
Gestern noch zweifelte ich an einer IBM-Studie, die von den Online-Strategien des stationären Handels schwärmt und heute nun kehren die ehrbaren Kaufleute ihre wahre Geisteshaltung nach außen. Sie protestieren gegen das Internet.
„Der örtliche Werbering hat zu dieser provokanten Kampagne aufgerufen. Statt üppiger Auslagen und liebevoller Dekorationen sind dann nur noch schlichte Papptafeln zu sehen. Darauf stehen Sprüche wie: ‚So sieht eine Innenstadt ohne Fachgeschäfte aus‘ oder ‚Hier werden Sie noch mit Namen angesprochen‘. Der Werbering will mit der Aktion die Käufer in den Fußgängerzonen wachrütteln: Wenn das so weitegeht, könnten hier bald überall die Lichter ausgehen“, so der Betroffenheits-Bericht von WDR 2.
Man habe ja eigentlich nichts gegen das Internet, tönt es in St. Tönis. Der Online-Handel sei eine Ergänzung für die „Fachgeschäfte“. Aber dieser elende Beratungslau der Kunden könne nicht länger hingenommen werden. Da kommen doch glatt Leute in das Geschäft rein, probieren Pullover, fotografieren die ersehnten Stücke, fragen direkt über eine App nach dem günstigsten Anbieter und verschwinden wieder ohne Kauf aus dem Geschäft.
„Für viele Geschäfte gehe es inzwischen um die blanke Existenz, befürchtet Werbering-Chef Stefan Robben. Deshalb soll die Kampagne mit den schwarzen Schaufenstern das Szenario einer leeren Innenstadt darstellen“, führt WDR 2 weiter aus.
Mit der Aktion wolle man zeigen, wie eine Fußgängerzone ohne Ladenlokale aussehen würde. Viele könnten sich das ja gar nicht so vorstellen.
Es gehe ja nicht nur um die einzelnen Läden: Man könne in den Fußgängerzonen flanieren, klönen und sich mit Freunden treffen.
„Die Händler seien es auch, die für festliche Weihnachtsbeleuchtung und Blumenkübel in den Einkaufspassagen sorgen“, so WDR 2.
Die Fußgängerzone in St. Tönis mit ihren rund 50 „Fachgeschäften“ dürfte ungefähr so groß sein wie die Verkaufsmeile in Bonn-Duisdorf. Dort werde ich kompetent bedient von fünf Friseuren, vier Bäckereien, sechs Optikern, vier Döner-Grillmeister und der üblichen Zahl an Telefon-Inkompetenz-Hier-können-Sie-nicht-kündigen-Zentren. Nicht zu vergessen die unverzichtbaren Sonnenstudios mit ihren ganzjährig gut durchbräunten Beraterinnen, den obligatorischen Nagel-Fußpflege-Haarverlängerungs-Tempeln und Massage-Salons mit den Verkaufsschildern „Ohne Erotik“.
Tierfutter konnte ich in einem Kram-Laden mit der originellen Namensgebung „Schnauze“ einkaufen – leider hat dieser Anbieter die erste Jahressteuer-Erklärung nicht mehr erlebt. Urbanität, liebwerteste Fußgängerzonen-Gichtlinge, sieht anders aus. Die Plätze und Boulevards in den Städten sind schon lange verschwunden und wurden ersetzt durch auswechselbare Blumenkübel-Urinal-Ödnis.
Wo sind sie hin, die urigen Kneipen, Kaffeehäuser und Manufakturen mit handgefertigten Erzeugnissen?
Was für eine Fachberatung bietet denn das Verkaufspersonal in den Fußgängerzonen-Läden? Wirkliche Profiberatung finde ich eher in Foren, Youtube-Filmen und bei den Kundenbewertungen im Netz. Preisvergleiche über spezielle Apps sollten für Verkäufer eher ein Ansporn sein für besseren Service und nicht mit Smartphone-Verboten beantwortet werden.
Deshalb ist auch die Anbieter-Diktatur von Markenartiklern und Fachhändlern ein hoffnungsloses Unterfangen, die wegen der „Beratungsintensität“ ihrer Produkte den Onlinehandel unterbinden wollen.
Beratung bekomme ich über virtuelle persönliche Assistenten, die meine Einkäufe optimieren, Produkte und Dienstleistungen bewerten und über die Expertisen anderer Kunden informieren. Unternehmen, die mit ihren vernetzt organisierten Kunden nicht mithalten können, verschwinden vom Markt. Auch in St. Tönis.
Der stationäre Handel muss das aber nicht unbedingt begreifen. Die ehrbaren Blumenkübel-Kaufleute könnten ja den 6. August zu einem jährlichen Anti-Internet-Berners-Lee-Protest-Tag ausrufen. An diesem Tag ging nämlich vor 22 Jahren die erste Website online.
Vielleicht hättet Ihr ja auch Lust, eine Blumenkübel-Blogparade zu starten. Motto: Meine Fußgängerzone soll noch schöner werden.
