
„Wissen schafft Wirtschaft“. Hendrik Streeck, Virologe und CDU-Kandidat für den Bundestag im Bonner Wahlkreis, hat diesen Satz zu seinem Wahlkampfmotto gemacht. Und er hat recht. Wissen ist die wichtigste Ressource der modernen Wirtschaft. Es verbraucht sich nicht, sondern wächst, wenn man es teilt. Eine Wirtschaft, die Wissen in Wertschöpfung verwandelt, kann krisenfest, nachhaltig und international wettbewerbsfähig sein.
Doch die Realität in Deutschland sieht anders aus. Die Wissensökonomie steckt in der Sackgasse. Robert Habeck hat den Jahreswirtschaftsbericht vorgestellt, und die Zahlen sind ernüchternd. Von den ursprünglich prognostizierten 1,1 Prozent Wachstum bleiben nur noch 0,3 Prozent. Eine Zahl, die nüchtern klingt, aber weitreichende Folgen hat. Es geht hier nicht um akademische Zahlenspielerei, sondern um Arbeitsplätze, Unternehmensgründungen und den Wohlstand der Gesellschaft. Noch alarmierender ist der Blick auf den Arbeitsmarkt. Die Zahl der Stellenanzeigen für hochqualifizierte Berufe bricht ein. Besonders drastisch trifft es die Softwareentwicklung: Dort sind die offenen Stellen um über 33 Prozent zurückgegangen. Auch im Projektmanagement, Kundenservice sowie IT-Support und bei der IT-Infrastruktur schrumpft die Nachfrage massiv. Während Unternehmen sparen und Investitionen zurückhalten, steuert der Arbeitsmarkt in der Wissensökonomie auf eine gefährliche Abwärtsspirale zu.
Im Wahlkampf spielen diese Entwicklungen leider nur eine untergeordnete Rolle. Statt über Zukunftskonzepte zu sprechen, dreht sich alles um Koalitionsarithmetik, Umfragewerte und Symbolpolitik. Dabei wäre jetzt der Moment, in dem Weichen gestellt werden müssten. Wie kann Deutschland in einem globalen Wettbewerb bestehen, in dem Wissen längst zur zentralen Ressource geworden ist?
Der Wirtschaftswarntag am Brandenburger Tor hätte die Gelegenheit geboten, diese Fragen zu diskutieren. Doch stattdessen wiederholten Wirtschaftsverbände und Parteien altbekannte Forderungen. Weniger Bürokratie, niedrigere Energiekosten, geringere Steuern, mehr Fachkräfte. Alles richtig, aber alles zu kurz gedacht. Diese Forderungen setzen auf ein Wachstumsmodell, das sich längst überholt hat. Jahrzehntelang basierte wirtschaftliche Expansion auf der Verfügbarkeit materieller Ressourcen. Mehr Produktion, mehr Maschinen, mehr physische Infrastruktur. Doch dieses Modell hat Grenzen. Rohstoffe sind endlich, fossile Energien müssen ersetzt werden, Lieferketten sind fragiler denn je.
Die Zukunft der Wirtschaft liegt nicht mehr in der physischen Produktion, sondern in der Skalierung von Wissen. Eine datenbasierte Wirtschaft kann wachsen, ohne an natürliche Grenzen zu stoßen. Plattformen, KI-Systeme und digitale Geschäftsmodelle sind die neuen Wachstumstreiber. Deutschland hat die Köpfe, die Universitäten, die Forscher, die Patente. Doch während andere Länder bereits digitale Wertschöpfungssysteme aufbauen, reguliert Deutschland zuerst, bevor es überhaupt entwickelt. Statt über Innovationen zu sprechen, diskutiert die Politik über Datenschutz und Bürokratie.
Wissen muss genutzt werden, es muss sich vernetzen und skalieren. Doch genau hier liegt das Problem. Startups versinken in Förderanträgen, bevor sie überhaupt auf den Markt kommen. Unternehmen warten monatelang auf Genehmigungen für neue Technologien, die längst im Einsatz sein könnten. Wissenschaftler verbringen mehr Zeit mit Dokumentationspflichten als mit Forschung. Eine moderne Wissensökonomie braucht keine Verwaltungsapparate, die Innovationsprozesse ausbremsen, sondern einen politischen Rahmen, der Wissen in wirtschaftliche Wertschöpfung verwandelt.
Die entscheidende Frage lautet: Ist Deutschland bereit, eine neue Form des Wachstums zuzulassen? Es reicht nicht, die Wirtschaft mit Steuererleichterungen zu stützen oder Förderprogramme für bestehende Strukturen aufzulegen. Es braucht einen echten wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel. Bürokratieabbau darf nicht nur ein Schlagwort sein, sondern muss bedeuten, dass unternehmerische Entscheidungen schnell umgesetzt werden können. Forschung darf nicht in Formularen versickern, sondern muss den direkten Weg in die Praxis finden. Bildung muss sich von starren Abschlüssen lösen und Kompetenzen in den Vordergrund stellen.
Hendrik Streecks Wahlkampfspruch trifft einen wunden Punkt. Wissen kann Wirtschaft schaffen. Aber nur, wenn man es lässt. Deutschland steht an einem Wendepunkt. Wird es eine Wissensökonomie oder ein Land für industrielle Abwrackprämien? Wie wäre es, wenn sich das Parlament nicht mehr mit Gesetzen beschäftigt, die Innovation verhindern, sondern mit solchen, die sie ermöglichen? Wenn sich politische Arbeit nicht mehr darin erschöpft, Regeln zu verschärfen, sondern Freiräume zu schaffen? Wenn der Fokus nicht mehr darauf läge, Risiken zu minimieren, sondern Chancen zu maximieren? Eine Regierung, die Wissen nicht als etwas betrachtet, das kontrolliert werden muss, sondern als das, was es ist: der einzige unendliche Rohstoff, den dieses Land besitzt.
Siehe dazu die Analyse des Smart-Service-Instituts unter Leitung von Bernhard Steimel.