
Im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Hans Esselborn beleuchten Sohn@Sohn das vielschichtige Werk des verstorbenen Visionärs.
Das beeindruckende Oeuvre von Herbert W. Franke umfasste nicht nur Science-Fiction-Literatur, sondern erstreckte sich auch auf die Bereiche der Computerkunst, Lerntheorien und Höhlenforschung. Der Literaturwissenschaftler Hans Esselborn, ein Kenner von Frankes Werk, gab tiefere Einblicke in das Lebenswerk dieses außergewöhnlichen Autors und Künstlers.
Franke hinterließ ein facettenreiches Erbe. Seine Witwe, Susanne Päch, hat die „art meets science – Stiftung Herbert W. Franke“ ins Leben gerufen, die sich der Bewahrung und Förderung seines Schaffens widmet. Dazu gehört nicht nur die Digitalisierung seines Nachlasses, der sich im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe befindet, sondern auch die Umwandlung seines Wohnhauses bei München in ein Museum.
Literatur als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen
Esselborn betont besonders Frankes literarische Werke. Er sieht Franke als kritischen Geist, der in seinen dystopischen Erzählungen und Romanen gesellschaftliche Entwicklungen voraussah und kommentierte. „Franke hat es geschafft, aus der utopischen Sackgasse neue Wege zu finden und dabei die Möglichkeiten der Computertechnologie kritisch zu hinterfragen“, erklärt Esselborn.
In seinen Werken, wie beispielsweise „Der Elfenbeinturm“, setzt sich Franke mit der Perfektionierung der Gesellschaft durch Technologie auseinander. Er hinterfragt kritisch die Rolle des Menschen in einer zunehmend von Computern und künstlicher Intelligenz bestimmten Welt. Esselborn hebt hervor, dass Franke trotz der Darstellung totaler Überwachung und Kontrolle stets den menschlichen Widerstandsgeist betont.
Die Aktualität von Frankes Themen ist unbestritten. Die von ihm vorhergesehenen Entwicklungen wie die Kommerzialisierung des Weltraums und die zunehmende Überwachung in der Gesellschaft sind heute relevanter denn je. Esselborn sieht in Franke einen Visionär, der wichtige Fragen zur Rolle der Technologie in unserer Gesellschaft aufwarf und damit auch heute noch zum Nachdenken anregt.
Die Arbeit an Franke’s Erbe geht weiter. Neben der literarischen Aufarbeitung plant die Stiftung verschiedene Projekte, darunter auch die Ausstellung seiner Kakteensammlung, die seine Faszination für Symmetrie und Natur widerspiegelt. „Frankes Werk bleibt ein wichtiger Bestandteil der deutschen Kulturgeschichte und wird auch in Zukunft Generationen inspirieren“, so Esselborn.
Zwischen Technikfaszination und gesellschaftlicher Kritik
In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Realität und virtuellen Welten immer mehr verschwimmen, erscheint das Werk Herbert W. Frankes aktueller denn je.“Franke überlegte, was man mit Computern alles machen kann und was mit diesen künstlichen Virtualitäten alles möglich ist,“ erklärt Esselborn. Der Autor sah sowohl die Chancen als auch die Risiken dieser Entwicklungen. Seine Visionen von einer Welt, in der wir immer mehr in virtuellen Realitäten leben, sind heute in der Diskussion um Metaverse und digitale Welten von besonderer Relevanz.
Gesellschaftliche Manipulation durch Technologie
Frankes Werke zeichnen sich durch eine kritische Auseinandersetzung mit der zunehmenden Technologisierung und deren Einfluss auf die Gesellschaft aus. „Er sah die Gefahr einer indirekten Diktatur, in der Menschen durch Technologien wie Algorithmen manipuliert werden,“ so Esselborn. In Frankes Romanen wird deutlich, wie Technologie dazu verwendet werden kann, menschliches Verhalten zu steuern und gesellschaftliche Normen zu formen.
Die Dualität von Technologie
Frankes literarisches Schaffen spiegelt die Dualität der Technologie wider: Einerseits ermöglicht sie erstaunliche Fortschritte und Erlebnisse, andererseits kann sie zu Kontrollmechanismen und einer Entfremdung des Menschen von seiner Realität führen. Esselborn betont, dass Franke sich nicht als Gegner der Technologie sah, sondern als jemand, der ihre Potenziale und Risiken gleichermaßen ernst nahm.
Die Rolle des Individuums
In den dystopischen Welten Frankes gibt es stets den kritischen Geist, den Rebell, der gegen die vorherrschenden Systeme ankämpft. „Der Ausgangspunkt ist immer das Individuum, das gegen die Vereinnahmung durch das System aufbegehrt,“ erläutert Esselborn. Franke betont die Bedeutung des individuellen Widerstands in einer Welt, die zunehmend von technologischen und korporativen Kräften dominiert wird.
Frankes Werk, das Themen wie Überwachung, Kontrolle und die Rolle des Individuums in technologisierten Gesellschaften behandelt, bleibt weiterhin relevant. In einer Zeit, in der Konzerne wie Facebook und Google immer mehr Einfluss auf unser tägliches Leben Die Mensch-Maschine-Beziehung
Sein Blick auf die Beziehung zwischen Mensch und Maschine ist besonders bemerkenswert. Franke sah sowohl die positiven Aspekte der Technologie – wie die Erweiterung unserer Erkenntnismöglichkeiten – als auch die Risiken einer zu starken Abhängigkeit oder gar Manipulation durch technische Systeme. Hinter jeder Maschine steht ein Maschinist, und der Maschinist kann auch böse Absichten haben.
Ein wiederkehrendes Motiv in Frankes Werk ist der einzelne kritische Geist, der gegen ein übermächtiges System ankämpft. Dies spiegelt die Hoffnung wider, dass individuelle Akteure oder kleine Gruppen das Potenzial haben, systemische Fehlentwicklungen zu erkennen und zu korrigieren.
Herbert W. Frankes Vermächtnis
Die Wiederentdeckung und anhaltende Relevanz von Herbert W. Frankes Werk ist unverkennbar. Seine Geschichten und theoretischen Texte bieten tiefe Einblicke in die Beziehung zwischen Mensch, Technik und Gesellschaft.
Neben seinen literarischen Werken veranschaulichen Franke’s Hörspiele und theoretische Texte seine Vielseitigkeit und unstillbare Neugier. Sein Interesse an Höhlenforschung, Kybernetik, virtuellen Realitäten und den Möglichkeiten des Computers war nicht nur Ausdruck seiner Faszination für das Unbekannte, sondern auch ein Mittel, um kritische Fragen zu stellen und Diskurse anzuregen.
Die Bedeutung der Illustrationen
Ein besonderer Aspekt von Frankes Veröffentlichungen sind die Illustrationen von Thomas Franke, einem talentierten Künstler, der in seiner Arbeit eine unverwechselbare visuelle Sprache entwickelt hat. Diese Kunstwerke tragen wesentlich zur Gestaltung und zum Gesamterlebnis der Bücher bei und sind selbst ein Ausdruck kreativer Vision. Thomas Franke liest Herbert W. Franke:
Die Leserschaft wird ermutigt, sich in Frankes Ideenwelt zu vertiefen und die Nuancen seiner Überlegungen zu erkunden. Seine Texte sind mehr als bloße Unterhaltung; sie sind Einladungen zum Dialog über wichtige Themen unserer Zeit.


Zur weiteren Lektüre sei der Band „Das Science Fiction Jahr 2023“ mit einem Herbert W. Franke-Schwerpunkt empfohlen. Dort findet Ihr auch einen Beitrag von Esselborn, siehe das Foto oben, und ein paar Zeilen von mir.