Die unglaubliche Lesung des Thomas Franke – Berichte aus Kolokolamsk bei Dikanka

Es war einer jener Abende in der Bonner Buchhandlung Böttger, an dem sich die Realität zwei Stunden verbog – ganz so, als hätte sich die Stadt selbst in eine Episode aus Kolokolamsk verwandelt, jener fiktiven russischen Provinz, in der Wunder, Wahnsinn und wirtschaftlicher Selbstbetrug den Alltag bestimmen. Thomas Franke, Schauspieler, Grafiker und ehemals Betreiber des legendären Bonner Sovietlokals GUM, führte das Publikum auf eine Tour de Farce durch die Welt der Wundermacher und Scharlatane, flankiert von Ilja Ilf, Jewgeni Petrow und einem gehörigen Schuss Gogol.

Wie in einem Film von Kaurismäki, nur auf Wodka statt auf Melancholie getränkt, begegnete man an diesem Abend den Bürgern Kolokolamsks – Menschen, die sich für eine monatliche Rente mit Begeisterung von einem Diplomatenfahrzeug überrollen lassen, um anschließend Freibier zu spendieren und Klatwia, den fiktiven baltischen Kleinstaat, in den finanziellen Ruin zu treiben: „Ein kleines Verkehrsopfer für den Rubel, ein großer Schritt für die kollektive Kreativität!“, hätte Bender, der Held aus Zwölf Stühle, wohl gesagt.

Franke las nicht – er zelebrierte. Und wer ihn kennt, weiß: Bei ihm wird jedes Wort zu Theater, jede Pointe zu einem Plakatmotiv, jede literarische Figur zur politischen Karikatur. Er war nicht einfach der Vorleser dieser absurden Geschichten, sondern ihr Kurator, Conférencier und Zeitreisender in einem. Besonders eindringlich: die Episode um die „Heilquelle“ im Abenteuerwinkel, die sich nach großem Schlamassel und halbstädtischer Kurbad-Gründung als undichtes Abflussrohr herausstellt. Die Bürger tranken das Wasser in der Hoffnung auf die zweite Jugend – nur um mit Rheuma und Wut zurückzubleiben, als die Installateure der Kommune das Rohr reparierten.

In Frankes Vortrag wurde aus dieser Szene ein Gleichnis auf die heutige Suche nach urbanen Wunderlösungen. Ein Platzmanagement hier, ein Bürgerhaushalt dort – doch oft entpuppt sich das sprudelnde Geldprojekt als nichts weiter als kommunalpolitisches Bypass-Ventil. „Was in Kolokolamsk das geplatzte Rohr war, ist in Bonn der Wärmefonds mit digitaler Bürgerbeteiligung“, flüsterte jemand in der ersten Reihe – und lachte dabei nervös.

Wie im literarischen Sowjet-Schilda irrlichterte auch Thomas Franke durch seine Episoden: Der rosagekleidete Diamantenmilliardär, der einen Wolkenkratzer für seine Heimatstadt stiftet, nur damit sich die gesamte Bevölkerung in diesen Tempel der Moderne einquartiert, die Fahrstühle als Viehtransporte nutzt, die Kupferklinken zu Feuerzeugen verarbeitet – und am Ende doch wieder auszieht. Ein ökonomisches Perpetuum mobile der Selbstsabotage. Wie passend zum Zustand mancher Bonner Haushaltsberatungen: Groß denken, billig umsetzen, dann beklagen, dass das Licht flackert und der Generator kaputt ist.

Der Höhepunkt der Lesung? Vielleicht der Moment, in dem Franke – mit sonorer Dramatik – die Stimme des Podlinnik imitiert, jenes Kolokolamsker Scheingenossenschaftsleiters, der zum Schluss selbst seine rhetorischen Ehrenreden zu Aktentaschen verscherbelt: aus Chevreauleder, im Krokodillook, mit Schwertern oder aus Feuerwehrschläuchen. Der Idealist wird Händler, der Märtyrer Unternehmer. „Sie sind ein Seefahrer! Sie sind ein Zimmermann! Sie sind mir vielleicht einer!“, ruft Podlinnik – und Franke ruft’s zurück ins Publikum, das zwischen Gelächter und Gänsehaut taumelt.

Thomas Frankes Lesung war kein bloßes Vortragen – es war ein satirisch-surrealistisches Ritual, ein Sturzbad in literarischer Raserei, eine Hommage an die Groteske des Alltags. In Bonn, dieser Stadt zwischen Beethoven und Bauzaun, zwischen Haushaltssperre und Digitalstrategie, wirkte der Abend wie eine kollektive Erkenntnis: Die Scharlatane von Kolokolamsk leben auch hier – nur mit Excel statt Melone.

Und Franke? Der bleibt der letzte Direktimporteur echter russischer und sowjetischer Satire, ein Hochseilartist auf der Linie zwischen Slapstick und Systemkritik. Man kann ihn nicht lesen – man muss ihn hören. Oder wie Podlinnik sagen würde: „Ich bin kein Redner! Aber zehn Rubel für diesen Abend? Der reine Wahnsinn!“

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