Das Irrlicht und die Unerträglichkeit des Seins

Es gibt Filme, die sich nicht ansehen lassen wie bloße Erzählungen, sondern die sich anfühlen wie ein Blick in den Spiegel einer müden Seele. Das Irrlicht von Louis Malle ist ein solcher Film. Er ist das Endspiel eines Mannes, der den Weg zurück in die Gesellschaft nicht mehr findet und in einem Paris umherirrt, das so wenig Hoffnung ausstrahlt wie er selbst. Maurice Ronet als Alain Leroy trägt diesen Film wie eine bleierne Last, als wäre sein Körper schon ein Sarg, noch bevor er zur finalen Tat schreitet. Die Musik von Erik Satie ist dabei keine bloße Untermalung, sondern ein unaufhörliches Mahnmal des Verlorenseins, ein elegisches Requiem für einen Mann, der sich selbst aufgegeben hat.

Es ist unmöglich, diese Geschichte zu sehen, ohne an die Heilanstalt im Zauberberg zu denken. Dort, wo Thomas Manns Figuren mit dem Tod flirten und sich in intellektuelle Kämpfe flüchten, ist Alain Leroy bereits jenseits aller Debatten. Seine letzte Pilgerfahrt durch das alte Leben ist keine philosophische Reflexion, sondern das müde Registrieren einer Wirklichkeit, in der für ihn kein Platz mehr ist. Malle hält mit der Kamera inne, lässt ihn immer wieder in Spiegel blicken, als würde er hoffen, dort noch eine Spur von sich selbst zu finden. Aber da ist nichts mehr außer den Erinnerungen an ein Leben, das er längst nicht mehr lebt.

Es gibt Parallelen zu Jacques Rigaut, diesem Dandy des Dadaismus, der mit seiner ironischen Distanz zum Leben letztlich nur seinen eigenen Abgang vorbereitete. „Der Selbstmord ist kein Wunsch, sondern eine Idee“, schrieb Rigaut, und Alain Leroy verkörpert genau diesen Gedanken. Sein Gang durch Paris ist kein Kampf um das Überleben, sondern eine verzögerte Beerdigung. Ähnlich auch bei Hermann Burger, dessen Selbstzerstörung sich über Jahrzehnte hinzog, kunstvoll und schmerzhaft zugleich, als sei das Leben nur eine peinlich lange Prozedur, deren Ende man selbst beschleunigen müsse.

Malles filmische Umsetzung ist von einer Klarheit, die keinen Trost zulässt. Während seine anderen Werke – sei es Fahrstuhl zum Schafott oder Lacombe, Lucien – eine tiefere Ambivalenz bewahren, ist Das Irrlicht eine einzige Abwärtsbewegung. Kein Krimi, keine moralische Frage nach Gut oder Böse, nur eine nüchterne Beobachtung eines Lebens, das sich selbst nicht mehr tragen kann. Das Paris, das er zeigt, ist nicht die Stadt der Lichter, sondern eine Stadt der Schatten, durch die Alain streift wie ein Geist, der sich selbst noch nicht bewusst ist, dass er bereits tot ist.

Die Fragen, die dieser Film aufwirft, sind keine fernen literarischen Konstrukte. Sie sind so real wie der Blick in den Spiegel nach einer langen Nacht, die nur die Fortsetzung des vorherigen Tages war. Sie sind die Gespräche, die man führt, obwohl man weiß, dass sie ins Leere laufen. Sie sind das fortgesetzte Staunen darüber, wie manche weitermachen und andere nicht.

Und dann ist da Satie. Immer wieder Satie. Diese Musik, die niemals tröstet, sondern einen stattdessen in den Schmerz hineinzieht. Als könnte man sich mit jeder Note weiter auflösen, bis man nur noch Klang ist, bis nichts mehr übrig bleibt außer einer Melodie, die nachhallt. So endet der Film. So endet eine Existenz. Und so bleibt am Ende nur eine Frage: Was hält uns eigentlich noch?

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