Das Missverständnis des Lernens #ZPNachgefragtWeek

Fehler? Ach was, Fehler sind etwas für die anderen. Für die Unvorsichtigen, die Unüberlegten, die Stümper. Wer erfolgreich sein will, macht keine Fehler. So das Dogma. Doch dann sitzen sie dort – Roman Rackwitz, Lutz Becker, Sabria David – und zerlegen das Fundament, auf dem so viele Unternehmen ihre vermeintliche Sicherheit errichtet haben.

„Man muss sich die Frage stellen, warum Unternehmen in Krisenzeiten besonders konservativ werden“, sagt Sabria David und legt den Finger in die Wunde. „Gerade dann wird der Experimentierraum geschlossen, statt ihn zu öffnen.“ Es ist eine alte Geschichte: Sobald Unsicherheit droht, klammert man sich an Bewährtes, druckt Hochglanzbroschüren und simuliert Fortschritt, ohne ihn zu wollen. Becker nickt. „Wir haben eine Fehlervermeidungsstrategie perfektioniert, die nur eines sicherstellt: Dass nichts Neues entsteht.“

Das Hochglanzparadoxon

Die Sache mit den Hochglanzbroschüren – ein wiederkehrendes Motiv. Wer Innovation behauptet, aber nur das Lackieren alter Strukturen perfektioniert, der täuscht sich und andere. Lutz Becker beschreibt es so: „Unternehmen schmücken sich mit Worten wie Agilität, Digitalisierung, Cultural Change – aber am Ende bleibt alles gleich.“ Der Status quo wird verteidigt, als wäre er ein Bollwerk gegen die Zukunft. „Die Amerikaner machen es anders“, fährt Becker fort. „Dort investiert man groß, hofft auf den einen Treffer. Wir dagegen setzen auf Pilotprojekte mit Verfallsdatum.“ Fehlervermeidung als oberstes Prinzip – und damit auch Innovationsvermeidung.

Der falsche Glaube an Zahlen

Hier setzt Roman Rackwitz an. „Das Problem ist: Sobald ich ein Ziel quantifiziere, fokussiert sich das Gehirn nur noch darauf. Es sucht nicht mehr nach Alternativen.“ Das Dilemma? „Wenn alles nur noch nach Kennzahlen gemessen wird, dann optimieren wir für die Zahl, aber nicht für das Lernen.“ Das hat mit Spielen wenig zu tun – und Rackwitz ist der Mann fürs Spiel. „Im Spiel bist du bereit, neunmal zu scheitern, um das zehnte Mal zu gewinnen. In Unternehmen ist schon ein einziger Fehler eine Katastrophe.“

Doch was tun? Die Lösung könnte so einfach sein: weniger Zahlen, mehr Spiel. Statt KPIs, die Innovationsfähigkeit blockieren, lieber ein System, das kreative Irritationen aushält. „Wenn man Experimente nicht aushält, wird man nie etwas Neues entdecken“, sagt David. „Aber genau das ist das Problem: Unternehmen wollen das Störgefühl vermeiden.“

Die Angst vor der Lücke

Hier kommt ein tiefes Missverständnis ins Spiel. Transformation geschieht nicht dadurch, dass man das Alte optimiert, sondern indem man das Unbekannte aushält. David beschreibt es so: „Die neuen Muster sind noch nicht da, die alten funktionieren nicht mehr. Das erzeugt Unsicherheit. Und was tun Organisationen? Sie flicken das Loch mit alten Methoden, statt es als Chance zu sehen.“ Es ist der Reflex der Rückversicherung, das schnelle Stopfen von Unsicherheit mit bekannten Mitteln. So wird verhindert, dass echte Transformation entsteht.

In ihrem neuen Buch Zeichen und Wunder (Frohmann Verlag) untersucht David genau diese Mechanismen der Veränderung und zeigt, wie nachhaltige Transformation gelingen kann – jenseits von Hochglanzstrategien und hektischen Optimierungsversuchen. „Mit dem Aushalten der Irritation beginnt die Veränderung“, schreibt sie dort. Ein Satz, der als Leitsatz für eine echte Experimentierkultur taugen würde.

Das Versprechen der Künstlichen Intelligenz

Wenn Unternehmen sich selbst blockieren, braucht es vielleicht einen Trick von außen. Hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel. Becker sieht darin eine Chance: „Die KI zwingt uns, Prozesse grundsätzlich in Frage zu stellen.“ Doch auch hier droht die Gefahr der alten Muster. „Wir haben die Digitalisierung schon nicht aktiv gestaltet“, warnt David. „Jetzt droht mit der KI das gleiche Spiel: Konsumieren statt gestalten.“ Der Mensch als passiver Nutzer, statt als aktiver Denker. Doch genau das wäre das eigentliche Potenzial: KI als Verstärker menschlicher Talente, nicht als Ersatz.

Der Ketchup-Effekt

Doch wie schafft man eine neue Lernkultur? Becker bringt es auf den Punkt: „Es ist wie mit der Ketchupflasche. Man schüttelt, schüttelt – nichts passiert. Und dann kommt auf einmal alles auf einmal raus.“ Dieses Prinzip der Serendipität – des zufälligen Entdeckens – müsse bewusst in Organisationen verankert werden. Es brauche Räume, in denen Neues entstehen könne, ohne dass sofort ein Ergebnis eingefordert werde. David ergänzt: „Technik und Kulturtechnik müssen zusammen gedacht werden. Eine digitale Lösung allein verändert gar nichts, wenn nicht auch die Denkweise mitzieht.“

Die Absage an den Perfektionismus

Zum Schluss bleibt die Erkenntnis: Lernen kann nur gelingen, wenn man Fehler nicht als Niederlage, sondern als Erkenntnisgewinn betrachtet. „Wir brauchen eine neue Experimentierfreude“, sagt Rackwitz. Doch solange Unternehmen an ihrem Perfektionismus festhalten, bleibt alles beim Alten. Die Türen in den Fluren bleiben geschlossen, die KPIs unangetastet, die Hochglanzbroschüren gedruckt. Und genau das ist der größte Fehler von allen.

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