
Persönliche Daten werden immer mehr zu einer Handelsware, an der private Unternehmen mehr Interesse haben als der Staat. Um Bürgerinnen und Bürger vor einem Ausverkauf dieser Daten zu schützen, bedarf es einer modernen Datenschutzstrategie. Deshalb klagt und streitet man gegen alles, was im Netz in Richtung Werbung geht. Ständig sind irgendwelche üblen kommerziellen Interessen im Spiel, die die Macht DER KONZERNE stärken und den STAAT schwächen. So hört sich die Schallplatte häufig an, wenn es um Marketing und Werbung im Netz geht. Wie schlimm. Ohne Werbung hätte es klassische Medien nie gegeben. Selbst der öffentlich-rechtliche Rundfunk und seine GmbH-Tochtergesellschaften sind darauf angewiesen.
Niemand sollte sich aufschwingen, sich als Aufseher meiner privaten Daten zu inszenieren – weder die Datenschützer noch irgendwelche anderen netzpolitischen Bedenkenträger. Dahinter steckt ein merkwürdiges Menschenbild oder vielleicht gar eine hysterische Projektion: Die Angst vor der Manipulation von bösen Mächten. Das ist Gedankengut von vorgestern: „1957 war Vance Packards Buch ‚Die geheimen Verführer‘ erschienen und prägte die Vorstellung eines ohnmächtigen, von Medien und Werbung wie eine Marionette geführten Konsumenten“, schrieb Peter Glaser vor einigen Jahren.
Diese Leitvorstellung hält sich bis heute. Allerdings hatte selbst in den 1970 Jahren das angebliche Medienopfer mit der Fernbedienung längst ein bedeutendes Machtinstrument in der Hand. Für Werbetreibende und Programmgestalter wurde der Mediennutzer zu einem potenziell treulosen Wesen. Mit dem Internet hat sich die Kanalvielfalt und die Bewegungsfreiheit der Nutzer ins Millionenfache erweitert. Vor allem: Wenn an irgendeiner Stelle zensiert, manipuliert oder intransparent gefiltert wird, wird darüber nicht mehr nur in herkömmlichen Massenmedien berichtet, sondern auch in den zahllosen neuen Meinungsblasen im Netz – von kleinen Kommentarfeldern bis hin zu großen Blogs und sozialen Netzen. Und wenn mir meine Lieblingsmarke für Herrenbekleidung etwas für den Sommer anzeigt und ich das Teil auch kaufe, ist es eher Ausdruck meiner privaten Vorlieben und nicht Belegt für die Macht der Werbung. Kritiker und Werbungstreibende schwimmen in der gleichen Cookie-Sauce der Übertreibungen. Bei letzteren braucht man sich nur die angeblichen Erfolgsmeldungen von SEO- und SEA-Kampagnen anschauen. Da wird mit Erfolgszahlen gelogen, dass sich die Schwarte kracht. Das sollte der Chaos Compter Club mal analysieren.
Gleiches gilt für die Prediger von Big-Data-KI-Systemen. Auch da wird an Welterklärungsmaschinen gebastelt, wie am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts: Damals hofften Ökonomen, Wirtschaftsstatistiken nutzen zu können, um zeitlose Gesetzmäßigkeiten des Konjunkturzyklus zu identifizieren. Etwa der Harvard-Index. „Amerikanische Unternehmer hofften, dass die neue Methode staatliche Eingriffe in die Wirtschaft überflüssig machen werde. In Europa träumte man auf Initiative des Völkerbunds davon, den Harvard-Index zu einem ‚Weltbarometer‘ auszubauen, das internationale Kooperation fördern und künftigen Kriegen entgegenwirken sollte“, schreibt Laetitia Lenel in einem Beitrag für die FAZ. Wir wissen ja, wie das Ganze dann ausgegangen ist.
Das erinnert ein wenig an Delphi, wo sich die berühmteste griechische Orakelstätte befand. Dort erteilte die Priesterin Pythia in ekstatischem Rausch auf einem Dreifuß sitzend ihre scheinbar widersinnigen Orakel, zu denen sie Apollon inspirierte. Die Antworten von Pythia wurden in Versen verkündet und zumeist zweideutig formuliert. Ähnlich kryptisch klingen die Verheißungen und Warnungen von selbsternannten DATEN-EXPERTEN.
Weltsimulatoren sollen durch Echtzeitanalyse den epidemischen Weg von Schweinegrippen-Viren vorausberechnen. Es sollen Empfehlungen zur Bewältigung des Klimawandels und Frühwarnungen ausgespuckt werden – selbst Befunde zur Bewältigung von Finanzkrisen stellen die Konstrukteure von
Simulationsrechnern in Aussicht. Bei der Vorhersage der Inflation hat das ja wieder super gut geklappt – NICHT.
Die Prognose-Systeme versagen fast immer. Analysten und netzpolitische Bedenkenträger erleben in schöner Regelmäßigkeit Tiefschläge wie Krösus, der gegen Persien in den Krieg ziehen wollte und das Orakel von Delphi um Rat fragte. Die Pythia antwortete ihm, wenn er nach Persien zöge, würde ein großes Reich zerstört werden. Krösus war begeistert von der Antwort und zog gleich mit seinem Heer los. Leider war das große Reich, das dabei zerstört wurde, sein eigenes. Pech gehabt.