
Du kommst ins Büro, willst eigentlich nur „Guten Morgen“ sagen – und landest mitten in einem medizinischen Wettkampf. Schlafwert? 83 Prozent. Glukose? Stabil. Ruhepuls? Niedrig wie bei einem Zen-Mönch. Der Kollege hat seine Daten griffbereit. Du fühlst dich plötzlich wie ein Versager, weil dein Fitnesstracker nach Pizza und Netflix einen erhöhten Ruhepuls gemeldet hat. Willkommen in der Leistungsgesellschaft 2.0 – powered by Smartwatch.
Prävention oder Paranoia?
Natürlich klingt alles so vernünftig: Prävention! Gesundheitsförderung! Mitarbeiterbindung in Medizin und Pflege! Auch auf der Zukunft Personal haben wir darüber diskutiert – mit Nathalie Vivien Petersen (Faktor Mensch), Marcell Jansen (HEY HEALTH, ehemaliger HSV-Präsident) und Fritjof Nelting, Geschäftsführer der Gezeiten Haus Holding. Und ja, da steckt Potenzial drin. Aber wie Nelting es in der Diskussion wunderbar zugespitzt hat: Wenn du dich selbst pausenlos trackst, baust du eine Erwartungshaltung auf, die deinen Körper in den Alarmmodus schaltet. Du wirst nervös. Du bekommst Angst. Und plötzlich ist nicht der Blutdruck das Problem – sondern dein Umgang damit.
Blutdruckpanik und Selbstvermessungswahn
Nelting brachte ein Beispiel aus seinen Kliniken, das zum Inbegriff unserer Zeit passt: Menschen stürmen aus Angst die Treppe runter ins Pflegeteam, weil sie denken, ihr Blutdruck sei zu hoch. Der ist es dann auch – weil der Sympathikus auf Hochtouren läuft. Was macht ein gutes Pflegeteam in so einem Moment? Schickt die Leute in den Wald. Runterkommen. Abschalten. Und nicht gleich wieder aufs Display starren.
Hypochondrie auf Bestellung
Du googelst ein Zwicken – und stirbst fünf Minuten später an einem vermuteten Tumor. „Man recherchiert sich krank“, sagt Nelting. Und das ist kein Witz. Zwischen Dr. Google, BIOHacking-Trends und schickem App-Abo ziehst du dir täglich eine digitale Hypochondrie rein, die in der realen Welt niemand braucht. Es gibt zwei Sorten von Menschen, meint Nelting: Die einen tracken alles – Essen, Schritte, Kalorien. Die anderen leben. Rate, welche gesünder sind.
Der Selbstoptimierungs-Mythos
Du glaubst, du wirst besser, gesünder, fitter – wenn du dich jeden Tag selbst überwachst. Doch eigentlich schiebst du nur eine neue Art von Druck in dein Leben. Marcell Jansen erzählte von ambitionierten Unternehmern, die auch beim Joggen noch gewinnen wollen. Als ob das Leben eine Tabelle wäre. Du sollst dich doch bewegen, weil es dir gut tut. Nicht, weil deine Uhr vibriert und dich zur Performance drängt.
Mitarbeiterbindung durch Abschalten
Die Diskussion zeigte: Unternehmen haben eine Verantwortung. Aber nicht, dich mit Schrittzielen in ein Gamification-Labyrinth zu schicken. Sondern dir zu helfen, die Kontrolle über dein Wohlbefinden zurückzubekommen. Petersen sprach von realistischen Zielen, positiven Impulsen, gemeinsamer Bewegung – nicht vom Bio-Dashboard auf dem Weg in den Burn-out.
Gesundheit ist keine App
Was wir brauchen, ist ein neuer Gesundheitsstandard. Einen, der nicht bei der Pulsuhr beginnt, sondern bei echten menschlichen Bedürfnissen. Nelting brachte es auf den Punkt: „Wir haben noch nicht mal angefangen, einen Gesundheitsstandard zu entwickeln – sind aber schon im Biohacking.“ Und da liegt das Problem. Wir wollen die Elite der Prävention sein, bevor wir überhaupt verstanden haben, was ein gesunder Umgang mit dem eigenen Körper bedeutet.
Runter mit dem Armband, rauf auf den Waldweg
Du willst wirklich was für deine Gesundheit tun? Dann streif dein Tracking-Bändchen ab, schließ die Dr-Google-Tabs – und geh einfach mal raus. Atmen. Lächeln. Fußballspielen ohne App. Hör auf, dich krank zu messen.
Oder, wie Nelting sagen würde: „Manchmal brauchst du keine Werte – sondern einen Waldspaziergang und ein gutes Gespräch.“
Spitze, ein toller Artikel! Noch extremer als alles rund ums Tracking sind die gesundheitlichen Aktivitäten, die unter dem Begriff „Longevity“ empfohlen und auch praktiziert werden! Da arbeiten junge Menschen zwischen 20 und 40 heftig an ihrer Gesundheit, üben lange Morgenroutinen (inkl. Lichtexposition 20 Min, Sonne oder Rotlichtlampe, Joggen/Krafttraining, mit X Zusätzen komponierte Müslis, 5 bis 30 Nahrungsergänzungsmittel…), essen gesund genau nach Plan (tracken Blutzuckerspitzen), gehen früh ins Bett (Schlafqualität!) – ich frag mich, wann die eigentlich leben? Und so ein Longevity-Guru macht Bluttransfusionen von seinem Sohn!
Alle verrückt geworden…
Andrerseits: Das Gesundheitssystem kann die Last der vielen Krankheiten, die auf dem „westlichen Lebensstil“ basieren, nicht mehr tragen. Man könnte also mit Hölderlin sagen „Wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Das „Rettende“ wäre hier mehr Selbstverantwortung für einen gesünderen Lebensstil – ABER WARUM MÜSSEN MENSCHEN IMMER GLEICH SO ÜBERTREIBEN?
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