Der gelbe Faden zwischen Schelling, Moskau und Berlin: Harald Korten, Arsenij Gulyga und die verdrängte Zukunft eines philosophischen Gesprächs

Zwischen den Seiten der „Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie“ liegt ein gelber Beileger. Er kündigt den 16. Deutschen Kongress für Philosophie an, Berlin, 20. bis 24. September 1993. Das Rahmenthema lautet „Realität und Interpretation“. Für sich genommen klingt das nach Kongressbetrieb, nach Sektionen, Kolloquien, Vorträgen, akademischer Selbstverständigung. Im Rückblick erhält dieses Blatt ein anderes Gewicht. Es gehört in die frühen neunziger Jahre, in jene Phase nach dem Ende der Sowjetunion, in der Deutschland, Russland und Europa ihre geistigen Beziehungen neu zu ordnen begannen.

Unter den angekündigten Vorträgen findet sich Arsenij Gulyga mit dem Thema „Die russische Idee und der deutsche Idealismus. Zur Wiedergeburt einer kulturellen Realität“. Dieser Titel wirkt heute wie eine Nachricht aus einer anderen Zeit. Damals konnte man die russische Idee noch als Gegenstand eines philosophischen Gesprächs auffassen, als Thema der europäischen Geistesgeschichte, als Frage nach Traditionslinien zwischen deutscher Klassik und russischem Denken. Nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist jeder solche Begriff belastet. Gerade deshalb lohnt der Blick auf den damaligen Zusammenhang. Er zeigt keine heile Welt. Er zeigt einen Faden, der später riss und der auf kultureller Ebene neu geprüft werden muss.

Kortens genaue Lektüre

Der innere Kern dieses Fundes ist Harald Kortens Beitrag „Neue Schellingiana: Quellen, Dokumente und Interpretationen“. Korten sichtete 1992 neue Literatur zu Schelling: Quellen, Editionen, Dokumente, Interpretationen. Am Anfang steht Guligas „Schelling. Leben und Werk“, aus dem Russischen übertragen von Elke Kirsten, erschienen 1989 bei der Deutschen Verlags-Anstalt.

Korten eröffnet seine Besprechung mit einem Satz Schellings aus dem März 1854: „Hen kai pan, ich weiß nichts anderes, sagte seinerzeit Leßing. Ich weiß auch nichts anderes.“ Diese briefliche Äußerung Schellings an seinen Sohn und späteren Herausgeber K. F. A. Schelling gehört neben weiteren Briefen an Söderholm und Turgenev zu den bisher unveröffentlichten Quellen, die Guliga in seiner deutsch vorliegenden Biographie „Schelling. Leben und Werk“ zugänglich gemacht hat. Damit ist Kortens Ausgangspunkt präzise gesetzt. Das Buch bringt Material in die Schelling-Forschung ein, es richtet sich zugleich an ein breiteres Publikum und muss sich an der schwierigen Aufgabe messen lassen, Schellings Werkweg darzustellen.

Korten referiert den Aufbau des Buches mit Genauigkeit. In acht Abschnitten folgt Guliga den verschiedenen Epochen und Themenschwerpunkten von Schellings Philosophieren: Jugend und Studienzeit, erste philosophische Werke, „Philosophie der Natur“, „Transzendentalphilosophie“, „Identitätsphilosophie“ und „Philosophie der Kunst“. Die Phase nach 1809 wird unter Überschriften wie „Die Freiheit und das Böse“, „Mythos als Seinsform“ und „Götterdämmerung“ behandelt.

Anerkennung und Kritik bleiben bei Korten in Balance. Er würdigt das erzählerische Geschick, mit dem Guliga Werkdarstellung, einzelne Theoreme, biographische Details und geistesgeschichtliche Zusammenhänge verbindet. Zu den geschlossensten Partien zählt für ihn der knappe Abriss zu den Grundzügen des „Systems des transzendentalen Idealismus“. Die Ausführungen zur Naturphilosophie vermitteln nach seiner Einschätzung eine erste Vorstellung, verbleiben aber oft im Grundsätzlichen. Breiten Raum nehmen Poetik und Ästhetik ein. Das Spätwerk erscheint Korten selektiv und eher an der Oberfläche dargestellt. Einen systematischen Gesamtüberblick versucht Guliga aus seiner Sicht nicht zu geben.

Auch die Ausstattung des Bandes bewertet Korten differenziert. Zeittafel und Auswahlbibliographie runden den Band ab. Dass in der Bibliographie unverzichtbare Standardwerke von Walter Schulz und Xavier Tilliette fehlen, trägt für ihn zum zwiespältigen Gesamteindruck bei. Zugleich hält Korten fest, dass gute Gesamtdarstellungen von Schellings Leben und Werk selten sind. Guligas gut lesbare Einführung soll nach seiner Lesart nicht an Ansprüchen gemessen werden, die sich angesichts dieser Forschungslage immer weiter steigern.

Der eigentliche Einwand betrifft die fehlende innere Leitlinie. Schellings Denken erscheint vielgestaltig, wechselhaft, von verschiedenen Motiven und Interessen durchzogen. Nach Korten hätte der Satz „Hen kai pan“ als philosophische Achse dienen können. Da Guliga keinen einheitlichen Gesichtspunkt wählt, drohen Leben und Werk in einzelne Problemkomplexe auseinanderzufallen. Die Darstellung setzt jeweils neu von außen an, ohne im inneren Vollzug des Schellingschen Denkens dauerhaft Fuß zu fassen. Das ist Kortens zentrale Diagnose.

Ein sowjetischer Philosoph mit Berliner Erfahrung

Arsenij Gulyga war für diese deutschsprachige Schelling-Rezeption keine Randfigur. Geboren 1921 in Moskau, gestorben 1996 in Moskau, studierte er von 1938 bis 1942 Philosophie und Germanistik an der Moskauer Universität. Von 1942 bis 1954 leistete er Militärdienst. Zwischen 1946 und 1948 arbeitete er als Kulturreferent bei der sowjetischen Militärkommandantur in Berlin. Er war an der Errichtung des Künstlerklubs „Die Möwe“ beteiligt. Die Begegnungen mit Karl-Heinz Martin, Gustaf Gründgens, Jürgen Fehling und Ernst Busch wurden für ihn prägender als die Vorlesungen über Klassenästhetik in Moskau.

Seit 1956 arbeitete Gulyga am Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Er publizierte zu Hegel, Herder, Kant, Schelling und zur klassischen deutschen Philosophie. Am Wissenschaftskolleg zu Berlin lautete sein Forschungsthema 1991/92: „Die deutsche philosophische Klassik als Grundlage des russischen Denkens im XIX. und XX. Jahrhundert.“ Diese Formulierung erklärt, weshalb Kortens Rezension und der gelbe Kongressbeileger zusammengehören. Gulyga war Vermittler einer Denktradition, die von deutscher Klassik in russische Philosophie hineinführt.

Sein Bericht „Zur geistigen Situation in Rußland“ zeigt die andere Seite dieser Vermittlungsarbeit. Gulyga beschreibt die Folgen der Oktoberrevolution für die russische Philosophie als Geschichte der Vertreibung, Verfolgung und ideologischen Erstarrung. Berdjajew, Bulgakow und Iljin mussten Russland verlassen. Florenskij und Gustav Spät starben als Häftlinge. Losew wurde inhaftiert und schwieg über Jahrzehnte. Die Philosophie geriet unter bürokratische Kontrolle. Der dogmatische Marxismus zerlegte das Denken in dialektischen und historischen Materialismus, in Grundzüge, Stufen und Lehrformeln.

Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt Gulygas Arbeit zur deutschen Klassik Bedeutung. Sie gehört zu einer Phase der Wiederaneignung verdrängter Traditionslinien. In seinem Bericht spricht er über die Wiederentdeckung der Geschichte der Philosophie, über die Reihe „Das philosophische Erbe“, über Übersetzungen von Platon, Hume, Leibniz, Kant, Hegel und Schelling, über eine Kant-Renaissance und über die späte Rückkehr russischer Idealisten wie Solowjew und Fedorow. Die Perestroika erscheint in diesem Text auch als geistiger Öffnungsprozess.

Diese Passagen muss man heute vorsichtig lesen. Begriffe wie nationale Wiedergeburt, russische Tradition oder russische Idee haben seitdem politische Wandlungen erfahren. Bei Gulyga stehen sie in einem anderen Zusammenhang. Sie richten sich gegen ideologische Verarmung, gegen Zensur, gegen die Trennung Russlands von seiner eigenen philosophischen Vergangenheit und vom europäischen Denkprozess.

Der Beileger als Verbindungslinie

Der gelbe Beileger zum Deutschen Kongress für Philosophie ist daher kein bloßes Fundstück am Rand. Er verbindet Kortens Rezension mit Gulygas philosophischer Rolle. Der Kongress von 1993 wollte über „Realität und Interpretation“ sprechen. Das Programm nennt Themen wie technische Realität, Umweltethik, Selbstorganisation, Information, Computerwelten, mentale Modelle, Symbol und Sprache, politische Utopien, Europa als philosophische Herausforderung und Realismusdebatten. Es ist ein Programm der Übergangszeit nach 1989.

In dieser Umgebung steht Gulygas Vortrag „Die russische Idee und der deutsche Idealismus. Zur Wiedergeburt einer kulturellen Realität“. Korten hatte kurz zuvor Guligas Schelling-Biographie in die deutschsprachige Forschung eingeordnet. Der Kongress nahm denselben Autor als Gesprächspartner für eine größere europäische Fragestellung auf. Dort die Rezension, hier die Einladung. Dort Quellenkritik, hier Kulturdiagnose. Beide Dokumente zeigen eine Phase, in der das Gespräch zwischen deutscher Philosophie und russischer Geistesgeschichte neu möglich schien.

Wichtig ist dabei die Maßhaltung. Korten macht aus Guliga keinen Meisterinterpreten Schellings. Er hebt die Lesbarkeit und die neuen Quellen hervor, benennt die Schwächen der Darstellung, kritisiert die fehlende systematische Achse und die selektive Behandlung des Spätwerks. Gerade diese Genauigkeit macht seinen Text brauchbar. Er zeigt, wie kulturelle Vermittlung in der Wissenschaft funktioniert: durch Lektüre, Einordnung, Kritik und das Ernstnehmen eines Autors, auch dort, wo man ihm widerspricht.

Der Faden von 1993

Aus heutiger Sicht liegt die These nahe, dass der Faden von 1993 nicht einfach verlorengehen darf. Das heißt nicht, politische Wirklichkeit zu beschönigen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bleibt die Zäsur, vor der alle kulturellen Kontakte neu geprüft werden müssen. Auch darf die russische Geistesgeschichte nicht als Schutzraum gegen politische Verantwortung missbraucht werden.

Gleichzeitig wäre es falsch, russische Philosophie, Literatur, Musik und Kunst vollständig mit der Politik des russischen Staates gleichzusetzen. Gerade Gulygas eigener Bericht erinnert daran, wie viele russische Denker Opfer von Verfolgung, Exil, Zensur und geistiger Disziplinierung wurden. Wer heute nach kulturellen Wegen der Annäherung fragt, muss mit solchen Unterscheidungen beginnen. Solowjew, Fedorow, Losew, Florenskij oder Berdjajew gehören nicht in ein staatliches Besitzregister. Sie gehören in eine europäische Konfliktgeschichte des Denkens.

Schelling bietet dafür einen passenden Bezugspunkt. Sein Werk ist schwer auf eine Formel zu bringen. Korten zeigt, wie problematisch jede Darstellung wird, die keinen inneren Gesichtspunkt findet. Gerade darin liegt die produktive Spannung. Schelling zwingt zur Arbeit an Übergängen: Natur und Geist, Freiheit und Böses, Mythos und Vernunft, Kunst und Philosophie, System und Geschichte. Wer Gulygas Schelling liest, liest auch einen russischen Versuch, diese deutsche Denkbewegung für ein anderes geistiges Milieu zu erschließen.

Eine Aufgabe der Lektüre

Der gelbe Beileger, Kortens Rezension und Gulygas Lebensweg ergeben zusammen keine große Versöhnungserzählung. Sie zeigen einen historischen Augenblick. Anfang der neunziger Jahre konnte ein sowjetisch-russischer Philosoph mit Berliner Nachkriegserfahrung, deutscher Klassik und Schelling-Forschung in einem deutschen Kongressprogramm als Gesprächspartner erscheinen. Ein Bonner Philosoph las seine Biographie genau, fair, kritisch. Eine Fachzeitschrift bewahrte beides in der Ordnung des akademischen Papiers auf.

Nach 2022 liest sich diese Konstellation anders. Der Faden ist beschädigt, aber sichtbar. Eine spätere Annäherung kann nicht mit großen Gesten beginnen. Sie müsste bei kommentierten Lektüren, Übersetzungen, Editionen, Seminaren, Musik, Theater, Archivarbeit und dem genauen Umgang mit belasteten Begriffen einsetzen. Sie müsste die Ukraine und Ostmitteleuropa in jede Diskussion einbeziehen. Sie müsste imperiale Deutungen offenlegen. Sie müsste zugleich jene russischen Stimmen freihalten, die selbst gegen Verfolgung, ideologische Gewalt und geistige Verengung stehen.

Harald Korten liefert dafür kein Programm. Seine Rezension ist bescheidener und gerade deshalb brauchbarer. Sie zeigt, wie ein Gespräch beginnt: mit einem Buch, einer Quelle, einem Zitat, einer Prüfung der Darstellung, einer Kritik der Lücken. Der gelbe Beileger zeigt den größeren Horizont: Berlin 1993, „Realität und Interpretation“, Gulyga und die Frage nach der russischen Idee im Verhältnis zum deutschen Idealismus. Zwischen beidem liegt der Faden, den man heute wieder aufnehmen kann, vorsichtiger als damals, genauer, ohne Illusionen, aber mit dem Bewusstsein, dass Europa auch aus solchen Lektüren besteht.

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