Zum 80. Geburtstag von Franz Rottensteiner: Über Lovecraft-Schauergeschichten, Cebit-Erlebnisse und mehr @PhantastikNews @BohmertFrank

Franz Rottensteiner lernte ich auf der Cebit kennen. Grund war eine Talkreihe, die ich für die frühere Firme Tenovis konzipierte mit Themen, die man auf einer klassischen Computermesse eigentlich nicht erwarten konnte. Teilnehmer: Prof. Dr. Herbert W. Franke, Physiker und Publizist; Franz Rottensteiner, Publizist, ehem. Herausgeber Phantastische Bibliothek bei Suhrkamp; Dr. Karlheinz Steinmüller, Zukunftsforscher, Sekretariat für Zukunftsfragen Gelsenkirchen; Dr. Andreas Zamperoni, Senior Technology Manager, Tenovis. Das war war über 20 Jahren. So kam ich mit Rottensteiner in Kontakt, der danach für meinen Verlag ein paar Texte schrieb. So entstand übrigens auch ein intensiver Dialog mit dem Science-Fiction-Autor Franke. Nachzulesen in einem Interview von mir mit Professor Franke, abgedruckt im Band „Das Gutenberg-Konzil“.

Zum 80. Geburtstag von Franz Rottensteiner veröffentliche ich seinen Text über die Lovecraft-Werksausgabe:

Die posthume Karriere des amerikanischen Autors von Schauergeschichten H.P. Lovecraft (1890-1937) ist erstaunlich. Zu Lebzeiten praktisch nur, sieht man von einem privat gedruckten und kaum verbreiteten Erzählungsband ab, in den amerikanischen Äquivalenten der Groschenhefte, den Pulps, gedruckt, erscheint er jetzt in unzähligen Buchausgaben in der ganzen Welt, werden auch die unbedeutendsten seiner Texte exhumiert und vielfach dargeboten. Lovecraft ist Gegenstand zweier umfangreicher Biographien, der älteren von L. Sprague de Camp (Lovecraft: A Biography, 1975) und der neueren von S.T. Joshi (H.P. Lovecraft: A Life, 1996), dem bedeutendsten Lovecraft-Literaturwissenschaftler, der nicht nur mehrere Bücher über ihn geschrieben hat, sondern auch textkritische Ausgaben besorgt hat. Es ist eine Eigenheit der Lovecraft-Fans, dass sie auch die kleinsten Einzelheiten über das Leben ihres Idols wissen möchten; das Interesse an seiner Biographie ist ebenso groß wie das am Werk selbst, und gerade bei Lovecraft scheint eine rein textimmanente Betrachtung wenig Sinn zu machen, sehr vieles an den Eigentümlichkeiten seiner Prosa ist nur aus dem biographischen Kontext zu verstehen. Die Zahl der Dissertationen und Abhandlungen über Lovecraft füllt bereits umfangreiche Bücherregale, es gibt sie vor allem in den USA, in Frankreich, in Italien, zunehmend aber auch in Deutschland. Und jetzt ist, bei der kleinen und rührigen Edition Phantasia in Linkenheim, auch eine chronologisch angeordnete, mit Kommentaren von Dr. Marco Frenschkowski, dem wichtigsten deutschen Lovecraft-Forscher und –Enthusiasten versehene  Gesamtausgabe der Erzählungen Lovecrafts  in Planung. Bisher liegen die fünf Bände der ersten Werkgruppe [beschränkt auf eine Auflage von 350 Stück, Preis für die Bände dieser Gruppe € 385,–, nur Gesamtabgabe] vor, die alles enthalten, was unter dem Namen Lovecraft an Geschichten erschienen ist, von den frühesten unbeholfenen„Juvenilia“ wie „Das Tier in der Höhle“, “Der Alchimist“ und „Das Grab“ bis hin zu seinen bedeutendsten längeren Erzählungen wie „Der Schatten aus der Zeit“, „Das Grauen von Dunwich“, „Schatten über Innsmouth“ oder „Der leuchtende Trapezoeder“. In der II. Werkgruppe werden Texte erscheinen, die nicht ausschließlich von Lovecraft allein stammen, die aber doch zu 50-90%  sein Werk sind, auch wenn sie meist unter anderen Namen erschienen.

Der Herausgeber Marco Frenschkowski hat jede Erzählung mit einer kurzen Einleitung versehen. In seinen Kommentaren zeichnet Frenschkowski die Umstände des Entstehens der Erzählungen nach, die im Falle Lovecrafts meist sehr genau dokumentiert sind, nicht zuletzt dank seines ungeheuer umfangreichen Briefwechsels, und er liefert Ansätze zu ihrer Interpretation.

Lovecraft ist ein höchst umstrittener Schriftsteller, von vielen wird er mit Spott überhäuft, das Lächerliche schlägt sich bei ihm immer dicht neben dem Erhabenen, man hat seine Adjektiv-Sucht kritisiert, sein unmodernes Bemühen, dem, was nicht gesagt werden kann, Ausdruck zu verleihen. Wo andere Autoren der unheimlichen Literatur sich mit Andeutungen begnügen, sucht er dem Leser immer wieder einzuhämmern, wie schrecklich das alles sei. Vor allem die Monster und Kunstmythen, seine äonenalten Götter mit den merkwürdigen Namen, die verbotenen magischen Bücher, deren Lektüre schlimmste Konsequenzen für den geistigen Zustand ihrer Leser hat, laden zu einer oberflächlichen Beschäftigung mit seinem Werk ein und haben immer wieder Sammler-Naturen angezogen, diese Entitäten und Bände zu katalogisieren und ihr Vorkommen zu dokumentieren. Dennoch macht der oft pueril anmutende „Cthulhu“-Mythos nur den geringsten Teil von Lovecrafts Anziehungskraft aus, selbst für seine überzeugtesten Fans. Lovecraft ist kein Schriftsteller für jedermann, sehr viele lässt sein Werk kalt, aber es gibt in ihm etwas, was eine Saite in seiner durchaus begrenzten, aber sehr begeisterungsfähigen Anhängerschaft zum Schwingen bringt, die andere Autoren der unheimlichen Literatur, vor allem diejenigen, die mechanisch den Cthulhu-Mythos exploitieren, nicht anzusprechen vermögen. Es handelt sich dabei, wie Frenschkowski mit anderen meint, um so etwas wie ‚„kosmische Neugier’, das Eindringen in einen verbotenen, das Gefühl, zum ‚Mitwisser’ des Universums zu werden“, das Lovecraft vermittelt: „Dabei war er Materialist; alle religiösen oder okkulten Überzeugungen hat er für Aberglauben gehalten. Eben diese Spannungen machen Lovecraft für interessant: zwischen seiner unbändigen Phantasie und seinem Materialismus, zwischen seiner klassizistischen Ästhetik und seiner Neigung zur Dekadenz, zwischen seinem neuenglischen Lokalkolorit, überhaupt seinem starken Gefühl für regionale und nationale Wurzeln, und seinem ’cosmic indifferentism’ (wie er sein Weltbild kosmischer Bedeutungslosigkeit des Menschen selbst nannte.“ Lovecraft wollte, wieder in den Worten Frenschkowskis, „die dunklen Seiten der Wirklichkeit ausloten, das Schöne im Schrecklichen und das Schreckliche im Schönen finden und anderen aufzeigen“. Man hat Lovecraft, damit eine Aussage des Ich-Erzählers der Erzählung „Das Bild im Haus“ aufgreifend, einen „Epikuräer des Schreckens“ genannt, jemanden, der sich im kleinen Kreis Gleichgesinnter mit kultureller und wissenschaftlicher Betätigung verwirklicht.

Widersprüchlichkeit und innere Zerrissenheit kennzeichnet den Menschen Lovecraft, der sich zeitweise in übelsten antisemitischen und anderen rassistischen Ausfällen erging, die nicht allein durch die Zeitumstände erklärt werden können, andererseits aber in seinem persönlichen Umgang viele jüdische Freunde hatte und eine russische Jüdin heiratete. Auch wenn diese Ehe schließlich scheitern, und nicht wegen sexueller Unzulänglichkeit, sondern wegen der inkompatiblen Persönlichkeitsstruktur: da eine dynamische Geschäftsfrau, dort ein allen kommerziellen Erwägungen abholder Künstler, der allen bürgerlichen Erwartungen an Erfolg und berufliche Kompetenz nicht entsprach, der nächtliches Arbeiten liebte und von seinen eigenen Erzählungen so wenig hielt, dass ihm manche von Freunden entrissen und in den Druck befördert werden mussten. Er glaubte, im falschen Jahrhundert zu leben, war in der Antike zuhause und sehnte sich nach Literatur und Architektur des 18. Jahrhunderts; beklagte das Eindringen slawischer und italienischer Einwanderer in sein geliebtes neuenglisches Providence, war fest verwurzelt in einem engen geographischen Bereich, von dem er auszog in die Weiten des Weltalls, das von bedrohlichen Wesen bevölkert ist und vor allem von einem kalten Walten des Naturgesetzes regiert wird, das auf menschliche Belange keine Rücksicht nimmt. In einer seiner bedeutendsten, an die Science Fiction grenzenden Kurzroman „Der Schatten aus der Zeit“ entwirft er nicht zuletzt, in visionären Traumbildern einen Ablauf verschiedener nichtmenschlicher Rassen in den Tiefen von Raum und Zeit, wie es ähnlich vorher Olaf Stapledon (der allerdings kein Einfluss war, da ihn Lovecraft damals  nicht kannte) in seinem gewaltigen Entwicklungspanorama der nächsten zwei Millionen Jahre in Last and First Man (1930) – allerdings ohne die starke negative emotionale Färbung Lovecrafts, in der das Fremde, Unvertraute meist etwas Bedrohliches hat (wiewohl es auch utopische Ansätze gibt, es zu akzeptieren). Stets sind seine unsicheren, aber wissensdurstigen Helden, die stets mehr zu wissen begehren, als es Menschen frommt, auf Ich-Suche begriffen und  von Ich-Verlust bedroht und häufig eingebettet, wie vor allem in der anderen großen Erzählung „Schatten über Innsmouth“ in den gesellschaftlichen Verfall ganzer (erfundener) Regionen in Neu-England, in denen sich ein sehr realer Verfall nach dem Ende der Bedeutung des Walfangs und des Fischfangs vor der Küste spiegelt. Lovecrafts Protagonisten sind aber nicht bloß Individuen mit privaten Neigungen und Aberrationen, sie sind stets Repräsentanten der Menschheit, ihr Schicksal ist eines, das umfassende Implikationen hat und es ins Apokalyptische weitet. 

Diese quasi-religiöse Bedeutung ist es, die für viele die besondere Anziehungskraft Lovecrafts ausmacht. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass Marco Frenschkowski ein habilitierter evangelischer Theologe ist, der nicht nur ein eingehender Kenner Lovecrafts, sondern auch der gesamten unheimlichen Phantastik ist, deren religiösen Wurzeln er in zahlreichen Essays nachgegangen ist. Er ist auch Herausgeber der der Phantastik gewidmeten Liebhaberzeitschrift Das schwarze Geheimnis.

Ein Wort noch zu den Texten der Edition Phantasia. Die deutschen Übersetzungen Lovecrafts enthalten manche Übersetzungsfehler und Irrtümer, und sie folgen den verfälschten ersten amerikanischen Buchausgaben. Selbst die brillante Übersetzung H.C. Artmanns in Cthulhu (1968), dem Band, der Lovecrafts Durchbruch in Deutschland bewirkte, enthielt manche Missverständnisse und Verkürzungen, da Artmann manche Stellen einfach ausließ. Erst seit S.T. Joshi in den letzten Jahrzehnten Texte vorgelegt hat, die von den zahlreichen Druck- und Abschreibfehlern und Verfälschungen der ursprünglichen Arkham-House-Ausgaben frei sind, liegen textkritische Ausgaben vor, die für die überarbeiteten Übersetzungen der Werkausgabe herangezogen werden konnten. Diese Ausgabe legt erstmals deutsche Texte vor, die dem ursprünglichen Text Lovecrafts so weit wie möglich nahe kommen.    

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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