
Am dritten Tag der #ZPNachgefragtWeek sprach Almut Rademacher über etwas, das nach einer Selbstverständlichkeit klingt und doch eine Seltenheit ist: HR, Unternehmenskultur und Nachhaltigkeit als Einheit zu denken. Man müsse sich das zusammenbacken, sagte sie augenzwinkernd. Und dabei klang es fast so, als wäre der Dreiklang keine Entscheidung, sondern eine logische Konsequenz.
„Marantec hat sich für eine radikale Öffnung entschieden“, erklärte sie. „Wir sind kein Hidden Champion mehr, sondern ein Open Champion.“ In einer Zeit, in der Unternehmen oft von Abschottung und Kontrolle besessen sind, ist das eine bemerkenswerte Haltung. Während viele Mittelständler sich hinter Standorttreue und familiärer Tradition verschanzen, will Marantec das Gegenteil: Zusammenarbeit als Prinzip.
Doch es geht um mehr als ein Narrativ. „Zusammen erreicht man Dinge, die man alleine nie schaffen könnte.“ Ein Satz, der leicht daherkommt – aber was bedeutet das konkret?
Die Unternehmenskultur als Widerstandsfeld
Es ist eine Sache, Kooperationen zu propagieren, und eine andere, eine Unternehmenskultur zu verändern. „Wir kennen das ja alle“, sagte Rademacher. „Der Vorstandsparkplatz direkt vor der Tür, wehe, jemand stellt sich da drauf.“ Strukturen, die Mitarbeiter daran hindern, Verantwortung zu übernehmen, sind tief verwurzelt. „Darf ich das jetzt?“ – diese Frage stelle sich in vielen Unternehmen. Die Antwort sei oft: Nein.
Aber Marantec wolle eine andere Richtung einschlagen. „Wir bauen hier keine Machtstrukturen ab, um einfach nur nett zu sein. Wir tun das, weil es der einzige Weg ist, wirklich innovativ zu sein.“ Unternehmen, die sich in Silos und Hierarchien verlieren, würden nicht überleben.
„Wenn du in Kreislaufwirtschaft denkst, kannst du das niemals alleine machen.“ Es reicht nicht, „nachhaltig sein zu wollen“, wenn man nicht mit Partnern, Kunden und Lieferanten spricht. „Die Art, wie wir kommunizieren, entscheidet, ob wir Kreislaufwirtschaft nur auf PowerPoint-Folien haben oder in der Realität.“
Die romantische Idee vom Mittelstand
Dass die Hidden Champions standorttreu seien, könne man als Stärke betrachten – oder als Illusion. „Es heißt immer, der deutsche Mittelstand droht nicht mit Abwanderung. Aber warum? Weil sie es sich gar nicht leisten können.“ Niemand versetzt eine Belegschaft von Hunderten Menschen einfach nach Vietnam. Die Idee, dass ein Unternehmen nur aus Zahlen besteht, verkennt die Realität: „Man kann nicht einfach sagen: Wir nehmen unsere 330 Leute mit und gehen.“
Diese Einsicht hat Folgen. Sie zwingt Unternehmen, sich nicht auf günstige Produktionsbedingungen zu verlassen, sondern ihre Innovationskraft aus sich selbst heraus zu entwickeln.
HR als strategischer Kern – oder als Papiertiger?
In vielen Firmen werde HR noch immer als notwendiges Übel betrachtet, bestenfalls als Serviceabteilung. „Mir leuchtet gar nicht ein, wie man HR nicht strategisch aufhängen kann.“ Für Rademacher ist das keine Frage, sondern eine Selbstverständlichkeit. „Es gibt keine Transformation ohne die Menschen, die sie umsetzen.“
Doch HR muss mehr sein als ein Rekrutierungsapparat. „Die Frage ist nicht nur, wen wir einstellen, sondern wie wir alle darauf einstimmen, dass wir uns als gesamtes Unternehmen weiter nachhaltig aufstellen.“
Von Einhörnern und Kaffeemaschinen
Dann kam der Seitenhieb gegen eine deutsche Obsession: Over-Engineering. „Muss wirklich meine Kaffeemaschine von innen beleuchtet sein? Muss, wenn der Kaffee fertig ist, oben ein Einhorn rausspringen?“ Ingenieure, so Rademacher, hätten eine Schwäche für Perfektionismus – doch Innovation bedeute nicht, immer mehr Features hinzuzufügen, sondern die richtigen wegzulassen.
„Kreislaufwirtschaft beginnt nicht beim Recycling, sondern beim Design.“ Ein Produkt, das am Ende nicht zerlegt oder wiederverwertet werden kann, sei von Anfang an falsch gedacht. „Wenn du da fuscht, fuscht du auch am Ende.“
Das Umdenken als Marathon
Rademacher ist gerade erst bei Marantec gestartet. Vieles werde sich erst in den nächsten Wochen sortieren. „Ich könnte dir jetzt meine 18 offenen Tabs mit Notizen zeigen, aber sortiert sind die noch nicht.“
Doch sie ist sich sicher, dass der Weg richtig ist. „Es führt einfach kein Weg dran vorbei, über neue Ideen nachzudenken.“ Marantec hat sich für Öffnung entschieden. Ob andere Hidden Champions folgen, bleibt abzuwarten. Aber vielleicht ist auch das eine Frage der Unternehmenskultur. „Die Ideen sind alle schon da. Wir müssen nur aufhören, sie zu verstecken.“