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Die Rolle des Staates in der Entwicklungsökonomie – Wirtschaftsförderung und Handel zwischen Zuckerbrot und Peitsche @PhilippRoessner #SchubkraftTV

Die wirtschaftspolitische Bilanz in Folge der französischen Revolution ist mager, wenn man sich die Entwicklung im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts anschaut. Winfried Felser und Thomas Sattelberger beschäftigen sich mit diesem Thema in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

So lag die Arbeitslosigkeit zwischen 1871 und 1914 in Deutschland bei 1 bis 2 Prozent. In Frankreich bei 6 bis 10 Prozent. Das Volksvermögen 1912 betrug in Deutschland 290 Milliarden Goldmark, Frankreich kam auf 240 Milliarden Goldmark. Die Zahl der Telephone lag in Deutschland 1910 bei 1.076.000, in Frankreich bei 14.616. Hier war Berlin das Silicon Valley der Telekommunikation. Auf ichsagmal.com einfach den Suchbegriff „Heinrich von Stephan“ eingeben.

Generell sei die staatliche Wirtschaftsförderung wichtig gewesen, so Philipp Robinson Rössner in seinen Opus „Wirtschaftsgeschichte neu denken“, zehntes Kapital mit der Überschrift „Wirtschaftspolitik und die Rolle der Staaten in der Wirtschaftsentwicklung Europas“. Etwa bei der Gewerbe- und Industrieförderung, der Qualitätssicherung von Industrie- und Gewerbeprodukten, der Bereitstellung öffentlicher Güter und Infrastruktur bis hin zur gezielten Importsubstitution und infant industry protection, die bis heute in weniger entwickelten und Schwellenländern bisweilen erfolgreich angewandt wird. „Das im 9. Kapitel bereits geschilderte Beispiel Englands im 18. Jahrhundert ist ebenso ein Exempel positiver Staatsintervention wie die Industrialisierung Preußens und vieler anderer deutscher Staaten im 19. Jahrhundert, wo der Staat und die Regierungen vor allem im Eisenbahnwesen (öffentliche Infrastruktur), bei der chemischen und Hochindustrie oder im Bankenwesen durch kontrollierte Eingriffe z. B. bei der Zollpolitik oder im Handels- und Bankenrecht (Bürgerliches Gesetzbuch) ohne Zweifel positive, d. h. in der Zielsetzung wie auch im Resultat wirtschaftsfördernde Akzente setzten.“

Für die Wirtschaftspolitik ergeben sich dabei klar Orientierungspunkte:

Wachstum von Einkommen, Beschäftigung und Know-how – also die Wissensökonomie – sind stets im Gewerbe und der Fertigung dynamischer als in landwirtschaftlichen oder extraktiven Fertigungsprozessen (Bergbau). Länder, die sich auf Gewerbe- und Industrieproduktion (oder höherstufige Prozesse im Dienstleistungssektor) spezialisieren, werden langfristig schneller wachsen als Länder, in denen die Urproduktion vorherrscht. Haben Putin und Co. noch nicht so ganz begriffen.

„Dieser einfache Zusammenhang erklärt, warum der Südstaatengürtel der USA (Cotton Belt) bis heute viel ärmer als der Norden und Westen der USA ist und warum afrikanische Länder im Durchschnitt ein Zehntel oder weniger des europäischen Durchschnittseinkommens erzielen. Sie haben oft weder Industrie noch nennenswerte Anteile ihrer Produkte am Weltmarkt. Der oft gepriesene Freihandel und die Globalisierung verläuft in vielerlei Hinsicht innerhalb breiter Kanäle – über die Hälfte des europäischen Handels etwa ist innereuropäisch, verbleibt damit innerhalb der Grenzen Europas. Aus diesen Zusammenhängen ergeben sich einige grundsätzliche Aspekte oder Entwicklungsgesetze, welche die moderne Forschung, insbesondere die Entwicklungsökonomie, aufgenommen hat“, schreibt Rössner.

In seinem Opus werden viele Beispiele für die Erfolge staatlicher Maßnahmen in der Wirtschaftsförderung benennt. So wurde 1727 in Schottland das sogenannte Board of Trustees for the Fisheries and Manufactures eingerichtet, ein Gremium mit begrenzter finanzieller Ausstattung an Staatsmitteln, welches sich vor allem aus heimischen Honoratioren und führenden Kaufleuten, Leinewebern und städtischen Oberschichten Schottlands zusammensetzte.

„Hier wurden Jahr für Jahr Geldmittel in die Entwicklung und Förderung der schottischen Leinentuchweberei investiert, etwa durch die Vergabe von Investivkrediten bei der Anlage von Bleichfeldern oder Bleichen, bei der Rekrutierung fremder Meisterspinner und Weber aus den Niederlanden und Frankreich, welche die schottischen Leineweber und Flachsspinner in die Geheimnisse hochwertiger Flachs- und Tuchproduktion einweihen sollten (Technologietransfer). Es wurden in bestimmten Segmenten Prämien auf gutes Stückwerk ausgezahlt, das für den Export, vor allem nach Amerika und der Karibik bestimmt war. Und es bestand eine generelle Überprüfungspflicht für alles in den Verkauf, d. h. auf den Markt kommende und nicht der Eigenkonsumtion vorbehaltene Tuch. Dieses musste an einer der circa 30 überall über Schottland verteilten Inspektionsstellen (dt. Leggen) durch einen staatlich vereidigten Inspektor überprüft werden, meist einen früheren Leineweber mit guten Kenntnissen des Gewerbes, bevor es offiziell in den Verkauf oder in den Export in eine der englischen ‚plantations‘ in der Karibik (Barbados, Jamaica) oder Nordamerika (vor allem Virginia, Maryland und North Carolina) ging (Rössner 2015). Fand man Tuche, die diese Kontrolle nicht durchlaufen hatten, wurden diese konfisziert und vernichtet. Ähnliche Formen staatlicher Überprüfung gab es an vielen anderen Orten des Kontinents; im Osnabrücker Raum (Tecklenburg-Lingen), einem der führenden Tuchproduzenten der Zeit, wurden diese ‚Leggen‘ genannt. Es liegt auf der Hand wie diese staatliche Wirtschaftsförderung, eine Mischung aus Zuckerbrot (Prämien auf gutes/geprüftes Stückwerk) und Peitsche (Konfiszierung schlechter Erzeugnisse, hohe Einfuhrzölle auf fremde Manufakturwaren), das ihrige zur Normierung, Qualitätskontrolle und schlussendlich zur Entstehung eines modernen Konsumentenmarktes beigetragen hat. Ohne Zweifel hat sie ganz entscheidend den Erfolg der schottischen Leinentuchindustrie während des 18. Jahrhunderts und einer zunehmenden Effizienz in diesem Gewerbe befördert. Die dynamisch wachsenden Produktions- und Exportzahlen bei gleichzeitiger Umschichtung des Segments hin zu höherwertigen Stoffen zeugen von einer beachtlichen Transformation der schottischen Tuchindustrie zwischen circa 1720 und 1800 und dem positiven Impetus des Staates in diesem Prozess. Dieser manifestierte sich auch, gleichsam als Spill-over-Effekt, im Wachstum der schottischen Baumwoll- und Barchentproduktion und ihrer beginnenden Mechanisierung seit circa 1750 „, erläutert Rössner.

Zweifellos zeige die Geschichte des europäischen Kapitalismus, dass an entscheidenden Schnittstellen – insbesondere der Unterstützung von Gewerbe und Industrie – die europäischen Staaten und Regierungen seit der Frühen Neuzeit oft die zentralen Stellschrauben richtig gesetzt und damit wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung in Europa entscheidend begünstigt, wenn nicht ermöglicht haben.

Man braucht charismatische und ein wenig verrückte Persönlichkeiten, die Neues durchsetzen, intelligenter organisieren und sich vom Routinebetrieb abgrenzen. Es sind nicht nur Unternehmer, die das schaffen, sondern auch Beamte wie der Generalpostmeister Heinrich von Stephan, der Ende des 19. Jahrhunderts unter Reichskanzler Otto von Bismarck aus Berlin ein Silicon Valley der Telekommunikation machte. Er erfand die Postkarte, gründete die Reichsdruckerei, das Postmuseum (heute: Museum für Kommunikation) sowie den Allgemeinen Postverein (1878 Weltpostverein) und forcierte erst in Deutschland, dann in der ganzen Welt den Aufbau der modernen Telegraphie. Stephan erkannte als einer
der Ersten die politische und wirtschaftliche Relevanz des Telefons als Medium der Echtzeit-Kommunikation. 

Welche Persönlichkeiten brauchen wir für Innovationen? Wolf Lotter hat auf der Kölner Fachmesse Zukunft Personal einige ins Spiel gebracht, die man möglichst meiden sollte.

Siehe auch:

Fördermittel für die Zukunftsfähigkeit des Mittelstandes: Über #Inflation, Nachhaltigkeit und Digitaler Staat #SchubkraftTV #DigitalX

Bis zu acht Milliarden Euro für Kliniken

Katar droht Europäern mit Gasentzug

Passt auch zur Rolle des Staates bei der Wirtschaftsentwicklung #Industrie40

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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