Harvey Nash-Chef kritisiert BundOnline-Projekte: „Verwaltungsmodernisierung ist bislang ein Rohrkrepierer“

Auf dem IT-Gipfel bekräftige Bundeskanzlerin Angela Merkel die wichtige Führungsrolle der öffentliche Hand beim Einsatz von Informationstechnologien. „Ähnlich selbstbewusst klangen die Proklamationen der Schröder-Regierung in der rot-grünen Koalitionsvereinbarung. Man wollte den aktivierenden Staat an die Stelle des schlanken Staates setzen und die Verwaltungsmodernisierung vorantreiben. Ein wesentlicher Punkt war, alle onlinefähigen Dienstleistungen des Bundes im Internet anzubieten – dem Bürger, der Wirtschaft und anderen Verwaltungen. Das Ärzteteam am Kabinettstisch verabreichte der maroden und teuren Bundesverwaltung eine Therapie: Internettechnologie als Allheilmittel gegen Lähmungserscheinungen und unterentwickelten Kommunikationsfähigkeiten. ‚BundOnline 2005’ hieß der Heilplan. Rund 18 Modellprojekte erhielten Finanzspritzen in insgesamt dreistelliger Millionenhöhe, um den Patienten Leben einzuhauchen. Dazu kommen noch hochbezahlte Strategieberater, die sich im Bundesinnenministerium die Klinke in die Hand geben“, so Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer IT-Dienstleisters Harvey Nash, im Gespräch mit ne-na.de. Das Jahr 2005 sei nun lange vorbei und das Ergebnis insgesamt ernüchternd. Einige Projekte wie das Förderportal oder der Liegenschaftsnachweis würden ein Mumiendasein fristen. „Andere dümpeln vor sich hin. Kaum ein Projekt hat die erhoffte Nutzerfrequenz erreicht. Von einer Führungsrolle des Bundes beim Thema eGovernment kann also keine Rede sein. Das Ganze verdient einen Ehrenplatz im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler und sollte vom Bundesrechnungshof genau untersucht werden“, fordert IT-Experte Nadolski.

Das Kabinett-Ärzteteam habe bei seinen Online-Initiativen etwas Wesentliches vergessen: „Wo krankt der Patient und welche Therapie macht Sinn? Wer braucht die Internetdienstleistungen des Bundes, was muss getan werden, damit sie auch genutzt werden und wie können Doppelentwicklungen vermieden werden? Ohne Anamnese gibt es keine erfolgreiche Medikation, so viel ist klar. Die verstorbenen Patienten des BundOnline-Projektes wurden in aller Stille zu Grabe getragen und die Todesursache lautet in allen Fällen ‚ärztliches Versagen’“, resümiert Nadolski.

Die Kritik aus der Wirtschaft macht sich auch an Staatsekretär Hans Bernhard Beus fest, der auf dem IT-Gipfel von Kanzlerin Angela Merkel zum Bundes CIO gekürt wurde: „Beus war verantwortlich für die eGovernment-Initiative ‚BundOnline 2005’ und dies bemerkenswert erfolglos. Da sind fast nur Totgeburten herausgekommen“, bestätigt Mittelständler Michael Müller. An dem IT-Kuddelmuddel des Bundes werde sich nichts ändern: Dies beruhe nicht auf der Unfähigkeit der einzelnen Ministerien, die Projekte sinnvoll zu planen und umzusetzen, sondern an der bürokratischen Verwaltung. Die notwendige Kooperation der Ministerien scheitere an dem Gezerre um Zuständigkeiten, Kompetenzgerangel oder schlichtweg an lethargischen Oberamtsräten: „Da braucht man sich nur das Verteidigungsministerium anschauen. Die schreiben seit Jahren lieber wöchentlich lange Berichte, warum sie etwas nicht können, statt es einfach zu tun. Die Hausleitungen der Ministerien sind dabei erstaunlich leidenschaftslos, woran auch ein Bundes CIO nichts ändern wird. Die Ressorts lassen sich nicht gerne etwas von einem anderen Haus sagen. Das nennt man dann Ressortbefindlichkeit. Und die Hausleitungen kümmern sich um das Tagesgeschäft, wenig um die Informationstechnik“, weiß Müller

Um die Ressorts zu sinnvollen Kooperationen zu bewegen, seien in der Vergangenheit Kabinettsbeschlüsse erlassen worden, die in den wenigsten Fällen tatsächlich umgesetzt wurden. „Am grünen Kabinettstisch haben die Damen und Herren so lange an den Vorlagen herumgefingert, bis jeder Beschluss so viele Schlupflöcher geboten hat, dass sich letztlich keiner daran halten musste“, so Müller. Beispiel für die Schlupflochformulierungen. „Das Projekt ist einzuführen, es sei denn wirtschaftliche, technische oder organisatorische Gründe sprechen dagegen“. Um eine ordentliche IT-Strategie des Bundes zu etablieren, müsse man die Projektverantwortlichen der einzelnen Häuser stärken. „Dazu gehören ressortübergreifende Kompetenzen. Und diese können nur durch einen entsprechenden Kabinettsbeschluss auf den Weg gebracht werden, der ohne Schlupflöcher verpflichtend ist. So und nicht anders funktioniert Verwaltung“, so IT-Fachmann Müller. Die Kanzlerin habe der IT-Wirtschaft mit dem Bundes CIO eine Mogelpackung serviert. Merkel sei wohl die Ressorthygiene wichtiger als eine durchsetzungstaugliche IT-Strategie des Bundes. „Es ist fraglich, wie lange sich die IT-Entscheider noch auf den IT-Gipfeln in den nächsten Jahren um die Kanzlerin scharen werden. Das Spektakel ist zwar medienwirksam, doch heiße Luft sollte nicht nur im Sinne der Klimakatastrophe vermieden werden“, resümiert Müller.

Vermächtnis von Bill Gates: Wir brauchen Garagentüftler und keinen pompösen IT-Gipfel

Man soll immer dann gehen, wenn es am schönsten ist. Oder wenn man als Unternehmer am erfolgreichsten ist. Legt man diese Kriterien an, dann hat Microsoft-Gründer http://www.microsoft.com Bill Gates vielleicht schon die Zeit für den richtigen Abgang verpasst. In letzter Zeit hat das Markenimage von Microsoft doch arg gelitten, weil Wettbewerber einfach den besseren Riecher für neue Trends hatten. Mit 52 Jahren räumt Gates, der mit seinen ewigen Pullovern, der nicht unbedingt modischen Brille und Frisur immer noch wie ein Informatik-Student im 20 Semester aussieht, jedenfalls den Schreibtisch und will in Zukunft nur noch Philantrop sein. Die finanziell hervorragend gepolsterte „Bill & Melinda Gates Foundation“ http://www.gatesfoundation.org liefert ihm dafür die nötige Basis.

Die in den Vereinigten Staaten idealisierte „Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär“-Karriere kann Gates nicht vorweisen. Das liegt eventuell auch daran, dass es immer mehr Spülmaschinen gibt und Gates als zweitreichster Mann der Welt selbstverständlich mehrfacher Milliardär ist. Er wuchs als Sohn eines wohlhabenden Rechtsanwalts und einer Lehrerin auf und machte bereits in der Grundschule mit seinen überragenden Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften auf sich aufmerksam. Dass ein abgeschlossenes Hochschulstudium keine Voraussetzung für eine Karriere als erfolgreicher Unternehmer ist, stellte Gates ebenfalls unter Beweis. Zwar ging er 1973 an die renommierte Harvard-Universität, doch schon zwei Jahre später brach er sein Studium ab.

Doch Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war noch nicht abzusehen, wie clever und geschäftstüchtig der etwas linkisch wirkende „Tekkie“ einmal werden sollte. Im Sommer 2007 erinnerte sich der Informatik-Professor Harry R. Lewis an seinen ehemaligen Studenten, den er in den Jahren 1974 bis 1975 unterrichtete. „Ich habe Gates in der Zeit gut kennengerlernt. Ich denke, er war ziemlich gelangweilt in meinen Kursen und hat ja selbst gesagt, dass er sich in den meisten Seminaren gelangweilt hat. Aber er ging zu vielen Veranstaltungen und war ziemlich interessiert“, so der vormalige Dekan des Harvard Colleges gegenüber Spiegel-Online http://www.spiegel.de. „Manchmal schlief er in den Seminaren ein. Nachher habe ich erfahren, dass er bis tief in die Nacht möglicherweise an der Gründung von Microsoft arbeitete. Das erklärte natürlich, warum er dann am Tag schläfrig war.“

Auch heute noch schlafen viele Studenten in Vorlesungen und Seminaren ein oder kommen erst gar nicht aus dem Bett und brechen ihr Studium ab. Sie werden aber in der Regel Taxifahrer und nicht Multimilliardär. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest http://www.tns-infratest.com im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ergab aber zumindest, dass Bill Gates für angehende Jungunternehmer in Deutschland das größte Vorbild ist. Ein weiteres erstaunliches Resultat: Drei Viertel der Jugendlichen im Schulalter können sich laut dieser Studie vorstellen, später selber Unternehmer zu werden. Und dass, obwohl sie von Beamten unterrichtet werden, die oft noch keinen Betrieb aus der Nähe gesehen haben.

Insbesondere die Informationstechnologie (IT), für die Gates wie kein zweiter steht, ist für die Wirtschaft in Deutschland wie in der übrigen westlichen Welt von enormer Bedeutung. Auf der Computermesse Comdex rief der Microsoft-Gründer daher im Jahr 2001 ein „digitales Jahrzehnt“ aus. „In dieser digitalen Dekade wird Computer-Technologie jeden Teil unseres Lebens verändern und das Versprechen des wirklich sicheren und wirklicheren persönlichen Computers einlösen“, so Gates. „In Deutschland fehlt es an weithin bekannten Vorbildern wie Gates, auch wenn Ende vergangenen Jahres wieder ein pompöser IT-Gipfel veranstaltet wurde“, sagt Tobias Janßen, Vorstandschef der Düsseldorfer Beratungs- und Beteiligungsgesellschaft Goldfish Holdings http://www.goldfish-holdings.com und Mitglied im Executive Board der American Chamber of Commerce http://www.amcham.de. „Bei solchen Treffen schielt man hierzulande nur auf die großen Konzerne. Mittelständler oder gar der findige Jungunternehmer in der Garage haben hierzulande kaum eine echte Chance. Bei uns hätte Bill Gates wahrscheinlich nicht so eine erstaunliche Karriere gemacht.“

„Wenn ich heute zwischen 18 und 22 Jahre alt wäre, würde ich mich von Frau Merkel, dem SAP-Chef Kagermann oder dem Bitkom-Präsidenten Professor Scheer, der für die Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien steht, nur bedingt angesprochen fühlen. Die Informationstechnologie muss bei uns dringend aus dem Old-Economy-Muff erwachen. In den USA und in anderen Ländern ist man schon wesentlich weiter“, bestätigt Michael Zondler vom Düsseldorfer IT-Beratungshaus Harvey Nash http://www.harveynash.de im Gespräch mit dem Onlinemagazin NeueNachricht.

Merkel und der Old-Economy-Muff

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) konnte sich nicht gegen Kanzlerin Merkel (CDU) und Wirtschaftsminister Glos (CSU) durchsetzen: Auf dem so genannten „IT-Gipfel“ in Hannover erhielten Forderungen nach einer Lockerung des Zuwanderungsrechts für IT-Spezialisten eine Absage. In Deutschland fehlen nämlich nach Einschätzung von Fachleuten rund 45.000 solcher Experten. Dies bremse das Geschäft der Informations- und Kommunikationstechnologie, so der Branchenverband Bitkom http://www.bitkom.de.

„Es gibt keinen Mangel an IT-Spezialisten. Es kommt lediglich darauf an, wie und wo man sucht“, erklärte Michael Zondler, Regional Manager Süd beim IT-Beratungsunternehmen Harvey Nash http://www.harveynash.de. In Asien finde nahezu jede zweite Ausbildung im High-Tech-Segment statt. In Deutschland käme man nur auf rund 20 Prozent. „In Asien gibt es eine Milliarde Menschen unter 30 – es kommt also lediglich darauf an, wie man diese Skill-Migration organisiert. Im Moment benötigen wir sie dringend. Daher ist Merkels Absage an mehr Zuwanderung von High Potentials falsch.“

Allerdings bestreitet auch der IT- und Personalexperte Zondler nicht, dass die Unternehmen nicht nur auf Zuwanderung setzen darf: „Entscheidend für den Erfolg ist die Perspektive IT für den Nachwuchs. Wenn man es richtig anstellt, dann kann man auch die Mädchen und Jungen, die intelligent sind und global denken, für eine solche Karriere motivieren.“ Doch zurzeit werde einfach zu wenig dafür gemacht, dass IT „sexy“ rüberkomme. „Ich vermisse neben den Lippenbekenntnissen und wenigen Aktionen eine breite Initiative mit Anzeigen, Kampagnen, Radio- und TV-Spots sowie Road Shows der High Tech-Unternehmen. Es reicht einfach nicht mehr aus, nur zu ausgewählten Campus-Veranstaltungen oder spezialisierten Recruiting-Messen zu gehen. Das trockene technokratische Image muss ganz schnell aufpoliert werden. Dafür brauchen wir junge und unverbrauchte Gesichter.“

„Sorry, aber wenn ich heute zwischen 18 und 22 Jahre alt wäre“, so Zondler spitz, „würde ich mich von Frau Merkel, dem SAP-Chef Kagermann oder dem Bitkom-Präsidenten Professor Scheer nur bedingt angesprochen fühlen. Wo sind die Sergey Brins und Larry Pages aus Deutschland? Die IT muss hierzulande dringend aus dem Old-Economy-Muff erwachen. Die Gipfelstürmer wie Gameforge, Yoc, Youtube, Google, Xing, Linked In oder United Internet müssen jetzt den Stab übernehmen.” Ob die Botschaft angekommen ist? Bitkom-Präsident Scheer jedenfalls erklärte den zweiten nationalen IT-Gipfel aus Sicht der ITK-Branche zu einem vollen Erfolg.