
Tageslosung: Wo Worte und Gedanken die Realität formen. Es geht um einen meiner Lieblingsphilosophen: Michel Serres und seine kleine Chroniken: „Sonntagsgespräche“, die er gemeinsam mit Michel Polacco geführt hat. Der dazu veröffentlichte Merve-Band ist eine Sammlung von siebenminütigen Gesprächen, die wöchentlich im Radiosender France Info ausgestrahlt wurden. Jedes Gespräch drehte sich um ein zentrales Thema. Besonders inspirierend fand ich die Ausführungen zur Identität. Die Verwechslung von Identität und Zugehörigkeit ist ein weit verbreiteter Fehler. Kulturelle oder sexuelle Identitäten sagen nichts über das Individuum aus, sie weisen lediglich auf eine Zugehörigkeit hin. Auch die regionale Identität macht nicht mehr Sinn. Identität bedeutet einfach: Ich bin ich. Alles andere sind Zugehörigkeiten.
„Aber wie definiere ich mich, wenn ich mich nicht auf meine Zugehörigkeiten stütze? Die Antwort ist einfach: Die Polizei kann mich durch die Überprüfung von Überschneidungen meiner Zugehörigkeiten finden. Ich gehöre zu vielen Gruppen: Studierende, ehemalige Rugby-Spieler, Bergsteiger, Freunde von France Info, Coca-Cola-Trinker, Engelssprecher und so weiter“, so Serres.
Doch die Verwechslung von Identität und Zugehörigkeit ist mehr als nur ein logischer Fehler. Es ist ein politischer Fehler, vielleicht sogar ein politisches Verbrechen. Rassismus entsteht genau aus dieser Verwechslung. Wenn man Menschen auf Hautfarbe, Religion oder Herkunft reduziert, entsteht Verfolgung. Anstatt zu erkennen, dass jemand ein Individuum ist, reduziert man ihn auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Und diese Gruppe kann dann verfolgt werden.
Wie können wir diesen Fehler vermeiden? Indem wir den Ausdruck „Zugehörigkeit“ verwenden. Würde das vor Rassismus schützen? Ja, denn oft führen sprachliche Unklarheiten zu abscheulichen sozialen und politischen Verhaltensweisen. Wenn wir das Wort „Identität“ ausschließlich auf Individuen beziehen, würden wir zweifellos dazu gelangen, diese zu respektieren.
Siehe auch meine Netzpiloten-Kolumne über die Ausgrenzungsideologen.