„Wir sind in Deutschland technologisch vergreist“ – Sohn@Sohn-Podcast mit Professor Lutz Becker und Thomas Schlereth

Die Rückständigkeit deutscher Manager in digitalen Anwendungen – eine Gefahr für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und dem Reifegrad des digitalen Staates. Im Sohn@Sohn-Roundtable-Gespräch diskutieren Professor Lutz Becker von der Hochschule Fresenius und Thomas Schlereth, CEO bei Can Do, über die rückständige Haltung vieler deutscher Manager bei digitalen Anwendungen und beim Einsatz von Künstliche Intelligenz (KI).

Innovationshemmnis: Die veralteten Strukturen in deutschen Unternehmen

Professor Becker brachte es auf den Punkt: „Wir sind in Deutschland technologisch vergreist.“ Dieses harte Urteil spiegelt die weitverbreitete Realität wider, dass deutsche Manager oft an traditionellen Methoden festhalten, statt die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen. Becker betonte, dass viele Unternehmen noch immer auf Monatsabschlüsse und wöchentliche Meetings setzen, während die moderne Technik längst Echtzeitdaten und sofortige Reaktionsmöglichkeiten bietet.

Thomas Schlereth fügte hinzu: „Ein Projektleiter, der einmal im Monat in seinen Projektplan schaut, sollte eigentlich einen anderen Beruf ausführen.“ Diese Aussage verdeutlicht die dringende Notwendigkeit, dass Manager lernen, die verfügbaren Echtzeit-Tools zu nutzen, um Projekte effizienter zu steuern. Schlereth verwies auf die Vorteile seiner Echtzeit-Software, die sofortige Updates und Anpassungen ermöglicht. „Wenn ein Kollege krank wird und dies eingetragen wird, sind die Auswirkungen auf alle Projekte sofort sichtbar,“ erklärte er.

Der verpasste Anschluss an die KI-Revolution

Ein weiteres großes Thema war die mangelnde Kompetenz deutscher Manager im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Schlereth schilderte eindrucksvoll die Fortschritte, die in anderen Ländern, insbesondere in den USA und Skandinavien, gemacht werden: „Wir arbeiten viel mit skandinavischen Ländern und den USA zusammen. Da ist es normal, dass Manager sofortige Informationen wollen und nicht auf Monatsberichte warten.“

Ein Beispiel, das Schlereth besonders hervorhob, ist die Arbeitsweise von Amazon Web Services (AWS). „Wir trainieren gerade bei Amazon eine künstliche Intelligenz mit strukturierten Daten aus unserem System,“ berichtete er. Diese KI sei in der Lage, in Echtzeit auf Veränderungen zu reagieren und sofortige Antworten zu liefern. „Wenn ich unsere internen KIs etwas frage, bekomme ich eine Antwort, die ist dann gut. Und wenn ich in einer Woche nochmal frage, ist sie noch besser,“ erläuterte Schlereth. Diese kontinuierliche Verbesserung der KI-Systeme zeige, wie weit andere Länder bereits in der Nutzung solcher Technologien seien.

Die kulturellen Hindernisse und ihre Auswirkungen

Ein zentrales Hindernis sieht Schlereth in der deutschen Unternehmenskultur: „Wir haben in Deutschland keine Fehlerkultur. Wenn jemand etwas falsch macht, wird er gebasht. Das gilt es zu vermeiden.“ Diese Angst vor Fehlern und der damit einhergehenden Innovationshemmung sind nach Ansicht beider Experten zentrale Probleme, die gelöst werden müssen, um den digitalen Rückstand aufzuholen.

„Bei großen Unternehmen ist es häufig so, Hauptsache es explodiert nicht“, so Schlereth. Diese Haltung verhindert notwendige Veränderungen und Anpassungen an die digitalen Herausforderungen. Er skizzierte, dass die Firmenkultur sich dahingehend verändern müsse, dass kontinuierliche Verbesserungen und Experimente als Teil des normalen Geschäftsbetriebs angesehen werden.

Die Folgen für die Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen

Die mangelnde Anpassungsfähigkeit und Innovationsbereitschaft haben weitreichende Konsequenzen für die Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen. „Wenn die Autobranche jetzt nicht in die Pötte kommt, hat sich die Sache dann irgendwann mal erledigt,“ warnte Schlereth.

Der digitale Staat – ein weiteres Sorgenkind

Nicht nur die Wirtschaft, auch der deutsche Staat hat erhebliche Probleme mit der Digitalisierung. Schlereth kritisierte scharf: „Was Digitalisierung in der Verwaltung betrifft, kann man das nicht reformieren.“ Ein Beispiel aus den baltischen Staaten zeigte, wie es besser gehen könnte: „In den baltischen Staaten ist es so, wenn ein Kind geboren wird, trägt der Arzt das digital ein und am nächsten Tag kommt das Kindergeld.“

Ein Weckruf für Deutschland

Das Gespräch zwischen Professor Becker und Thomas Schlereth ist ein eindringlicher Weckruf für Deutschland. Die Unternehmen und der Staat müssen dringend ihre digitale Kompetenz verbessern, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Innovation, Anpassungsfähigkeit und eine positive Fehlerkultur sind entscheidend, um die Herausforderungen der digitalen Transformation erfolgreich zu meistern.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.