Gegen die Lagerlogik: Netzpolitik jenseits von links und rechts @rene_pfister #rp26

Die Konferenz im Bildausschnitt

René Pfister hat im SPIEGEL aus der re:publica eine Erzählung gebaut, die sofort einrastet: einst Netzutopie, heute progressives Milieu; einst Aufbruch, heute Ritual; einst digitale Befreiung, heute letzte Party auf der „Titanic“. Man erkennt die Konstruktion, weil sie gut funktioniert. Sie nimmt einzelne Szenen, einzelne Stimmen, einzelne ästhetische Eindrücke und zieht daraus ein Gesamtbild. Der Text ist klug komponiert, an manchen Stellen auch treffend. Nur kippt die Beobachtung dort in die Verengung, wo sie sich für das Ganze ausgibt.

Auf der Netzkonferenz re:publica findet jeder, was er sucht. Wer Selbstvergewisserung sucht, findet Selbstvergewisserung. Wer moralische Überhitzung sucht, findet moralische Überhitzung. Wer Langeweile sucht, wird fündig. Wer Abseitiges, Überdrehtes, Kuratiertes, Eitles, Gutes, Kluges, Technisches, Verspieltes und Praktisches sucht, ebenfalls. Eine dreitägige Konferenz dieser Größe lässt sich mit jeder These bespielen, solange man die passenden Ausschnitte wählt.

Die re:publica 2026 bestand laut aus rund 670 Sessions auf 27 Bühnen mit mehr als 1.200 Sprecherinnen und Sprechern. Dann kommen noch inoffizielle Sessions hinzu. Etwa die schon traditionellen Sessions auf dem Hof von Klaus Eck. Oder das legendäre Treffen beim „Griechen“, organisiert von Thorsten Ising. Verhandelt wurden digitale Souveränität, Infrastruktur, KI, Demokratie im digitalen Raum, neue Öffentlichkeiten, Keynotes, Panels, Workshops, Performances und viele weitere Formate. Schon diese Größenordnung macht jede Totaldiagnose verdächtig, die aus einigen Bühnenmomenten eine geistige Gesamtverfassung ableitet.

Das Lagerfeuer ist kein Lager

Für mich ist die re:publica immer noch ein Lagerfeuer. Ich schreibe das ohne ironischen Sicherheitsabstand. Sie gehört zu meiner erweiterten Familie. Ich fühle mich dort zu Hause, auch dort, wo mich Sätze nerven, Panels ermüden, Begriffe zu glatt laufen oder Rituale zu vertraut klingen. Ein Lagerfeuer verlangt keine Parole. Es sammelt Nähe, Streit, Erinnerung, Überdruss, Lachen, Wiedersehen, Reibung, Wärme und auch Trauer. Ein Lager prüft Zugehörigkeit. Das Lagerfeuer hält Ambivalenz aus.

Genau an dieser Unterscheidung scheitert die Lagerlogik. Die re:publica hat Codes, Milieus, Lieblingsbegriffe, alte Bekannte, eingeübte Gesten. Das lässt sich kaum bestreiten. Doch daraus eine linke Einheitssauce zu kochen, verkleinert den Ort. Netzpolitik war nie sauber in rechts und links aufzuteilen. Sie entstand aus Fragen nach Infrastruktur, Protokollen, Standards, Bürgerrechten, Datenschutz, Urheberrecht, Open Source, Medienmacht, Plattformökonomie, Verschlüsselung, staatlicher Handlungsfähigkeit und öffentlicher Kommunikation.

Christoph Kappes passt in kein simples Lagerbild. Er steht für eine Tradition der Netzdebatte, die Technik, Ökonomie, Medien, Staat und Kultur zusammen denkt. Viele Protagonisten dieser Szene funktionieren so. Sie kommen aus Verlagen, Agenturen, Universitäten, Hackspaces, Redaktionen, Start-ups, Behörden, NGOs, Forschungsinstituten, Bürgerrechtsinitiativen, Kunstkontexten. Ihre Themen sind oft politisch, aber selten parteipolitisch sortierbar. Wer sie durch das Rechts-Links-Sieb drückt, verliert fast alles, was an ihnen interessant ist.

Digitalpolitik als Arbeit am Staat

Auch das Gespräch von Markus Beckedahl mit Bundesdigitalminister Karsten Wildberger passt schlecht in die Erzählung einer reinen Gesinnungsbühne. Die Rede des Ministers und die anschließende Diskussion fragte nach dem digitalen Stand Deutschlands, nach der Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft, nach Plattformregulierung, digitaler Souveränität und Deutschland-App. Das ist keine Kulisse für Milieu-Folklore. Das ist Digitalpolitik im Feld ihrer konkreten Schwierigkeiten.

Gerade Markus Beckedahl verkörpert einen Teil jener netzpolitischen Geschichte, die aus Bürgerrechten, Plattformkritik und institutioneller Arbeit erwachsen ist. Netzpolitik bleibt hier keine Pose, keine Szenesprache, keine Abzeichenkunde. Sie wird zur Frage, wie Verwaltung, Recht, Öffentlichkeit und technische Systeme zusammenwirken. Der digitale Staat ist kein dekoratives Projekt. Er entscheidet darüber, ob demokratische Institutionen in einer beschleunigten Umwelt handlungsfähig bleiben. Netzpolitik beginnt dort, wo man nach Macht in technischen Systemen fragt: Wer setzt Standards? Wer kontrolliert Datenflüsse? Wer definiert Sichtbarkeit? Wer baut digitale Verwaltung? Wer verdient an Erregung? Wer kann Regeln durchsetzen? Wer verliert Anschluss, weil der Staat zu langsam lernt?

Die alte Utopie und ihre Besetzung

Ein durchaus vorhandener Bruch in der Netzszene reicht weiter zurück als jede einzelne re:publica-Ausgabe. Die frühen Medienutopien kreisten um eine Befreiung durch Teilhabe. Bertolt Brecht wollte in den 1920er Jahren den Rundfunk aus dem Lieferantentum lösen (Stichwort Radiotheorie). Hörer sollten sprechen können. Hans Magnus Enzensberger dachte Medien als Apparate, die Produzenten und Rezipienten neu verbinden. Das Netz hat viele dieser technischen Voraussetzungen geschaffen. Es senkte Zugangshürden, vergrößerte persönliche Öffentlichkeiten, gab Stimmen Reichweite, die früher kaum an den Türwächtern der Massenmedien vorbeikamen.

Walter Lippmann beschrieb schon 1922 in „Public Opinion“ die Selektionsketten der Öffentlichkeit. Jede Zeitung, die den Leser erreicht, ist Ergebnis vieler Vorentscheidungen. Diese Welt der Gatekeeper war keineswegs unschuldig. Sie erzeugte Vereinheitlichung, Berechenbarkeit, Ausschlüsse, blinde Flecken. Doch ihr Zerfall löste das Problem der Öffentlichkeit keineswegs auf. Er verlagerte es.

Meine Analyse von 2017 im Netzpiloten-Magazin lief genau auf diesen Punkt hinaus: Aus dem Werkzeug der Befreiung wurde auch ein Werkzeug der Alt Right. Die niedrigen Zugangsschwellen des Social Webs öffneten den Raum für emanzipatorische Öffentlichkeiten, zugleich für autoritäre, reaktionäre, nationalistische und rassistische Mobilisierung. Die Jedermann-Medien wurden von allen genutzt, auch von Kräften, die mit Aufklärung wenig im Sinn haben.

Der alte Traum lautete: Alle können senden, also wird Öffentlichkeit freier. Die Gegenwart zeigt: Alle können senden, also wird Öffentlichkeit umkämpfter. Der Zugewinn an Stimme erzeugt noch keine Kultur der rationalen Prüfung. Aus Reichweite entsteht keine Vernunft. Aus Partizipation entsteht keine demokratische Reife. Die Alt Right hat die Netzutopie gekapert und ihre Naivität sichtbar gemacht.

Die Krise des Empfangens

Pfister trifft etwas Richtiges, sobald er auf die mediale Beweglichkeit rechter Akteure blickt. Podcasts, TikTok, X, Clips, Memes, Empörungszyklen, persönliche Marken, Anti-Establishment-Erzählungen: Rechte Öffentlichkeiten haben gelernt, die Plattformlogik aggressiv zu bedienen. Doch daraus folgt keine simple Fortschrittsgeschichte der Rechten und keine Verfallsgeschichte der Progressiven. Daraus folgt eine unangenehmere Diagnose: Die digitale Öffentlichkeit hat das Senden demokratisiert, aber das Empfangen kulturell vernachlässigt.

Bernhard Pörksen sprach auf der re:publica über Zuhören in einer Medienwelt, in der Information reichlich vorhanden ist, Aufmerksamkeit aber knapp bleibt. Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen beschäftigten sich mit besseren Debatten, Meinungsänderung, der Trennung von Person und Meinung, privaten Räumen der Klärung in Zeiten von Desinformation und AI-Slop. Auf ichsagmal.com war diese Spur bereits gelegt: Die offene Gesellschaft verfügt technisch über mehr Stimmen denn je, verliert aber Formen des Empfangens.

Diese Sessions passen nicht zur These vom progressiven Katechismus des Spiegel-Redakteurs. Dort wurde keine abgeschlossene Gewissheit gefeiert. Dort ging es um die Möglichkeit, eigene Urteile zu prüfen, Gegengründe auszuhalten, Irrtum zu bearbeiten, öffentliche Rede beweglicher zu machen. Das rettet die re:publica gewiss vor keiner Kritik. Aber es widerspricht dem Bild eines Ortes, an dem bloß Glaubenssätze verwaltet werden.

Karl Popper liefert dafür die präzise Grammatik. Erkenntnis wächst bei ihm aus der Prüfung, aus der Möglichkeit des Scheiterns, aus der Bereitschaft, die eigene Theorie einem Test auszusetzen. Auf Demokratie übertragen heißt das: Eine freie Gesellschaft braucht Menschen und Institutionen, die Fehler entdecken können, bevor sie zerstörerisch werden. Sie braucht Verfahren, in denen Macht begrenzt, Regierungen abgewählt, Irrtümer korrigiert und Gewissheiten beschädigt werden dürfen.

Meinung als soziale Haut

Die digitale Gegenwart erschwert genau das. Meinung wird zur sozialen Haut. Sie wärmt, schützt, grenzt ab. Sie zeigt, zu wem jemand gehört, welche Codes er kennt, welche Empörung er teilt, welche Verdächtigen er benennt. Ein Wort reicht, eine Formel, ein ironischer Verweis, ein Meme. Das Publikum weiß Bescheid. Argumente werden durch Signale ersetzt. Streit wird Aufführung. Das Gegenüber dient als Requisit für Zustimmung aus dem eigenen Resonanzraum.

Hier liegt auch die Gefahr kluger Milieus. Intelligenz schützt keineswegs automatisch vor Selbsttäuschung. Wer schnell denkt, kann schnell ausweichen. Wer rhetorisch geübt ist, findet leicht Gründe, den eigenen Irrtum zu entschärfen. Wer Fehler der Gegenseite präzise erkennt, übersieht oft die Lücken des eigenen Lagers. Kritik wird dann zum Werkzeug gegen andere, kaum noch zur Praxis der eigenen Korrektur.

Das betrifft rechte und linke Öffentlichkeiten, journalistische Zirkel, akademische Milieus, Aktivisten, Ministerien, Unternehmen, Plattformen, alte Netzgemeinden. Der Fehler liegt im Modus. Öffentlichkeit wird zur Bühne der Unverwundbarkeit. Die eigene Meinung erscheint als Besitzstand. Meinungsänderung wirkt wie Schwäche. Genau an dieser Stelle verliert Demokratie ihre Beweglichkeit.

KI als privater Prüfungsraum

In der Diskussion von Niggemeier und von Gehlen tauchte ein Gedanke auf, der in die Gegenwart passt: KI-Sprachmodelle könnten als private Prüfungsräume dienen. Keine Wahrheitsrichter, keine Autoritäten, keine Ersatzöffentlichkeit. Eher Werkzeuge, mit denen man vor dem öffentlichen Senden die eigene Position belastet. Welche Einwände übersehe ich? Welche gegnerische Formulierung wäre fair? Wo verwechsle ich Kritik mit Kränkung? Welche Prämissen trage ich ungeprüft mit mir herum?

Diese Nutzung von KI hätte mit Textglättung wenig zu tun. Sie könnte helfen, den eigenen Satz vor seinem Auftritt im öffentlichen Raum zu prüfen. Natürlich kann KI auch Müll vermehren, Scheinsicherheit erzeugen, Konflikte verkitschen und Phrasen perfektionieren. Doch als Instrument der Selbstprüfung wäre sie in der digitalen Öffentlichkeit interessanter als viele Automatisierungsfantasien. Sie würde helfen, die alte Netzfrage neu zu stellen: Wie wird aus technischer Kommunikationsfähigkeit eine demokratische Kultur?

Gegen die AfD hilft keine bessere Lagerästhetik

Die rassistische AfD wird durch feinere Milieusortierung kein bisschen schwächer. Sie wird auch durch eine grobe Rechts-Links-Verortung der Netzpolitik kaum besser verstanden. Ihre digitale Stärke liegt in der Fähigkeit, Ressentiment zu skalieren, Misstrauen zu organisieren, Erregung in Reichweite zu verwandeln und lokale Kränkungen in große Erzählungen einzubauen. Plattformen liefern dafür Anreize, Formate, Geschwindigkeit und Publikum.

Demokratische Gegenwehr braucht Präzision. Sie muss wissen, wie Empfehlungslogiken funktionieren, wie Desinformation Vertrauen angreift, wie Messenger-Räume, Kurzvideos, Podcasts und persönliche Kanäle zusammenspielen, wie sich Empörung monetarisieren lässt, wie Unsicherheit politisch geerntet wird. Sie braucht einen Staat, der digital handlungsfähig wird, eine Zivilgesellschaft, die technisch kompetent bleibt, Medien, die ihre eigene Rolle prüfen, und öffentliche Räume, in denen Korrektur mehr gilt als Lagerapplaus.

Die re:publica bleibt ein Ort der Reibung

Die re:publica ist kein heiliger Ort. Sie hat Eitelkeiten, Routinen, Codes, blinde Flecken, modische Wörter, zu volle Panels, zu erwartbare Dramaturgien. Sie kann ermüden. Sie kann sich selbst gefallen. Sie kann in Szenesprache kippen. Doch gerade das macht sie als Ort der digitalen Gesellschaft kenntlich. Sie ist Familienfest, Bühne, Werkstatt, Marktplatz, Kontaktbörse, Streitfläche, Gedächtnisraum und Versuchsanordnung zugleich.

Wer nur das politische Lager sieht, verpasst die technischen und institutionellen Fragen. Wer nur Technik sieht, verpasst die sozialen Bindungen, ohne die Netzpolitik nie eine Bewegung geworden wäre. Das Lagerfeuer ist kein Kitsch. Es ist die soziale Infrastruktur einer Szene, die über Jahre gelernt hat, dass digitale Politik aus Menschen besteht, aus Vertrauen, Konflikt, Erinnerung, Zusammenarbeit, alten Rechnungen, neuen Projekten.

Pfisters Titanic-Bild ischließt die Wahrnehmung zu früh ab. Die re:publica sinkt nicht einfach in den Gewissheiten eines progressiven Milieus. Sie zeigt vielmehr, wie schwer es geworden ist, digitale Gesellschaft noch in gemeinsamen Räumen zu verhandeln. Dass dort vieles nebeneinandersteht, manches schief, manches brillant, manches politisch aufgeladen, manches handwerklich, manches technisch, manches sentimental, gehört zu ihrer Wahrheit.

Die alte Netzutopie ist beschädigt. Sie war zu leichtgläubig gegenüber der Kraft des Sendens. Die nächste Phase braucht weniger Faszination für Reichweite und mehr Arbeit an Empfang, Prüfung, Korrektur und Institutionen. Das klingt weniger romantisch als die frühen Jahre des Netzes. Es ist aber näher an der Aufgabe.

Die re:publica ist keine letzte Party. Sie ist ein Ort, an dem sichtbar wird, was der digitalen Gesellschaft fehlt und was sie noch lernen kann. Nicht als Lager. Als Lagerfeuer.

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