Führungskräfte überschätzen sich

Zufallslektüre

Es sei nicht allein oder in erster Linie die Leistung eines Spitzenmanagers für den Erfolg eines Unternehmens verantwortlich, sondern viele verschiedene Faktoren auf der Ebene der allgemeinen Konjunktur, der Branche oder der Organisation, schreiben Margit Osterloh und Bruno S. Frey. „Nicht unerheblich ist die Rolle von Zufall und purem Glück: Erfolgreich ist, wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Ausführliche statistische Forschung hat ergeben, dass sich mehr als die Hälfte der Unterschiede in der Leistung von Unternehmen nicht erklären lässt. Auch die Wachstumsrate von Firmen stellt sich im Vergleich als nahezu zufällig dar.“

Was liesse sich gegen die Selbstüberschätzung von Führungskräfte dagegen tun? Man könne eine Widerspruchskultur in den Unternehmen pflegen. „Etwa mithilfe eines Advocatus Diaboli. Er wurde früher vom Vatikan eingesetzt, um alle Argumente auf den Tisch zu bringen, die gegen eine Heiligsprechung angeführt werden könnten. Leider hat Papst Johannes Paul II. dieses segensreiche Verfahren abgeschafft. Oder man kann ein qualifiziertes Losverfahren bei der Auswahl der Führungskräfte einführen, welches – leider – vom Volk bei der Wahl der obersten Bundesrichter jüngst abgelehnt wurde. Leider wendet sich der Zeitgeist gegenwärtig gegen solche sinnvollen Massnahmen, welche die Selbstherrlichkeit von Führungskräften einschränken“, so Osterloh und Frey.

Empirisch ist das Ganze gut belegt. Es fehlen aber entsprechende Änderungen im Regelwerk. Das Losverfahren finde ich gar nicht schlecht.

Wenn der Anteil von Zufall und Glück für den Unternehmenserfolg so hoch ist, sollte man auch Ideen für neue Geschäfte eher nach dem Zufallsprinzip auswählen. Das empfiehlt auch der Wirtschaftsexperte Ulf Pillkahn: „Wirkliche Neuerungen sind nicht kalkulierbar: Eine Idee kann zu einem tollen Produkt führen oder aber spinnert sein. Letzteres ist viel wahrscheinlicher, die Floprate bei Innovationen ist hoch. Mit dieser Unsicherheit tun sich Führungskräfte schwer. Sie sind darauf getrimmt, möglichst effizient zu wirtschaften und werden an diesem Ziel gemessen. Deshalb neigen sie dazu, das, was ihre Firma kann, zu perfektionieren – wie in der Formel 1, wo aus den Rennautos das Allerletzte herausgekitzelt wird“, so Pillkahn im Gespräch mit der Zeitschrift brandeins. In der Formel 1 werden allerdings der Kurs und die Spielregeln vorgegeben. Das unterscheidet sich von Unternehmen. Deshalb ist die einseitige Orientierung an Effizienz auf Dauer gefährlich: Sie führt nach Ansicht von Pillkahn zum Tunnelblick.

„Es ist kein Zufall, dass radikale Neuerungen häufig von Branchenfremden stammen. So kam der erste Web-Browser nicht von Microsoft, die erste Suchmaschine nicht von der Deutschen Telekom, der erste MP3-Player nicht von Sony und die Internet-Infrastruktur nicht von Siemens. Das zufallsgesteuerte Losverfahren versucht, die Logik der Evolution und des Marktes ins Unternehmen zu holen. Also eine gewisse Vielfalt neuer Ideen zuzulassen, damit die besseren unter ihnen sich durchsetzen.“ Das widerspricht aber dem Ordnungsgedanken im Management. Nach außen plädiert man für Marktwirtschaft und Wettbewerb, nach innen praktiziert man Planwirtschaft: „Es kann sich nur durchsetzen, was zur vorgegebenen Strategie und Struktur passt. Und je älter und kompetenter Unternehmen werden, desto konservativer werden sie auch, verständlicherweise. Warum sollte man das, womit man jahrelang erfolgreich war, infrage stellen“, erläutert Pillkahn. 

In normalen Zeiten sei es für alle Beteiligten naheliegend, nicht innovativ zu sein. „Das ist ein Systemfehler, den man auch empirisch nachweisen kann. So wachsen große Aktiengesellschaften meist durch Übernahme anderer Firmen oder die Ausweitung ihres traditionellen Geschäftes – und nur zu einem sehr geringen Teil durch die Entwicklung neuer Techniken, Verfahren oder Produkte.“ 

Übrigens auch durch Aktien-Rückkäufe. So überdeckt man die Schwächen in den laufenden Geschäftstätigkeiten.

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

2 Kommentare zu "Führungskräfte überschätzen sich"

  1. Ich habe aus Interesse reingelesen und bereue es nicht. Das Thema ­­­­­­Selbstüberschätzung ist für mich derzeit aktuell und deswegen bedanke ich mich für diesen aufschlussreichen Artikel im wirtschaftlichen Zusammenhang darüber.

  2. Vielen Dank für die Rückmeldung

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