
Sie posten den Ausstieg. Schreiben „Genug!“ auf TwitterX. Löschen das Konto. Ein Abgang mit Ansage, ein theatralischer Schlussstrich – aufgeladen mit moralischem Überschuss. Doch wer glaubt, damit sei schon Widerstand geleistet, der irrt. Denn das System hat längst mitgedacht. Es rechnet mit dem Abgang, mit der Empörung, mit der Pointe.
Ästhetik des Ungehorsams, das neue Buch von Albert C. Eibl und Jan Juhani Steinmann, nimmt genau diesen Punkt ins Visier. Die beiden Autoren sprechen nicht vom Ausstieg. Sie sprechen vom Verbleib – aber auf andere Weise. Vom Denken als Störung. Vom Schönen als Widerstand. Vom „großen Nein“ nicht als Geste, sondern als Lebensform.
Wer das Buch liest, begegnet einem Denken, das sich weder in Polemik noch in Pose erschöpft. Es arbeitet mit den Mitteln der Philosophie, der Literatur, der Dichtung. Und es nimmt die Diagnose ernst: Dass wir uns in einem Zustand permanenter Simulation befinden, in dem selbst der Widerspruch zur Ware geworden ist. Likes für Kritik, Shares für Dissens, Engagement für alles.
Eibl und Steinmann ziehen daraus keine populistische Konsequenz. Sie formulieren ein intellektuelles Programm. Ihre Gegenfigur zum stromlinienförmigen Digitalbürger ist der „herdentreue Einsiedlerkrebs“: weichgepanzert, narzisstisch optimiert, politisch gelähmt. Ein Wesen ohne Rückgrat, aber mit WLAN.
Was dagegen tun? Hier kommt mein Parasit ins Spiel.
Ich habe lange nach einer Strategie gesucht, die nicht ins Leere läuft – wie das digitale Exit-Theater –, sondern im Inneren des Systems operiert. Der französische Philosoph Michel Serres liefert dafür das Bild: Der Parasit ist nicht der Zerstörer. Er ist der Störer. Derjenige, der sich einschleicht, der sich querstellt, der Signale verzerrt. Serres schreibt:
„Die Macht braucht Stille. Sie braucht rauschfreie Räume, um zu wirken. Der Parasit bringt das Rauschen zurück.“
In diesem Sinne verstehe ich meine eigenen paradoxen Interventionen: Nachrichten an die NSA mit poetischem Unsinn. Blümchen-Dauerloops auf Behördenhotlines. Leergut-Post an Sicherheitsfirmen. Das ist kein Kinderspaß – das ist Strategie. Stören, ohne zu zerstören. Irritieren, ohne zu entziehen.
Und genau das fehlt der digitalen Gegenwart: Rauschen. Bedeutungsloses, das sich jeder algorithmischen Verwertung entzieht. Eibl und Steinmann fordern nicht die Rückkehr ins Analoge. Sie fordern die Rückeroberung des Imaginären – gegen das Totalitäre der Plattformlogik.
Ihr „ästhetischer Ungehorsam“ ist kein Ausbruch, sondern ein Lot. Eine Senkrechte. Eine Praxis des Aufbegehrens, die nicht schreit, sondern schreibt. Nicht löscht, sondern verlangsamt. Ihre Sprache erinnert an Hölderlin, an Adorno, an das Pathos des Denkens, das sich selbst noch etwas zutraut.
Und es ist genau diese Verbindung von Philosophie und Praxis, die so dringend nötig ist: Wenn Palantir mit Pentagon-Milliarden hantiert, wenn Peter Thiel Informant wird, wenn sich Überwachung und Kapital in einer neuen Priesterklasse vereinen, dann braucht es keine Ironie. Dann braucht es Präzision. Dann braucht es Störung – im Geiste von Serres, im Ton von Eibl und Steinmann, im Modus des Parasiten.
🎥 Livetalk: „Wie viel Ungehorsam ist möglich?“
Parasiten auf Sendung: Denken stören, nicht löschen.
📅 Mittwoch, 15. Mai 2025
🕔 17:00 Uhr
📍 LinkedIn Live + YouTube, X, Facebook, Twitch
🎤 Sohn@Sohn Adhoc – Spezialausgabe
- Widerstand jenseits der Ironie
- Das Parasitische als politische Figur
- Schönheit als Immunantwort gegen Plattformkapitalismus
💬 Vormerken. Mitdenken. Mitstören.
Im Geist von Serres. Im Zeichen des Rauschens. Im Lot des Aufstands.