
Der Gastbeitrag von Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger in der FAZ beschwört ein Szenario des „KI-Vormärz“: Eine neue Technik entfalte ungeahnte Potenziale, doch die Gesellschaft ziehe sich erschöpft ins Private zurück, lasse sich von Tech-Oligarchen blenden und verliere den Fortschritt aus dem Blick. Der Vergleich ist originell – aber er steht auf wackligem historischen Fundament.
Denn wer die Jahre zwischen 1815 und 1848 als Phase der Mutlosigkeit darstellt, verkennt die enorme gesellschaftliche, technologische und wirtschaftliche Dynamik jener Zeit. Der Vormärz war keine Rückzugszeit – sondern ein Möglichkeitsraum.
Es war die Epoche der ersten Eisenbahnlinien, der Telegrafie, der wissenschaftlichen Netzwerkbildung, der Sängerfeste, der Leserevolution. Deutschland wurde zur Kommunikationsnation – mit wachsender Verlagsszene, öffentlichen Debattenräumen, Vereinswesen und einem erstarkenden Bildungsbürgertum. Wer das Biedermeierbild des deutschen Michels mit Zipfelmütze bedient, verkennt die gesellschaftliche Komplexität und die Modernisierungsimpulse dieser Jahre.
Eine falsche Analogie – und ein schwaches Argument
Mayer-Schönberger reagierte auf Kritik auf LinkedIn mit einem knappen: „A little knowledge is a dangerous thing.“ Das klingt süffisant – aber ist kein Argument. Wer sich historischer Metaphorik bedient, sollte mit mehr Sorgfalt arbeiten. Der Vormärz war keine Phase der Erschlaffung, sondern eine Konvergenzzone politischer Unterdrückung und kultureller Blüte. Das Hambacher Fest, die Rheinische Zeitung, der Aufstieg der Naturwissenschaften, das Wartburgfest, die Germanistenkongresse – all das steht für das Gegenteil des Rückzugs.
Die Stein-Hardenbergschen Reformen entfalteten Wirkungskraft weit über den Beamtenapparat hinaus: Sie öffneten Märkte, brachen Zünfte auf, setzten die Bauern frei – und schufen mit ihrer Wirtschafts- und Gewerbeordnung die Grundlage für die industrielle Blüte des 19. Jahrhunderts. Preußen wurde zu einem Inkubator für unternehmerische Energie – und Berlin zu einem frühen Silicon Valley der Telekommunikation, als Heinrich von Stephan 1877 das Fernsprechamt einrichtete. Um 1910 zählte Deutschland über eine Million Telefone, Frankreich gerade einmal 14.000. Auch bei Roheisen, Elektrizität, Exporten oder Sparkonten überholte das Kaiserreich seine westlichen Nachbarn – mit deutlich geringerer Steuerlast pro Kopf.
Wer heute über KI, Digitalisierung oder technologische Souveränität spricht, sollte nicht über schräge Geschichtsanalogien sinnieren. Er sollte sich an Stein und Hardenberg erinnern. An einen innovativen, gestaltungswilligen Staat, der nicht bloß moderiert, sondern vorangeht. Wir brauchen keine Businesskasper in Talkshows – wir brauchen Strategen in Ministerien. Architekten einer neuen Ära, nicht Verwalter der alten. Der Erfolg des 19. Jahrhunderts war kein Zufall. Er war das Resultat politischer Klugheit, ökonomischer Weitsicht – und des Muts, etwas wirklich Neues zu denken.
KI als Möglichkeitsraum – Stimmen aus der Praxis
Was aber sagen die Praktiker und Denker, die sich täglich mit KI beschäftigen?
🔹 Thomas Jenewein (SAP) fordert „konkretes Erfahrungslernen, realistischen Pragmatismus und eine menschzentrierte Transformation“. Denn: „KI lernt man nur, indem man sie nutzt.“ Die Einführung ist kein reines Technologieproblem, sondern eine kulturelle und organisatorische Aufgabe – die nur gelingt, wenn die Menschen im Mittelpunkt stehen. → SAP Learning Forum Rückblick
🔹 Thorsten Ising erinnert daran, dass KI kein Subjekt ist: „Sie hat keine intrinsische Motivation.“ Sie bleibt ein Werkzeug – entscheidend ist, wie wir sie einsetzen, wie wir mit ihr umgehen, wie wir ihre Möglichkeiten erkennen und ihre Grenzen kennen.
🔹 Hermann Simon verweist auf die tiefen historischen Wurzeln unseres Innovationsmodells: Göttingen, Böblingen, Ostwestfalen – Hidden Champions und Clusterlogik statt Silicon-Valley-Kult. „Deutschland nutzt die Technologiebasis, die bis ins Mittelalter zurückgeht, um im 21. Jahrhundert erfolgreich zu sein.“
🔹 Frank H. Witt nennt die FAZ-Analyse einen „trostspendenden Vormärz für alternde Konservative“. Seine Perspektive: Die sanfte Revolution der KI schreibt das Betriebssystem von Wirtschaft und Gesellschaft neu – wenn wir sie nicht durch paternalistische Phrasen einhegen, sondern als Raum für Emergenz und Evolution begreifen.
Wo sind in Berlin die politischen Leitsterne für eine besser Zukunft? Stein, Hardenberg
Was wir brauchen? Mehr Stein, mehr Hardenberg, mehr Stephan. Mehr Gestaltungswillen, mehr institutionelle Fantasie. Nicht Narrative vom Rückzug – sondern Narrative des Fortschritts. Keine Reaktion auf Macht – sondern architektonische Antwort auf Transformation.
Die wirtschaftliche Bilanz spricht Bände: Zwischen 1871 und 1914 lag die Arbeitslosigkeit in Deutschland bei 1 bis 2 Prozent. In Frankreich bei 6 bis 10. Das Volksvermögen lag 1912 bei 290 Milliarden Goldmark (Deutschland), Frankreich kam auf 240 Milliarden. Der technologische Vorsprung war enorm – von der Telefonie bis zur Chemieindustrie.
Solche Transformationen entstehen nicht durch Zufall – sondern durch eine kluge Koordination von Staat, Wissenschaft und Wirtschaft. Wenn wir als Wissensökonomie in der Champions League mitspielen wollen, braucht es diese strategische Tiefe erneut. Nicht die Pose, sondern die Praxis. Nicht das Beschwören vergangener Ängste – sondern das Entwickeln gemeinsamer Visionen.
KI ist kein Biedermeier. Sie ist das Möglichkeitsfeld unserer Zeit.