Deutschland, Innovation im Schneckentempo – EFI-Gutachten 2025 und die verpassten Chancen

Deutschland debattiert, die Welt handelt. Während die USA mit milliardenschweren Investitionsprogrammen in Deep Tech, KI und Halbleiter vorrücken und China längst eine staatlich orchestrierte Technologieoffensive fährt, bleibt Deutschland in endlosen Verwaltungsprozessen und Förderanträgen hängen. Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat ihr Jahresgutachten 2025 vorgestellt – mit einer klaren Botschaft: Wir können es uns nicht mehr leisten, nur zuzuschauen.

Eine Wirtschaft in der Sackgasse

EFI-Chef Uwe Cantner machte gleich zu Beginn der Pressekonferenz unmissverständlich klar: „Die wirtschaftliche Lage ist besorgniserregend.“
📉 Rückläufige Wachstumsdynamik
📉 Sinkende Bruttoanlageinvestitionen
📉 Fehlende Innovationen

Deutschland hat sich lange auf seine inkrementellen Verbesserungen verlassen. Doch die Herausforderungen von Digitalisierung und Dekarbonisierung verlangen radikale Transformationen – und genau hier fehlt es an Mut und Geschwindigkeit.

Industriepolitik: Kein Subventionsrennen, aber klare Strategien

EFI-Mitglied Christoph M. Schmidt warnt davor, sich in industriepolitische Fehlentscheidungen und Subventionswettläufe ziehen zu lassen. Gleichzeitig zeigt er aber auf, dass ein kompletter Rückzug ebenso riskant wäre: „Wir müssen technologiepolitische Entscheidungen treffen, aber mit Augenmaß.“

Das Problem: Industriepolitik in Deutschland ist oft reaktiv, nicht strategisch. Während andere Nationen gezielt neue Märkte aufbauen, diskutiert Deutschland über ordnungspolitische Prinzipien. Wo bleibt die konsequente Förderung für Deep Tech?

Deep Tech: Die große Leerstelle

Frankreich? Milliarden Euro für Deep-Tech-Startups.
Schweiz? Massive Fonds für Zukunftstechnologien.
Deutschland? Diskussionsrunden.

„Deep Tech braucht Kapital und Skalierung“, betonte Carolin Häußler während der Pressekonferenz. Deutschland hat exzellente Grundlagenforschung – aber es fehlt der Transfer in die wirtschaftliche Anwendung.

Quantentechnologien sind ein Paradebeispiel: Deutschland hat weltweit führende Forschung, doch ohne massives Risikokapital wird die Wertschöpfung in den USA oder China stattfinden. Häußler schlägt gezielte Investitionsfonds, Steuererleichterungen und technologieoffene Ankerkundenverträge vor – Maßnahmen, die längst umgesetzt sein sollten.

SPRIND und Cyberagentur: Potenziale statt Bremsen

Und dann gibt es da noch die künstlichen Trennlinien, die Deutschland sich selbst auferlegt.

EFI-Vorsitzender Cantner kritisiert die strikte Abgrenzung zwischen ziviler und militärischer Forschung. „Wir müssen Dual Use strategischer denken.“ Die Cyberagentur und die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) sind zwei Ansätze, die endlich richtig genutzt werden müssen.

Während andere Länder Innovationen für zivile und militärische Zwecke simultan entwickeln (siehe DARPA in den USA), verheddert sich Deutschland in Bedenken. Cantner plädiert dafür, endlich eine institutionelle Strategie für Dual-Use-Forschung zu erarbeiten – nicht als Tabuthema, sondern als Chance.

Digitaler Staat? Eher ein digitales Desaster

Die wohl bitterste Erkenntnis: Deutschlands Verwaltung ist eine Innovationsbremse.

EFI-Chef Cantner spricht von einem lähmenden „Deutschland-Tempo“ in der Forschungs- und Innovationspolitik. Behörden sind nicht digital, Infrastrukturdefizite hemmen den Fortschritt, Genehmigungsverfahren ersticken jede Agilität.

Was jetzt passieren muss

Die EFI hat klare Forderungen aufgestellt:
Ein Ministerium für Forschung, Innovation und Technologie – Schluss mit der Zuständigkeitszersplitterung.
Milliarden für Deep Tech – Deutschland braucht Investitionsfonds und steuerliche Anreize.
SPRIND und Cyberagentur stärken – Synergien zwischen ziviler und militärischer Forschung nutzen.
Digitale Verwaltung durchsetzen – Keine PDFs mehr, sondern eine echte digitale Infrastruktur.
Industriepolitik mit Strategie – Kein blindes Fördern, sondern gezieltes Marktöffnen.

Deutschland hat keine Zeit mehr für Zaudern. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob wir in der globalen Technologielandschaft noch eine Rolle spielen – oder endgültig den Anschluss verlieren.

Siehe auch: Deutschland, dein Innovations-Tempomat ist kaputt: Kommentar zum Jahresgutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation

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