Wegweiser für mutiges Hacking der Arbeitswelt

Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach hat schon vor fast zehn Jahren auf der Next Economy Open in Bonn mit seinem spontihaften Aufruf zum Machteliten-Hacking eine vortreffliche Denksportaufgabe hinterlassen. Man müsse Gegen-Narrative in die Organisationen bringen. Die alten Eliten sind von einer Blase der Ja-Sager umgeben. Wie wäre es mit einer subversiven Injektion für kritisches Denken? Der Philosoph Karl Popper hatte eine sehr intensive Beziehung zum leider verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt. Das habe den früheren Regierungschef in seinem politischen Denken sehr stark geprägt.

Popper war indirekt ein Hacker der politischen Elite, bemerkt Breitenbach. Man brauche zudem starke Metaphern, um bei den Entscheidern der Machtelite etwas anzurichten, ergänzt der Analyst Stefan Holtel.

Der User als Anarchist 

Wie könnte eine Graswurzelbewegung die Werkzeuge des Social Webs einsetzen, um Verkrustungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufzubrechen? Eine Möglichkeit sehe ich in der Ideen-Infiltration, die der Jesuit Michel de Certeau in dem Merve-Band „Kunst des Handelns“ für listenreiche Konsumenten aufgebracht hat.

Es geht um normale User, die beim Surfen durch die Warenwelt in den Nischen des Konformismus auf ungeahnte Autonomiemöglichkeiten stoßen, ohne sich der Aufgabe des aufopfernden Heldentums widmen zu müssen. Wer ist schon gerne Märtyrer. Es reichen kleine Regelverletzungen. Man könnte während der Arbeitszeit unauffällig anderen Tätigkeiten nachgehen, Meetings mit endlosen Monologen ad absurdum führen, Vorgesetzte mit falschen Excel-Tabellen in den Wahnsinn treiben und Macho-Manager bei der nächsten Weihnachtsfeier mit scharfsinnigen Witzen als eitle Trottel bloßstellen. 

Neues Opus „Organisationen hacken“

Und nun haben Lars Hochmann und Sebastian Möller mit ihrem Opus „Organisationen hacken“ ein Vademekum der Hacks vorgelegt, um die Arbeitswelt nachhaltiger zu gestalten. Die Herausgeber laden dazu ein, die Regeln des Zusammenlebens neu zu schreiben und mutig gegen den Strom zu schwimmen, um wirkliche Veränderung herbeizuführen​​. Sie betonen die Notwendigkeit, Ambivalenzen auszuhalten und neue Muster zu finden, um komplexe Probleme zu bewältigen​​: „Wir reden nicht lange um den heißen Brei herum: indem wir uns Zugang verschaffen zu organisationalen Regelsystemen und diese gemeinsam mit den Betroffenen von innen heraus reformulieren. Wir nennen das institutional hacking“, so Hochmann und Möller. 

Als Institutionen bezeichnen die beiden Herausgeber kollektiv akzeptierte Regelsysteme, die unser alltägliches Handeln strukturieren und dabei relativ stabile Erwartungen an das Verhalten von Individuen und Organisationen erzeugen: „Dazu gehören auch all die teils zerstörerischen und unvernünftigen Spielchen, die wir tagein, tagaus mal mehr und mal weniger bewusst in und mit Organisationen spielen. Vor diesem Hintergrund ist unser Buchtitel zugleich ein Aufruf: Organisationen hacken.“

Mit dem Buch wollen Hochmann und Möller anstiften, auch abseits ausgetrampelter Pfade nach Wegen der Gestaltung zu suchen. „Trick 17“ oder wahlweise von hinten „durch die Brust“ oder „durch die kalte Küche“ – der Volksmund kennt mehrere Bezeichnungen für diese Ansätze „out of the box“.

„Wir nennen sie Hacks. Hacks sind kleine Tricks zur Problemlösung. Manchmal subversiv, immer jedoch kreativ und unkonventionell. Sie sind zielführend, arbeiten mit dem, was da ist, und zeigen idealerweise rasch Ergebnisse. Sie kürzen den Dienstweg ab, um pragmatische Lösungen für wahrgenommene Missstände zu erproben und im besten Fall langfristig zu etablieren. Sie bringen Neues in die Welt und brechen mit dem Alten. Hacking ist doppelt relevant, es führt einerseits zu einer organisationalen Selbstvergewisserung und erweitert andererseits das Spektrum möglicher Entwicklungspfade. Kurz: Hacks reformulieren das Mögliche. Sie sind also genau das, was wir heute brauchen, um die Organisation der gesellschaftlichen Versorgung nicht nur krisenfester, sondern insgesamt demokratischer, lebendiger, lust- und freudvoller zu transformieren.“

Inhaltsleeres Management-Geschwätz entlarven und die Halbwertzeit von Polonium-212

Das Buch bietet eine tiefgehende Analyse und Anleitung, wie man Organisationen von innen heraus verändern und weiterentwickeln kann. Hierbei wird der Begriff „Hacken“ nicht im Sinne von illegalen Aktivitäten verwendet, sondern als eine Art kreativer Intervention, um festgefahrene Muster aufzubrechen und neue Perspektiven zu ermöglichen. Bei meinem o.tel.o-Vorgesetzten beschränkte ich mich auf die indirekte Offenlegung seiner Phraseologie, die auch ein Indikator für die Brüchigkeit funktionaler Macht sein kann. Er veröffentlichte einen Meinungsbeitrag über Motivation, der schlichtweg aus einem Opus von Reinhard K. Sprenger geklaut war. Neben diesem johlendem Vokohila-Bekenntnis stand dann meine Rezension des Sprenger-Werkes. Gleiches erleben wohl alle in unterschiedlichen Kontexten: Von der Relevanz einer Zwei-Marken-Strategie, wo jeder Zweite wusste, dass er oder sie überflüssig war. Da kann man dann auch Synergien nach der Fusion mit einem anderen Konzern fokussieren, Profit-Center aufbauen und wieder schließen, Markenkerne stärker adressieren, Dezentral am neuen Zentralismus arbeiten, mobile Arbeit ausbauen und wieder einschränken wegen der Arbeitskultur. Das inhaltleere Geschwätz hat eine Halbwertzeit auf dem Niveau von Polonium-212.

Man braucht sich nur die Führungskräfte in Wirtschaft und Politik anschauen, wenn sie vom Thron gestoßen wurden. Sie schrumpfen schnell auf das kleinbürgerliche Pantoffel-Niveau einer Figur wie Erich Honecker. Insofern ist es ungerecht, so Niklas Luhmann, dass man diese Vorgesetzte, die durch ihre funktionale Macht ohnehin schon privilegiert sind, auch noch von der Forschung her stützt, mit Kursen über Menschenführung beglückt und mit entsprechenden Techniken ausrüstet. Die von der Struktur her disprivilegierten Untergebenen lässt man außen vor. Luhmann hat das in einem Vortrag als Defizit erkannt und Gegenmaßnahmen vorgeschlagen unter dem Titel: „Unterwachung: Oder die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“.

Anleitung zum Regelbruch

Hochmann und Möller schreiben: „Die Idee des Regelbruchs mag auf den ersten Blick kontrovers erscheinen. Doch sie hat eine lange Geschichte voller Errungenschaften und Fortschritt hinter sich. Der Regelbruch ist genauso eine soziale Tatsache wie die Regelbefolgung. Von den Suffragetten, die in England für das Frauenwahlrecht kämpften, bis zu den Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung, die gegen die Rassentrennung aufbegehrten, haben Menschen immer wieder die Grenzen des Legalen strapaziert, um eine gerechtere Welt für alle zu schaffen. Der Bruch von Regeln kann in der Gegenwart skandalös sein und sich im Nachhinein dennoch – oder auch gerade des- wegen – als legitim und wegweisend herausstellen.“

In Fachgesprächen zu möglichen Hacks wird deutlich, was so alles möglich ist: Organisationsberatung hacken, die Öffentlichkeitsarbeit, die Vergütung, das Gründen, Hierarchien, Führung (siehe auch Niklas Luhmann und Gunnar Sohn ;-)), Arbeitsräume, Fußballvereine (erfolgreich praktiziert von mir bei RW Lessenich), Supermärkte, Studierendenwerke, Handwerk, Schulen (ein weites Feld), Stiftungen, Hochschulen (da bin ich mit meinem Hack gescheitert), Reinigungsunternehmen, Rechtsformen, Lobbyismus (überfällig), Unternehmenskooperationen (oder Fusionen wie bei o.tel.o und Mannesmann-Arcor), Gemeinwesen, Unternehmensimpact, Regionalentwicklung und Wissenschaft. Da müsste doch für die ichsagmal.com-Leserschaft eine Menge dabei sein.

Hacks für bessere Vernetzungen

Beispiele aus dem Buch: Almut Rademacher vom Unternehmensnetzwerk owl maschinenbau berichtet im Gespräch mit Lars Hochmann, wie schwierig es ist, Organisationen zu vernetzen. „Die Erfahrung zeigt, dass wir gemeinsam immer klüger, besser, schneller sind. Trotzdem fehlt es häufig schlicht an der Zeit, an der Muße, an der Kraft, sich zu öffnen und in einen Austausch zu gehen, bei dem vorher nicht ganz klar ist, ob man selbst in seinem Arbeitsumfeld einen wirklichen Mehrwert davon hat. Bei allen stapelt sich die Arbeit auf den Schreibtischen….Sie reagieren nur noch, verlassen sich auf das, was sie vermeintlich gut können und wissen. Sie bleiben daher eng bei sich. Das erschwert Kooperationen sehr, macht sie fast unmöglich.“

Den dargelegten Hack von Almut interpretiert Lars Hochmann so:

„Unternehmenskooperationen brauchen starke Themen, die durch die Betroffenen selbst einge- bracht und bearbeitet werden. Kooperation gelingt, wenn sie nicht aufgenötigt wird, sondern sich selbst trägt. Das beobachte ich auch bei mir. Ich kooperiere nicht mit Menschen oder Institutionen, weil diese mich weiterbringen (für mich ist schon entscheidend, ob sie mich weiterbringen, gs). Ich kooperiere, weil sie mich faszinieren und neugierig machen. Weil ich dann kooperiere, bringen sie mich schlussendlich weiter. Entwicklung ist nicht das Ziel, sondern der Lohn von Kooperation. Deinen Hack verstehe ich so: Du lädst Menschen ein, ihre Anliegen vorzutragen. Du horchst mit transformativer und ermöglichender Haltung hinein ins Netzwerk, tauchst deine Sonden in die Unternehmen und identifizierst darüber die gemeinsamen Themen mit Entwicklungspotenzial. Lernmöglichkeiten und langfristige Veränderung zum Positiven leiten diese Entscheidung. Anschließend schaffst du konkurrenzfreie Räume für gemein- samen Austausch auf Augenhöhe, wofür du geeignete Methoden der Facilitation (Moderation, gs) einsetzt, und bietest Informationen, Inspirationen und Aufklärungsdienste an. Indem du ihnen vor Augen führst, dass sie nicht allein sind mit sowohl ihren Herausforderungen wie auch den Lösungsstrategien, machst du Betroffene zu Beteiligten. Darüber bündelst du Kräfte und realisierst Synergien. Was daraus wiederum erwächst, liegt bei den Betroffenen selbst. Du hast die Bedingung der Möglichkeit geschaffen. Die Chance zur Verwirklichung, die als solche noch ergriffen werden muss. Wenn deine Netzwerkpartnerinnen und Netzwerkpartner (mein Hack, ich schreib dat aus, gs) am Ende mit konkreten Verabredungen auseinandergehen, finde ich das schon gigantisch. Ganz herzlichen Dank, liebe Almut, dass du diesen Hack mit unseren Leserinnen und Lesern (wieder ein Hack) und mir geteilt hast.

Bei den Graswurzelbewegungen und vielen anderen Dingen, sehe ich die Notwendigkeit, die Außen- und Innenwelt zu hacken. Also auch über Regulierung, Änderung des Aktienrechts und dergleichen mehr.

Noch ein Hack aus der Sohnschen Werkstatt des Hackings

Hacking-Exkurs zu o.tel.o: Die angeberischen Exkurse des Top-Managers mit dem Charme eines Autoverkäufers über seine Karriere als Bundesliga-Torwart konterte der zuständige Mitarbeiter für das Sport-Sponsoring mit einem Zitat aus dem Bundesliga-Jahrbuch: Die fußballerische Karriere des VoKuHiLa-Schwätzers währte nur kurz, weil der Protagonist den Anforderungen des Profivereins nicht gewachsen war. Um so mehr redete er von seinen Kitzbühel-Begegnungen mit Franz Beckenbauer und Co.. Alle Mitarbeiter, die unter diesem Zwergen-Regime dienen mussten, konnten mit den vermittelten „Hintergrundinfos“ die Auftritte des Direktoren-Würstchens besser ertragen. 

Lars Hochmann (Hrsg.), Sebastian Möller (Hrsg.): Organisationen hacken Einfallstore in eine nachhaltige Arbeitswelt 424 Seiten, ISBN 978-3-98726-085-8, 34,00 Euro. Auch als E-Book erhältlich. Ab dem 1. Februar auf dem Markt.