Digitalisierung als Verteidigungsprinzip: Was von der #AFCEA 2025 bleibt #AlterBundestag #Bonn

Zwei Tage World Conference Center Bonn, hunderte Aussteller, spannende Fachvorträge – und eine zentrale Erkenntnis: Die Diskussion um digitale Souveränität ist endgültig im sicherheitspolitischen Zentrum angekommen. Die AFCEA-Fachausstellung 2025 hat sich als Marktplatz und Denkraum für die operative Integration von IT, KI und Plattformlogiken in sicherheitskritische Infrastrukturen etabliert.

Die Eröffnung: Verantwortung, Realitätssinn, Zielklarheit

Generalmajor Armin G. Fleischmann, Vorstandsvorsitzender des AFCEA Bonn e.V., betonte in seiner Eröffnungsrede die besondere Rolle der AFCEA als neutrale Plattform – unabhängig, sachorientiert, zukunftsgewandt. Der Verein fungiert nicht als Interessensvertretung, sondern als Strukturgeber für den Dialog zwischen Bundeswehr, Verwaltung, Industrie und Wissenschaft. In einer Zeit globaler Unsicherheiten müsse man, so Fleischmann, „die Realität in ihrer Komplexität akzeptieren, statt sie rhetorisch zu beschönigen“.

Liminski fordert strategische Kultur statt Symbolpolitik

NRW-Staatsminister Nathanael Liminski forderte in seiner eindringlichen Keynote einen Mentalitätswandel: Sicherheit beginne mit strategischer Denkweise. Er erinnerte an die Innovationskraft Großbritanniens, wo strategisches Denken auch technologisch mit Langfristzielen verbunden wird. Besonders hob Liminski das Potenzial Nordrhein-Westfalens hervor – etwa bei Raumfahrt- und Satellitentechnologien. Europa brauche eigene Systeme jenseits amerikanischer Privatunternehmen. Seine Rede war mehr als ein Grußwort – sie war eine politische Standortbestimmung.

Digitale Plattformen als Gefechtsfeld

Die bestbesuchte Session kam von Timo Haas, Chief Digital Officer von Rheinmetall. Er sprach nicht über Waffen, sondern über Plattformlogiken, Datenhoheit, Sensorfusion und dezentrale, KI-gestützte Entscheidungsunterstützung. Der Mensch, so Haas, „wird nicht entmachtet, sondern taktisch neu verortet“. Rheinmetall zeigt, dass auch klassische Rüstungsunternehmen zu digitalstrategischen Akteuren werden – mit offenen Systemen und hoher Adaptionsfähigkeit.

Künstliche Intelligenz als Entscheidungshilfe, nicht Ersatz

Ein weiteres Highlight war der Fachvortrag von Dr. Christine Priplata und Dr. Colin Stahlke (CONET). Sie zeigten anhand konkreter Anwendungen, wie KI-Systeme Entscheidungsprozesse unterstützen können – etwa bei der Analyse großer Dokumentenmengen oder der Ableitung operativer Handlungsoptionen. In der Diskussion wurde deutlich, dass es nicht um die Ersetzung menschlicher Führung geht, sondern um intelligentes Assistenzsysteme in komplexen Lagen. Agentische Systeme und interpretierbare KI bleiben dabei zentrale Entwicklungsfelder.

Datenwürfel statt Datenwust

Professor Peter Baumann (Constructor University) präsentierte mit großer Expertise das Konzept föderierter, semantisch standardisierter Datenwürfel – sogenannte „AI Cubes“. In einem durchstrukturieren Vortrag mit Live-Demo erläuterte Baumann, wie massive Geo- und Sensor-Datenmengen in Echtzeit analysiert und interoperabel gemacht werden können. Mit Blick auf die ESA und NATO wurde klar: Wer in Petabyte denkt, braucht keine Datenplattformen mehr – sondern strategische Datenarchitekturen.

Sicherheitskooperation mit Google: Realismus statt Ideologie

Für Diskussionen sorgte die Kooperation zwischen BWI (dem IT-Dienstleister der Bundeswehr) und Google Cloud. In der Session mit BWI-Chef Frank Leidenberger und Google-Manager Manuel Greisinger wurde betont, dass die militärische Datenverarbeitung auf souverän betriebenen Cloud-Instanzen erfolgen werde – mit voller Kontrolle durch deutsche Behörden. Leidenberger plädierte für einen pragmatischen Umgang mit Partnern aus den USA: Entscheidender sei der Orchestrierungsrahmen, nicht das Logo. Kritik kam aus dem Auditorium, insbesondere mit Blick auf mögliche politische Umbrüche in den USA. Doch das Konzept basiert auf Multi-Cloud-Strategien, nicht auf Monopolen.

Ukrainische Innovationskraft als Blaupause?

Ein bewegender Moment war das Interview mit Oleksii Teplukhin, Gründer eines ukrainischen Sicherheits-Startups. Er berichtete, wie im Krieg nicht nur Taktiken, sondern Technologien beschleunigt werden. Echtzeitdaten, KI-gestützte Lagebilder, digitale Evakuierungsroutinen – während Europa noch diskutiert, wird in der Ukraine täglich bewiesen, dass Daten Leben retten können. Sein Appell an Bundeskanzler Friedrich Merz: „Doppelt so viel, doppelt so schnell.“

Der rote Faden: Vom Förderstaat zum Strategiestaat

Was die AFCEA 2025 offenlegte, war kein Mangel an Ideen oder Partnern – sondern ein institutioneller Rückstand in der strategischen Organisation. Die Erkenntnisse aus dem Vortrag von Materna, die agilen Ansätze von Scotty (mit Onboard-Kommunikation in Extremlagen) oder das Plattformmodell von CONET zeigen: Innovation ist vorhanden. Doch sie braucht politische Rahmung, klare Schnittstellen – und eine Sicherheitsstrategie, die Technologie nicht nur duldet, sondern einfordert.

Die AFCEA 2025 war keine Messe im klassischen Sinne. Sie war ein sicherheitspolitischer Resonanzraum, in dem deutlich wurde: Souveränität entsteht nicht durch Besitz, sondern durch Fähigkeit. Und Fähigkeit verlangt Strategie.

Deutschland hat mit dieser Fachausstellung gezeigt, was möglich ist. Jetzt muss es darum gehen, aus Technologie politische Wirklichkeit zu machen.

Ein Gedanke zu “Digitalisierung als Verteidigungsprinzip: Was von der #AFCEA 2025 bleibt #AlterBundestag #Bonn

  1. Pingback: Souverän ist, wer Vielfalt kann. Nicht, wer Mauern baut. #Google #Bundeswehr #BWI #DigitaleSouveränität #Welthandel #HiddenChampions - ichsagmal.com

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.