
Notizen aus Cadenabbia über Biedenkopf, Geißler, politische Sprache und eine Partei, die ihre Zukunft wieder selbst entwerfen muss
Das offizielle Seminar in der Villa La Collina handelte von Künstlicher Intelligenz, Deepfakes, agentischen Systemen und politischer Kommunikation. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hatte vom 23. bis 26. August 2026 nach Cadenabbia eingeladen. Im Programm standen technische Grundlagen, Anwendungen im politischen Alltag, Regulierung und der Blick auf ein künftiges Leben mit KI. Sobald die Laptops zuklappten, wanderte das Gespräch jedoch zur älteren und zugleich dringlicheren Frage: Weiß die Union noch, wie aus Gedanken Politik wird?
Das zweite Seminar begann beim Frühstück, setzte sich in den Kaffeepausen fort und endete selten mit dem Abendessen. Die Villa über dem Comer See begünstigt solche Verschiebungen. In diesem Haus hatte Konrad Adenauer einst Arbeit, Rückzug und politische Begegnung verbunden. Nun saßen Kommunalpolitiker, Verwaltungspraktiker, Wissenschaftler und Kommunikationsleute an den Tischen und sprachen über Friedrich Merz, die CDU und die Erinnerung an eine Partei, die ihre Zukunft einmal mit erheblichem intellektuellem Aufwand vorbereitete.
Franziska Hoppermann war wenige Wochen zuvor zur neuen Generalsekretärin gewählt worden. Bei ihrer Vorstellung nannte die CDU Heiner Geißler und Volker Rühe als prägende Vorbilder für das Amt. Diese Namen öffneten in Cadenabbia einen historischen Maßstab. Die Bewertung der gegenwärtigen Parteiführung fiel in mehreren Gesprächen hart aus. Eine demoskopische Erhebung war das gewiss nicht. Der gleiche Unmut kehrte jedoch an verschiedenen Tischen zurück: Friedrich Merz, seit 2022 CDU-Vorsitzender und seit Mai 2025 Bundeskanzler, habe der Partei bislang keinen geistigen Überschuss verschafft, der über Regierungstaktik und Tagesreaktion hinausreiche.
1968 besaß eine bürgerliche Gegenbiografie
Die Chiffre 1968 gehört im deutschen Gedächtnis meist den linken Studenten, den Sit-ins, den Theorieseminaren und dem Aufstand gegen alte Autoritäten. Die historische Forschung hat dieses Bild erweitert. Sie untersucht inzwischen auch das „andere 1968“: junge Christdemokraten und RCDS-Akteure, die von der gleichen Epoche geprägt wurden, ihre Antworten jedoch aus anderen politischen Traditionen entwickelten. Diese Gruppe ließe sich als die alternativen 68er bezeichnen.
Sie erlebten den Verlust alter Selbstverständlichkeiten aus nächster Nähe. Wirtschaftswunder, Wiederaufbau und Antikommunismus reichten als Legitimation immer seltener aus. Studenten, Journalisten und neue soziale Bewegungen stellten Fragen, auf die die alte Honoratiorenpartei keine überzeugende Sprache besaß. Ein Teil des bürgerlichen Lagers reagierte mit Abwehr. Der produktivere Teil lernte die Sprache der Herausforderung, studierte ihre Begriffe und baute neue Institutionen für gesellschaftspolitische Arbeit auf.
Kurt Biedenkopf erkannte diese Lage bereits als Manager bei Henkel. Er riet den Führungskräften der Wirtschaft, die politische Sprache ihrer Kritiker zu lernen und zu beherrschen. Der Hinweis auf Wohlstand genügte ihm nicht mehr. Unternehmen mussten ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Ganzen neu begründen. Verbände und Firmen investierten daraufhin in politische Bildung, Medienkompetenz und Führungskräfteprogramme; Kurse wie „Auseinandersetzung mit der Linken“ oder „Marxismus für Manager“ zeigen den Ernst dieser Reaktion.
Diese bürgerliche Antwort zielte auf Aneignung und Erneuerung. Sie akzeptierte, dass die Gesellschaft neue Fragen stellte. Autorität musste sich erklären. Organisationen mussten lernen. Politik brauchte eine Sprache, die den sozialen Wandel aufnehmen konnte. Aus der Provokation von 1968 entstand im bürgerlichen Lager eine Generation von Planern, Programmatikern und politischen Kommunikatoren.
Biedenkopf verstand Begriffe als politische Institutionen
Biedenkopf brachte diese Erfahrung 1973 in die CDU-Bundesgeschäftsstelle. Seine berühmte Formel von der „Revolution der Gesellschaft durch die Sprache“ beschrieb einen Machtvorgang. Wer die zentralen Begriffe einer Epoche prägt, ordnet Wahrnehmung, Erwartungen und Konflikte. Wolfgang Bergsdorfs Untersuchung über Herrschaft und Sprache fasste diese Logik später systematisch: Politische Schlüsselwörter verdichten diffuse Bedürfnisse, laden sie emotional auf und wirken auf das politische Handeln zurück.
Nach der Wahlniederlage von 1972 erkannte die Union, dass sie auch eine Niederlage ihrer Terminologie erlitten hatte. Helmut Kohl verlangte die Öffnung zum Gespräch mit Intellektuellen. Biedenkopf formulierte den Kampf um die Begriffe als Kernaufgabe. Die Mannheimer Erklärung von 1975 verband den traditionellen Freiheitsbegriff der CDU mit Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität. Die Partei versuchte, ihre eigenen Grundwerte für eine veränderte Gesellschaft neu auszulegen.
In unseren Gesprächen in Cadenabbia fiel dafür häufig der Ausdruck „Semantik-AG“. Historisch trat diese Arbeit als „Projektgruppe Semantik“ auf. Peter Radunski hatte bereits im hessischen Landtagswahlkampf 1970 eine solche Gruppe geführt; später formierte sich in der Bundesgeschäftsstelle ein Kreis um Radunski und Warnfried Dettling. Philologen, Politologen, Marketingfachleute und Journalisten untersuchten, welche Kurzformeln politische Orientierung erzeugten und weshalb die Union gegenüber der neuen Sprache der Linken ins Hintertreffen geraten war.
Das klingt aus heutiger Sicht beinahe exotisch. Eine Parteizentrale beschäftigte sich mit Semantik, weil sie politische Sprache als Teil der Wirklichkeit verstand. Begriffe bildeten das geistige Gerüst einer unübersichtlichen Gesellschaft. Freiheit, soziale Verantwortung, Frieden oder Mitbestimmung mussten so definiert werden, dass daraus politische Entscheidungen, Bündnisse und Grenzen hervorgingen.
Heute produziert politische Kommunikation täglich Formulierungen, Videos und Reaktionskarten. Ihre Geschwindigkeit ist enorm, ihre Halbwertszeit gering. Die CDU der siebziger Jahre arbeitete langsamer und zielte weiter. Sie fragte, welches Vokabular ein Jahrzehnt tragen könnte.
Das Konrad-Adenauer-Haus war eine Denkzentrale
Peter Radunskis Erinnerungen zeigen, wie konkret dieser Anspruch organisiert wurde. Biedenkopf gab seiner Mannschaft drei miteinander verbundene Aufgaben: Die CDU sollte öffentlich ein klares Bild gewinnen, ihre Organisation modernisieren und programmatisch erneuern. Radunski baute eine kleine medienpolitische Einheit auf, arbeitete mit PR-Gruppen, Wissenschaftlern und Gestaltern und holte internationale Wahlkampferfahrung in die Parteizentrale. Wulf Schönbohm, Warnfried Dettling, Wolfgang Bergsdorf, Horst Teltschik und weitere Köpfe bildeten ein Milieu, in dem politische Planung, Forschung und Kommunikation aufeinandertrafen.
Die Namen wurden in Cadenabbia beinahe wie die Besetzung einer verlorenen Werkstatt aufgerufen. Peter Radunski stand für moderne Kampagnenführung. Bergsdorf analysierte politische Terminologie. Dettling arbeitete an Planung und gesellschaftlicher Diagnose. Schönbohm verband RCDS-Erfahrung, Programmatik und Organisation. Später kamen Geißler, Volker Rühe und weitere Akteure hinzu, die das Generalsekretariat als politische Institution verstanden.
Die Bundesgeschäftsstelle arbeitete damals als politische Denk- und Produktionszentrale. Sie rekrutierte Absolventen, bildete Arbeitskreise, wertete Forschung aus, entwickelte Programme und organisierte Debatten mit gesellschaftlichen Gruppen. Die KAS-Geschichte beschreibt Biedenkopf und Geißler als zentrale Kräfte der organisatorischen und programmatischen Erneuerung; das Ludwigshafener Programm von 1978 wurde zum ersten Grundsatzprogramm der CDU.
Das Grundsatzforum 1977 in der Berliner Kongresshalle macht die Größenordnung sichtbar. Rund 600 Wissenschaftler, Vertreter gesellschaftlicher Gruppen und Parteimitglieder diskutierten den Programmentwurf. In unseren Tischgesprächen wurde der Bogen bis zu Niklas Luhmann gespannt. Die Partei lud mehrere hundert Menschen ein, um Grundwerte, gesellschaftliche Veränderungen und staatliche Aufgaben öffentlich zu durchdenken.
Eine solche Veranstaltung diente keinem dekorativen „Stakeholder-Dialog“. Sie gehörte zur Produktion politischer Substanz. Die Union wollte wissen, wie sich Arbeit, Familie, Eigentum, Bildung, Technik und soziale Sicherheit veränderten. Sie akzeptierte dabei das Risiko, dass externe Köpfe Fragen stellten, die der Parteiapparat ungern hörte.
Geißler machte den Streit zur Parteifunktion
Heiner Geißler übernahm 1977 das Generalsekretariat. Der in diesem Jahr leider verstorbene Peter Radunski überschreibt das entsprechende Kapitel seiner Erinnerungen mit „Seele der Partei“. Der Ausdruck beschreibt die damalige Größe des Amtes. Geißler war Redner, Stratege, Programmatiker und öffentlicher Gegenspieler. Er arbeitete bis tief in die Nacht, verlangte präzise Texte und versammelte Mitarbeiter mit unterschiedlichen Temperamenten und Kompetenzen.
Sein Konzept der „Neuen Sozialen Frage“ richtete den Blick auf Menschen, die in den klassischen Verbänden und organisierten Interessen kaum vorkamen: Arbeitslose, Frauen, ältere Menschen und andere Gruppen ohne mächtige Lobby. Das erste Grundsatzprogramm von 1978 nahm diese Diagnose auf. Geißler prägte damit die sozialpolitische Erneuerung der CDU und ihre Vorstellung von einer Volkspartei der politischen Mitte.
Die politische Sprache jener Jahre war hart, manche Polemik verletzte, innerparteiliche Machtkämpfe gingen tief. Biedenkopf geriet mit Kohl aneinander. Geißlers Verhältnis zum Parteivorsitzenden zerbrach später. Der Wert dieser Konstellation lag gerade in der Reibung. Die Generalsekretäre besaßen eigene Themen, eigene Netzwerke und eigene politische Autorität.
Eine Partei, die solche Figuren aushält, gewinnt eine zweite Stimme. Der Vorsitzende führt, der Generalsekretär prüft, übersetzt, provoziert und entwickelt. Aus Loyalität wird keine Unterwerfung. Aus Geschlossenheit wird keine Denkpause. Die Bundesgeschäftsstelle hält das kommende Jahrzehnt im Blick, während Regierung und Fraktion den nächsten Termin bewältigen.
Das erklärt auch, weshalb die Namen Biedenkopf und Geißler in Cadenabbia so häufig fielen. Die Teilnehmer suchten keinen historischen Tonfall. Sie vermissten eine Funktion: die institutionalisierte Fähigkeit zur Selbstbefragung.
Weizsäckers Berlin und die Politik des Personals
An dieser Stelle kehrte unser Gespräch zu Richard von Weizsäcker zurück. Ich hatte wenige Wochen zuvor über die Berliner Wahl von 1981 geschrieben. Weizsäcker stellte damals einen Senat zusammen, der über die örtlichen Parteiroutinen hinauswies. Norbert Blüm, Hanna-Renate Laurien, Rupert Scholz, Elmar Pieroth, Ulf Fink und weitere Persönlichkeiten brachten unterschiedliche Erfahrungen in die Stadtregierung ein. Berlin erschien als politische Aufgabe von nationalem Rang.
Diese Personalpolitik folgte dem gleichen Muster wie die Erneuerung der Bundespartei. Die Union suchte Menschen mit Eigensinn, Sachkenntnis und öffentlicher Präsenz. Sie rechnete mit Konflikten. Ein Kabinett oder eine Parteizentrale sollte Eigensinn und Erfahrung zusammenführen. Kompetenz durfte unbequem sein.
Von Weizsäcker wurde 1984 Bundespräsident und blieb bis 1994 im Amt. Sein Berliner Kapitel dauerte nur wenige Jahre, prägte jedoch das Bild eines Politikers, der Amt und geistigen Anspruch miteinander verbinden konnte. In Cadenabbia erschien diese Erinnerung fast zwangsläufig. Adenauers Villa erinnert an eine Zeit, in der politische Führung Orte schuf, Gesprächspartner auswählte und Distanz zum Tagesbetrieb suchte. Die heutige Personaldebatte der Union wirkt dagegen oft wie die Verwaltung verfügbarer Figuren. Wer passt in welches Ressort, wer stört welches Lager, wer hält die nächste Fernsehrunde aus? Die größere Frage verschwindet: Welche Menschen verkörpern eine Idee der kommenden Bundesrepublik?
Merz führt die Partei ohne zweite Stimme
Friedrich Merz vereinigt Parteivorsitz und Kanzleramt. Die Personalunion verschafft ihm formale Macht und birgt eine alte Gefahr: Die Partei wartet auf die Regierung. Koalitionskompromisse bestimmen dann das Sagbare, Regierungserklärungen ersetzen programmatische Arbeit, die Bundesgeschäftsstelle liefert Begleitkommunikation. Merz wurde im Februar 2026 mit 91,2 Prozent als Parteivorsitzender bestätigt; die organisatorische Geschlossenheit ist daher kaum das zentrale Problem.
In unseren Gesprächen richtete sich die Kritik auf den fehlenden geistigen Überschuss. Viele hatten Friedrich Merz als Politiker erwartet, der nach den Merkel-Jahren eine neue Ordnung der Union formuliert. Stattdessen erleben sie eine Folge von Reaktionen, Korrekturen und Regierungsnotwendigkeiten. Der Kanzler kann Entscheidungen vertreten. Die Partei liefert bislang keine zusammenhängende Deutung der Epoche.
Dabei drängen die Themen in einer Dichte heran, die an die frühen siebziger Jahre erinnert. Künstliche Intelligenz verändert Arbeit, Öffentlichkeit und staatliche Autorität. Krieg und geopolitische Abhängigkeit verändern den Begriff der Sicherheit. Migration, demografischer Wandel und hohe Sozialausgaben zwingen zu einer neuen Verständigung über Solidarität. Digitale Plattformen formen politische Wahrnehmung. Der Nationalstaat soll schützen, investieren, regulieren und zugleich Freiheit ermöglichen.
Eine Partei kann zu jedem Punkt ein Positionspapier verfassen. Daraus entsteht noch keine politische Sprache. Die Aufgabe besteht darin, die Zusammenhänge zu ordnen und Begriffe zu schaffen, die Menschen durch Konflikte führen. Biedenkopf hätte gefragt, welche Wörter bereits von anderen Kräften besetzt wurden. Geißler hätte geprüft, welche Gruppen in der neuen Gesellschaft ohne Stimme bleiben. Radunski hätte daraus eine Kommunikationsstrategie entwickelt, die Partei und Person erkennbar verbindet.
Merz verfügt über einen großen Apparat. Ihm fehlt bislang jene zweite institutionelle Stimme, die ihn intellektuell herausfordert und der Partei eine eigene Zukunftsarbeit ermöglicht. Die neue Generalsekretärin übernimmt daher ein Amt, dessen historische Bedeutung weit über Organisation und Kampagne hinausreicht.
Hoppermanns Berufung setzt einen anspruchsvollen Maßstab
Franziska Hoppermann verweist auf Heiner Geißler und Volker Rühe. Das verpflichtet. Schon bei ihrer Kandidatur an Norbert Röttgens Seite hatte sie den Anspruch auf die Formel gebracht, „dass der Staat klappt“. Der Satz trifft die administrative Not der Gegenwart. Geißlers Erbe verlangt zusätzlich eine Antwort darauf, für wen der Staat arbeitet, welche Freiheit er sichert und welche sozialen Brüche er erkennt. Sein Ton lässt sich kaum kopieren, und seine historischen Konflikte gehören in ihre Zeit. Seine Funktion lässt sich neu begründen: Der Generalsekretär muss die gesellschaftlichen Veränderungen früher erkennen als der Regierungsapparat, Begriffe prüfen, Talente sammeln und politische Gegensätze austragen, bevor sie die Partei unvorbereitet treffen.
Dafür braucht das Konrad-Adenauer-Haus wieder eine eigenständige Planungs- und Grundsatzarbeit mit Gewicht. Diese Einheit müsste Sozialwissenschaftler, Technologen, Unternehmer, Gewerkschafter, Künstler, Kommunalpolitiker und Verwaltungspraktiker dauerhaft zusammenbringen. Ihre Aufgabe wäre keine akademische Begleitmusik. Sie müsste aus gesellschaftlichen Veränderungen politische Optionen entwickeln und der Parteiführung widersprechen dürfen.
Die Projektgruppe Semantik hätte im Jahr 2026 eine andere technische Ausstattung. Sie könnte Millionen öffentliche Texte, Suchbewegungen, Bürgeranfragen und Debatten auswerten. KI könnte zeigen, welche Begriffe aufsteigen, welche Milieus auseinanderdriften und wo politische Sprache ihre Verbindung zur Erfahrung verliert. Die Entscheidung über Bedeutung bleibt eine politische und menschliche Aufgabe.
Auch die Grundsatzforen verdienen eine Rückkehr. Mitgliederbefragungen mit vorgegebenen Antwortfeldern reichen für eine Volkspartei nicht aus. Sie braucht Orte, an denen ein Soziologe, eine Bürgermeisterin, ein Unternehmer, eine Pflegekraft und ein junger Programmierer über den gleichen Begriff streiten können. Der Konflikt um Freiheit im KI-Zeitalter sieht aus jeder dieser Perspektiven anders aus.
Der Generalsekretär müsste zudem wieder Personal entdecken. Die frühere Bundesgeschäftsstelle zog junge Leute aus Hochschulen, Verbänden und gesellschaftlichen Initiativen an. Radunski beschreibt ein Haus, in dem Teams Texte, Kampagnen, Programme und Forschung miteinander verbanden. Heute müsste eine solche Talentschmiede Menschen finden, die politische Theorie, Datenanalyse, Verwaltungspraxis und mediale Form beherrschen.
Die neue soziale Frage wird digital
Das KI-Seminar lieferte für diese Erneuerung mehr Material, als das offizielle Programm vermuten ließ. Wir sprachen über synthetische Profile, automatisierte Kommunikation, Agenten auf dem eigenen Rechner, lokale Sprachmodelle, Datenschutz und die künftige Arbeitswelt. Hinter jeder technischen Demonstration stand eine politische Frage.
Was bedeutet Menschenwürde, sobald Stimme, Gesicht und Biografie technisch nachgebildet werden können? Was bedeutet Verantwortung, sobald ein Agent Entscheidungen vorbereitet, Programme bedient oder Daten löscht? Was bedeutet Freiheit, sobald wenige Plattformen die Infrastruktur der öffentlichen Sprache kontrollieren? Was bedeutet soziale Sicherheit, sobald Routinetätigkeiten verschwinden und der Einstieg in qualifizierte Berufe schwieriger wird?
Darin zeigt sich die zeitgenössische „Neue Soziale Frage“. Sie betrifft Menschen, deren Arbeit automatisiert wird, Bürger, deren Wirklichkeit durch synthetische Medien zerfällt, Kommunen ohne digitale Kompetenz und kleine Unternehmen in Abhängigkeit von globalen Plattformen. Die Union besitzt für diese Konflikte noch keine erkennbare begriffliche Architektur.
Ein christdemokratisches Programm für die KI-Gesellschaft müsste Menschenwürde als Grenze technischer Verfügbarkeit fassen. Es müsste Eigentum und Datenmacht neu zusammendenken, subsidiäre Strukturen in digitale Infrastrukturen übersetzen und die Soziale Marktwirtschaft auf Märkte anwenden, in denen Skaleneffekte globale Monopole begünstigen. Es müsste erklären, welche Entscheidungen beim Menschen bleiben und welche Automatisierung dem Gemeinwohl dient.
Die übliche Formel von Chancen und Risiken reicht dafür nicht aus. Sie vertagt jede Entscheidung. Die alternativen 68er reagierten auf die intellektuelle Herausforderung ihrer Zeit, indem sie sich in gegnerische Theorien einarbeiteten und eigene Antworten entwickelten. Die Union des Jahres 2026 müsste die Architektur von Sprachmodellen, Plattformen und Datenökonomien so gründlich verstehen, wie Biedenkopf und seine Leute einst Marxismus, neue Linke und moderne Sozialwissenschaften studierten.
Eine andere Union beginnt mit geistiger Arbeit
Nostalgie hilft wenig. Die CDU der siebziger und achtziger Jahre lebte in einer anderen Medienordnung, in einer jüngeren Gesellschaft und in der Systemkonkurrenz des Kalten Krieges. Ihre Apparate waren hierarchisch, ihre Sprache gelegentlich brutal, ihre Machtkämpfe berüchtigt. Ihr institutioneller Ehrgeiz bleibt dennoch lehrreich.
Diese Partei wollte gesellschaftliche Entwicklungen vorwegnehmen. Sie behandelte Sprache als politische Macht, Programmatik als jahrelange Arbeit und die Bundesgeschäftsstelle als Ort der Wissensproduktion. Sie holte unbequeme Köpfe, organisierte große Debatten und erlaubte dem Generalsekretär ein eigenes Profil. Aus dieser Arbeit entstanden keine perfekten Antworten. Es entstand Regierungsfähigkeit.
Am Comer See wurde mir klar, weshalb die Unzufriedenheit mit Friedrich Merz so tief reicht. Viele kritisieren keine einzelne Entscheidung. Sie spüren die Abwesenheit einer Partei, die den historischen Wandel deutet und daraus einen Auftrag formuliert. Merz führt Regierung und Partei. Die Union wartet weiter auf ihre intellektuelle Gegenwart.
Franziska Hoppermann hat Heiner Geißler als Vorbild genannt. Sie könnte den Namen zeremoniell behandeln oder als Arbeitsauftrag lesen. Dann müsste das Generalsekretariat wieder zum Ort werden, an dem politische Begriffe entstehen, gesellschaftliche Konflikte früher sichtbar werden und Talente eine größere Aufgabe finden als die Optimierung des nächsten Clips.
Die alternativen 68er begriffen, dass Macht ohne eigene Sprache stumm wird. Die neue Generation muss ergänzen: Sprache ohne Wirklichkeit wird zur synthetischen Kulisse. Zwischen diesen beiden Einsichten liegt die Aufgabe einer anderen Union.
Die Gespräche in Cadenabbia endeten irgendwann zwischen Frühstück und Abreise. Die Namen blieben im Raum: Biedenkopf, Geißler, Radunski, Bergsdorf, Schönbohm, Dettling, Rühe, Stoiber, Weizsäcker. Es waren keine Heiligenbilder. Sie erinnerten an eine Partei, die Denken als Machtfrage verstand. Die Union gewinnt ihre Zukunft dort zurück, wo sie einst Regierungsfähigkeit gewann: im offenen Streit um Begriffe, Menschen und eine Ordnung, die der kommenden Gesellschaft gewachsen ist.
Siehe auch: