
Der gestrige Abend im Gustav-Stresemann-Institut war mehr als eine Podiumsdiskussion. Es war eine Lektion über die Fragilität unserer Ordnung – von Washington bis Bad Godesberg. Unter dem Titel „Herausforderung für den internationalen Standort Bonn“ trafen Martin Schulz, Lisa Glaremin und Jochen Reeh-Schall aufeinander.
Martin Schulz: Die bittere Diagnose
Martin Schulz zeichnete das düstere Panorama einer westlichen Welt, die ins Autoritäre kippt. Sein Satz, die USA entwickelten sich zu einem autoritären System, hallte lange nach. Trumps Rückkehr ins Weiße Haus sei nicht nur eine innenpolitische Krise Amerikas, sondern ein Schlag gegen die Fundamente internationaler Zusammenarbeit. Im Oval Office regiere, so Schulz, die personifizierte Respektlosigkeit, Intoleranz, Würdelosigkeit.
Damit zerbrach er die alte Atlantik-Illusion. Was einst „transatlantische Wertegemeinschaft“ hieß, sei nur noch ein morscher Steg. Europa müsse, wenn es überleben wolle, politisch erwachsen werden. Nicht länger ökonomischer Riese und politischer Zwerg, sondern souveräner Akteur im Sturm der Weltpolitik.
Und Schulz erinnerte am Schluss – in Reaktion auf die frühere Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann – daran, dass ein Oberbürgermeister, eine Oberbürgermeisterin immer mehr repräsentiert als eine Verwaltung. Bonn sei Weltstadt, UN-Standort, Bühne. Wer hier regiere, vertrete nicht nur die Bürgerinnen und Bürger, sondern auch ein Stück internationale Ordnung.
Jochen Reeh-Schall: Bonn im Spiegel der Globalpolitik
Jochen Reeh-Schall, SPD-Kandidat für das Amt des Bonner Oberbürgermeisters, nahm den Ball auf – und schlug ihn bewusst ins Lokalfeld. Seine These: Bonn kann nur internationale Stadt sein, wenn sie auch für die Menschen vor Ort funktioniert.
Reeh-Schall kritisierte die amtierende Oberbürgermeisterin Katja Dörner. Zu oft habe sich die Stadt in Symbolpolitik erschöpft, während handfeste Probleme ungelöst blieben. Beispiele brachte er zur Genüge:
- Wohnungsbau: Jahrelang sei behauptet worden, die Bevölkerung schrumpfe – mit der Folge, dass zu wenig gebaut wurde. Heute koste Wohnen für viele die Hälfte des Einkommens. „Da müssen wir bauen – bezahlbar, genossenschaftlich, städtisch. Sonst verlieren wir das Vertrauen der Menschen.“
- Klimapolitik: Statt über Blühbeete zu debattieren, brauche es Taten: vollständige Elektrifizierung der Busflotte bis 2035, Photovoltaik auf allen geeigneten Dächern, massiver Ausbau von Nahverkehr und Infrastruktur. Bonn dürfe nicht auf Veranstaltungen Klimaneutralität proklamieren, während es praktisch hinter Koblenz zurückfalle.
- Bürokratie: Internationale Organisationen klagten über Behördengänge, die Monate dauerten. Wer Bonn als UN-Standort stärken wolle, müsse die Verwaltung digitalisieren, verlässlich und freundlich machen.
Sein Leitgedanke: Bonn müsse jene Sicherheit und Wertschätzung bieten, die Trump in New York gezielt unterminiert. Internationale Mitarbeitende, Forschende und Diplomaten dürften nicht das Gefühl haben, nur geduldet zu sein. Bonn solle der Gegenentwurf sein: verlässlich, menschlich, zugewandt.
Zwischen Weltpolitik und Stadtrat
Das Besondere an diesem Abend war nicht, dass ein Europapolitiker die große Bühne ausmalte und ein Kommunalpolitiker das Kleinklein beschrieb. Es war die Erkenntnis, dass beides zusammengehört. Internationale Glaubwürdigkeit wächst nicht allein in Brüssel oder Berlin, sondern auch dort, wo UN-Mitarbeiter ihre Kinder in die Schule schicken, wo internationale Wissenschaftler Wohnungen suchen und wo Busse pünktlich fahren.
Man konnte an diesem Abend den Eindruck gewinnen: Während anderswo große Worte gesprochen werden, ist es gerade das vermeintlich Kleine – Wohnungen, Busse, Ämter –, das über die Stabilität der Demokratie entscheidet.
Schulz brachte die strategische Dimension: Ohne eine starke, geeinte EU wird Deutschland im Sturm der Weltpolitik zerrieben. Reeh-Schall ergänzte: Ohne eine funktionierende Stadt verliert Bonn das Vertrauen seiner Bürgerinnen und Bürger und damit auch seine internationale Strahlkraft.
Das eine ohne das andere wird nicht gehen. Bonn muss Weltpolitik und Alltagsprobleme zusammendenken.

Disclaimer: Die technische Regie für das Livestreaming übernahm Constantin Sohn.
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