Kompetenzsimulation auf LinkedIn und Co. – Interesse an einem netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs zu diesem Thema?

Hashtag-Soziologie

Der Kölner Soziologe Klaus Janowitz hat sich der Herkules-Aufgabe gewidmet, in der vernetzten Welt für etwas mehr Klarheit zu sorgen. Erinnert sei an seine Überlegungen zur Hashtag-Ökonomie als Gegenentwurf zur durchorganisierten Gesellschaft. Es geht dabei um Verbindungen von Neigungen und Interessen. Es geht um vernetzten Individualismus fernab von Reports, Indikatoren, Kennzahlen und Excel-Tabellen, die nur Ausdruck der Hilflosigkeit in einer vernetzten Welt sind. Vor Jahren widmete sich Janowitz der Einordnung des Begriffes der Digitalen Transformation. Seit Ewigkeiten wird uns dieser Begriff um die Ohren gehauen.

Dabei findet und fand Janowitz eine Menge heiße Luft, etwa im Buch der so genannten Digital-Darwinisten Karl-Heinz Land und Ralf Kreuzer:

„Mit dem Begriff digitale Transformation wird der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten.“

Zerpflückt man diesen Satz in seine Einzelteile, bleibt wenig Substanz übrig. Was heißt denn „zielgerichteter Einsatz“? Was sind eigene Wertschöpfungsprozesse?

Was bedeutet das generell für die Tautologien, die uns von Digitalen Darwinisten oder sonstigen Digitalen Evangelisten aufgetischt werden? Solche Netz-Erklärer, die die Konferenzbühnen beherrschen, stellen sich nicht einer kritischen Überprüfbarkeit ihrer Erzählungen. Wo bleibt die theoretische Fundierung im Diskurs über die Wirkungen der Digitalisierung für Wirtschaft, Gesellschaft und Staat? Das vorherrschende Geschwätz in Netz-Debatten, die sich mit Künstlicher Intelligenz, Digitaler Transformation, Content Marketing, Storytelling, Plattformen oder Industrie 4.0 beschäftigen, bestehen aus „ganzheitlicher“ Phrasendrescherei. Das gilt für die Beraterzunft und auch für die betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich ausgebildeten Stichwortgebern.

Selbstkonstruierter Unsinn

Der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert würde das Keynote-Gemurmel als selbstkonstruierten Unsinn abtun. Belastbar seien nur Aussagen, die sich anhand einer Auseinandersetzung mit der uns umgebenden realen Welt überprüfen lassen. Es dominieren aber hypothesenlose Leerformeln, die ihre empirische Gehaltlosigkeit verschleiern. Man könnte sogar von Dogmen sprechen, da uns von vielen digitalen Vordenkern absolute Gewissheiten verkauft werden, ohne auch nur in Ansätzen empirische Einsichten zu vermitteln. Man fahndet nur nach Bestätigungen der eigenen Sichtweise und schließt von Einzelphänomenen auf die Allgemeinheit. Vermeintliche Wahrheiten wurden und werden von gläubigen Anhängern ohne Überprüfung der Fehlerhaftigkeit verteidigt. Wer nicht an sie glaubt, gilt als verstockt und rückwärtsgewandt. Eine kritische Urteilsfähigkeit kann so nicht entstehen. Selbst eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf eine Gesetzmäßigkeit zu ziehen. Und dann gibt es noch eine beträchtlich Anzahl an Kompetenz-Simulanten, die nur ihre Ahnungslosigkeit kaschieren und auf fahrende Züge aufspringen wollen. Das gilt selbst für Informatik-Professoren, die uns irgendetwas von ISDN erzählen wollten in Zeiten, wo das zum technologischen Fallobst zählte. Hinter der Fassade der Selfies und der Schonwetter-Postings steckt schlichtweg Lüge, Angeberei und Dunnbrettbohrer-Wissen. Im Autorengespräch mit Wolf Lotter habe ich das thematisiert:

Lotter spricht über die zunehmende Tendenz unserer Gesellschaft, sich auf das Einfache und Bequeme zu konzentrieren. Er kritisiert die „Fake-Industrie“, die sich aus der Bequemlichkeit heraus entwickelt hat, und fordert ein Ende dieser Entwicklung.

Lotter hebt hervor, dass es durchaus kulturelle Praktiken gibt, die auf dem Wissen und den Werken anderer aufbauen. Zur Sprache kommen Schriftsteller wie Walter Kempowski, Thomas Mann und Bertholt Brecht, die sich auf vorhandenes Wissen berufen haben, um etwas Neues zu schaffen. Diese Praxis sieht er nicht als problematisch an, solange sie dazu dient, etwas Originelles und Erhellendes zu schaffen.

Er kritisiert jedoch die Praxis des Plagiats und des Diebstahls, die in unserer Gesellschaft und insbesondere auf Plattformen wie LinkedIn weit verbreitet ist. Lotter bemängelt, dass viele Menschen vorgeben, originelle Ideen zu haben, ohne die Quellen ihrer Inspiration anzugeben.

Lotter spricht auch über die Diskrepanz zwischen dem, was Unternehmen behaupten zu wollen – Vielfalt und Originalität – und dem, was sie tatsächlich belohnen – Anpassung und Konformität.

Er argumentiert, dass diese Tendenz zur Anpassung und Konformität dazu führt, dass echte Innovationen nicht belohnt werden und dass das mittlere Management oft daran interessiert ist, den Status quo zu erhalten.

Lotter kritisiert auch die Praxis der Selbstinszenierung, die oft auf Kosten von Originalität und Authentizität geht. Er argumentiert, dass diese Praxis dazu führt, dass Menschen, die tatsächlich originell und authentisch sind, oft übersehen werden.

Soweit der Exkurs zum Autorengespräch mit Wolf Lotter über sein neues Buch „Echt“.

Die Überprüfbarkeit von Hypothesen

Jeder sollte immer kritische Widerlegungsversuche von Hypothesen anstellen, statt nur nach Bestätigungen des eigenen Gedankengebäudes zu suchen. Bei unserem netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs wurden Ideen verhandelt, wie man den dominierenden digitalen Plattformen des Silicon Valley Paroli bieten könnte. Zur Sprache kamen Open Source-Ideen, die zu einer Dezentralisierung des Netzes taugen. Kann man sich überhaupt aus der häufig zu beobachtenden Pareto-Verteilung befreien, die in den meisten Netzwerken vorherrscht? 20 Prozent derer, die Einkommen haben, zahlen 80 Prozent der Einkommenssteuer; 20 Prozent der Produkte eines Supermarktes machen 80 Prozent des Umsatzes aus; 20 Prozent der Wissenschaftler bekommen 80 Prozent der Zitate ab; 20 Prozent der Wissenschaftler schreiben 80 Prozent der wissenschaftlichen Texte. Selbst für Wikipedia gilt: 20 Prozent der Autoren liefern 80 Prozent der Beiträge. Wie kommt man aus diesen Machtstrukturen raus?

Raiffeisen für die Netzökonomie

Letztlich plädierte die netzökonomische Fachrunde für einen stärkeren Schulterschluss, den vor allem kleine und mittelständische Unternehmen leisten müssen. Etwa über die Raiffeisen-Idee, die im 19. Jahrhundert begründet wurde: Solche Genossenschaften seien Netzwerke, die helfen, wenn eine Branche im Wandel und im Wachsen ist, erläutert die Volkswirtin Theresia Theurl von der Uni Münster gegenüber der Wirtschaftswoche:

„Bist Du nicht groß oder besonders stark, musst du besonders schlau sein. Man kann sich Größe auch organisieren, ohne sich abhängig zu machen.“

Um das Problem der schlechten Bonität zu lösen, setzte der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen auf das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Man könnte es auch nach dem Motto der „Vier Musketiere“ formulieren: „Einer für alle, alle für einen“.

Eine Gruppe Kreditbedürftiger schließt sich zusammen und stattet ihre Genossenschaften mit Haftungskapital aus. Für den Einzelnen ist die Einlage bezahlbar, doch unter dem Strich kommt ein ordentliches Kapitalpolster zusammen. Dadurch entsteht eine privat finanzierte Bank, die Geld an ihre Mitglieder verleihen kann, ohne bei Ausfällen einzelner Schuldner pleitezugehen.

Gleiches gilt für die Digitalisierung der Wirtschaft, etwa bei Investitionen in 3D-Drucker, beim Einkauf, bei der Vermarktung über Plattformen und beim Wissenstransfer. Bringt die Raiffeisen-Idee nun Impulse für die Netzökonomie in Deutschland? Bislang nicht. Wir sollten mal wieder einen netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs auf die Beine stellen. Anfang Juni auf unserer Terrasse in Bonn-Duisdorf. Ich backe auch den Käsekuchen.

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