
Im Jahr 1820 veröffentlichte Johann Joseph Eichhoff aus Bonn-Kessenich seine Denkschrift „Betrachtungen über den XIX. Artikel der Deutschen Bundesakte“ – ein visionärer Text über Handelsfreiheit, Zollpolitik und ein geeintes, wirtschaftlich prosperierendes Europa. Kaum jemand dürfte wissen, dass dieser frühe Vordenker des Binnenmarkts uns heute eine ebenso klarsichtige wie notwendige Perspektive auf die Gegenwart bietet: auf Ursula von der Leyens europäische Mission, auf Friedrich Merz‘ Appell für weniger Zölle, auf wirtschaftliche Abschottung und die Gefahren eines neuen Protektionismus.
Eichhoff analysierte mit Scharfsinn und Weitsicht die zersplitterten Zollsysteme der deutschen Einzelstaaten. Er verurteilte die Binnenzölle als „feindliche Veranstaltung gegen den Nachbarn“. Er wollte keine Mauer aus Mauthlinien, sondern forderte einen gemeinsamen Markt, eine „freiste Bewegung“ des Handels, die Deutschland – und Europa – zu einem wirtschaftlichen Ganzen formen sollte.
Was damals noch wie ein frommer Wunsch erschien, wurde über ein Jahrhundert später mit der Europäischen Union Realität. Und doch steht dieses Erbe heute wieder zur Debatte. In einer Zeit, in der wirtschaftliche Konflikte – wie unter Donald Trump – in Zollkriege münden, erinnert Eichhoffs Werk an eine europäische Vernunft, die wir dringend neu entdecken sollten.
Ein Vergleich, der aufrüttelt: Eichhoff und Merz
Friedrich Merz, Bundeskanzler im Jahr 2025, hielt bei der Verleihung des Karlspreises an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Rede, die Eichhoff mit Beifall quittiert hätte – hätte er sie hören können. Merz forderte nicht nur mehr europäische Souveränität in Sicherheitsfragen, sondern auch eine wirtschaftliche Öffnung: weniger Zölle, weniger bürokratische Hürden, mehr Binnenmarkt.
Eichhoff hätte darin die logische Fortführung seines eigenen Denkens gesehen. Schon 1820 erkannte er, dass Wohlstand nicht durch Abschottung, sondern durch Kooperation entsteht. Der Versuch, durch „Einfuhrverbote“ und „Zwangsmaßnahmen“ nationale Industrien zu schützen, führe am Ende zur Verarmung der Verbraucher – und untergrabe das Vertrauen in Regierung und Staat.
Trump, Protektionismus und die Wiederkehr alter Irrtümer
Die wirtschaftspolitischen Experimente eines Donald Trump – Strafzölle gegen China, Austritt aus Handelsabkommen, Schwächung der WTO – erscheinen aus dieser Perspektive wie ein Rückfall in genau jene Politik, vor der Eichhoff gewarnt hatte. Eichhoff schrieb fast prophetisch, dass ein solcher Kurs „Schleichhandel“ fördere, „die Kommunikation aufhebe“ und letztlich die Einheit eines Wirtschaftsraums gefährde.
Auch Trumps Zollpolitik richtete sich gegen das Prinzip der Reziprozität, das Eichhoff bereits 1820 als Grundlage für eine faire Ordnung sah. Eichhoff hatte die Erkenntnis, dass „der Ausländer nichts ins Land bringt, wenn er dort nichts abzusetzen vermag“ – eine Binsenweisheit, die in den politischen Machtkämpfen um Subventionen, Chips und Stahl scheinbar vergessen wurde.
Die vergessene Lehre: Wirtschaft ist nie nur Wirtschaft
Der Karlspreis 2025 feierte nicht nur eine Person, sondern ein Prinzip: den europäischen Geist. Ursula von der Leyen verkörpert diesen Geist, wie die Oberbürgermeisterin von Aachen betonte, durch ihre „mutige“ Führung in einer Zeit globaler Herausforderungen. Doch dieser Geist braucht intellektuelle Wurzeln, historische Tiefe – und da kommt Eichhoff ins Spiel.
Er erinnerte uns daran, dass wirtschaftlicher Austausch immer auch politisch und kulturell ist. In einer Zeit, in der manche den Binnenmarkt auf technokratische Regeln und Zollfragen reduzieren, zeigte er, dass Handelsfreiheit ein Ausdruck von politischer Mündigkeit, von Freiheit und gegenseitigem Respekt ist.
Europa braucht Eichhoff – und den Mut zur Relektüre
Wir sollten Johann Joseph Eichhoff heute nicht nur als einen frühen Ökonomen oder Verwaltungsjuristen würdigen. Wir sollten ihn lesen wie einen politischen Philosophen des frühen 19. Jahrhunderts – einen, der sich weigerte, sich dem nationalen Kleingeist zu beugen. Und wir sollten ihn verbinden mit den heutigen Stimmen für ein geeintes Europa: mit Friedrich Merz, der sich für eine „werte- und Kulturgemeinschaft“ einsetzt, mit Ursula von der Leyen, die Europa gegen seine Feinde verteidigt – außen wie innen.
Vielleicht ist das die schönste Wirkung dieser doppelten Ehrung: Dass der Karlspreis für die Gegenwart auch ein Ruf aus der Vergangenheit ist.
Exkurs: Der europäische Handelsraum im Denken Johann Joseph Eichhoffs (1820)
Ein vergessener Vordenker der wirtschaftlichen Einheit
Im Jahr 1820 verfasste Johann Joseph Eichhoff seine Schrift „Betrachtungen über den XIX. Artikel der Deutschen Bundesakte“. Was auf den ersten Blick wie eine juristisch-pedantische Abhandlung anmutet, entpuppt sich bei genauer Lektüre als ökonomisches und politisches Manifest – eine frühe Vision eines gemeinsamen Marktes in Europa.
Eichhoff erkennt die verheerende Wirkung der „Zollschranken“, wie sie sich nach den Napoleonischen Kriegen im Deutschen Bund zementierten. Deutschland, so Eichhoff, bestehe aus einem „wahren Gewirre von Zoll- und Mauthsystemen“, in dem jedes Fürstentum versuche, seine Nachbarn mit „absichtlich gelegt[en] Hemmungen“ zu behindern .
Beispiele aus seiner Zeit:
- Die „Mauthsperre“ zwischen Frankfurt und Mainz:
Eichhoff schildert, wie der Warentransport auf dem Rhein durch die Vielzahl von Zollstellen behindert wurde. Obwohl der Fluss eine natürliche Verbindung zwischen den Regionen darstellt, wurde er durch künstliche Barrieren zum Symbol wirtschaftlicher Zersplitterung. Der Handel war nicht frei, sondern ein Spießrutenlauf aus Gebühren, Formularen und Kontrollen. - Zersplitterung der deutschen Industrie:
Handwerkswaren, Textilien, Eisenwaren – alles wurde verteuert durch Grenzabgaben, selbst wenn sie nur wenige Kilometer bewegt wurden. Eichhoff kritisiert das absurde Nebeneinander: Ein Tuch aus Elberfeld konnte in Sachsen teurer sein als ein importiertes Tuch aus England – wegen der Binnenzölle. - Der florierende Schmuggel:
Eichhoff beschreibt mit nüchterner Schärfe, wie der übermäßige Protektionismus den illegalen Handel beflügelt: „Je drückender die Abgaben, desto reger der Schleichhandel.“ In vielen Regionen, etwa im Saarland oder am Niederrhein, entstand eine regelrechte Schattenwirtschaft, die die staatlichen Einnahmen unterlief – und die Legitimität des Staates selbst untergrub. - Der Verbraucher als Leidtragender:
Nicht zuletzt richtet Eichhoff seinen Blick auf die Menschen. Er argumentiert, dass der Endverbraucher – also der Bürger – die Lasten dieser Zollpolitik trage: in Form höherer Preise, schlechterer Auswahl und stagnierender Innovation. Die Vorstellung, dass sich staatlicher Wohlstand durch Abschottung mehren lasse, sei ein Irrweg. Denn: „Ein Volk konsumiert, um zu leben – es lebt nicht, um die Schranken zu ernähren.“ - Frankreich und England als Gegenmodelle:
Mit Blick auf das Ausland erkennt Eichhoff früh die Bedeutung offener Märkte. Frankreich, so merkt er an, experimentiere mit wirtschaftlicher Zentralisierung, während England durch den Abbau interner Handelsbarrieren zu einem „einheitlichen Wirtschaftraum“ geworden sei. Beide Beispiele verdeutlichen ihm: Prosperität braucht Raum, Bewegung, Austausch – keine Mauer aus Zöllen.
Der europäische Gedanke vor Europa
Eichhoff war seiner Zeit weit voraus. Inmitten einer von Kleinstaaterei und wirtschaftlichem Protektionismus geprägten Epoche entwarf er eine wirtschaftliche Ordnung, die sich am Gemeinwohl und an der Idee eines zusammenwachsenden Europas orientierte. Nicht als Utopie, sondern als Notwendigkeit.
Er forderte, was wir heute als Selbstverständlichkeit ansehen:
- freien Warenverkehr,
- eine koordinierte Steuer- und Zollpolitik,
- den Schutz des Marktes durch Institutionen – nicht durch Mauern.
Damit ist Eichhoff einer der wenigen deutschen Denker seiner Zeit, der wirtschaftspolitisch nicht rückwärts, sondern europäisch dachte. Seine Forderung nach einem überstaatlichen, durch Vernunft geordneten Wirtschaftsraum ist nichts weniger als ein geistiger Vorläufer der Zollunion – und in letzter Konsequenz der Europäischen Union.