Die Bedeutung des Trainings für wahre Freiheit nach Peter Sloterdijk

Im Gespräch mit Philip Kovce kürzlich diskutierte Peter Sloterdijk in Basel das komplizierte Konzept der Freiheit im europäischen Kontext. Er verknüpfte die Freiheitsgeschichte Europas sowohl mit ihrem historischen Hintergrund als auch mit den aktuellen Steuerdebatten. Dabei ging er auf den Balanceakt zwischen Autonomie und Verantwortung ein, den die Freiheit immer mit sich bringt.

In Bezug auf die Entwicklung des Freiheitskonzepts in Europa ging er zurück zu den antiken Griechen, die sich dagegen entschieden, von Persern dominiert zu werden, ein Standpunkt, der in Schlachten wie Salamis und dem Marathonlauf verkörpert wird. Diese Urszene der europäischen Freiheit veranschaulicht den Wunsch, sich nicht von äußeren Mächten beherrschen zu lassen.

Interessanterweise verband Sloterdijk den Marathonlauf mit der tieferen Bedeutung von Freiheit. Das Laufen eines Marathons, so argumentierte er, ist nicht nur eine physische Leistung, sondern auch ein Ausdruck der Entscheidungsfreiheit und Autonomie des Einzelnen. Dieses Verlangen, autonom zu sein, steht im Widerspruch zum Wunsch, sich von höheren Mächten oder Ideologien leiten zu lassen, wie es bei den Persern der Fall war.

Doch Sloterdijk merkt auch an, dass die Grenze zwischen Freiheit und Gebundenheit fließend ist. Zum Beispiel Alkibiades, der in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Identitäten annahm und so zur Personifikation des „postmodernen Europäers“ wurde, der sich nicht auf eine einzige Identität festlegt.

Der entscheidende Punkt in Sloterdijks Überlegungen ist die Unterscheidung zwischen zwei Arten von Freiheit: die Freiheit, „banal zu bleiben“, und die Freiheit, sich durch Training und Übung weiterzuentwickeln und über sich selbst hinauszugehen. Er betonte, dass wahre Freiheit nicht nur darin besteht, sich gegen externe Einflüsse zu wehren, sondern auch in der Fähigkeit, sich selbst herauszufordern und zu wachsen.

In „Du musst dein Leben ändern“ argumentiert Sloterdijk, dass Menschen, die sich einem Trainingsziel verschreiben, wie Musiker oder Sportler, Tausende von Stunden üben müssen, um Meisterschaft zu erlangen. Diese Idee des Trainings und der Übung, so Sloterdijk, ist auch in den ursprünglichen christlichen Traditionen zu finden, wo Gläubige als „Athleten Christi“ bezeichnet wurden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Peter Sloterdijks Perspektive auf die Freiheit eine Herausforderung für moderne Interpretationen darstellt. Er betont die Notwendigkeit, sich sowohl gegen externe Kontrollen zu wehren als auch das individuelle Potential durch Training und Übung zu maximieren. In einer Zeit, in der Freiheit oft als bloße Abwesenheit von Beschränkungen verstanden wird, bietet Sloterdijk eine tiefere, nuanciertere Sichtweise auf das, was es wirklich bedeutet, frei zu sein.

Er verweist auf Arthur Koestler und der Unterscheidung zwischen dem Yogi und dem Kommissar. Diese Einsicht, dass es zwei Haupttypen von Menschen gibt, die die Realität definieren, ist heute ebenso relevant wie in den 1940er Jahren. Diejenigen, die versuchen, die Welt durch aktives Handeln zu verändern, und diejenigen, die sich in tiefe Selbstreflexion und spirituelle Praktiken vertiefen.

In der heutigen Zeit, in der der Klimawandel, geopolitische Spannungen und soziale Ungerechtigkeiten uns täglich konfrontieren, kann man argumentieren, dass beide Ansätze – der des Yogi und des Kommissars – notwendig sind. Es gibt einen dringenden Bedarf an Menschen, die aktiv in der Welt handeln und versuchen, Veränderungen herbeizuführen. Gleichzeitig gibt es einen ebenso dringenden Bedarf an Menschen, die tiefe innere Arbeit leisten, um die kollektiven und individuellen Traumata und Wunden zu heilen, die unsere Gesellschaften durchziehen.

Vielleicht ist die wahre Herausforderung unserer Zeit, einen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen zu finden. Ein Weg, der sowohl das Engagement für die äußere Welt als auch eine tiefe spirituelle Praxis beinhaltet. Ein Weg, der es uns ermöglicht, sowohl aktiv in der Welt zu handeln, als auch einen inneren Raum des Friedens und der Klarheit zu pflegen.

Koestlers Unterscheidung zwischen dem Yogi und dem Kommissar bietet uns eine wertvolle Linse, durch die wir diese Herausforderungen betrachten können, und sie lädt uns dazu ein, sowohl nach innen als auch nach außen zu schauen, um Antworten zu finden.

Am Schluss des sehr spannenden Interviews mit einem gut informierten und vorbereiteten Moderators ging Sloterdijk auf die Stärken und Schwächen von politischen Regelsystemen ein. Brauchen wir eine Verschweizerung der Welt?

Die Schweiz ist nicht nur ein Land, sondern ein Konglomerat von Kantonen, die in vielen Dingen ihre eigene Politik machen. Und diese Kleinheit, diese Dezentralisation ermöglicht eine Nähe zwischen dem Wähler und seinem Repräsentanten, die in großen politischen Systemen einfach verloren geht. Es gibt eine Transparenz und eine Rechenschaftspflicht, die man in großen Ländern nicht findet.

Es könnte als Vorbild dienen, dass Dezentralisation und eine Rückkehr zu kleineren, lokalen Gemeinschaften eine Antwort auf die Probleme unserer Zeit sei.

Die Globalisierung hat viele Vorteile gebracht, aber auch das Gefühl, dass die großen Entscheidungen immer weiter von uns entfernt getroffen werden. Die Helvetisierung könnte eine Antwort darauf sein, das Gleichgewicht wiederherzustellen und die Macht näher an die Menschen zurückzubringen.

Die Wahrheit sei nach Ansicht von Sloterdijk, dass wir in einer Welt leben, in der die alten Ideen von Nationen und Grenzen sich als zunehmend unpassend und problematisch erweisen. Der Wandel zu kleineren, regionalen Einheiten sei nicht nur aus organisatorischen oder administrativen Gründen sinnvoll, sondern auch aus kulturellen und ökologischen. Ein Ansatz, der den regionalen Gegebenheiten und Kulturen Rechnung trägt, ermöglicht es, Ressourcen effizienter zu nutzen und gleichzeitig kulturelle Eigenheiten zu bewahren.

Aber es gehe nicht nur darum, kleinere Einheiten zu schaffen. Es geht auch darum, wie diese Einheiten miteinander interagieren. Eine Rückkehr zum Mittelalter, in dem jede kleine Stadt oder Region ihre eigenen Gesetze und Regeln hatte, wäre sicherlich nicht wünschenswert. Aber eine Form von Regionalismus, der auf Kooperation und gegenseitigem Respekt basiert, könnte eine Lösung für viele der aktuellen Probleme bieten.

Deutschland hat von der regionalen Orientierung immer profitiert – kulturell und wirtschaftlich:

„In vielen deutschen Regionen gibt es jahrhundertealte Kompetenzen, die ihr Licht bis in die Gegenwart werfen. Heute spricht man von industriellen Ökosystemen. So wurden im Schwarzwald seit jeher Uhren gefertigt, was feinmechanische Fähigkeiten erfordert. Schließlich gilt die Uhrmacherei als ‘Schlüsseltechnologie des Industriezeitalters’. Aus dieser Tradition sind in der Schwarzwaldregion mehr als 500 medizintechnische Firmen entstanden“, sagt der Hidden-Champion-Forscher Hermann Simon.

Oder Firmen wie Bizerba auf der Schwäbischen Alb in der Lebensmitteltechnologie und Multivac als Maschinenbauer im Allgäu. Gleiches gilt für Göttingen. „Wieso findet man dort 39 Hersteller von Messtechnik?“, fragt Simon. „Die Erklärung liegt in der mathematischen Fakultät der Universität Göttingen, die über Jahrhunderte weltweit führend war. Eine dieser Firmen gehen auf Prinzipien zurück, die Carl Friedrich Gauss entdeckte. Der frühere Siemens-Vorstand Edward Krubasik bemerkte: ‘Deutschland nutzt die Technologiebasis, die bis ins Mittelalter zurückgeht, um im 21. Jahrhundert erfolgreich zu sein’.”

In einer Session auf der Next Economy Open brachte Deepa Gautam-Nigge (SAP), Herausgeberin des Buches „#EcosystemInnovation“, thematische Sonderwirtschaftszonen ins Spiel. Etwa bei Technologien, die den Klimaschutz, die Kreislaufwirtschaft und die Energiewende nach vorne bringen. „Hier liegen die Stärken von Europa und Deutschland und das sollte gezielt gefördert werden.“ Die gesellschaftliche Notwendigkeit sei evident. Die besten Köpfe, die besten Talente und Innovationen seien in Deutschland und Europa vorhanden.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.