Flexibilität schaffen, Ausfallrisiken verteilen und Produktivität erhöhen.
Damit ist Teilzeit nicht automatisch gut. Unfreiwillige Teilzeit, geringe Stundenlöhne, fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und Teilzeitfallen im Steuer- und Transfersystem bleiben reale Probleme. Doch die Antwort darauf ist nicht Beschämung. Die Antwort heißt bessere Kinderbetreuung, mehr Netto vom Brutto, andere Steueranreize, Weiterbildung in Teilzeit, Führungskarrieren mit reduzierter Arbeitszeit, klügere Personaleinsatzplanung.
Krankenstand: Der bequeme Verdacht ersetzt keine Ursachenanalyse
Ähnlich läuft die Debatte über Krankheit. Die elektronische Krankmeldung und die telefonische Krankschreibung wurden zu Symbolen einer angeblichen Bequemlichkeitskultur. Zander hat in der ZP-Nachgefragt-Week eine wichtige Unterscheidung eingebracht: Ein Teil des Anstiegs in den Krankenkassendaten ist Erfassungseffekt. Was früher nicht oder lückenhaft gemeldet wurde, taucht seit der elektronischen Übermittlung sauberer in den Daten auf. Dazu kamen Atemwegserkrankungen, Corona-Folgen und ein verändertes Infektionsbewusstsein.
Natürlich gibt es Missbrauch. In jedem großen System gibt es Missbrauch. Gute Führung erkennt Muster, spricht Menschen an, dokumentiert sauber, nutzt arbeitsrechtliche Möglichkeiten. Schlechte Politik nimmt die wenigen Fälle als Hebel, um Millionen unter Generalverdacht zu stellen.
Ein Karenztag, pauschale Verdächtigung oder die Abschaffung einer erleichterten Krankschreibung wirken hart. Sie lösen aber keine Grundfrage: Weshalb sind Menschen krank? Wer über Pflege, Schichtarbeit, Dauerbelastung, psychische Erschöpfung, schlechte Führung, Personalmangel und Arbeitsverdichtung schweigt, verkürzt das Thema auf Disziplin. Damit wird aus Gesundheitspolitik eine Charakterprüfung.
Die Dienstleistungsökonomie hat die Mitte nicht automatisch reicher gemacht
Die Debatte über Arbeitszeit verdeckt eine größere soziale Verschiebung. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aus der Welt der industriellen Normalarbeit herausbewegt. Bergbau, Stahl, Autoindustrie, Chemie, Maschinenbau und große Infrastrukturbetriebe waren nie romantische Paradiese. Sie waren hart, hierarchisch, konfliktreich. Doch sie hatten etwas, das vielen neuen Dienstleistungssegmenten fehlt: Tarifbindung, Betriebsräte, klare Entgeltstrukturen, Facharbeiterstolz, Aufstieg über Ausbildung, Betriebsrenten, Vorarbeiterrollen, planbare Einkommen.
Die neue Dienstleistungsökonomie versprach Wissen, Kreativität, Selbstverwirklichung, Agilität. Für einen Teil der gut Qualifizierten stimmt das. Für viele andere brachte sie Schichtpläne, Abrufarbeit, geringe Tarifbindung, Franchise-Strukturen, Plattformlogik, Werkverträge, Subunternehmen, Teilzeit ohne Perspektive. Die Wissensökonomie schlägt in der Mitte der Gesellschaft nur ungleich durch. Der gut bezahlte Industriearbeiter hatte häufig eine bessere soziale Position als der heutige Servicebeschäftigte mit App-Schichtplan, unsicherem Stundenumfang und geringem institutionellem Rückhalt.
Das ist die Schattenseite der Dienstleistungsgesellschaft. Nicht jede neue Arbeit ist schlechter, gewiss nicht. Doch viele neue Jobs sind weniger organisiert. Der Arbeitsmarkt verliert an sozialer Architektur. Wo Betriebsrat, Tarifvertrag und Fachkarriere fehlen, wird der Einzelne zum Einzelkämpfer. Genau deshalb ist die Rede von der Arbeitsmoral so unzureichend. Sie individualisiert, was strukturell entstanden ist.
Binnennachfrage ist kein Nebenthema
Flassbeck hat dort recht, wo viele Standortdebatten blind bleiben: Löhne sind nicht allein Kosten. Sie sind Einkommen. Einkommen ist Nachfrage. Nachfrage stabilisiert Betriebe, Kommunen und ganze Volkswirtschaften. Die Finanzkrise 2008/2009 hat gezeigt, wie wichtig diese binnenwirtschaftliche Stabilisierung ist. Kurzarbeit, Sozialversicherung, Tarifstrukturen und vergleichsweise stabile Haushaltseinkommen haben den Absturz gedämpft. Das deutsche Exportmodell geriet unter Druck, doch die Binnennachfrage half, Schlimmeres zu verhindern.
Dieser Punkt wird regelmäßig unterschätzt. Eine Volkswirtschaft kann nicht dauerhaft auf Kostenwettbewerb, Lohnzurückhaltung und Exportüberschüsse setzen, ohne innere Spannungen zu erzeugen. Wer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern heute erklärt, sie seien zu teuer, zu oft krank, zu häufig in Teilzeit und insgesamt zu wenig leistungsbereit, verkennt ihre makroökonomische Rolle. Sie sind Käufer, Steuerzahler, Beitragszahler, Fachkräfte, Eltern, Pflegende, Ehrenamtliche, Wähler.
Die Mitte der Gesellschaft lebt nicht von Appellen. Sie lebt von Einkommen, Sicherheit, Aufstiegschancen und planbarer Zeit.
Der Arbeitsmarkt ist angespannt, auch in der Krise
Tobias Zimmermann beschreibt in „Zeit der Chancen“ ein Paradox, das die politische Debatte oft verfehlt. Deutschland steckt wirtschaftlich in einer schwierigen Lage. Zugleich ist der Arbeitsmarkt historisch betrachtet keineswegs leergefegt im Sinne einer klassischen Massenarbeitslosigkeit. Offene Stellen bleiben hoch, Fachkräfteengpässe bestehen, Unternehmen halten Personal trotz schwacher Auslastung, weil sie wissen, wie teuer Neubesetzung geworden ist.
Zimmermann nennt den Arbeitsmarkt einen Zangengriff aus Wirtschaftskrise und Fachkräftemangel. Das trifft die Lage. In einigen Segmenten werden Stellen abgebaut, in anderen wird gesucht. White-Collar-Rollen kühlen ab, Pflege, Technik, Infrastruktur, Energie, IT, Bildung und bestimmte Handwerksfelder bleiben angespannt. Die alte Gleichung „Krise gleich Arbeitgebermarkt“ stimmt nicht mehr durchgehend.
Genau deshalb greift die Mehrarbeitsrhetorik zu kurz. Das Problem liegt nicht allein in der Zahl der Stunden. Es liegt im Matching. Menschen arbeiten an der falschen Stelle, verfügen nicht über die gesuchten Fähigkeiten oder finden wegen schlechter Prozesse den Weg zum passenden Arbeitgeber nicht. Unternehmen suchen Kandidaten, schrecken sie aber mit Registrierungszwang, langen Verfahren, Funkstille und überzogenen Auswahlritualen ab.
Robindro Ullah hat diesen Punkt auf der ZP-Nachgefragt-Week datenbasiert gezeigt. Fachkräfte brechen Bewerbungsprozesse ab, wenn sie sich nicht wertgeschätzt fühlen. Viele lehnen Prozesse ab, die unnötig lange dauern oder vor der Bewerbung Registrierungspflichten aufbauen. Recruiting ist damit keine weiche Nebensache. Es ist Arbeitsmarktpolitik im Unternehmen.
Die Produktivitätsfrage beginnt beim Management
Wer mehr Wachstum will, muss die Produktivität erhöhen. Das ist richtig. Doch Produktivität entsteht nicht durch moralische Ansprache der Beschäftigten. Sie entsteht durch Kapitalstock, Technologie, Organisation, Qualifikation, Führung, Prozesse, Infrastruktur und passende Anreize.
Die deutsche Debatte verwechselt zu oft Anwesenheit mit Leistung. Eine Stunde zusätzlich im Kalender ist noch keine zusätzliche Wertschöpfung. Ein langer Bewerbungsprozess ist noch keine sorgfältige Auswahl. Ein voller Schichtplan ist noch keine gute Auslastung. Präsenz im Büro ist noch keine Innovation. Ein hoher Krankenstand ist noch kein Beweis für Faulheit. Teilzeit ist kein Beweis für mangelnden Leistungswillen.
Produktivität entsteht, wo Arbeit sinnvoll zugeschnitten ist. Wo Beschäftigte das können, was gebraucht wird. Wo KI Routine reduziert. Wo Führung Nachfrage und Kapazität plant. Wo Weiterbildung nicht als Broschüre im Intranet liegt, sondern reale Mobilität ermöglicht. Wo Eltern arbeiten können, weil Kinderbetreuung funktioniert. Wo Ältere bleiben können, weil Belastung reduziert und Erfahrung genutzt wird. Wo Pflegekräfte nicht ausbrennen, weil Dienstpläne planbar sind. Wo Bewerber nicht sechs Wochen auf ein Lebenszeichen warten.
Die ehrliche Reformagenda wäre damit anspruchsvoller als der Satz von der einen Stunde. Sie würde Unternehmen stärker in die Pflicht nehmen. Sie würde den Staat an seiner Infrastruktur messen. Sie würde Sozialabgaben, Steuerkeile und Fehlanreize reformieren, ohne Beschäftigte als Kostenproblem zu behandeln. Sie würde Tarifbindung und Mitbestimmung nicht als Relikte abtun, weil organisierte Arbeitsmärkte in Krisen stabilisieren.
Was die ZP-Nachgefragt-Week gezeigt hat
Die ZP-Nachgefragt-Week hat in dieser Debatte einen anderen Ton gesetzt: faktenorientiert, betriebsnah, frei von Arbeitsmoraltheater. Guido Zander hat gezeigt, dass „smart statt hart“ keine Wohlfühlparole ist, es ist eine betriebswirtschaftliche Anweisung. Flexible Arbeitszeitmodelle, bessere Schichtplanung, Lebensarbeitszeitkonten, Personalbedarfsermittlung und kluge Führung bringen mehr als pauschale Mehrarbeit.
Tobias Zimmermann hat den Blick auf Chancen gelenkt. Arbeitskräfte werden knapper, der Wert qualifizierter Arbeit steigt, Unternehmen müssen mehr tun, um Menschen zu gewinnen und zu halten. Daraus folgt keine bequeme Zukunft. Daraus folgt eine Arbeitswelt, in der Weiterentwicklung, Wechsel, KI-Kompetenz und interne Mobilität wichtiger werden.
Robindro Ullah hat gezeigt, dass datengetriebenes Recruiting keine Mode ist. Wer Fachkräfte gewinnen will, muss wissen, wie sie suchen, was sie abschreckt, welche Prozesse funktionieren und wie KI den Dialog verändert. Arbeitgeber, die sich weiterhin verhalten, als hätten sie Bewerber im Überfluss, verlieren Zeit, Geld und Zukunft.
Gemeinsam ergibt sich daraus eine andere arbeitsmarktpolitische Erzählung. Deutschland braucht keine neue Verdachtskultur gegen Beschäftigte. Deutschland braucht eine neue Präzision in der Organisation von Arbeit.
Der konstruktive Gegenentwurf
Man kann Merz zugutehalten, dass er ein reales Problem adressiert. Deutschland hat zu wenig Wachstum, zu geringe Produktivitätsdynamik, zu hohe Abgabenlast, zu komplizierte Verfahren, zu wenig Tempo bei Investitionen und Digitalisierung. Niemand sollte die Lage schönreden. Doch gute Diagnose verlangt, den richtigen Hebel zu wählen. Die rhetorische Kette der Union lautet häufig: Krise, Kosten, Arbeitsmoral, Mehrarbeit. Eine bessere Kette lautete: Krise, Produktivität, Organisation, Qualifikation, Erwerbsanreize, Nachfrage. Der Unterschied ist politisch erheblich. Die erste Kette sucht Disziplin. Die zweite sucht Leistungsfähigkeit.
Ein konstruktiver Kanzler könnte sagen: Wir wollen Arbeit lohnender machen. Wir senken Fehlanreize im Steuer- und Abgabensystem. Wir bauen Kinderbetreuung aus. Wir ermöglichen flexiblere Arbeitszeit über Tarifpartner und Betriebe. Wir investieren in Weiterbildung, damit Menschen in produktivere Tätigkeiten wechseln können. Wir bekämpfen Missbrauch gezielt, ohne alle Beschäftigten zu verdächtigen. Wir halten Ältere länger im Erwerbsleben, indem wir Arbeit gesünder organisieren. Wir machen Bewerbungsprozesse schneller. Wir stärken Tarifbindung dort, wo sie Stabilität gibt. Wir reden über Lohnstückkosten im Zusammenhang mit Produktivität, nicht als Vorwand für Lohndruck. Wir verstehen Binnennachfrage als Standortfaktor. Das wäre kein linker Gegenmythos. Es wäre ordnungspolitische Sauberkeit.
Die Mitte arbeitet längst
Die Formel von den faulen Deutschen ist politisch bequem, weil sie Gegner markiert. Sie trifft Bürgergeldempfänger, Teilzeitbeschäftigte, Kranke, junge Beschäftigte, Homeoffice-Nutzer, Pflegekräfte mit reduzierter Arbeitszeit, Eltern, Studierende, Ältere. Am Ende trifft sie die gesellschaftliche Mitte, die den Laden am Laufen hält.
Diese Mitte arbeitet längst. Sie arbeitet bezahlt und unbezahlt, sichtbar und unsichtbar, im Betrieb und zu Hause, im Schichtdienst, im Ehrenamt, in der Pflege der Eltern, in der Betreuung der Kinder, im Nebenjob zum Studium, im Handwerk, im Büro, im Krankenhaus, im Lager, in der Schule, im Einzelhandel. Wer ihre Leistung politisch kleinredet, bekommt vielleicht Applaus in bestimmten Sälen. Er verliert aber den Kontakt zur Wirklichkeit.
Die arbeitsmarktpolitische Aufgabe der kommenden Jahre ist nicht, Menschen härter anzutreiben. Sie besteht darin, Arbeit besser zu organisieren, Einkommen zu stabilisieren, Produktivität zu erhöhen und Erwerbschancen fairer zu verteilen. Wer das schafft, wird mehr Arbeitsvolumen mobilisieren als jede Strafpredigt. Wer es versäumt, kann jede Woche eine weitere Stunde fordern und wird doch nur zusätzliche Leerzeit produzieren.
Deutschland braucht keine Moralkeule gegen Beschäftigte. Es braucht eine Arbeitsmarktpolitik, die rechnen kann.