Arno Schmidt im Kräftefeld seiner Zeit

Der Bargfelder Bote ist kein Liebhaberblatt für treue Gemeindemitglieder, sondern seit Jahrzehnten die präziseste Werkstatt der Schmidt-Forschung: kein Weihrauch, keine Jubiläumsprosa, sondern Quellen, Korrekturen, Seitenwege, Einwände. Die neue Lieferung 517–518 vom April 2026 führt das mit seltener Geschlossenheit vor. Hans-Peter Kunz schreibt über Arno Schmidt und Max Bense, Friedhelm Rathjen über ein Randstück zu „Seelandschaft mit Pocahontas“, Thomas Körber über Schmidts Tagebücher, Giesbert Damaschke über Hans Wollschlägers „Fall Adams“, Sabine Kyora über eine neue Studie zu „Caliban über Setebos“. Das Heft wirkt zunächst spezialisiert. Tatsächlich erklärt es sehr genau, worum es bei Arno Schmidt bis heute geht: um einen Autor, der nie nur aus Texten bestand, sondern aus ökonomischem Druck, theoretischen Anstößen, Fehldeutungen, Provinzerfahrungen, Selbstquälerei und einer ungewöhnlichen Fernwirkung auf andere.

Das Heft und sein Gegenstand

Wer Arno Schmidt noch immer als einsamen Großsolitär von Bargfeld liest, bekommt hier ein Gegenbild. Diese Ausgabe rückt ihn aus der späteren Monumentalpose zurück in ein Netz von Beziehungen. Man sieht den Autor auf Reisen, im Rundfunkmilieu, im Gespräch mit Theoretikern, im Streit mit Besuchern, in der Spiegelung durch jüngere Schriftsteller, in der philologischen Nachgeschichte einzelner Wörter. Gerade darin liegt die Qualität des Heftes: Es setzt nicht auf die große Geste, sondern auf Konstellationen. Schmidt erscheint hier nicht als Statue, sondern als Reizkörper einer ganzen literarischen Nachkriegslandschaft.

Stuttgart 1952: Walser, Spesen, Bense

Hans-Peter Kunz beginnt an der richtigen Stelle: nicht bei „Zettel’s Traum“, nicht beim späten Ruhm, sondern am 19. August 1952. Arno und Alice Schmidt fahren nach Stuttgart, eingeladen von Martin Walser, der für den Süddeutschen Rundfunk arbeitet. Schon die Vorgeschichte entzaubert jede spätere Heroisierung. Walser lockt mit allem, was für einen Autor in prekärer Lage zählt: mit Rundfunkarbeit, mit möglichen Publikationen, mit Reisekosten. „Die Spesen!“, schreibt er, seien vielleicht die eigentliche Lockung. Schmidt antwortet in einer Formel, die seine damalige Situation ohne jedes Pathos freilegt: Man möge alles so arrangieren, „daß ich möglichst viel Geld verdiene“. Damit ist der Ton gesetzt. Hier reist kein arrivierter Meister an; hier kommt ein Schriftsteller, der dringend Einnahmen braucht und zugleich den Stolz besitzt, sie nur aus literarischer Arbeit beziehen zu wollen.

Am zweiten Abend trifft Schmidt dann auf jenen Kreis, der in der Rückschau fast wie eine literarische Einsatzleitung der frühen Bundesrepublik wirkt: Walser, Andersch, Leute aus dem SDR — und Max Bense mit Elisabeth Walther. Kunz zeigt sehr schön, daß Bense in dieser Runde die eigentliche Ausnahmefigur ist: kein Rundfunkmann, sondern Philosoph, Mathematiker, Physiker, bereits mit fester Stelle in Stuttgart, international vernetzt und den anderen an institutioneller Sicherheit weit überlegen. Gerade deshalb war er für Schmidt so wichtig. Er brachte nicht nur Begeisterung mit, sondern Radius.

Bense liest Schmidt — und liest ihn schief genug, um fruchtbar zu sein

Der stärkste Gedanke des Kunz-Textes besteht darin, Max Bense gegen eine nachträgliche Vereinfachung zu verteidigen. Bense wird heute gern vorschnell als Informationsästhetiker etikettiert, als Vorläufer mathematischer Kunstbetrachtung. Kunz hält dagegen: In den frühen fünfziger Jahren kreist Bense zunächst um den ontologischen Status des Ästhetischen, um „Mitrealität“, um den „Seinszustand“ der Kunstwerke. Sein Essayband „Plakatwelt“ von 1952 wird deshalb zum Schlüssel. Dort beschreibt Bense Kunst als Präsentation, als Montage, als ins Licht gestelltes Gefüge von Funktionen und Effekten. Und in diesem Horizont liest er Arno Schmidt: als Autor einer montierten Prosa, deren Schlußeffekte die ganze Anlage rückwirkend sprengen. Der berühmte Satz über den „Leviathan“ als „dreifaches glanzvolles Plakat in Prosa gegen den Fehlschlag der Schöpfung“ gehört in genau diesen Zusammenhang.

Kunz macht aus dieser Nähe allerdings kein Einverständnis. Im Gegenteil. Sein stiller Ertrag liegt in der Einsicht, daß Schmidt und Bense einander gerade dort produktiv wurden, wo sie nicht deckungsgleich waren. Bense sieht austarierte Präsentation und funktionale Teleologie; Schmidt zielt auf Durchleuchtung, auf Riß, auf die Vorführung einer missratenen Welt. „Eigentlich paßt’s nicht“, lautet Kunz’ knappe Folgerung. Treffender kann man diese Beziehung kaum charakterisieren. Bense hat Schmidt partiell verfehlt — und gerade dadurch etwas an ihm freigelegt, das andere damals überhaupt noch nicht sahen.

Der Dümmer und ein schlechtes Buch, das nützlich wurde

Friedhelm Rathjens Beitrag ist der Gegenbeweis gegen jede Geringschätzung des „Randstücks“. Ausgangspunkt ist eine Stelle aus „Seelandschaft mit Pocahontas“: Gastwirt Schomaker zeigt seine Vogelsammlung; daneben liegt ein Roman von Günther Schmieder; Schmidt schlägt ihn auf und stößt auf die Zeile von den „atmend Fischleins Kiemen“. Rathjen rekonstruiert nun mit detektivischer Lust, wer dieser Schmieder war: ein Gärtner aus Detmold, Autor genau eines Romans, „Gott weiß den Weg. Roman aus der Seelandschaft des Dümmers“. Die zeitgenössischen Besprechungen, die Rathjen anführt, zeichnen das vertraute Bild eines gutmeinenden Heimatromans voller Landschaftspathos, Gotteswind und naturfrommer Innigkeit. Man versteht sofort, warum Schmidt beim ersten Anblättern zurückwich.

Schön an Rathjens Text ist jedoch, daß er sich nicht im Spott erschöpft. Denn der verachtete Schmieder hat Schmidt womöglich etwas geliefert, das blieb: das Wort „Seelandschaft“ selbst. Auf dem Titelblatt seines Romans steht „aus der Seelandschaft des Dümmers“; aus der schlechten Vorlage könnte also ein guter Titel gewonnen worden sein. So zeigt der Beitrag im Kleinen, wie Schmidt arbeitete: nicht als reiner Auswähler des Edlen, sondern als äußerst wacher Leser von Material jeder Herkunft. Er nahm auf, was er gebrauchen konnte, und ließ zurück, was ihm sprachlich oder geistig unerquicklich erschien. Gerade aus dieser Mischung von Abwehr und Aneignung entstand seine Prosa.

Tagebücher ohne Schonbezug

Thomas Körbers Besprechung der Tagebücher 1957 bis 1962 führt mitten in die innere Ökonomie dieses Schriftstellers. Der Vergleich mit Thomas Mann, den Körber zu Beginn zieht, ist klug gewählt, weil er den Blick schärft: Auch bei Schmidt liefern die Tagebücher nicht „die Wahrheit“ über das Werk, aber sie zeigen dessen verdrängte Rückseite. Susanne Fischers Edition erfaßt einen Zeitraum außerordentlicher Produktivität — mit Romanen, Funkessays, Übersetzungen, Studien. Zugleich dokumentieren die Notate eine Lebensform unter permanenter Reizung: Besuchsabwehr, Zeitangst, gereizte Urteile über Freunde, körperliche und sexuelle Nöte, Tierliebe, Alpträume, Kriegsreste, eheliche Spannungen. Schmidt selbst nannte das Tagebuch einmal „das Alibi der Wirrköpfe“ und „einer der Abörter der Literatur“; Körber liest diese Form verächtlicher Selbstbuchhaltung gerade deshalb mit Gewinn.

Besonders eindringlich sind die Kontraste, die Körber herausarbeitet. Da stehen die bösen Bemerkungen über Besucher neben der warmen Sorge um Tiere; die Erschöpfung im Umgang mit anderen neben den freundlicheren Einträgen über Hans Wollschläger; die Härte gegenüber Alice Schmidt neben jenen Traumprotokollen, in denen der ehemalige Soldat sich als Verfolgter, Emigrant, ja KZ-Opfer imaginiert. Solche Aufzeichnungen erklären kein Werk. Aber sie vermessen das Terrain, auf dem es entstand. Man sieht, wie teuer diese Literatur bezahlt wurde — nicht moralisch, sondern nervlich.

Wollschläger und die lange Wirkung

Giesbert Damaschkes Besprechung von Hans Wollschlägers „Der Fall Adams“ öffnet dann eine andere Perspektive: Schmidt als Leser, Förderer, früher Entdecker. Der Roman wurde Ende 1961 abgeschlossen, fand damals trotz Schmidts intensiver Unterstützung keinen Verleger und liegt nun erst in jener Fassung vor, die Schmidt immer wieder empfahl. Damaschke macht aus dieser editorischen Verspätung ein literarisches Ereignis. Besonders Kapitel IV, „Triangulation“, wird hervorgehoben — jenes Kapitel also, das Schmidt mehrfach wegen seiner Bildkraft und seiner Landschaften gelobt hatte. Das ist mehr als eine schöne Fußnote. Man sieht hier einen Arno Schmidt, der nicht nur selbst schrieb, sondern einen Jüngeren mit Nachdruck in die Welt zu bringen versuchte.

Wichtig ist dabei, daß Damaschke den „Fall Adams“ nicht als bloßes Vorspiel der späteren Herzgewächse behandelt. Er zeigt die Eigenständigkeit dieses Romans, seine Kapitelarchitektur, seine Selbständigkeit gegenüber der späteren Umarbeitung. Auch hierin steckt eine Korrektur literaturgeschichtlicher Bequemlichkeit. Nicht alles, was im Schatten Schmidts steht, ist Vorstufe oder Abglanz. Manches gewinnt erst jetzt, in Distanz, seine Kontur.

Forschung zwischen Entzifferung und Deutung

Sabine Kyoras Besprechung des Buches von Ingo Leiß zu „Caliban über Setebos“ setzt schließlich einen notwendigen Akzent gegen die Selbstverliebtheit der Spezialforschung. Sie würdigt das schön gemachte Buch, seine Materialfülle und seine Vorarbeiten zur Textgenese. Doch sie sagt auch sehr klar, wo das Problem liegt: Der Inhalt gleiche eher einem Sammelsurium; manches bleibe bei der Entschlüsselung kleinster Textpartikel stehen, ohne sie in eine tragfähige Deutung zu überführen. Darin steckt ein grundsätzliches Argument. Arno Schmidt provoziert philologische Detailarbeit wie kaum ein zweiter deutscher Autor des 20. Jahrhunderts. Aber der Text ist nicht die Summe seiner Zettel, Quellen und Partikel. Wer nur dechiffriert, erklärt noch nicht.

Warum diese Lieferung überzeugt

Die Stärke dieser Ausgabe liegt also nicht in einer einzelnen Entdeckung, sondern in ihrer Gesamtbewegung. Sie zeigt Arno Schmidt in Stuttgart, am Dümmer, in Bargfeld, im Spiegel jüngerer Autoren und im Blick einer Forschung, die sich selbst korrigieren muß. Bense erscheint nicht als dekoratives Umfeld, sondern als einer der frühen Stichwortgeber; der Dümmer-Text als Beispiel einer produktiven Aneignung; die Tagebücher als Protokoll eines Lebens unter Werkzwang; Wollschläger als Fernwirkung; Kyora als Erinnerung daran, daß jede genaue Forschung irgendwann wieder Literatur lesen muß. So entsteht aus einem schmalen Heft ein weitgespanntes Bild. Wer wissen will, wie Arno Schmidt aus seinen Umständen, Lektüren und Reibungen hervorging, bekommt hier eine präzise Antwort.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Leistung des Bargfelder Boten: Er rettet Arno Schmidt regelmäßig vor seinen Verehrern. Nicht durch Demontage, sondern durch Kontext. Nicht durch Verkleinerung, sondern durch Schärfung. Nach der Lektüre steht kein Denkmal vor einem, sondern ein Autor im Strom seiner Zeit — offen für Einflüsse, anfällig für Kränkungen, abhängig von Geld, wach für Wörter, hellhörig für Theorie, unerquicklich genau gegen sich und andere, und gerade deshalb von einer Lebendigkeit, die noch immer ansteckt.

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