Räsonier doch allein, du Schlaumeier!

Da sitzt er wieder.
Zoom-Meeting. 14:03 Uhr.
Kamera an, aber leicht verschwommen, vor allem die Konturen – angeblich absichtlich.
Die Stimme leicht nasal, wie von jemandem, der viel Kant gelesen, aber nie verstanden hat, warum Menschen auch einfach mal Nein sagen.

„Ich würde dazu gerne kurz räsonieren.“

BOOM.
Da ist das Wort.
Der Endgegner der Gesprächskultur.
Räsonieren.

Was soll das eigentlich heißen? Reden ohne Ergebnis? Denken mit Blinker links, aber niemals abbiegen? Ein innerer Monolog mit Headset und PowerPoint?

Ich stelle mir vor:
Räsonieren, das ist wie ein Elfenbeinturm mit WLAN.
Da sitzt einer in einem beigen Rollkragenpulli, trinkt Ingwertee, hat Foucault im Bücherregal (ungelesen, aber unterstrichen)
und denkt:

Jetzt sag ich mal was. Aber nicht zu viel. Und nicht zu konkret. Sondern: Räsonieren!

Was dann folgt, ist wie ein Flugsimulator für Meinungen:
Man fliegt. Aber man kommt nirgends an.
Alles bleibt angeberische Wackelpudding-Rhetorik mit einem bildungsbürgerlichen Habitus – Abitur-Notendurchschnitt 1,2.
Wortwatte.
Diskurs-Deko.

Die Welt brennt?
„Ich räsoniere darüber.“

Die Firma geht pleite?
„Lass uns das differenziert räsonieren.“

Die Kaffeemaschine ist kaputt?
„Das ist ein interessanter Anlass zum Räsonieren über Materialermüdung und kulturelle Gewohnheiten im Büroalltag.“

Ey.
NEIN.
Räsonieren ist das neue Labern.
Nur schlimmer, weil es nach Feuilleton riecht und nach „Ich hab Philosophie studiert, aber bin jetzt Agile Coach.“

Ich schlage vor:
Jedes Mal, wenn jemand „räsonieren“ sagt,
muss er vorher ein Gedicht aufsagen –
von Helge Schneider.
Oder ein Hütchen tragen, auf dem steht: „Ich schwadroniere und räsoniere mit Stil“.
Oder er wird stummgeschaltet – bis zur nächsten Eiszeit.

Denn ganz ehrlich:
Wenn du was zu sagen hast, dann sag’s.
Klar. Laut. Meinetwegen wütend. Oder falsch. Aber bitte: nicht räsoniert.

Wir brauchen mehr Menschen, die denken wie ein Presslufthammer.
Nicht wie ein Vorlesungsprotokoll auf Valium.

Räsoniert wird hier gar nichts.

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