
Man muss sich das vorstellen: Wir stehen kurz vor der Zukunft Personal Süd, wir, die noch reden können, ohne Skript, ohne Teleprompter, ohne die Verhärtungen der Redaktionskonferenz, wir, die glauben, dass eine Stimme, die zögert, ein Gedanke, der tastet, und eine Antwort, die aus dem Moment geboren wird, noch immer mehr wert sind als der seelenlose Perfektionismus der glattgebügelten Formate.
Wir, bei Sohn@Sohn, zelebrieren diese alte, fast ausgestorbene Kunst – Stegreif-Kommunikation –, während um uns herum die Welt in Moderationskarten und Bullet Points ertrinkt, in Präsentationen, die von Angst vor dem freien Wort durchtränkt sind. Wir reden in Echtzeit, wir stottern manchmal, wir lachen manchmal zu früh oder zu spät, aber wir sind da. Wirklich da.
Und wenn einer dieses Prinzip gelebt hat, dann war es Harald Schmidt in seinen besten Jahren, die Jahre, als Manuel Andrack noch an seiner Seite saß, ein Sidekick, der kein Sidekick war, sondern das notwendige Gegenüber, der Resonanzraum für die schnellen, züngelnden Gedanken des Schmidt.
Andrack erinnert sich, lakonisch, mit diesem spöttisch-müden Blick eines Überlebenden der letzten echten Shows:
„Die besten Shows von Harald, das war, als wir improvisiert haben. Als noch nichts durchgescriptet war. Als wir aus dem Moment heraus agiert haben, bei jeder Peinlichkeit, bei jeder Verlegenheit. Der FC Köln verliert? Zwei Minuten Gejammer. Helmut braucht neue Winterreifen? Dann wechseln wir eben die Reifen mitten in der Sendung.“
Ja, so war das.
Und dann kam die ARD.
Dann kamen die Moderationskarten.
Dann kam der Absturz.
„Als Harald wieder angefangen hat, sich alles aufzuschreiben, war die Magie weg“, sagt Andrack. Nicht bitter, nicht verletzt, sondern mit dieser trockenen Klarheit, die den kenntlichen Unterschied benennt zwischen lebendiger Kunst und sterbender Routine.
„Er hat sich plötzlich Mühe gegeben. Und genau daran ist es gescheitert.“
Das Stegreifhafte, das Unberechenbare, das Scharfe, das eine Sekunde lebt und in der nächsten schon verdampft – es verträgt sich nicht mit Konzepten, es hasst Storyboards, es tötet Teleprompter.
Was Harald und Manuel hatten, war eine Art von Kommunikation, die auf Vertrauen beruhte: das Vertrauen, dass man sich gegenseitig auffängt, wenn einer fällt; das Vertrauen, dass der Moment selbst die Wahrheit ans Licht bringt – nicht die Regieanweisung.
Und wir, bei Sohn@Sohn, nehmen genau diesen Geist mit nach Stuttgart.
#ZPMesseTV wird wieder ein kleines Wunder versuchen:
Kein Skript.
Keine Teleprompter.
Nur wir, das Publikum, das Jetzt, die Stille vor der Antwort, das plötzliche Aufblitzen einer Pointe, die niemand geplant hat.
Es geht nicht darum, den perfekten Satz zu sagen. Es geht darum, wirklich etwas zu sagen.
Andrack, der alte Wanderer, kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. Über Böhmermann, diesen neuesten Humorbeamten der Republik, sagt er, ganz beiläufig, aber nicht ohne Schärfe:
„Man sollte sich schon mit den Großen anlegen. Nicht mit den Kleinen.“
Eine Lektion in Demut, eine Lektion im Humor. Und zugleich eine unmissverständliche Erinnerung:
Humor ist kein Management der Schwächen, sondern der Stärken.
Witze macht man nicht über die, die unten liegen, sondern über die, die glauben, unantastbar zu sein.
Und so treten wir an, ohne Sicherungsnetz, ohne doppelten Boden.
Nicht, weil wir sicher sind, sondern weil wir lebendig sein wollen.
Denn das flüchtige Jetzt –
dieser flüchtige, scheue Moment –
ist immer noch der einzige Ort, an dem echte Kommunikation geboren wird.
Man hört, sieht und streamt sich am 6. und 7. Mai bei der Zukunft Personal Süd in Stuttgart.
Gerne gelesen.
Kleiner Hinweis: „Stegreif“ bitte ohne „h“.
https://www.korrekturen.de/beliebte_fehler/stehgreif.shtml
Stimmt. Den Fehler mach ich immer wieder.